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Der Israelit · 1908-03-19 · Heft 12 (19.3.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 12 (19.3.1908)
Date
1908-03-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1» ättftYft 1908 Der SßoMttt Sette S. Nr. IS zugehen, öder besten Falles eine Anspielung, eine Parabel oder Allegorie dahinter zu suchen, Hören Sie nun, meine Freunde, was zu dieser Wundereitzählung M. Joel in seinen „Blicken in die Religionsaeschichte zu Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts" (I. S. 7 ff.) zu sagen weiß. (Für diejenigen unter Ihnen, die mit der Geschichte der religiösen Bewegung im Judentum seit Mitte vorigen Jahrhunderts und ihren Männern weniger vertraut sind, bemerke ich in Parenthese, daß Joöl der Nachfolger Geigers in seinem Predigeramt in der Breslauer Reformsynagoge, aber ein Mann von vornehmer Gesinnung und Gesittung auch dem Gegner gegenüber, den Ausschreitungen der Reform durchaus abhold und von Respekt vor unseren Großen des Talmuds erfüllt war.) Das Zeugnis dieses Mannes ist also sicher unverdächtig, wenn es sich für die Fides des Talmuds einsetzt, und überdies hat es jeder in der Hand, seine Angaben aufs kritischste nachzuprüfen. Ich will aber vorweg bemerken, daß das Jotzlsche Buch nicht zu denen gehört, die man „durchlesen" zu wollen wagen darf. So anfechtbar Joöls Standpunkt in der religiösen Praxis und so schief seine Auffassung von der historischen Stellung des Judentums oer Gegenwart war, so tiefgründig sind, auch wo ihr Resultat falsch ist, seine Forschungen zur Religionsphilophie, und besonders auf dem Gebiete, das hier zur Frage sieht, und das er, wie kein zweiter beherrschte, das Gebiet der Patristik und der Reliaionsgeschichte der ersten Jahrhunderte des Christentums. Also Joel schreibt: „Wollte ich die Frage aufwerfen, was von solchen Wundern zu halten sei, so würde ein nüchterner Forscher lächeln. Aber ich will an einer merkwürdigen Parallele zeigen, in welcher Weise bisweilen der Canon: Wo Wunder erzählt werden, da haben wir es mit nichts Tatsächlichem zu tun, modifiziert werden müsse. „Als R. Abuhu (im Zeitalter des Diokletian) starb — so erzählt der Talmud, — da vergossen die Säulen von Cäsarea Tränen." Ein richtiges rabbinisches Märchen, wird man sagen. Aber, siehe da, Eusebius, der Bischof von Cäsarea, erzählt für dieselbe Zeit, in der R. Abuhu lebte, nachdem er über christliche Märtyrer in Cäsarea berichtet hatte, Fönendes: „Während dieses (nämlich die grausame Behandlung der Märtyrer mehrere Tage hindurch) geschah, ereignete sich folgendes Seltsame. Die Luft war rein und hell und der Himmel wunderbar heiter. Da begannen plötzlich die meisten Säulen, welche die öffentlichen städtischen Hallen in Cäsarea stützten, wie eine Art Tränentropfen zu vergießen. Auch die Marktplätze und Straßen wurden, während kein Tröpfchen aus der Luft kam, ich weiß nicht woher, vom Waffer naß und feucht. So daß alsbald alle Leute sagten, die „Jetzt auf den Beinen und auf der Lauer bleiben! Aufpassen und Auffinden. Ich will nicht die Militärgewalt umsonst alarmiert haben. Verstanden?" Tock der Pristav, der den charakteristischen Namen Mossaköw hatte, und von dem die Sage ging, daß er Nachkomme einer getauften jüdischen Familie aus Moskau sei, wagte bescheiden einzuwenden: „Zu Befehl Ew. Wohlgeboren '.Aber Ew. Wohlgeboren wissen, ich Hab' Weib und Kinder, und da begibt man