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Der Israelit · 1908-04-02 · Heft 14 (2.4.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 14 (2.4.1908)
Date
1908-04-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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f s. April 1908. Der JSraettr. «eite S. Nr. 14 der vierten Religionsschule" der „liberalen" jüdischen Gemeinde in Berlin. —!! Diese beliebig herausgegriffenen Hinweise, die an anderer Stelle durch zahlreiche Belege vermehrt werden sollen, genügen, um die von dem Abg. Cassel gegebene Schilderung von den religiösen Allschauungen der Judenheit Preußens als mit den Tatsachen unvereinbar zu charakterisieren. Sie lehren das Gegenteil der Behauptung, daß der Gegensatz zu dem Judentum der Gesetzeslreuen nur in einem ziffernmäßig unbedeutenden „sogenannten Reformjudentum," nicht aber in dem „liberalen Judentum" zu finden sei, sie beweisen, daß das liberale Judentum in seiner Stellung zu den Grundwahr heit en des überlieferten Judentums ein R eform judentum ist, daß die Kluft zwischen Gesetzestreuen und Reformjudentum für absehbare Zeit unüberbrückbar, die Gegensätze ohne Gewissenstötung nicht auszugleichen sind, daß endlich die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Neologie, mag sich diese liberal oder Reform titulieren, die ganze Preußische Judenheit durchziehen und sie in zwei große Lager spalten. Qaod erat demonstrandum! Nochmrvnkschan. Die Jiutenoetfolsung in Jaffa. Rußland macht Schule und dies in einem Lande, das den Antisemitismus bis jetzt nicht kannte und, was am aller schmerzlichsten ist, in einem Teile dieses Landes, auf den seit Jahrtausenden unsere Augen in Liebe und Sehnsucht gerichtet sind, mit dem die Gesä)ichte der Vergangenheit w e die heiligen Ideale der Zukunft uns so eng verbinden — in Palästina. Einst, vor vielen Jahrhunderten ward auch der heilige Boden Palästinas von jüdischem Blute getränkt. Damals waren es aber fanatisierte Scharen aus dem Westen, die mit dem Kreuz in der Sand Muselmänner und Juden niedermetzelten. eit jener Schreckenszeit und namentlich seit der Wiederhersterstellung der türkischen Herrschaft im Oriente gewöhnte man sich, auf die Türkei als auf das einzige Land hinzuweisen, das von der Epidemie der Judenverfolgung verschont blieb und in Palästina einen der sichersten Ansiedlungsvunkte der Erde zu sehen, der den vielen tausenden unserer Brüder, die dort wegen der Verfolgung in der Heimat oder aus Liebe zur heiligen Erde der Väter ihren Aufenthalt nahmen, wohl keine großen wirtschaftlichen Vorteile, aber doch absolute Ruhe und vollständige Sicherheit des Lebens und Eigentums zu bieten vermochte. Sollte es nun anders kommen? Sollten VN auch dort im Lande unserer Hoffnung die Berhältniffe zu unseren Ungunsten umgeschlagen haben? Wir wissen es noch nicht. Die Sache kam zu unerwartet. Ein Blitz aus heitrem Himmel und wir stehen sprachlos da, ohne recht zu wiffen, ob es sich um ein bloßes Wetterleuchten oder um ein drohendes Gewitter handelt. Es läßt sich allerdings nicht verhohlen, daß die bis jetzt eingegangenen Berichte, die wir an anderer Stelle ausführlich wiedergeben, die Ereignisse in Jaffa viel ernster erscheinen laffen, als wir es anfänglich glauben wollten, zu glauben vermochten. Man hat geplündert und gemetzelt und dieses von amtswegen mit Hilfe des aufgereizten Pöbels. Man hat Unschuldige verhaftet, Wehrlose durch Revolverschüffe schwer verwundet und einige arme. Flüchtlinge, die eben den Händen der Odessaer Holigans entronnen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben das Purimfest in sicherer Ruhe feiern zu können glaubten, zu l Krüppeln gemacht. Alles spielte sich programmmäßig nach bekannten Mustern ab. Man fingierte Schüsse, die von jüdischer Seite ausgegangen sein sollten, drang in die Häuser ein usw., und es kann kein Wunder nehmen, daß russische Konsulatsbeamte am Werke eifrig teilnahmen. Das sind keine harmlosen Zwischenfälle mehr, es sind bedenkliche Symptome, die zu schweren Sorgen Anlaß geben. Und doch ist der Bericht noch nicht vollständig. Das Wichtigste steht noch aus, nämlich das Einschreiten der Zentralregierung in Konstantinopel. Von