Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1908)
- Date
- 1908-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 12. 19 März 1908. Der Israelit. Seite 7. glaubt sie am besten den Respekt für die Ordnung aufrechtzuerhalten, indem sie Kavalleriepatrouillen zirkulieren läßt. Auch die der Regierung zugehenden Nachrichten lassen die allergrößte Vorsicht angebracht erscheinen. Die neu angenommenen Reformgesetze scheinen zum Teil die Bauern nicht zu befriedigen, zum Teil können sie gar nicht so schnell durchgeführt werden, und diese Gesetze, welche den Bauern nach deren Meinung zu wenig bieten, erscheinen den Großgrundbesitzern als zu weitgehend. Sie trachten darnach, sie durch eine weitgehende Interpretation zu umgehen. Rechnet man noch hinzu, daß die antisemitischen Hetzereien keinen Augenblick aufgehört haben und daß der Gesetzentwurf über die Monopolisierung des Schankgewerbes auf den Dörfern, in den Personen der Schankwirte 14000 Agitatoren der schlimmsten Sorte auf dem Lande geschaffen hat, so kann man begreifen, daß die Regierungskreise nicht ganz ohne Besorgnis sind. Ist nun aber auch wirklich ein neuerlicher Aufstand der Bauern zu erwarten? Wir können dies kaum annehmen. Die im vorigen Jahre geübte Repression war zu blutig, als daß die Bauern sie so schnell vergessen könnten; die angenommenen Gesetze, wenn sie auch nicht vollkommen sind, beweisen doch den guten Willen der Regierung und so ungebildet der Bauer ist, deren Wirkung wird er doch abwarten wollenüberdies wird auch die Regierung aewitzigt durch die Erfahrungen des vorigen Jahres, mit größter Energie gegen jeden Versuch der Empörung Vorgehen. Es ist' daher nicht wahrscheinlich, daß es zu einem Aufstande kommt. Auf dem Lande herrscht gewiß eine dumpfe Stimmung, aber mehr als diese ist das böse Gewissen der herrschenden Parteien die Ursache der übertriebenen Besorgnis. Allerdings kann man der Zukunft nur dann ruhig entaegensehen, wenn Reformen in ausgiebigem Maße nicht nur angenommen, sondern auch durchgeführt würden. Die Opposition aber, welche lediglich aus Partei- oder Klasseninteressen das Reformwerk zu vereiteln sich bestrebt zeigt, ladet ans sich eine große Verantwortung. England. Ruf 9er L9n9erfudie. London, l3. März. In einer größeren Versammlung der Jto hat Zangwill am Sonntag einige auch für weitere Kreise interessante Mitteilungen über das Nordafrikanische Projekt gemacht, von dem ich Ihnen bereits früher berichtete. Danach haben sich nunmehr sämtliche Mitglieder der Land-Kommission prinzipiell für Nordafrika ausgesprochen. Insbesondere hat Herr Dr. Paul Nathan sich dem Gutachten seiner Kollegen ebenfalls angeschlossen, so daß weitere gründliche Nachforschungen nunmehr unternommen werden sollen. An Geldmitteln dafür wird es ja, da auch Lord Rothschild dem Komitee angehört, nicht fehlen. Gleichzeitig wird eine Aufforderung des englischen Gouverneurs im Sudan bekannt, die dieser an den Oberrabbiner von Alexandrien gerichtet hat. Bekanntlich llnternahm der Alexandriner Oberrabbiner Elia Hassan vor kurzem eine Inspektionsreise nach dem durch die neugefundene Papyrin bekannt gewordenen Orte Assuan, und er hat sich von da aus nach Khartum begeben, um dort formell eine jüdische Gemeinde zu bilden. Der englische Generalgouverneur in Khartum benutzte die Gelegenheit, um dem Oberrabbiner gegenüber seinen Respekt und seine Sympathie für die jüdischen Ansiedler auszudrücken, und fügte hinzu, daß der Sudan eine vorzügliche Ansiedelungsstätte für die russischen