Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1908)
- Date
- 1908-03-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gelte 8. No. 18___. die vielfach noch des ManneSfchmucks entbehrt: „Brave freuen sich der Tat," so lautet der Nach* fatz jenes Goetheschen Spruchsatzes, dessen Vordersatz mehr als dieser Schlußsatz gekannt und — beherzigt wird. Freuen Sie sich der Tat! Füllen Sie vie Lücken, die durch den Weggang, durch die Wegmüdigkeit unser alten, erprobten Vorlg kämpfer in unseren Reihen entstanden sind! U Gießen Sie den alten Weiu unserer min in p frische Schläuche! Bringen Sie Ihre noch unverbitterte, noch nicht in der Tretmühle des | Lebens zermürbte jugendliche Kraft und Ent- D schließungsfrische an die Fragen des Tages und U ihre Behandlung! Zeigen Sie, daß Sie sich U kennen gelernt, Ihre Persönlichkeit entwickelt haben hdurch die mir' miay, durch die Erfüllung Ihrer | Pflicht und Aufgabe — das ist für Sie, für Jv uns „die Forderung des Tages!" mm k Kochmnmkscha«. I Seiftdfties Iiaditplel. Der Wahl der einundzwanzig Laien-Abgeordf treten zur badischen Synooe ist nun als Schlußakt die Ernennung der fünf rabbinischen Mitglieder durch die Gesamtheit der badischen *' Rabbiner gefolgt. Es hatte ursprünglich verlautet,!* die geistlichen Herren, die ja in ihrer erdrückenden;C Mehrzahl neoloq bis ins Mark sind, wollten ihre | Toleranz und ihre Gerechtigkeit dadurch in eklatanterWeise bekunden, daß sie einem orthodoxen! Kollegen den Weg in die Synode eröffneten. Das p an anderer Stelle mitgeteilte Wahlresultat zeigt, | daß es mit der also prästierten Toleranz und Gep rechtigkeit wieder einmal nichts ist: die Herren haben angesichts des Bolksgerichts vom I 15.März es dennoch über sich gewonnen, £ die wenigen gefetzestreuen Rabbiner p Badens weiter zum Schweigen und g. Dulden zu verurteilen und haben fünf ß, kapitelfeste Reformrabbiner in die Synode gesandt. f Das zeugt von Mut gegenüber der Bolksstimmung und von einer rührenden Hingabe an ldie religiösen Ideale der Religionskonferenz. Vor ^allem aber beweist es, daß der Oberrat selbst noch C keineswegs gewillt ist, sein Spiel verloren zu geben! b- Die Zurückziehung der Gebetbuchvorlage ist nach unseren Informationen nicht zu erwarten, und jk eS glt für die fünfzehn Gebetbuchgegner, die jetzt „JSraelit." elf Freunden der Gebetbuchreform gegenüberstehen, die Augen offen zu halten, damit nicht durch irgend ein Kompromiß oder eine geschickte Verwaltungsmaßregel das vom Lande verworfene Gebetbuchwerk dennoch seinen Einzug in die Schulen und Synagogen hält. Und noch eines muß festgestellt werden. Die Abstimmung der badischen Reformtheologen zeigt, daß diese selbst sich als ausgesprochene Parteileute fühlen, und daß sie weit davon entfernt sind, der Orthodoxie trotz gelegentlicher toleranter Redensarten auch nur die geringste „relative Berechtigung" zuzugestehen. Wir sind die letzten, die den Herren das verübeln, aber matt sollte von ehrlichen Männern unter solchen Umständen dann auch das Zugeständnis erwarten dürfen, daß n e o l o g e Geistliche nicht das leiseste moralische Recht haben in die religiösen Angelegenheiten und Gewissensanliegen gesetzestreuer Juden einzugreifen, und daß die religiösen Entscheidungen einer auS neolocen Parteimättnern zusammengesetzten Religionskonferenz unmöglich für die Gesamtheit, unmöglich für den gesetzesrreuen Teil dieser Gesamtheit irgendwelche Geltung beanspruchen können. Es müßte seltsam zugehen, wenn nicht der badische Oberrat selbst eines Tages, durch die Ereignisse beb hrt, die Unanfechtbarkeit dieses Schluffes einsehen sollte. Dann wird das geistliche Nachspiel vom 22. März der Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit ebenso nachdrücklich gedient haben wie der große Sieg, der eine Woche vorher die Mühen und Sorgen kampfreicher Monate gekrönt hatte. Hilsner. Bor neun Jahren haben sie in Polna einen etwas geistesschwachen, aber durchaus harmlosen Menschen zum Tode