Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1908)
- Date
- 1908-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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&ei e 6 Nr. 12. Der SStaelu. Budapest, 15. März. Unter Führung seines Präsidenten Abraham Stern erschien am 13. d. Mts. beim Kultusminister Graf Apponyi eine Deputation des „Israelitischen Landes-Lehrervereins" in Angelegenheit der Gehaltsergänzung und der Alterszulagen jüdischer Lehrer. Der Redner der Deputation dankte Sr. Exzellenz, daß er auf Grund des Gesetzartikels 27: 1907 diejenigen jüdischen Gemeinden, die darauf angewiesen find, aus staatlichen Mitteln subventioniert. Nachdem jedoch das Ministerium in einigen Fällen — wahrscheinlich zufolge irriger Informationen — die Subvention verweigerte, so ersucht Redner den Minister, daß er die in konkreter Form vorgebrachten Fälle einer Ueberprüfung unterziehe, was der Minister auch in Aussicht stellte. ' UrMand. Die Judenfrage in der Reithsduma. (Bon unserem Korrespondenten.) St. Petersburg, 12. März 1908. Ganz unerwartet hat man am vorigen Donnerstag in der Reichsduma die jüdische Frage aufs Tapet gebracht und zwar handelte es sich um nichts Geringeres als um Gleichberechtigung der Juden, was wohl für die dritte Reichsduma höchst unerwartet, ja überraschend ist. Freilich wurde die Frage nicht in der Plenarsitzungsondern nur in einer Kommissionsberatung angeschnitten, nämlich in der „Kommission zum Kampfe gegen Trunksucht". Bei der Erörterung dieser Frage ergriff der Vizepräsident Professor Baron Maiendorf das Wort und wies aus die Juden hin, welche in dieser Beziehung dem Staate große Dienste leisten könnten, wenn — sie Gleichberechtigung erhalten. Er sagte unter anderem: „Durch die Erklärung der Gleichberechtigung würde der Staat in den Juden sehr emsige und unternehmende Untertanen gewinnen, welche von den hindernden Ausnahmegesetzen befreit, ihren praktischen Sinn, ihre kühne Initiative, ihre bedeutenden Kapitalien in den Dienst der Industrie Rußlands stellen würden und wesentlich den Wohlstand des Reichs fördern werden. Dies umsomehr, als durch die Verleihung der Gleichberechtigung an die Juden, deren ausländische Glaubensgenossen, welche die Herren des Geldmarktes sind, ihre Beziehungen zu Rußland ändern dürften. Auch das Verhalten der ausländischen Presse zu Rußland würde ganz anders sein. Das Alles würde sicherlich dazu führen, daß die russische Industrie und die russischen Finanzen festen Boden gewinnen. Für Gleichstellung der Juden sprechen nicht nur ethische, sondern auch praktische Gründe." Wer die vornehme Natur dieses sowohl als Gelehrten, wie als Staatsmann hervorragenden ManneS kennt, wird keinen Augenblick zweifeln, daß die angeführte Motivierung der jüdischen Gleichberechtigung nichts als ein taktischer Griff ist. In der gegenwärtigen Reichsduma wären ethische, ja sogar juridische oder politische Motive, dort wo es sich um Juden handelt, sehr schlecht angebracht, nur ökonomische Vorteile können hier noch einige Beachtung finden. Und da die Frage der Trunksucht, welche das Grundübel aller hier herrschenden Mißstände ist, gegenwärtig sämtliche Parteien und Fraktionen gleich ernstlich beschäftigt und ihre befriedigende Lösung an der voraussichtlichen Verringerung der Staatseinkünfte zu scheitern droht, sv müßte der Hinweis auf Vermehrung der letzteren, durch eventuelle Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden, günstig ausgenommen werden. In der dritten Reichsduma der Gleichberechtigung der Juden das Wort zu reden-dazu gehört wahrlich ein edler Mut und es ist dankbar anzuerkennen, daß Baron Maiendorf diesen Mut bewiesen hat. Selbstverständlich täuschen wir uns über die Erfolglosigkeit dieses Eintretens des Barons Maiendorf, obgleich er zu den tonangebendsten Wortführern der Okwbristen und überhaupt zu den vornehmsten. und angesehendsten Mitgliedern der dritten Reichsduma gehört, nicht hinweg. Aber immerhin ist . es von hochänzuschlagender Bedeutung, daß ein Deputierter wie Baron Maiendors für die udische Gleichberecht igung eintritt. Sein Beispiel dürfte noch andere edelgesinnte Abgeordnete anspornen für die Sache der Gerechtigkeit zu wirken und allenfalls dürfte): jetzt die beiden jüdischen Deputierten mutiger und offener als bis jetzt die Jntereffen ihres Volkes verteidigen. Freilich ist vor allem dazu nötig, daß sie sich ein für alle , Male von der Taktik der K. D.