diesem Einschreiten und von der Art wie dasselbe zum Ausdruck kommt, wird es wesentlich abhängen, ob in den traurigen Vorfällen nur die Uebergriffe eines dünkelhaften Lokalbeamten oder etwas schlimmeres zu sehen ist. Ein natürliches Gefühl, das im Vertrauen zu '"tsrn begründet ist, läßt uns das erstere hoffen und erwarten, daß die türkische Regierung etreu ihrer historisch geheiligten Loyalität den Juden gegenüber nicht versäumen wird, bei dieser Gelegenheit ein Exempel zu statuieren, welches für das fernere Verhalten der wohl friedlichen, aber in ihrer Habsucht unberechenbaren arabischen Bevölkerung bestimmend sein wird. Wir wollen mit Ruhe dieses haltgebietende Eingreifen der Pforte abwarten und uns bis dahin zu keinerlei Anklagen oder allzu weitgehenden Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft der jüdischen Ansiedlungen in Palästina hinreißen lassen. Sofroloro. Während aus Wien die Nachricht kommt, daß auch in den dortigen zionistischen Nationalfonds-Bureaus am Sabbath „flott gearbeitet" werde (die Wiener Nationalzeitung knüpft die naive Frage an diese Mitteilung, „ob es denn nicht möglich sei, diesen jüdischen Beamten am Sabbath ihre Ruhe zu gewähren!) —, während die Eingeweihten feststellen, daß die Kölner Sabbathaibcit nicht ausnahmsweise, sondern „gewohnheitsmäßig" eingeführt war. - ergreift im offiziellen Organ der zionistischen Partei der Hauptschuldige, Herr Nachum Sokolow das Wort zur Verteidigung. Herr Sokolow vermag, wenn er will, über ernste Dinge ganz ernsthaft zu reden — schade nur, daß ihm alles Jüdisch-Religiöse im Laufe der Zeit so sehr in bloße Stimmung und poetische Reminiszenz sich gewandelt hat, daß ihm jede ernsthafte, konkrete Behandlung religiöser Dinge lächerlich und geschmacklos erscheint. Bon der traulichen Freitag- Abendstunde im russischen Ghetto schwärmen oder vom Mütterchen, das die letzten Kopeken für die Lichte ausgibt — ä la bonbeur — das macht sich gut und kann als „Respekt vor der Tradition" * ausgegeben werden, aber gebildete Menschen, Politiker, Zionisten sogar, die sich darüber entrüsten, daß im Solde und Dienste des „jüdischen Volkes" der Sabbath mit Füßen getreten wird —das geht Herrn Sokolow auf die Nerven. Tann beginnt er mit mehr oder minder guten Witzen, bonmots und verrenkten Talmud- Zitaten solange um die Sache herumzureden, bis kein Mensch mehr weiß, um was es sich handelt, iuud die gekränkte Unschuld des hochgelehrten Herrn Talmid-Chochom aus das „Amchaarez tum" seiner „frommen" Gegner in stolzer Uebcrlegenheit herabzublicken vermag. Mit dem „Talmid- Chochom" Sokolow zu diskutieren, haben wir nach Purim keine Veranlassung; das Gefühl des Widerwillens vor seinen Hohlelt Geistreicheleicn, wird aucll im Leserkreise der „Welt" mächtig genug sein, um diese Sorte von Feuilleton- Gelehrsamkeit, die mit dem Heiligsten Spott treibt, gebührend zu brandmarken. Allein Herr Sokolow kann auch anders. Im Leitartikel der gleichen Nummer philosophiert er über den Begriff des National-Jüdischen mit der deutlichen Absicht, den nationalen raff W?n und die religionsfeindlichen Tendenzen der hebräischen „Welt" ernsthaft zu rechtfertigen. Was Sokolow da entwickelt, entspricht ganz derjenigen Auffassung vom Wesen des modernen Zionismus, die wir seit Jahren vertreten und an dieser Stelle oft dargestellt haben. Nicht umsonst bildet das — natürlich seines ursprünglichen Sinnes entkleidete — Talmudwort: *1# „Nanu?" Er schüttelte erwartungsvoll sein kahles Haupt, der Jnsprawnik. Es war ihm bekannt, daß Mossakow, der seiner Ansicht nach wohl einen etwas krummen Rücken, aber einen graben Kopf und ein scharfes Auge hatte, mit dem Effekt erst am Ende seines Berichtes herauszurücken Pflegte. „Wenn wir di? Soldaten für uns haben wollen," berichtete der Pristav, „dann müssen wir bald handeln, bevor noch diese braven dummen Kerle mit in den linken Zauberkreis gezogen sind. Mehrere van ihnen sieht man bereits in jenem Barbierladen aus- und eingehen. Und eine» Unteroffizier beobachtete man sogar, wie er eifrig diskutierend sich an den nächtlichen Versammlungen beteiligte." „Dann soll rasch und entschieden vorgegangen werden!" befahl der Vorgesetzte. An dieser Nacht wurden die Bewohner der Langstraße durch Pferdestampfen und Waffengerassel aus dem ersten Schlafe geweckt. Die Fenster, die sich eilig auftaten, wurden schleunigst wieder zugeschlossen, die Köpfe, die neugierig hinauslugten, zogen sich eiligst zurück und die Lichter, die überall in den Häusern einen Augenblick aufgeblitzt, wurden bald wieder ausgelöscht. Totenstille trat loieder ein, nachdem der Trab vorüber war. Reitende Kosaken mit gezückten Säbeln, und man wollte, so sehr die Neugierde im Herzen brannte, nichts gesehen haben.