verurteilt. Der österreichische Kaiser, dem die Sache nicht geheuer schien, der aber gegen d e Meute nicht viel auszurichten vermochte, schickle den Verurteilten auf dem Gnadenwege vorläufig in den Kerker. Vorläufig, wie man damals allgemein annahttt, bis sich die Sache aufklärt. Seitdem sind neun Jahre vergangen, neun harte Jahre für den so Begnadigten, neun harte Jahre für die österreichische Judenheit. Die christlich soziale Partei, die mittlerweile zur Macht und gelangt ist, wachte mit Argusaugen über das Opfer, und die Aussicht, ihr dieses zu entreißen und die Ehrenrettung eines vielleicht umsympathischen, aber jedenfalls unschuldigen Menschen zu bewirken, schien je länger je mehr in weiter Ferne zu rücken. Nun soll, wenn alle Zeichen nicht trügen, die Aktion zu Gunsten Hilsners mit aller Kraft neu einsetzen. Der Ruf, der nach der Rehabilitierung 26 März 1908. des Kapitän Dreyfus an die redlich Gesinnten Oesterreichs erging: „Geht hin und tut desgleichen!" ist nicht erfolglos verhallt. Und es sind Namen von gutem Klange in der Reihe derer, die sich der Sache, unserer Sache, annehmen: Berta von Suttner, Prof. Mach, Prof. Jodl u. v a. Ueber die imposante Versammlung in den. Sophiensälen zu Wien und die Rede des Herrn Dr. Elbogen haben wir an anderer Stelle eingehend berichtet. Es ist immtzt das gleiche beklemmende Gefühl, das Gefühl tiefer Scham, das uns beherrscht, so oft unsere wohlmeinenden Anwälte vor dem Forum der Oeffentlichkeit das Wort zu unserer Verteidigung gegen die Blutbeschuldigung ergreifen. Wir sollten denen gegenüber, die von uns mit den anderen Grundsätzen der Moral das „lau tirzoch" Übernommen, erst beweisen müssen, daß wir von Reltgtottswegett nicht dazu angehalten werden, Kindermorde zu begehen?! Gibt eS eine größere Absurdität, einen größeren Hohn auf Recht und Logik? Es drängte sich uns dieses deprimierende Gefühl auf, alS vor einigen Jahren einige rabbinische Autoritäten Galiziens es für gut fanden, bei offener Thora einen öffentlichen Eid gegen die Ritualmordbesihuldigung zu leisten, wir wurden dieses Gefühl auch später nicht loS, äls ein Rabbiner in bester Absicht mittelst einer Broschüre voll edler Entgiftung und flammender Begeisterung die öffentliche Meinung von der Haltlosigkeit des Blutmärchens zu überzeugen suchte. Wir haben den praktischen Erfolg dieser beiden Unternehmungen Nie überschätzt, er ist aber hinter unseren bescheidenen Erwartungen noch weit zurückgeblieben. Allein hier bei der Affäre Hilsner handelt es sich nicht um allgemeine Kundgebungen sittlicher Entrüstung, sondern um einen konkreten Fall, der, solange er nicht aus der Welt geschafft ist, verhängnisvoll nachwirkt und fortzeugend Schmach und Unheil muß gebären: da kann uns jede Aktion nur willk. mmen sein, je energischer und standhafter, je lieber! Es ist beschämend auch im Einzelfalle, dies ist nicht zu leugnen, es ist beschämend, daß tausende Menschen sich versammeln, daß stundenlange Reden gehalten werden müssen, um darzutun, daß zweimal zwei nicht fünf, sondern vier ist, daß mit dem Morgen Nicht oie Nacht, sondern der Tag beginnt, oaß ein göttlich Gesetz, welches den Genuß eines Bluttropfens im Ei verbietet, nicht den Genuß von Menschenblut erlauben oder gar gebieten kann, daß ein Mann für ein Verbrechen, das in der Krtminalgeschichte gar nicht existiert, nicht lebenslänglich im Gefängnis schmachten darf. ES ist tiefbeschämend, daß erlauchte Geister wie Bertha von Suttner, Prof. Mach usw., die man sonst im Kampfe für die höheren Probleme des Men- |. Kleines Feuilleton. | Revolutionäre Köpfe. £ Nach einer wahren Begebenheit k von G. Schachrrowih. k (Fortsetzung.) | Doch wie an jene Erscheinungen, so gewöhnte man sich auch bald an das Soldatenbild überhaupt. I: Der Krämer Benze fand, daß unter diesen wilden Gck selten auch manch ehrlich gute Ham sich befinde. Frei»? lich auspassen heißt es, da sie im Stehlen wahre Zau- £ berkünstler sind, aber es sei doch mit ihnen zu ver- U kehren