-Partei und ihres Führers Miljukow emanzipieren, die ihnen bis jetzt nichts als die Mißgunst und Erbitterung aller anderen Parteien, besonders der nach rechts gerichteten eingebracht hat. Werden die jüdischen Deputaten einmal vom Gängelband Miljukows sich befreit haben, dann dürste es ihnen nicht schwer fallen die jüdische Sache in der Reichsduma zu führen. Ueberhaupt ist es nicht allzuschwer die Sache der russischen Judenheit vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu vertreten, indem Tatsachen und Daten für uns sprechen. Wenn zum Beispiele die soeben erschienene Statistik über die kriminellen Verbrecher:, die im Jahre 1904 verübt worden sind, dartut, daß die Juden in Rußland auf der Verbrecherliste den vierten Platz einnehmen, trotzdem sie meistens zur Städtebevölkerung gehören, bei welcher es viermal soviel Verbrechen gibt, als bei der Landbevölkerung (auf 100000 Seelen 208 Verbrechen, letztere blos — 62 — > und zrHem den ärmsten Teil der Bevölkerung ausmachen, welche gewöhnlich die größte Zahl der Verbrecher stellt, und trotzdem, daß für Juden ganze Bände von Ausnahmegesetzen existieren, deren Verletzung als Verbrechen gilt, so ist doch das Material zu unserer Verteidigung uns förmlich in die Hand gelegt. Die sogenannten Verbrechen der Juden sind zum größten Teile durch jene Ausnahmegesetze entstanden. Der jüdische Kaufmann oder Jnduftrille ist oft gezwungen die Grenzen des Ansiedlungsrayon zu überschreiten oder im benachbarten Dorfe sich einige Tage aufzuhalten, und das wird dem sonst grundehrlich n Manne als Verbrechen geahndet. Wenn trotz allem die Juden in Rußland nur den vierten Platz in der Reihe der Kriminalstatistik einnehmen, so spricht diese Tatsache allein viel überzeugender als ganze Bände der Apologetik. Die Konteren? der echt ruffifdien Leute. Petersburg, 16. März. Bei uns rechnet man mit drei besonderen von einander unabhängigen regierenden Körperschaften, die je nach den Umständen entweder miteinander kollidieren oder sich zu einem einheitlichen Apparat zusammenfügen. Staatsregierung, Duma und — der „Verband der echt russischen Leute". Die erstere ergreift die Initiative, die zweite sanktioniert, der dritte opponiert, wenn das Gesetz nicht die waschechte Verbandsfarbe trägt oder billigt es, nachdem es Väterchen Dubrowin echt russisch fand. Wer die Mittel und die Kraft dieser dritten Großmacht im russischen Reiche unterschätzte, konnte sich diese Woche anläßlich der Konferenz der echt russischen Leute in Petersburg eines besseren belehren lassen. Der Verband verfügt über gewaltige Geldmittel und mit Geld ist hier zu Lande alles zu machen. — Dubrowin, dem alleinigen Verwalter dieser Summen, rvurde Decharge erteilt ohne Rechnungsablage. Es wäre auch lächerlich, öffentlich in die Welt hinauszurufen: so und so viel Ausgaben für Inszenierung von Progromen. Die es wisserr sollen, erfahren es doch, die Silberrubel haben guten, weit hörbaren und bezaubernden Klang. Es gibt aber viele, die es nicht wissen und hören sollen.