Juden sei, denen die englische Regierung alle notwendigen Erleichterungen gern gewähren werde. Er glaube, daß auch das Klima des Landes, wie er am eigenen Leibe erfahren habe, den aus dem Norden kommenden Einwanderern durchaus zusagend wäre. Ob es den jüdischen Einwanderern allerdings gelingen würde, mit den Fellachen in erfolgreichen Wettbewerb zü treten, scheint noch einigermaßen fraglich. Arnevtka New-Dort, 1. März. Aus Washington wird gemeldet: Der Senat beschloß eine vom Senator Hopkins aus Jlionois vorgeschlagene Resolution, in welcher die Vorgänge in Rußland scharf verurteilt werden. Die Resolution weift zunächst darauf hin, daß der Kaiser von Rußland der Anreger der Haager Friedenskongresse ist, wofür ihm die zivilisierte Welt den Dank und die Anerkennung nicht verweigert habe. Dann setzt die Resolution fort: „Mit Rücksicht darauf, daß dem Kongresse der Vereinigten Staaten eine von zahlreichen angesehenen amerikanischer: Bürgern Unterzeichnete Petition zugegangen sei, m welcher auf Grund offizieller russischer Daten nachgewiesen wird, daß Frauen und Kinder, Greise und Krüppel — Menschen, die mit den Unruhen in keinem Zusammenhänge stehen — verfolgt und gemordet werden, daß Gefangene in den Festungen und Gefängnissen gefoltert und gemartet werden, um aus ihnen Geständnisse und Denunziationen zu erpressen, daß ferner von der Polizei und dem Militär Pogrome angezettelt werden, um die Bevölkerung einzn schüchtern mit Rücksicht weiter darauf, daß die Witwen und Waisen der Ermordeten, sowie in Armut geratene Opfer der Plünderungen in großer Zahl nach diesen: Lande ausgewandert sind, und hier — oft ihrer natürlichen Ernährer und Brotgeber beraubt, — in großer Not leben, wird beschlossen, daß der Kongreß der Vereinigten Staaten fein Bedauern ausspricht über derartige Gewalttaten und Unmenschlichkeiten, welche das Schaudern der zivilisierten Welt erwecken und den allgemeinen Fortschritt hemmen." üermircdtes. Frankfurt a. M., 17. März. Am vergangenen Freitag fand vor dem hiesigen Schöffengericht eine Verhandlung statt, die, wie die Dinge nun einmal liegen, notwendig gewesen sein mag, deren Führung man aber im allgemein jüdischen Interesse nur bedauern kann. Kläger war das Lehrerkollegium der israelitischen Volksschule hier- Beklagte die Leiterin der „Weiblichen Fürsorge", Fräulein Pappenheim. Im November v. I. hatte sich Frl. P. in einer in der Sitzung ihres Vereins gehaltenen Rede mit dem neu gegründeten „Jüdischen Frauenverein" beschäftig^ der sich einer tiefgründigen Abneigung seitens des Frl. Pzu ersteuen scheint. So hatte sie in ihren Ausführungen den Leiterinnen des neuen Vereins den Rat gegeben, ihre Hände von der sozialen Fürsorge weg zu lasten, sie fänden ja „indem„Cheoer" an der Bären st raße genug Arbeit". Ferner hatte sie davon gesprochen, daß an der Israelitischen Volksschule Schule und Lehrer „minderwertig" seien. Durch diese beiden Ausdrücke, die in Gegenwart von 50-60 Personen gefallen find, fühlen sich die Kläger beleidigt und rufen die Hilfe der Gerichte an. Der Vorsitzende versucht zunächst einen Vergleich zu Stande zu bringender Versuch scheitert, nachdem bereits eine beiden Seilen paffende Erklärung festgesetzt ist, daran, daß die Beklagte nicht die Kost en übernehmen will. Es werden daher die geladenen Zeugen vernommen. Ihre Aussagen ergeben wenig, da die inzwischen verstrichene Zeit — beinahe 5 Monate — die Erinnerungen verwischt hat. Festgestellt wird, daß die Bezeichnung „Cheder in der Bärenstraße" in