Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1908)
- Date
- 1908-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8« 1908 ■Um OIAmmIU WXX Q9hHiiI) «rtte ». Kt. 1B scheu- und Völkerrechtes zu sehen gewöhnt ist, ihre edle Zkraft an so einfachen selbstverständlichen Dingen verwenden und verschwenden müssen. Es ist beschämend, wer wollte es bestreiten? Aber da es einmal so ist, müssen wir diesen Edlen und Tapferen die Hand reichen, die Hand zum Danke und zur Mitarbeit für Recht und Wahrheit und für die Ehrenrettung des jüdischen Volkes. Live modern« „Widerlegung". Bon Marti« Emmerich. Man würde es nicht glauben, wenn man es nicht schwarz auf weiß vor sich sähe. Man würde es nicht für möglich halten, daß ein ernster, gereister und angeseher Mann, ein Rabbiner, der sich eines nicht unbedeutenden wissenschaftlichen Rufes ' erfreut, d. ssen literarischer Einsatz nicht klein ist, sich so vom Zorne verblenden lassen und sich eine solche Blöße geben könnte. Herr Rabbiner Dr. Steckelmacher in Mannheim, Mitglied der Religionskonferem des Oberrats, hat vor einigen Togen eine Schrift erscheinen lassen, die sich betüelt: „Widerlegung des Sendschreibens des Dr. D. Hoffmann, Rektors am Rabbinerseminar in Berlin, über den von dem Gr. Bad. Oberrat der Israeliten herausgegebenen Gebetbuchentwurs und die zugehörige Denkschrift." Die Schrift ist ein Kind der Verblendung. Zorn und Verbitterung haben dem Herrn Verfasser die Feder geführt und ihm die Ruhe der Ueberleguug geraubt. Man liest und staunt: Wie war das möglich? Wie war es möglich, daß Herr Dr. Steckelmacher der Oeffenrlichkit eine Schrift übergab, welche die „wissenschaftliche und sittliche Qualität" seines Gegners klarlegen sollte und zugleich ganz offenkundig so beschaffen ist, daß die Pfeile des Schimpfs auf die Hand dessen zurückschnellen müssen, der sie etfendet? Der Herr Verfasser hat eine sehr geringe Meinung von den wiffenschaftlichen und sittlichen Qualitäten seines Gegners. Nun, Gefühle der Liebe und Verehrung lassen sich so wenig andemonstrieren, wie sich der Zunge der Geschmack für das, was bitter oder süß ift, andemonstrieren läßt. Aber der Herr Verfasser macht sich anheischig, der breitesten Oeffentlichkeit zu zeigen, daß die „wissenschaftliche und sittliche Qualität" des Herrn Dr. Hoffmann, wie sie in dessen Streitschrift zum Ausdruck kommt, eine minderwertige sei. Er will Beweise erbringen für das, was er behauptet. Er geht den Ausführungen seines Gegners auf Schritt und Tritt nach und sucht zu zeigen, daß sie entweder unwissenschaftlich oder sittlich minderwertig (vielleicht auch gar beides gleichzeitig?) find. Ich will in Nachstehendem den Spuren des Herrn Dr. Steckelmacher folgen und ihn auf seiner Wanderung durch das Hoffmannsche Sendschreiben begleiten. Herr Dr. Steckelmacher behauptet am Schluffe seiner Schrift: „So stelle ich denn fe:+, daß in dem Hoffmannschen Sendschreiben kein Satz frei ist von irriaen Behauptungen und schi fen oder verkehrten Auelassungen. Es ist eine durchaus unwissenschaftliche Arbeit." Demgegenüber werde ich den Beweis zu erbringen suchen, daß diese Behauptung des Herrn Dr. Steckelmacher eine geradezu lächerliche ist, daß seine Beweisführung nicht nur „irrig, schief und verkehrt", sondern daß sie auch krumm, lahm und blind ist. Ich .werde mein Thema streng begrenzen, indem ich auf diese->igen Urteile des Herrn Verfassers, die sich auf persönliche Eindrücke und Anschauungen gründen, nicht eingehe, sondern nur auf diejenigen Urteile und B hauptungen, die sich auf angebliche Beweise und Tatsachen stützen. 