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Der Israelit · 1908-03-26 · Heft 13 (26.3.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 13 (26.3.1908)
Date
1908-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 13. 26. März 1908. Der Israelit. Gelte 7. hört haben, orthodox zu sein. Bedeutet ja der orthodoxe Charakter und die orthodoxe Benennung schon ohne weiteres, daß wir von den Neologen konfessionell geschieden sind. Noch eine irrtümliche Auffassung müssen wir richtig stellen, nämlich die Behauptung daß die vollständige Autonomie nur auf Grundlage einer einheitlichen Organisation erreicht werden könne. Das ist nicht richtig, vielmehr nur eine Irreführung, denn auch bei separaten, friedlich neben einander bestehenden Organisationen kann die Autonomie in vollem Maße und ebenso auch der Proportionelle Anteil an der staatlichen Subvention erreicht werden, freilich ist die Vorbedingung dazu, daß die Neologen ihre Angriffe und verläumderischen Beschuldigungen endlich einstellen mögen .. Der entschiedene Ton der Zuschrift, hat in orthodoxen Kreisen große Befriedigung hervoraerufen. Nun werden die „Herren von der Unifizirungsidee" wissen, woran sie sind. Rußland. Riga, 5. März. Vor etwa 3 Jahren regte das Zentralkomitee der Jüdischen Kolonisations-Gesellschaft in Rußland den Gedanken an, in Riga ein Jnformationsbureau für Auswanderer, die diesen Hafen passieren zu begründen. Es fand sich auch eine Gruppe von Personen, die diese sympathische Idee aufzunehmen bereit war, und zwar die Herren L. M. Günzburg, Dr. Grünstein und j «and. jur. F. L. Edel. Zu Beginn des Jahres 1906 traf die Nachricht ein, daß das Ministerium des Innern am 15. November 1905 --ab. Nr. 3101 die Tätigkeit dieses Komitees für Livland genehmigt habedas Komitee nahm seine Tätigreit auf und sah sich bald vor einem großen Arbeitsfeld, besonders als im Mai 1906 der reguläre Dampfertourenverkehr zwischen Riga und Amerika via Liverpool ausgenommen wurde. Die Tätigkeit bestand natürlich' vorwiegend in der Interessenvertretung der Emigranten und ihrer Aufklärung über Auswanderungsfragen durch Broschüren, Erwirkung von Preisermäßigungen rc. Daß die Tätigkeit des Komitees nicht unbedeutend ist, erhellt aus der Tatsache, daß sich vom 20. Mai 1906 bis zum 31. Dezember 1907 mit schriftlichen Gesuchen' 170 Auswanderer an das Komitee gesandt haben, während an mündlichen Anfragen und Auskunftsgesuchen 1700 registriert wurden - außerdem sind ebensoviele mündliche Anfragen gar nicht registriert worden. , Erwägt man, daß die Zahl der über Riga Auswandernden überhaupt keine sonderlich hohe ist, so muß man den Prozentsatz der sich ans Bureau wendenden recht hoch nennen. Sehr interessant ist es auch, was das Bureau an Erfolgen zu verzeichnen hat. Bekanntlich ist einer der schwierigstell Punkte für die jüdische Emigration die Beschaffung eines Auslandpaffes. Die Hindernisse und Schwierigkeiten hierbei sind so große, daß gewissenlose Auswanderungsagenten, dieses benutzend, Unsummen den jüdischen Auswanderern abnehmen, um ihnen schließlich Pässe auf fremden Namen zu liefern, durch die sie die größten Unannehmlichkeiten betreffen können. Da ist es nun bemerkeuswert, daß das Rigasche Komitee nicht weniger als 266 jüdische Familienpäffe erwirkt und so seine Landsleute vor vielen Verlusten und Unannehmlichkeiten bewahrt hat. Obwohl eine direkte Unterstützung eigentlich nicht vorgesehen ist, hat das Komitee in etwa hundert Fällen, wo die Not und die trostlose Lage der Emigranten es dringend erforderten, materielle Hilfeleistung beschafft. Vielfach hat der hiesige Verein gegen den Bettel tatkräftig hilfeleistend eingegriffen auf Initiative des Bureaus. Auch in Fällen, wo die Emigranten aus irgend einem Grunde in Amerika nicht hineingelassen wurden, hat das Bureau eine Rückkehr ermöglicht und sogar vielfach von der betreffenden Dampffchiffahrtsgefellfchaft