-• Das Ausland, das verflixte Ausland, das will sich aus solche Zahlen absolut nicht verstehen. Und wer bietet uns all diese Ungelegenheiten, ladet uns das Ausland auf den Hals? Wer und was ist überhaupt Ausland? Juden! ergo ant die Juden und ihr sollt schon auf euere hechnung kommen! Es ist keinesfalls ein verspäteter Purimwitz.. Ich witzele und scherze nicht, sondern gebe den Ton und den ungefähren Inhalt des Rechenschaftsberichtes Dubrowins bei der in letzter Woche stattgehabten Konferenz des schwarzen Verbandes wieder. Die Rechnung stimmte also vollständig. ___19. Mcrz 19C8 Nun konnte man in die Verhandlung eintreterr und dieselbe hatte wiederum nur ein einziges Traktandum — die Juden. Aus dem Chaos der unreifen Gedanken und exzentrischen Gelüste, die da eine Woche hindurch sich Luft machten, schauen mit einiger Klarheit nur folgende Verlangen heraus: Die Auslösung, der Duma und des Kabinets Stolypin, die zu langsam und schwerfällig arbeiten . . . Die Ausrottung der Fremdlinge urrd Vertreibung der Juden nach der Insel Sachalin. Diese Forderungen sind keineswegs nur fromme Wünsche doktrinärer Natur, sie sind vielmehr in einer Resolution präzis zusammeugefaßt und dem Kaiser übermittelt worden. Sollte nicht der blöde Hamanismus auch der uns bald die äußerste Galgenhöhe erreicht haben, von dem aus kein Steigen, sondern nur noch ein Sinken möglich ist? Helsingfors, 13. März. Im Landtag wurde vorgestern über einen von sozialdemokratischer Seite eingebrachten Antrag verhandelt, der die Stellung der Juden in Finnland verbessern will. Sie erinnert allerdings an mittelalterliche Verhältnisse. Als Finnland 1809 an Rußland fiel, ließen die Finnländer die aus der schwedischem Zeit stammende Verordnung zu Recht bestehen^ wonach sich hier keine Juden aufhalteu dürfen. Dabei führte das Verhältnis zu Rußland schon. 1853 eine bedeutende Veränderung in den tatsächlicher: Verhältnissen herbei, indem eine Verordnung bestimmte, daß verabschiedete russische Soldaten sich unter gewissen Bedingungen in. Finnland niederlassen können. Unter diesen ehemaligen Soldaten befanden sich arrch viele Juderr mit Familie, und auf solche Art erhielt Finnland seine jüdische Bevölkerung, die sich jedoch hauptsächlich auf Helsinbfors, Abu und Wiborg beschränkt. Die finnischeu Behörde:: machten diesen Einwohnern aber nach Möglichkeit das Lebert sauer. So ordnete der finnische Senat 1889 an„ daß alle im Lande wohnenden Juden gegen schweres Geld einen Aufenthaltsscheiu lösen müssen^ der nur sechs Monate gilt und über deffen Verlängerung der Senat enschcidet. Viele Juden wurden im Laufe der Zeit rücksichtslos ausgewiesen. Schon vor 30 Jahren war im Ständelandtag ein Antrag auf Aenderung dieser Verhältnisse eingebracht worden, doch scheiterte die Sache an dem Widerstand der Altfinnen. Da aber jetzt die Sozialdemokraten die stärkste Partei bilden und hierbei von den liberalen Gruppen unterstützt werden dürften, ist Aussicht vorhanden, daß die Judenfrage nunmehr eine befriedigende Lösung findet. Der Antrag ist einstweiler: an den Versassungsausschuß verwiesen worden. Kierv, 11. März. Die Ausweisungen von Juden aus Kiew, die ihr Wohnrecht nicht Nachweisen können, werden mit großer Härte fortgesetzt. Der Polizeinieister in Kierv bat jetzt noch eine Aufforderung an die Vorsteher aller Polizeireviere gerichtet, rvorin er rügt, daß bisher mit den Ausweisungen noch nicht energisch genug vorgegangen worden seier fordere daher, daß die Ausweisungen nunmehr strenger gehandhabt werden sollen. Der Juden in Kierv hat sich infolgedessen eine allgemeine Unruhe bemächtigt. Die jüdischen Lehrer der Südwestgebiete Rußlands wollten ihren alljährlichen Lehrertag in Kiew abhalten. Sie erhielten dazu auch die Erlaubnis )es Gouverneurszu gleicher Zeit aber verbot der Gouverneur den jüdischen Lehrern, die das Wohnrecht in Kiew nicht besitzen, den Aufenthalt in. Kiew auch nur für die drei Tage, die der Lehrertag währen sollte. Der vom Gouverneur erlaubte Lehrertag konnte deshalb nicht abgehalten werden. Rumänien Bukarest, 10. März. Seit einigen Tagen werden hier beunruhigende Gerüchte verbreitet. Im ganzen Lande, so heißt es, gärt es unter den Bauern und die Möglichkeit eines neuen Aufstandes soll gar nicht ausgeschlossen sein. Die Regierung tut ihr möglichstes, um in den Städten beruhigend zu wirken. Aus dem Lande