1. Herr Dr. Steckelmacher beginnt mit Bemerkungen formaler Art. Er bezeichnet es als einen Mangel an Takt und als durchaus ungehörig, daß Herr Dr Hoffmann die Denkschrift als Steckelmacher'sche anspreche, daß er bei seiner Kritik dieser Publikation, die von einer Behörde, unter ihrem Namen und unter ihrer Verantwortlichkeit herausgegeben sei, eines ihrer Mitglieder, in welchem man den Verfasser vermute, als solchen bekämpfe. Demgegenüber stelle ich fest, daß die Behauptung des Herrn Verfassers, die Denkschrift sei unter oem Namen einer Behörde herausgegeben, unrichtig ist. Der Titel derselben lautet: Denkschrift zur Begründung des von dem Gr. Bad. Oberrate der Jsr. herausgegebenen Gebetbuchentwurfs." Wo ist anqedeutet, daß die Denkschrift unter dem „Namen und der Verantwortlichkeit" des Oberrats herausgegeben ist? Nirgends. Es mag das ein Versehen sein. Aber ist Herr Dr. Hoffmann für dieses Versehen verantwortlich zu machen? War dieser verpflichtet als Verfasser und Herausgeber den Oberrat zu nennen, der sich weder zur Herausgabe noch zur Autorschaft bekennt, der sich lediglich als ihr Verleger bezeichnet? Mußte erden Oberrat für eine Schrift verantwortlich machen, von der er nicht wußte und nicht wissen konnte, ob dieser sie mit seinem Namen und seiner Verantwortung zu decken bereit sei? War er nicht berechtigt, wenn ihm von glaubwürdiger Seite Herr Dr. Steckelmacher als Verfasser genannt war, die Schrift mit dem Namen ihres Autors zu bezeichnen? Herr Dr. Steckelmacher gibt implizite zu, der Verfasser zu sein. Was will er also? Er will durch seine Beanstandung: 2. Herrn Dr. Hossmann einer Tücke bezichtigen. Er behauptet. „Wenn man in dem Sendschreiben weiter blättert und Ausdrücken wie ,Räuber', ,Gefäß mit unreinem Gewürme, welches hinter dem Rücken der Reform Bängt', Moderne Erzeugnisse, die auS Phrasen zusammengestoppelt kaum noch als guter Schüleraufsatz gelten dürften', ^rlopffecht.rei', ,leere Ausflüchte', ,Täuschung', Düpierung', ,gelogen' u. dgl. begegnet, so wird nan die beanstandete Met ode besser ve, stehen. Auf eine einzelne Perton laffm sich solche Schettworte Vesser werfen als auf eine ganze Behörde." Man traut seinen Augen nicht, wenn man diese Behauptungen des Herrn Dr. Steckelmacher liest und das Hoffmannsche Sendschreiben dazu vergleicht. Ich stelle fest, daß der größere Teil der zitterten Ausdrücke des Sendschreibens wie „Räuber", „Gefäß mit unreinem Gewürm", „moderne Erzeugnisse" usw. nicht auf eine einzelne Person, - nicht auf Herrn Dr. Steckelmacher sich beziehen, sondern teils auf einen ganzen Anschauungskreis, teils auf eine „ganze Behörde". Was ergibt sich aus alledem? Nicht, daß der Gegner taktlos und tückisch, sondern daß der Autor selber völlig verblendet war, daß er etwas geträumt hat, was der Wirklichkeit nicht entspricht. 3. Er bezichtigt seinen Gegner ferner der Unwahrhafttgkeit, indem er dessen Angabe, daß das Sendschreiben „auf einem Sommeraufenthalte, ohne die nötigen literarischen Hilfsmittel" abgefaßt sei, mit verblümten Worten in Zweifel zieht und behauptet, daß Herr Dr. Hoffmann, da die Schrift am 1. August im Israelit „angekündigt" worden und anfangs November erschienen sei, zu gründlichstem Studium aller einschlägigen Punkte doch Muße und Gelegenhett gehabt habe. (S. 4.) Me soll man nun ein Verfahren, wie es Herr Dr. Steckelmacher beliebt, bezeichnen? Er weiß weder, wann Herr Dr. Hoffmann die Bearbeitung des Sendschreibens begann, noch wie lange sein Sommeraufenthalt gedauert, noch, wie groß seine anderweittge Arbeitslast in der betreffenden Zeit war, noch wie viel Zeit der Buchdrucker zur Fertigstellung gehraucht hat. Er kennt keinen der mannigfachen Komponenten, deren Kenntnis zur Nachrechnung der Richtigkeit des Exempels notwendig ist. Er zieht sein Fazit ins Blaue hinein und erkühnt sich, entgegen der Angabe eines Ehrenmannes, der es auch zugleich am besten wissen muß, zu dekretieren, daß der Inhalt dieser Angabe nicht richttg sei. Ist eine solche Kampfesweife erlaubt? 4. Nach diesen formellen Vorbemerkungen geht er nun zum Inhalt des Sendschreibens über. Er behauptet (S. 5): mit einem leisen spöttischen Lächeln die Kupferhäufchen auf dem Tische. „Viel eingenommen, liebe Mama? soll ich helfen Kassa machen?" „Bin zufrieden, liebes Kind. Gott verläßt uns nicht. Ich werde gleich das Nachtessen bereiten!" Me Alte blies das Feuer am Kamin an. Der Theekessel summte und Joseph pfiff ein Straßenlied vor srch hin. „Es waren andere, bessere Zeiten!" Da sagte plötzlich Joseph: „Kannst, liebe Mama, das Kleingeld mir geben. Ich zahle es wieder mit großem. Weißt, wenn der Monat herum ist." x Die Mutter, müde vom Blasen mit geröteten Wangen hustete, sie hustete etwas länger als nötig und sagte endlich in einem