sich nicht ohne weiteres dahin, wo man mit Revolver oder gar Bomben begrüßt werden kann!" „Bombe? — Der Jnsprawnik, ein Ostsee-Provinzler deutschen Blutes lachte gemütlich — „Größenwahn, lieber Freund! Die wie Elias mit Feuerrößlein in die Lüste fliegen, sehen anders aus. Bomben, lieber Freund, werden nicht für den Pristav von Polonim fabriziert." „Aber Schrot und Messerklinge. Immerhin genug für einen, der Weib und Kind hat", erwiderte der Pristav etwas beleidigt. „Was schert mich Weib, was schert mich Kind? „Laß sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind!" -- zitierte der Jnsprawnik. - Doch der Pristav verstand kein Deutsch und das „Heine'sche Buch der Lieder" war ihm ein Buch mit sieben Siegeln, und so setzte er ganz prosaisch, aber sehr bedeutungsvoll hinzu: „Unsereiner hat, wie Ew. Gnaden wissen, kaum Gelegenheit gehabt, im Amte für seine Familie zu sorgen, daß sie leben könnte, auch wenn er zum Krüppel geworden." „Schon gut!" unterbrach der Jnsprawnik. Er verstand die Anspielung und sogar die Drohung, die hinter dem devoten Tone des Unterbeamten, der in so manches eingeweiht war, versteckt lag, vollständig. Erde weine in unsagbarer Weise, weil sie die Frevelhaftigkeit des damals Vollbrachten nicht tragen könne. Zur Beschämung der harten und lieblosen Natur der Menschen hätten die Steine und die leblose Materie über das Geschehene geweint. Als Geschwätz und Fabel, weiß ich wohl, wird späteren Menschen das Gesagte erscheinen, nicht so denen, denen der Zeitpunkt selbst die Wahrheit der Sache bekräftigt hat. Das Faktum ist also nicht einfach erfunden, aber in der Deutung de- Faktums unterscheiden sich die Zeiten und die Menschen." So Josl. Brauche ich Ihnen zu sagen, welche Lehre dieses Beispiel uns als Forderung des Tages künden soll? Sie liegt nur allzu oben auf. Es fordert den gebührenden Respekt, und daraus folgend die gegebene Vorsicht in der Kritik auch des historischen Tatsachenmaterials des Talmuds, und wäre dasselbe auch in aggadische Bindung eingeschloffen/ es befiehlt Ihnen als Forderung des TageS, wo immer Sie jenem „Lächeln nüchterner‘ Forscher" über die naive Unmöglichkeit der historischen Beobachtungsgabe unserer D'Vii:» begegnen, in den Chorus dieser Spötter nicht miteinzustimmen, sondern sich bewußt zu bleiben, daß JV2 MMWp IT2 Kl, daß die hier zum Worte gelangten, zu klare, scharfe Denker, zu nüchterne Beobachter, zu wahrheitsfeste Charaktere waren, um den Vorspiegelungen einer irreführenden Phantastik, den Täuschungen durch unzuverläffige Berichte zu unterliegen. Gewißes besteht ein gewaltiger Unterschied in der Dignität zwischen den halachischen Sätzen und den aggadischen, wie den historischen Bestandteilen unserer Gemoroh, und gerade das Interesse der Halachah fordert, daß diese Verschiedenheit der Bewertung stabilisiert werde. Das Halachah-Wort steht wie es ist, uud widerstrebt jeder Umdeutung und Begriffsübertragung,' die Aggadah fordert Schürfetechnik, die aus dem Gestein das Edelmetall zu fördern weiß. Jst's aber darum nicht erst recht eine Sünde im Geist, wenn man sie ohne Weiteres als Kii-dennärchen anschaut und mit mitleidigem Lächeln des Kinderglaubens spottet, der auch hier D"n o'p^K sieht? I (Schluß folgt.) £<i55tl contra Marx. Wir empfangen von sachkundiger Seite folgende Zuschrift: Bei der zweiten Lesung des Kultusetats im Abgeordnetenhause sind, wie die Leser des,/Israelit" aus dem mitgeteilten