Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1908)
- Date
- 1908-04-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3. Ko. 14 2. April 1908 Zu einer seinen soeben zitierten Ausführungen über das Verhältnis der Gesetzestreuen zu den Neologen, entsprechenden Darstellung hatte der Abg. Caffel bereits während der Beratungen über das Volksschulunterhaltungsgesetz in der Kommission sowohl wie im Plenum des Abgeordnetenhauses Gelegenheit genommen. Nach dem Kommissionsberichte (1905/6 S. 322) sagte der Abg. Caffel — obgleich der Bericht die Redner nicht mit Namen anführt, -so läßt doch der Zusammenhang insbesondere im Vergleich mit S. 319 keinen Zweifel darüber, daß der betr. Redner der Abg. Caffel ist —: „Wenn der Vertreter der UnterrichtSververwaltung meine, daß wegen der religiösen Unterschiede im Judentum eine Regelung nicht möglich sei, so möchte er darauf aufmerksam machen, daß das Reformjudentum gegenüber dem übrigen Judentum nur einen sehr kleinen Raum einnehme, so daß es ziffernmäßig für die Gesetzgebung nicht in Betracht komme."*) In der Plenarsitzung vom 25. Mai 1906, gelegentlich der zweiten Beratung deS Gesetzentwurfes, sagte der Abg. Cassel <St. B. 5190): „Ich will nicht leugnen, daß unter Juden wie auch unter Andersgläubigen verschiedene religiöse Richtungen herrschen, und daß die Anschauungen über das Ritual und anderes verschieden sind/ in den Punkten der ewigen Glaubenswahrheiten des Judentums bestehen aber solche Unterschiede nicht, und ich bin fest überzeugt, daß, wenn dieser Religionsunterricht eingeführt würde, die Juden das nötige Maß innehalten würden, um etwaige Gegensätze unter sich über die verschiedenen religiösen Richtungen auszugleichen und chre Kinder dem Religionsunterricht nicht zu entziehen, zumal die Gemeinden im Einzelfalle billig Rücksicht nehmen würden auf das Ueberwiegen der einen oder der anderen religiösen Richtung." Soweit der Abg. Caffel. Wir behaupten demgegenüber: Es widerspricht den Tatsachen, wenn angedeutet wird, daß das von den „Gewährsmännern" des Abg. Marx vertretene gesetzestreue Judentum in den weiteren Kreisen der preußischen Judenheit ohne bedeutsamen Anhang sei: Es widerspricht den Tatsachen, wenn behauptet wird, daß der fundamentale Gegensatz zwischen den Gesetzestreuen und den Neologen sich nur auf einen Gegensatz zwischen Gesetzestreuen *) Siehe hierzu den Leitartikel in Nr. 11 Jahrg. 1906 des „JSraelit": „Giebt es jüdische'Reformglmeinden?" und dem sogenannten Reformjudentum beschränke, nicht aber in gleichem Maße auf den Gegensatz zwischen Gesetzeetreuen und den Anhängern des sog. „liberalen Judentums" erstrecke. Es widerspricht den Tatsachen, wenn behauptet wird, daß innerhalb der großen Menge der preußischen Judenheit bezüglich der ewigen Glaubenswahrheiten oder der religiösen Grundwahrheiten des Judentums Gegensätze nicht bestehen. Die grotesken Behauptungen, denen wir hier widersprechen und die alle einer ganz bestimmten religionspolitischen Tendenz entspringen, erheischen eine eingehende Widerlegung an der Hand von tatsächlichem und wissenschaftlichem Material und werden sie an anderer Stelle erfahren-. In diesem en genRahmen möge sich dieWtderlegung auf die Feststellung einiger elementarer Tatsachen beschränken: 1. Das von der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" — deren Delegierte zu den Gewährsmännern des Abg. Marx gehören — vertretene Judentum ist dasselbe historische Judentum, das Jahrtausende hindurch als das einzige anerkannt war, und auf welches Rabbinate und Vorstände nicht nur vieler Hunderter preußischer kleinerer Gemeinden, sondern auch mittlerer und großer Gemeinden, wie Altona, Landrabbinat Emden, Fulda, Halberstadt, Hannover, Kattowitz, Marburg u. v. a. in Lehre und Kultus, in Schule, Synagoge alle ihre Institutionen bis auf den heutigen Tag aufgebaut haben. *) 2. Zu den vornehmsten religiösen Grundwahrheiten des Judentums gehört die Lehre von der Göttlichkeit des Pentateuchs. Nicht aus dem „sogenannten Reformjudentum," sondern aus dem dazu unrichtiger Weise im