und an ihnen etwas zu verdienen. Und Lea, i' die alte Obsthändlerin, wagte es sogar schon mit einem £, der Krieger, als mit einem ehrbaren Kunden, ver- Bein Gespräch anzuknüpfen: „Gospodin Solnterofsizier! oder Korporal!, sagte sie, der egen alle ihr geläufigen militärischen Grade „Saget mir doch, warum ihr eigentlich men? Nicht etwa", setzte sie erschrocken der hinzu, „nicht etwa, daß ihr mir im Im Gegenteil! Aber ich frage nur wieso, wozu?" ldat lachte mit halbgeschlossenen Augen Hässend: , wieso, wozu?! Ja, ja, Großmutter! Sosereiner nicht, dafür hat man fürs Vätergeleistet. Und doch Alte, bist eine vereele, wenn du mir zu den gekauften Aepfeln pufft, dann sollst es wissen!" „Drei Aepfel? — kalkulierte die Alte — fünf kosten eine Kopeke. Also mehr als eine halbe Kopeke, für was für wen?" „Man kann nicht militärische Geheimnisse umsonst ausliefern", sagte der Soldat, sich eine Zigarette rollend, — Adieu!" „Einen Apfel geb ich!" handelte Lea. „So gib zwei!" Nach einigem Ueberlegen ging die Händlerin mit schwerem Herren, aber brennender Neugierde, darauf ein. Der Soldat steckte die Aepfel ein, blies durch die Zigarette langsam Rauch und sagte bedächtig: „Wir sind hier, Großmutter, weil man uns hierher geschickt hat. Jetzt weißt es. Alte. Adieu!" Und er ging, indem die alte Lea ihm, dem Fresser, dem Bluthund und Straßenräuber noch ein paar stille aber sehr innige Flüche nachsandte. Es dunkelte, als Lea von ihrem Kramladen heimkehrte. All die Mühen und Widerwärtigkeiten des schwindenden Tages sind vergessen beim Klange der vielen Kupfer- und Mckelmünzen, die sie als Beute heimbrachte und jetzt eingehend zählte und berechnete. Sie muß freilich ihre Augen anstrengen. Es ist eine falsche Welt und abgeriebene Zehner, falsche Dreier, und abgeschliffene Groschen laufen fast so vrel herum, wie die schlechten Menschen und kommen ohne gerufen, un gewünscht, um einem die Freude am Gewinn, am Leben zu verderben. Ja, sie kommen. Wer hat ihn z. B. gerufen, den luftigen, flatterhaften Barbicr? Worum mußte er gerade Herkommen? gerade hierher zu ihrem Joseph, ihr einziges, ohnedies nicht ganz festes Kind auf Abwege zu führen? Es dunkelte immer mehr in der niedrigen Stube. Tie Alte strengte ihre Augett immer mehr ärt. „Schlechte Menschen, schlechte Münzen!" Man kann nicht genug aufpassen!" Am Fenster gleiten noch einige Helle Sonnenstreifen vorbei. Aber sie wird sich wohl hüten, am Fenster, wo so viele jetzt vorübergehen und jeder hineinschauen kann, Geld zu zählen. Die Lampe anzünden, da wo noch fast lichtheller Tag ist, es wäre rein ein Verbrechen bei den teuren Petroleumpreisen. Und die Zahlen willen heute nicht recht stimmen. Stumm und fast feindselig schäum sie die grauen und braunen Kopeken und Groschen an. Sie ordnet sie in gleichmäßigen Grüppchen, Keinen Häufchen und zählt und recket an den Fingern. So hat sie es von ihrem seligen Manne gelernt. Es waren seine einzigen Geschäftsbücher, die Finger, und er hat doch gute Geschäfte gemacht. Er war ein Lamden und Z a d i k und überall geac^et. Ihr Joseph ist anders. Wenn er jetzt heimkommt, dann lacht er wieder über ihre Buchführung. Er ist Kaufmann, Buchhalter. Aber — aber — sie möchte ihn nicht anklagen, er ist ein gutes Kiud und hat die Mutter nie verlassen. 'Es sind halt andere Zeiten, andere Menschen und, wie ihr scheint, keine besseren. Und die Münzen werden immer grauer, sie klingen immer matter, eine unheimliche Dunkelheit breitet sich in allen Ecken des Zimmers aus. Es war damals anders, es war besser. Da trat Joseph in die Stube. „Warum machst du kein Licht, Mutter?" „Ja richtig," entschuldigte sich Lea, die jetzt erst den Sohn erblickte, etwas verlegen. „Werde gleich Licht machen." Doch hatte Joseph inzwischen aus seiner Brusttasche Zündhölzchen nnd Zigarrenetui hervorgeholt und mit geschickter Hand dre winzige Petroleumlampe und Zigarette zugleich angezünoet. Nun stand er gemütlich rauchmd der Mutter gegenüber und betrachtete-