einem verächtlichen Sinne gebraucht wurde. Dagegen bleibt die Frage offen, ob nur von einer Minderwertigkeit der Schule oder, wie die Anklage behauptet, auch der Lehrer gesprochen wurde Die Beklagte bestreitet das letztere. Ihre Behauptung von der Minderwertigkeit der Schule hält sie aufrecht. Die Schule stehe im Dienste einer „klerikalen Gemeinde- Politik," überbürde ihre Zöglinge mit Hebräisch und wache sie für das praktische Leben untauglich, indem sie lehre, daß man am Sabbath nicht arbeiten dürfe! Von seiten der Kläger wird dem entgegengehalten, daß der Schule das Pensum aller preußischen Volksschulen vom Staate vorgeschrieben sei und daß dessen Jnnehaltung aus das eingehendste seitens der Behördenüber wacht werde. Ueber die Erfolge, die die Schule erzielt, sind ihr von seiten des Schulinspektors wiederholt die glänzend st enZeug- Nisse ausgestellt worden. Ebenso kann von einer Ueber bürdung durch Hebräisch nicht die Rede sein. Die Kinder, die städtische Schulen besuchen und dm hebräischen. Unterricht am Mittwoch und Samstag Nachmittag, sowie am Sonntag haben, find weit eher einer Ueberbürdung ausgesetzl, als die Schüler der israelitischen Volksschule, die dm ganzen Samstag und Sonntag Nachmittag stet habm. Zum Schluffe ermahnt der Vorsitzende die Beklagte nochmals, m einen Vergleich etnzuwilltgen, da eine formelle Beleidigung wohl als vorltegmd erachtet werdm müsse. Wieder lehnt die Beklagte ab und die Richter ziehm stch zur Beratung zurück. Nach einer Viertelstunde erfcheinm die Richter wieder und der Borfitzende verkündet, zu allgemeiner Ueberrafchung, einen Freispruch. Aus der Begründung wie aus dem Eindrücke der Verhandlung selbst ergibt fich mit ziemlicher Sicherheit, daß die beiden Beisitzer — Laicn — dm Vorsitzenden überstimmt haben. Von den Klägem wurde sofort Berufung eingelegt, so daß eine neue Verhandlung vor der Strafkammer in Aussicht steht. Camberg, 23. Februar. Im hiesigen „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sprach letzten Sontag vor einer sehr zahlreichen Zuhörerschaft Herr Leopold Perlmutter aus Frankfurt a. M. über „MoseS Mendelssohn". Von einem fallgemeinen Ueberblicke auf die damaligen Zeitverhältniffe ausgehend, schilderte der Redner den Weltweism und bot ein eingehends und überstchtliches Bild von dem Leben Mendelssohns und seinem Wirken als Philosophen, indem er seine hauptsächlichsten Werke anführte und besprach. Größeren Raum nahm die Darstellung der Tätigkeit Mendelssohns für die Juden ein, die der Redner in drei Teile zerlegte: 1. in Gegenwartsarbeit, die in dem Eintretm Mendelssohns für vie bedrängte Lage einzelner jüdischen Gemeinden bestand, 2. in apologetischen Schriften, in denen er die Vorurteile, die selbst gebildete Ghristen gegen die Juden hatten, zu wiederlegen wußte, 8. in der Bibelübersetzung. Reicher Beifall lohnte den Redner für die mit ehrlicher Begeisterung und hinreißendem Schwünge vorgettagenen Ausführungen. Metz, 15. März. Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband (Ortsgruppe Metz) hielt vorgestern abend im „Hotel du Nord" eine öffentliche Bersantmlung unter dem Borfitze des Herm Höftmann ab, zu der etwa 80 Teilnehmer erschienen warm. T^rs Thema lautete „Forberüngen der Handlungsgehilfen an den deutschen Reichstag", worüber ein Referent aus Mannheim, Herr Richter, sprach. Ueber den Gang der Verhandlung wird berichtet: Bei Beginn der Debatte ersucht Dr. Bruno Weil, an die Verhandlungen in der letzten Sitzung erinnernd, um Auskunft darüber, aus welchen