Gegensatz gestellten „lib eraten Judentum" ist ein von dem „liberalen Judentum" als maßgeblich anerkanntes Lehrbuch hervorgegangen, daß diese religiöse Grundwahrheit verwirft. Daselbst wird gelehrt: „Diebiblischen Persönlichkeiten sind sagenhaft ausgestaltet und gewisse Einrichtungen des Altertums sind tatsächlich später entstanden, als die Bibel es angiebt (S. 26). Die Wunder der Bibel sind „A-ythen und Sagen der a.tisraelitischen Volkspoesie, die sich hierin von derjenigen anderer Völker nicht unterscheidet." (S. 65.) Für das Judentum *) Wenn es dem „Verbinde der deutschen Juden" gelungen ist, zahlreiche Gemeinden zum Anschluß an seine Petition in Sachen des Bolksschu geseveS zu veranlassen, so geschah es, 1. weil der Plan, die Lynagogengemeinden als solche zum Anschluß zu bewegen, nicht zuvor bekannt eworden wa , daher cine Petition von ande er Seite als em Verbände überhaupt «einer Synagogengemeinde borge egen hat, 2. die prinzipiellen Gegensätze in der Schulsrage erst nach der durch die Beschüsse der Kommission aeänderien Situation akut in die Erscheinung trat n. Auch dieser Punkt wird an andere Stelle seine ausführliche und aktenmäßige Erledigung finden. gebe es, wie bei Abweisung des Rationalis' mus in der Wunderauffaffung gesagt wird, nur ein Entweder — Oder. „Entweder wir stellen uns auf den orthodoxen wundergläubigen Standpunkt, der an der Unmittelbarkeit göttlicher Kraftäußerung keinen Anstoß nimmt und daher die Wunder der Bibel als Tatsachen der Geschichte auffaßt/ oder wir sagen: wie alle Völker des Altertums, so hat auch Israel seine Mythen und Sagen, von denen der biblische Bericht durchzogen ist" (S. 67). Das Lehrbuch, in dem die Göttlichkeit des Pentateuchs geleugnet wird, führt den Titel „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes" (Breslau 1896), und sein Verfasser ist zwar der Rabbiner einer nicht gesetzestreuen Berliner Gemeinde, aber nicht etwa, wie wohl die Cassel'fche Darstellung erwarten läßt, der Rabbiner der offiziellen „Reformgemeinde" Berlins, sondern ein Rabbiner der Großgemeinde Berlins, kurz genannt „jüdische Gemeinde," der „liberalen" Gemeinde, die viele Taiisende umfaßt. Wir lesen auf dem Titelblatt: „Dr. S. Maybaum, Rabbiner der jüdischen Gemeinde und Dozent der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zn Berlin." Es sei zur vollen Würdigung nur hinzugefügt, daß der Verfasser unter den Rabbinern der „liberalen" jüdischen Gemeinden der älteste ist, und als solcher Vorsitzender des Rabbinatskollegiums dieser Großgemeinde sein dürfte/ daß ferner nicht etwa die sogenannten „Reformgemeinden," sondern die liberalen Gemeinden die eigentliche Domäne für die in dieser Lehranstalt herangebildeten Rabbiner abgeben. 3. In einer anderen Bekenntnisschrift des „liberalen" Judentums lesen wir: S. 11: „Sie — „gewisse liberale Gelehrte — haben das Judentum humanisiert, indem sie ihm seine Stelle neben den anderen Gebilden des Menschengeistes anwiesen.Weder die einen (Vorschriften des Pentateuchs) noch die anderen (Vorschriften der mündlichen Tradition) konnten sich auf göttlichen Ursprung berufen . . . . S. 17 und ö. wird sogar der lebendige persönliche Gott, der die Welt „von Außen" regiert, geleugnet und aus dem Judentum beseitigt. Diese Schrift (Berlin 1907, Verlag Poppelaueri führt aber nicht etwa den Titel „Reformjudentum", son dern „Liberales Judentum". Sie giebt e.nen Vortrag wieder, „gehalten im Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde." Der aber den Bortrag halten durfte, ist ein Mann, den — nicht die Reformgemeinde — sondern die„l iberal e"jüdische Gemeinde zur religiösen Erziehung der Kinder ausersehen hat: es ist der „Dirigent Kl« _ Revolutionäre Köpfe. Rach einer wahren Begebenheit von <8. Schachnowitz. (Fortsetzung.) Hätte es das Triumvirat im Barbierladen nur ahnen können, daß die bewaffnete Macht, der kleine Belagerungszustand in den friedlichen Straße»: Polonims von ihm heraufbeschworen und ihin zu verdanken war, er wäre gewiß stolz auf seine Würde und politische Bedeutung gewesen. Vielleicht hätte