Tone, der Bitte und Vorwurf zugleich enthielt: „Du willst heute wieder fort, mein Sohn, wieder zu ihm, dem Verführer, Karten spielen?!" „Die paar Groschen gehen dir nicht verloren," erwiderte Joseph gereizt. „Es ist nicht um die paar Groschen," weinte Lea. „Ich war nie müde, seitdem der gute Vater vor zehn Jahren starb und mich allein als Witwe und dich als kleinen Jossem ließ, für dich zu arbeiten.' Alles was ich habe, und was ich tue, ist, weiß Gott, für dich. Es ist nicht um das Geld, ich weiß, du läßt von deinem Verdienste auch der alten Mama nichts abgehen. Hier das Geld, es ist dein! Aber, wenn ich ihn, deinen neuen Freund, den lockeren Barbier sehe, so geht mir ein Stich durchs Herz. Eine Mutter sieht weit und tief. Ich ahne nichts gutes. Et und oie Karte, sie werden dein Verderben sein!" „Immer die Moralpredigt!" sagte Joseph unwillig, „tagüber schwere Arbeit, abends Zank und Borwurf!" „Ich zanke nicht und werfe dir nichts vor," schluchzte die Alte, „aber ich rate dir zum Guten. Ich koche und bereite dir alles, was dein Herz verlangt, aber bleib da und." „Und laß dich ausschimpfen und abkanzeln," unterbrach der Sohn ungeduldig und ironisch. Die Mutter weinte leise und sagte nichts. Da fügte der Sohn einlenkeno hinzu: „Du weißt nicht, liebe Mutter, wie schwer das ist, bei fremden Leuten arbeiten. Nun ist der Tag herum, die Arbeit gemacht und man will, da man jung ist, auch seine Zerstreuung haben." Dein seliger, guter Vater hat auch gearbeitet, schwer und ehrlrch. Und wenn er Abends heimkam . . ." „Es waren andere Zeiten," warf Joseph ungeduldig ein. Ja, andere Zeiten! Das war ganz der Mutter aus dem Herzen gesprochen. Und sie weinte nicht mehr, ihr Ton gewann immer mehr an Festigkeit und Sicherheit. Ein Strahl aus den anderen, besseren Zeiten stahl sich in ihr Herz und spielte auch auf ihrem Antlitze, als sie werter fortfuhr. „Es waren andere Zeiten. Dein Vater arbeitete die ganze Woche und ging von Dorf zu Dorf. Abends kam er schwer beladen mit geschwollenen Beinen, müde, oft verärgert nach Hause. Den ganzen Tag sorgte ich für ihn und für dich, denn damals handelte ich noch nicht wie heute, ich hatte es noch nicht nöttg. Kaum hatte sich dein Vater ein wenig ausgcruyt und an warmer Speise gelabt, da holte er schon sein „Sefer", seinen MischnajoS. Ich freute mich den ganzen Tag darauf und vergaß alle Mühen und Sorgen, fo ich an diese glückliche Stunde dachte. Ich verstand kein Wort von dem, was er lernte, aber ich faß vor ihm und hielt dich auf dem Arm und. lauschte jedem Worte und jedem Tone. Wie er so beim lernen sich wiegte und sang, so habe ich noch keinen lernen, singen hören. Meine ganze Kindheit, meine Jugend, mein ganzes Leben zog an mir vorüber, wenn er lernte und sang. Das war so weich, so rührend, dann rauschte und jubelte es wieder, ich hätte tanzen mögen wie ein fröhliches Kind. Er war so begeistert und vertieft, daß er mrch wvhl gar nicht sah, ich aber ließ rein Auge von ihm ab. Ich hätte ihn stolz umarmen und küssen können, wüßte ich nicht, daß er über jede Störung beim Lernen ungehalten war. Dann aber drückte ich dich fest an die Brust und drückte dir alle Küsse auf, die ich ihm zugedacht hatte. Und eines Abends als ich so eingenommen von seinem Lernen fast des Kindes auf meinem Schoß vergaß, da beugtest du dich vor über das heilige Buch und rissest ihm plötzlich ein ganzes Blatt aus. Der Vater war sehr ärgerlich und wollte sogar mit der Hand gegen Dich ausholen. Ich aber sagte begütigend: „Siehst du es nickt, lieber Schlaumeh, das Kind ist neidisch es will auch lernen. Hast du mir nicht einmal selber erzählt. Wie der kleine Rabenu Tam seinem Großvater Rafchi Hakodosch einst die Tefilin vom Kopf.herunterriß. Es ist ein guter Simen, unser Kind, soll leben, wird auch lernen, er wird vielleicht anders, vielleicht noch besser lernen . . . ." Dieses wirkte wie ein Zauberwort. Im Nu war der Vater wieder gut und froh und er nahm dich in seine Arme und herzte und küßte dich wie ich das sonst nie bei ihm gesehen habe. Da« Mlschnojorh ist noch da. Ich habe es atK der gute Vater starb und ich in der Not alleS, «M. die Bücher verkaufen mußte, allein behalte«