Gründen der Verband keine Juden als Mitglieder aufnehme. Der Vorsitzende mtgegnete darauf, daß die heutige Tagesordnung damit nichts zu tun habe. — Dr. Weil macht in ruhigem sachlichen Tone darauf aufmerksam, daß der Verband damit ein gegebmes Versprechen unerfüllt laffe. Höhnische Zurufe unterbrechm ihn fortwährend, aber der Vorsitzende sagt schließlich, wenn auch nur zögernd zu, nach Erledigung der Tagesordnung auf die Sache eingehen zu wollen. Da stch aber immer noch kein Debatter zur Tagesordnung meldet, ersucht der Vorsitzende den Referenten um das Schlußwort. — Dr. Weil erbittet das Wort „zur Geschäftsordnung". Nun bricht allgemeiner Radau los mit „persönlichen Bemerkungen" aus dem antisemitischen Katechismus. Der Referent ruft: „Die Geschäftsordnung machm wir selber". Trotz aller Versuche, ihn niederzuschreien, entgegnet Dr. Weil, ein Verfahren wie hier, verstoße gegen allen parlamentarischen Brauch in öffentlichen Versammlungen. Der Vorsitzende erteilt ihm entlich das Wort. Aber die Versammlung ist gegenteiliger Meinung und lärmt wüst durcheinander, so daß der Redner stch begnügen muß mit der Feststellung, daß der Verband, der sich christlich und national nennt, trotz ausdrücklichen Versprechens seine Gegner nicht zu Worte kommen laffe. Unter erneutem Radau verläßt er mit etwa einem halben Dutzend anderer Teilnehmer die Versammlung, wobei die Verbalinjurien nur so hin- und herfliegen, und entwickelt fich nun eine Szenerie, über die des weiteren z'.l berichten, wir aus verschiedenen Gründen uns versagen müssen, da wir zur Kriegsberichterstattung nicht genügend vorbereitet waren. Der Eigentümer des Hotels schritt ein und ersuchte um Auflösung der Versammlung, da er nach wiederholten ähnlichen Vorkommnissen nun genug habe mit den Versammlungen dieses Verbandes. Die Wogen glätteten fich, und der Referent erhielt, wieder das Wort zu einer flammenden Philippika antisemitischer Tendenz, tute wir sie in Metz noch niemals hörten — und anderswo auch nicht, trotz langjähriger journalistischer Erfahrung. Dann lud der Vorsitzende zur nmg des Zusammenseins „im gemütlichen Kreise" ir verzichteten auf das Weitere und klappten das Nottzbuch zu. Mitternacht war schon vorüber. Solche traurige Vorgänge haben wir hier in Metz noch nicht erlebt. Der „Metzer Zeitung" aber, die in einer späteren Nun mer noch aus die Sache zurückkommt und den Herren Handlungsgehilfen eine gebührende Lektton ertellt, werden sowohl die Juden wie alle rechtgesinnten Elemente unserer Bevölkerung aufrichtigen Dank wisien. Duisburg, 4, März. Um die schwebende Frage der Uebernahme der israelitischen Volksschule auf die Stadt bald zu erledigen, hat der Synagogenvorstand eine gemeinsame Beratung mit der Schulverwaltung beanttagt, die demnächst im Rathause.stattfinden wird. Nürnberg, 16. März. Um die Errichtung eines israelitischen Waisenhauses auf Nürnberger Gebiet hat sich die Stadt Nürnberg bemüht. Sie hatte den Interessenten für diesen Fall verschiedene günstige Bedingungen und Vergünstigungen m Aussicht gestellt. Die Interessenten haben sich nunmehr aber doch für Fürth entschieden, wo bereits eine derartige Anstalt besteht, die aber zu klein geworden ist. Das neue Gebäude soll in Fürth auf den Teil des Anwesens des alten Gaswerks kommen,., der m der Hirschenstraße gegenüber der Scheidigschen Fabrik Öen ist. (Es . ist bas der minder wertvollere Teil). Der preis wurde mit 3,30 Mk. pro O-uadratfuß normiett, vom dortige Magistrat aber schließlich auf 2,75 Mk. ermäßigt.