der vielgewandte Coiffeur mich ferne Manipulationen danach einzurichten verstanden, daß sich die wachsamen Argusaugen bald enttäuscht hätten ab wen den müssen. So aber sahen sie nichts und merkten nichts und konnten um so leichter der sich vorbereitenden politischen Aktion als Zielscheibe herhalten. Mossakow behielt den Barbier fest im Auge, aber für eine Haussuchung zeigte er noch keine Eile. Der Jnsprawnik fand auch, daß man noch vorläufig der Sache ihren Lauf lassen müsse, es müßten sich noch nrehr und enger die Fäden Snsammenziehen, damit man nachher den ganzen verlixten Knoten mit einenr Hiebe durchhauerr konnte. )ie Oberbehörde in der Gouvernementstadt sollte sehen, daß man mit der Energie auch die nötige Diplomatie zu verbinden verstehe. Dkr Pristav bekam den Auftrag, sich vorläufig den» Barbierladen harmlos zu »rähern, um sich mit den Räumlichkeiten bekannt zu machen. Er konnte ja einmal zum Vorwände sich im verdächtigen Atelier bedienen lassen. Doch Mossakow entsetzte sich: „Ein treues Polizeihaupt in die Hand eines Revolutionären legen? Und muß es gleich das eines Pristavs sein, eines Beamten, der für Weib und Ki»»d zu sorgen hat?" Und so gab er diesen Auftrag einem der ledige»» Unterpolizisten weiter. Dieser kam glücklich mit geschorenem Haupte zurück und »neidete: „Was ich erlebt und erfahren, ist »richt wichtig. Bor einem großen Spiegel sitzend, fo»u»tc ich den Raum in allen feinen Teilen überschauen. Air einer Tabelle an der Wand sah ich eine Menge Schachtelchen und farbige, längliche Streifen. An der Rück- »vand einen grünen herabhängenden Borhang, »vas sich dahinter versteckte, konnte ich, um nicht auffallend zn sein, nicht erforschen. Doch wurde ich am Ende doch »roch eines sehr wichtigen Gegenstandes gewahr." „Das wäre?" „Ein Bild, ein großes Gruppenbild, etwa 20 oder 30 Köpfe, gescheitelte und gelockte, bärtige, glatte und gestutzte Gestalten. Ich glaube, es ist die ganze Bande, das ganze revolutionäre Komitee. Doch ich stellte mich ganz unbefangen und fragte: „Warum hängen Sie das schöne Bild nicht auf?" „Wegen Platzinangels!" antwortete der Barbier sehr verwirrt l»nd schob es schleunigst wieder in die Schublade." „Du bist ein braver Kerl und ein heller Kops, Peter!" lobte der Pristav. „Deine Entdeckung und namentlich das Bild würde uns unschätzbare Dienste leisten, unter Uinftänden zu Rettern des ganzen Vaterlandes machen! Und," setzte er leise »md »rotierend hinzu, „daß er den ganzen Erfolg nicht für sich allein einsteckt, dafür will ich schon sorgen. Ich heiße Mossakow »rnd weiß Bescheid . . ." Dieser Er war natürlich der Jnsprawnik, zu dein sich auch Mossakow init dem »vichtigen Rapporte bald begab. „Nach dieser» Anhaltspunkte»»," berichtete der Pristav wichtig, „habe ich a»»ch die Beratungen, soweit dies, ohne Aufsehen zu erregen, anging, heim lich belauschen lasser». Was da zu Gehör kam, ist fast erdrückend. Es wird da viel gezählt, auch oft von einer Bank gesprocher», dies bestätigt die allgemeine Annahme, daß alle diese kleineren Ortsgruppe»» von einer Zentralstelle geleitet urrd von eurer»» Geheirnfond genährt werden. Sie sprachen znweilen auch sehr erregt und auf den Tisch klopfend von einem Triumph! Ob etwa ein Triumphzug durch die Straßen geplant ist?" „Wäre der» braven Kosaken, die sich bei uns lang- »veilerr, zu gönne»»!" warf der Jnsprawnik, der sehr aufmerksam zuhörte, ein. „Biel," setzte der Pristav fort, „wird da gegen das Kreuz losgezogen. Es ist doch sonderbar und charakteristisch, daß die Feinde der Regierung auch immer Feinde der Kirche sind." „Und wie verhalte»» sie sich gegen das Militär? Schöpfen sie keinen Verdacht? Renten sie nicht damit, daß mar» ihnen e irres Tages init Hilfe der Soldaten den Garaus »»räche?" forschte der Jnsprawnik. „Das Militär ist »licht zuverlässig und tvenn es lange geht, hat das Gift auch diesen Organisrnus verdorben." „Das Gift?" „Gift, Eure Gnaden, »vas die revolutionären Ele- »nente streuen und auf das Militär haben sie es in erster Reihe abgesehen. So machen sie es auch bei uns." euilleton.