eine teilweise Rückzahlung des Schiffskartengeldes erlangt. So wurden in fünfzehn Fällen etwa 50 bis 130 Rubel retourniert, in einem Falle 207 Rubel. Für abhanden gekommenes Gepäck wurden in einem Falle für ein armes jüdisches Mädchen 175 Rubel erwirkt. Empfehlungsbriefe hat das Emigrationsbureau in 138 Fällen den Auswanderern mitgegeben. Warschau, 18. März. Durch die hiesigen Zeitungen gehen Gerüchte, daß vom Beginn des neuen Schuljahres ab auch die Privatschulen, in denen die Juden bisher unbeschränkt Aufnahme fanden, namentlich diejenigen, deren Absolvierung irgendwelche Rechte verleiht, eine bestimmte Prozentnorm für jüdische Schüler einführen werden. Während bis jetzt in den Privatschulen bis zu 60 Prozent Juden sind — die sich alle dort zusammendrängen, weil sie bekanntlich in den russischen Staatsschulen nur zu 3, 5 und 10 Prozent angenommen werden — sollen in Zukunft auch in diesen nur noch 30 Prozent Juden zugelaffen werden. Auch soll die Aufnahme in die Staatsschulen weiter erschwert werden, damit die jetzt bisweilen überschrittene Prozentziffer wieder strikte durchgeführt werden kann. England. Die Sonntagsruhe im Oberhäute. London, 18. März. Gestern stellte im Oberhause zur allgemeinen Ueberraschung der Vater der bekannten Sonntagsruhebill Lord Avebury den Antrag, seinen Gesetzentivurf sofort zur zweiten Lesung zu bringen. Lord Avebury meinte, sein Gesetzentwurf werde von allen Kreisen der Gewerbetreibenden gebilligt, über 350 Vereine hätten ihre Sympathien bekundet und er kenne keine anderen Schwierigkeiten, die sich der Bill entgegenstellten, als die Opposition der jüdischen Kaufleute. So wohlwollend er diesen auch gegenüberstehe, so meint er doch, daß die Juden, wenn sie in. einem christlichen Lande lebten, sich den Gesehen des Landes einfach anzupassen hätten. Trotzdem habe er nichts dagegen einzuiveuden, wenn für einzelne Bezirke in denen die Inden einen besonders starken Pro zentsatz der Bevölkerung darstellen, Ausnahmebestimmungen getroffen werden. Das könne ja dann noch in der Kommission erwogen werden. Lord S w a y t h l i n g trat dem Antrag Avebury entgegen. Die Bill würde in der vorliegenden Gestalt vielen Tausenden armer Händler, be sonders unter den Glaubensgenossen des Redners, unberechenbaren Schaden zufügen. Er spreche im Namen des Eastend, in dem er vierzig Jahre gewirkt hätte. Als Präsident einer Federation von 43 Gemeinden mit 30,000 Seelen kenne er die einschlägigen Verhältnisse. Die jüdischen Händler müßten alsdann 117 Tage im Jahre feiern. Derartige Maßregeln würden Tausende von ihnen ruinieren. Wenn man einwende, daß Juden, die nach England kämen, sich dem Gesetze des Landes unterwerfen müßten, so sei darauf zu erwidern, daß bekanntlich in der Fabrikarbeit-Bill gerechter Weife der besonderen Lage der Juden bereits Rechnung getragen sei. Die meisten Juden seien russische Flüchtlinge, die, durch eine mörderische Politik aus chrer Heimat nach zivilisierten Ländern getrieben, dort, ihres Lebens und ihres Eigentums sicher, zu leben hofften. Sie wünschten nichts anderes, als in Frieden zu arbeiten, und wenn die Bestimmungen der Fabrikakte auf das Handelsgewerbe ausgedehnt würden, so sei dies dasjenige, was diese Kreise wünschten. Es lebten in England augenblicklich 4000 Mohammedaner, und 5000 Mohammedaner wanderten jährlich ein. Auch t diese würden von der Bill hart getroffen, und sie* hätten umso mehr Anspruch auf Beachtung, als die Zahl der mohammedanischen britischen Untertanen größer sei als diejenige der christlichen britischen Untertanen. Parlamentsbeschlüffe, so schloß der Redner, können kein Volk religiös macken, wohl aber können sie die Jrreligiösität fördern. Er überlasse dem menschlichen Sinne der Lords die Entscheidung. Der Erzbischof von Canterbury unterstützte Lord Avebury. Seine Ausführungen gipfelten natürlich ebenfalls in der Behauptung, daß