stenographischen Berichte ersehen haben, Wortführer aller Parteien für die Erhöhung des für die Subventionierung des jüdischen Religionsunterrichtes bereitgestellten Dispositionsfonds „Schon gut!" sagte er einlenkend, „wird sich schon alles finden!" Die guten Polonimer waren nicht wenig erstaunt ob des fremdartigen kriegerischen Aussehens, das ihre stille verschlafene Straße schon nach einigen Tagen so plötzlich und unvermittelt erhielt. Fremde, wilde Gestalten in Uniformen, Kosaken mit Nagaiken fuchtelnd zu Fuß und hoch zu Roß tauchten plötzlich auf und mischten sich unter das erschrockene und verwundert dreinschanende Volk, zwischen beiden Ladenreihen überall Angst und Grauen verbreitend. Die Krämer schlossen schleunigst ihre Läden, sobald sich eine solche Horde ihnen näherte, die Obstfrau bedeckte ihren Auslegetisch und lies davon und die Bauern wichen vor den fremdartigen Gesellen in unheimlicher Scheu zur Seite, als wären sie geladene Revolver, deren Berührung gefährlich sei. Diese bewaffnete Macht paßte so schlecht in das graue, schläfrige Straßenbild Polonims hinein, wie etwa die blanken Messingknöpfe dieser Helden zu ihren aschgrauen, schäbigen und von Schmutz strotzenden Waffenröcken, oder wie die glänzende Kokarde des Pristavs Mossakows und die rote Quaste seiner Parademütze zu seiner etwas gewölbten Nase und gebückten Gestalt. (Fortsetzung folgt.) > Berliner Purimscbcrzc. Das immergrüne Blatt an der Spree beschäftigt ftch seit längerer Zeit immer häufiger mit der ihm viel zu lebendigen Orthodoxie. In verschiedenen Leitartikeln von 40 000 M. eingetreten, alle unter Berufung auf die von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" ausgearbeiteten statistischen Materialien. Auch der Abgeordnete Cassel benutzte diese stattstischen Feststellungen, knüpfte aber an die Ausnutzung dieses Materials eine Polemik gegen den Abgeordneten Marx und den bei der Beratung des Volksschulunterhaltungsgesetzes im Jahre 190f> von diesem im Einverständnis mit der „Freien Vereinigung" eingebrachten und zur Annahme gelangten Antrag. Abgeordneter Cassel sagte diesbezüglich: Viel wichtiger ist aber der andere Punkt, daß die Unterstützung nur abhängig gemacht wird von einer Ziffer von mindestens 12 Schülern. Meine Herren, es ist dreimal schon die Statistik nach Prozentzahlen ausgemacht worden. Ich habe sie vor mir liegen, werde aber das Haus nicht zum vierten Male mit dem Vortrag dieser Statistik behelligen. Ich resümiere mich kurz dahin, daß 41 Prozent sämtlicher jüdischen Kinder Religionsunterricht schwerlich erhalten könnten, wenn nicht anders dafür gesorgt würde, und wenn man nur die staatliche Unterstützung gewähren würde, sobald die Zahl der Kinder in den einzelnen Verbänden die Zahl 12 erreicht. Ich erkenne es ja an, daß der Herr Kommissar der Staatsregierung die Zahl nicht auf die einzelnen Gemeinden beschränken, sondern nach Möglichkeit den Versuch unterstützen will, zusammensassende Verbände mehrerer Gemeinden zu bilden. Das mag an einzelnen Stellen möglich sein. Aber der Herr Kollege Marx hat schon mit Recht ausgeführt, daß in sehr vielen Fällen wegen der weiten Entfernungen es nicht gehen wird, und ich glaube doch, daß nicht bloß die Juden, und nicht bloß die jüdischen Schulkinder, und ihre Eltern, sondern auch der Staat ein Interesse daran hat, daß eine so große Zahl von Kindern wie 9843 nicht ohne Religionsunterricht aufwächst. Ich