- Nur die alte Lea, die ihren Obstkram in einem schlecht verschlossenen Gewölbe gegenüber dem großen Hause des Holzhändlers Males hatte, war, von der Sorge um ihre ganze Habe gepackt, auf den Beinen gebsieben und lief mit dem Heldenmute, den nur «eelenangst eingeben kann, nach der Stätte ihres Eigentums. Doch am Hause des Holzhändlers stand sie, die blank bewaffnete,' lebendige Mauer. Schwerts. und Bajonett, Tot und Verderben! Bis hierher und nicht weiter! „Sie werden meine Aepfel nicht auffressen," sagte sich die Alte, halb resigniert, halb beruhigt und wollte sich zurückziehen. Da sah sie vor ihr den Soldaten, ihren Kunden, mit dem sie Tage zuvor den famosen Handel machte und faßte neuen Mut. „Paine Soldat," sagte sie, ihm großmütig alles vergessend und vergebend, „Herr Wachtmeister! Was ist denn eigentlich da los?" Der Angeredete rührte sich nicht. Wie angenagelt stand er mit seinem ausgepflanzten Bajonett, die Händlerin still angrinsend. „Herr Korporal," nahm die Alte die Verhandlung wieder auf. „Laßt mich nur durch. Ich will nur zu ineinein Kram. Dort Hab ich —" Sie wollte nach dem Orte hindeuten, doch erschrak sie über sich selber und hielt inne, bevor sie den Ort ihres Eigentums verraten hatte. Der Soldat aber schien sich auf die alte Bekanntschaft gar nicht nieyr mm,Mit zu wollen und machte unter mörderischem Fluchen eine solche vielsagende Bewegung mit der Waffe, daß die Alte eiligst davonlies. Erst vor ihrem Hause blieb sie atemlos stehen und meinte: „Er hätte damals ersticken mögen mit den erschwindelten Aepfeln, der Schuft, der Straßenräuber, der undankbare Mordgeselle." — „Wenn er nur schon da wäre!" keuchte die alte Lea. _ Neuer Schrecken packte die alte, von Sorgen und Arbeit gefestigte Frau. Er — das war ihr einziger Sohn, der nach der Tagesarbeit, durch die er die Mutter neben ihrem kleinen Obsthandel unterhielt, seinen Vergnügungen und Zerstreuungen nachzugehen pflegte und oft, so auch heute, noch vor ^Mitternacht nicht heimkehrte. __ „Wenn e r nur schon da wäre!" Und sie vergaß ihr Warenlager, vergaß den undankbaren, unbotmäßigen Soldaten. Angst und Seelenpein plagten und folterten das ahnungsvolle Mutterherz. „Wenn er nur komme!" Und schon war die Mitternachtstunde längst vorüber. Er kam nicht. Man hatte trotz der eingehendsten Durchsuchung im Barbierladen nichts sonderlich Belastendes finden köiknen. Außer einigen Scheren, Rasiermessern und einer Menge zusammengerollter und in bunten Papierstreifen gepackter Schnurrbartbinoen, fand mrn noch zerstreut auf dem Tische liegend einen Haufen Spielakrten und in der Schublade das ominöse, von dem Polizisten bereits bezeichpete Gruppenbild. Trotzdem wurden die drei Insassen, der Barbier, der Schreiber und der Buchhalter, die bei der geheimnisvollen nächtlichen Sitzung betroffen wurden, unter starker Eskorte abgeführt. Die Scheren und Messer ließen über den friedlichen Zweck ihres Daseins kaum einen Ziveifel zu. Noch h,rrmloser schauten die aufgewickelten Schnurbartbinoen aus der unschuldig weißen Gaze hervor. Verdächtig war nur das Bild, das auch allein beschlagnahmt wurde. Als Lea nach peinvoller, durchwachter Nacht lm Geschäfte des Tuchhändlers Benze nach ihrem'söhne forschte, wurde ihr der Bescheid, daß dieser, dem Vernehmen nach letzte Nacht in schlechter Gesellschaft angetrofsen und verhaftet wurde. „Wer hätte es Euerem Joseph angesehen?" sagte Benze, halb mitleidig, halb ärgerlich. Hatte sich die Mutter auf diese Nachricht gefaßt gewachst, so trafen sie doch jetzt die Worte wie ein kalter Schlag. „Habt Erbarmen!" schrie sie verzwei-

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