bei allem Respekt vor denk jüdischen Glauben, er den Juden keinen anderen Rat geben könne, als sich der Majorität zu fügen. Im gleichen Sinne sprach der Marquis of Lansdowne. Der Vertreter der Regierung, Earl Beauchamp, gab die Erklärung ab, daß die Regierung sich mit der Bill in dieser Session in keinem Falle mehr befassen könne. Die Regierung widersetze sich nicht einer zweiten Lesung, aber sie stehe der Behandlung der Gesetzesvorlage sehr kühl gegenüber. Die Materie sei nicht so einfach, wie sie scheineeine immer größere Zahl von Personen wünsche eine Gesetzesvorlage zu schaffen, welche nicht mechanisch die Sonntagsruhe fördern, sondern auf dem Prinzipe eines Ruhetages in der Woche ruhe, indem es dem einzelnen überlassen bleiben soll, denjenigen Ruhetag zu wählen, der ihm geeignet erscheint. Auf der anderen Seite glaubten viele, daß die Bill nicht weit genug gehe und zu viel Sonntagsarbeit gestatte aber die öffentliche Meinung, namentlich unter den Arbeitern, wende ihre Gunst mehr und mehr dem französischen Systeme zu, einen Ruhetag auf sechs Arbeitstage zu verlangen und nicht darauf zu bestehen, daß dieser Ruhetag gerade der Sonntag sei. Nach kurzer Diskussion, an der sich der Marquis von Lansdowne und Earl Beauchamp beteiligen und in der auch der Herzog von Northumberland seineBereitwilligkeit, die jüdischen Interessen zu schonen, bekundete, wurde die Bill in zweiter Lesung erledigt. London, 20. März. Die „Jewish World" und „Jewish Chronicle" zugleich, brachten in chren letzten 9!ummern folgende Notiz: „In der am letzten Donnerstag verstorbenen Schauspielerin Miß Loly Hamburg, verlieren wir eine Künstlerin ersten Ranges. Sie ist 1879 geboren und begann mit der Tätigkeit ihres Berufes schon im Alter von 14 Jahren. Die Leichenfeier wurde durch die Herren Reverends M. Adler und' E. Spiro abgehalten. Unmittelbar darauf veranstalteten . dieselben Reverends einen „Trauergottesdienst" in der Central Synagoge und beteten für das Seelenheil der Verstorbenen. — Die Leiche wurde im Sinne der Verstorbenen am Schabboth im Crematorium verbrannt (eingeäschert). Die Verbrennung sollte ursprünglich am Montag stattfinden, mußte aber auf dringende Anordnung des Arztes nachträglich schon Samstag erfolgen." So weit die Notiz! Kein Wort der Kritik findet die hiesige jüdische Presse gegenüber diesem Fall. Die Frage ist doch: wie kann ein solches Ereignis in einer Gemeinde, die offiziell orthodox ist, Vorkommen? Sollten die Herren Reverends mit Genehmigung des Chief Rabbi Dr. Adler amtiert haben? Wir halten das zunächst für ausgeschlossen und hoffen, daß sich der dunkle Fall bald aufklärt. Türkei, 6ine Bran9hotalirpphe in Konftantinopel. Konstantinopel, 17. März. Eine Brandkatastrophe, wie sie seit langem hier nicht vorgekommen ist, hat sich am 14. März im Konstantinopeler Judenviertel abgespielt. Das Feuer brach kurz nach Mittag in einem Kaufladen aus und ergriff mit ungeheuerlicher Schnelligkeit sämtliche Holzhäuser der Straß?, Die Einwohner rafften ihre Habseligkeiten zusammen und flohen. Indessen hatte sich das Feuer nach drei Richtungen ausgebreitet und die Feuerwehr kämpfte bis 4 Uhr nachmittags, bis sie der Flammen Herr geworden war. Unter den zerstörten Gebäuden befinden fichzweiSynagogen und zwei Schulen. Nicht weniger als 4000 Juden, deren Häuser ein Opfer der Flammen wurden, sind obdachlos. Ein Teil hat in Schulen, Synagogen, Kirchen Unterkunft gefunden, ein anderer Teil in Zelten, welche auf Anordnung des Sultans sofort errichtet wurden. Ebenso hat der Sultan, der sich auch bei dieser Gelegenheit wieder als warmherziger Menschenfreund zeigte, unverzüglich Nahrungsmittel verteilen lassen und den Unglücklichen seine weitere Fürsorge versichert. Während die Konstanttnopeler Gemeinde alles aufbietet, um die unmittelbare Not zu bekämpfen, ■-;4

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