bemerke dabei dem Herrn Kollegen Marx, daß ich sehr gern bereit bin, noch das Bestreben zu unterstützen, daß auch den 18,321 katholischen Schulkindern nach Möglichkeit Religionsunterricht gewährt wird, welche ihn jetzt nicht erhalten können, weil in einzelnen Gemeinden die Zahl von 12 katholischen Kindern nicht vorhanden ist, obwohl bei den Katholiken eben die Sache anders liegt, infolge des gesetzlichen Anspruches, den sie ans Erteilung des Religionsunterrichtes bei einer Minorität von 12 Kindern haben. Wären die Dinge damals so georduct worden, wie wir es wünschten, dann wäre die jetzige Frage nicht ausgetaucht. (Sehr richtig!) Ich. muß aber bedauern, wie sehr, ich auch die jetzt bekundete, wahlwollende Absicht des Herrn Kollegen Marx anerkenne, daß gerade die Anträge, welche er in der' zweiten Lesung des Schulunterhaltungsgesetzes gestellt hatte, nicht dazu geführt haben, die Lage zu verbessern, sondern daß es viel besser um die Ordnung dieser Dinge gestanden hätte, wenn die Vorlage so vom Hanse beschlossen worden wäre, wie sie aus der Kommission nach sorgfältigen Berattmgen hervorgegangcn ist, wenn schon unsere weitgehenden Anträge nicht angenommen wurden. (Sehr richtig!» Diese hier im letzten Augenblick gestellte Abändernngsanträge haben eine wesentliche Vers ch l e ck, t e ru n g herbeigeführt.. Der Aba. Cassel hat mithin gegen den Abg. Marx den Vorwurf erhoben, er trage mit seinen Mandanten die Schuld an dem gegenwärtigen Mißverhältnisse zwischen den Bedürfnissen des sucht es ihre Fehler und Laster nachzuweisen. Bald soll sie schuld daran sein, daß der Landtag beim Schulunterholtungsgesetz nicht nach der Pfeife der Liberalen tanzte, bald ist cs die unausstehliche Orthodoxie, die dem badischen Oberrat das Leben verbittert. In seiner letzten Nummer berichtet das Blatt nach, dem Konzepte des Herrn Geh. Oberregierungsrates Dr. David Mayer von den Mißerfolgen im Lager der Alten! Der Unterricht ist dort schlecht, und die Zeit, die dafür aufgewandt wird, steht in keinem Verhältnis zu der! Resultaten. Weder können die Schüler die Gebete, noch anderes übersetzen und mit den Ergebnissen des talmudischcn Unterrichts wäre auch kein Staat zu machen. In dieser Tonart geht es weiter mit Zitaten aus dem badischen Verordnungsblättlein. Den Gesinnungsgenossen des immergrünen Blattes muß es doch nicht so ganz wohl dabei sein. Die witzelnden und spöttelnden Artikel täuschen nicht darüber hinweg. Sas einzige Argument, das die Reform für ihr Fortschreiten anzuftthren weiß, ist die Orgel, die in fast allen großen Städten Deutschlands dominiert. Sie ist aber nichts weiter als das Feigenblatt, das die Blößen des Orgeljudentums zuverdecken hat. Der echte Jude hat nicht nötig, wenn er sich mit seinem Schöpfer unterhält, durch äußere Eindrücke, wie Orgeltöne, sich erst in die rechte Stimmung versetzen zu lassen. Er bringt sie schon mit. „Am Tage des Glückes ist er froh und am Tage des Unglücks sieht er zu", spricht der weise König. Einen Satz hat uns Megillas Esther in diesen Tagen gebracht, der gegen die Orgelfreunbe gerichtet zu sein scheint. Als die Reihe an ihr war, vor dem König zu erscheinen, heißt es in dem Buche, 121 PIWp2 K; — fte verlangte nichts, mDK '»PITY! — rPKl 72 OT2 in — sie fand Gunst in den Augen aller, die sie sahen — die Wettbewerbinnen mußten all; möglichen ToÜettenkünste gebrauchen, um

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