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Der Israelit · 1908-03-19 · Heft 12 (19.3.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 12 (19.3.1908)
Date
1908-03-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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»Israel«/ «eite 8. Ra. 12 der kleinen gesetzestreuen Fraktion in der Synode gelingen, eine ftste, im Prinzip klare und unzweideutige Stellung zu gewinnen, um auf dieser Basis, bündnisfähig in Einzelfragen, den Blick auf die unverrückbaren Maßstäbe des Gottesgesetzes gerichtet, für die Wiedergewinnung der badischen Judenheit rrnynVi mvA zu wirken. -Olochommöfcha«. SabbafhenftDetfiung un9 dionismus. In dunkeln Andeutungen, von prinzipiellen Auseinandersetzungen über die „Rückkehr zum Judentum umrahmt, berichtet ein misrachistisches Organ — wenn wir recht verstehn —, man habe in oen Cölner Bureaux des zionistischen Aktionskomitvs eines schönen Tages die niedliche Entdeckung gemacht, daß die Wochentage zur Erledigung der Parteigeschäfte nicht mehr ausreichten, und daß —der Sabbath daher zu Hülfe genommen wurde! An andrer Stelle desselben Blattes wird dann eine Erklärung des Präsidenten Wolffsohn zu dem skandalösen Vorkommnis veröffentlicht, die wie folgt lautet: „Die Sabbathangelegenhett ist in jeder Hinsicht übertrieben worden. Die Bureaus waren immer offiziell geschloffen. Als ich darauf aufmerksam gemacht wurde, baß in einigen Abteilungen diese ' orschrtft nicht ganz streng innegehalten wurde, habe ich bestimmt, daß von jctt ab sämtliche Bureaus von Freitag-Abend ab so jüceng geschloffen sein sollen, daß auch nichtjüdtsches Personal am Sabbath die Bureaus n cht betreten kann. Sämtliche Abteilungen der Kölner Bureaus find also an Sabbath und Feiertagen strengstens geschloffen." Unsre eigne prinzipielle Stellung zum Zionismus wird durch die Frage, ob innerhalb der offiziellen Organisation de facto grundlegende religionsgesetzliche Vorschriften verletzt werden oder nicht, in keiner Weise berührt. Vertragen sich ja mit der grundsätzlichen Verdrängung des religiösen durch das nationale Prinzip, die nach unser Auffaffung das Wesen des heutigen Zionismus ausmacht, sehr wohl die weitgehendsten praktischen Zugeständnisse an die Wünsche der gesetzestreuen Zionisten. Allein diesen letzteren mochten wir doch die Frage vorlegen, ob sie wirklich so naiv sind, die Cölner Sabbathentweihung ftir einen bedeutungslosen Zufall und nicht für eine innere Notwendigkeit, für ein Kleines Feuilleton. Repolntföiilre Köpfe. Nach einer wahren Begebenheit von S. Schachnowitz. Polonim zeichnet sich von den anderen ureisstädtchcn Rußpolens durch nichts aus. Dieselben engen Gassen, dieselben baufälligen, grauen, schindelbedachj- V ten Häuser, die ohne Plan und Baulinie an-, in- und ^-Ämeinander gewogen, oft von langen, unregelmäßigen Zaunpfählen eines Gemüsegartens, hie und da aber auch von einer stattlichen weißgetünchten Mauerfassade unterbrochen sind. Die Hauptstraße, auch lange Sraße genannt, die Verkehrsader der Stadt, hat zwei Ladenreihen an beiden Seiten, zwischen denen sich die Händler tummeln, einige Wagen sich bewegen und die Bauern aus dem flachen Land kommend, asssonntäglich zur Kirche wallen. „In diesem Judenneste" — klagte der Jnspravnik (Kreisdirektor) seinem freunde — „werde ich wohl schwerlich jemals avancieren. Es ist hier kein Leben, ich meine" — fügte er etwas vorsichtig zu — „was man so heute Leben nennt. Sie arbeiten und schachern die ganze Woche und an ihrem Sabbat ruhen sie. Wie soll da unsereiner zeigen können, daß er ein brauchbarer Mann fei und auch auf einem andern Posten der heutigen Lage gewachsen wäre?" Aber auch andere Parteien hatten Grund zur Uvznfriedenheit: „Es sind Philister, Schacherer, Krämerseelen" — ernstes Symptom zum wenigsten zu halten, und vb sie ferner so gutmütig sein wollen, sich mit der gewiß durchaus ehrlich gemeinten persönliches Erklärung des Herrn Wolffsohn 'äbspeisen zu lassen? Bor allem ist zu fordern, daß die misrüchistischen Organe selbst der Oeffentlichkeit klaren Wein einschenken, und daß sie nicht ihre Parteigenossen in Schlaf einlullen, wo ein Sturm der Entrüstung die Reihtzn aller halbwegs religiös Empfindenden, nicht nur der Gesetzestreuen durchbrausen müßte. Vorgebeugt könnte ähnlichen „Entgleisungen" jedenfalls nicht durch wohlwollende präsidiale Erklärungen werden, sondern nur durch die Aufnahme einer FundamentalbestiMrnung ins- Organs sations st atut der Partei, wonach die Bestrebungen des Zionismus sich positiv auf dem Boden und im Rahmen des jüdischen Religionsgesetzes zu bewegen haben. Wenn man allerdings sieht, in welch wegwerfender, beleidigender Art und Weise Herr Nachum Sokolow im offiziellen Parteiorgan ditz „Siddurinn- Kämpfe" und alles spezifisch Religionsgesetzliche zu behandeln wagt, und wenn man gar hie und da einen Blick in die Spalten der hebräischen „Welt" — benannt — wirft, dann sinkt die Hoffnung auf Null herab, daß eine Umwertung der zionistischen Werte in absehbarer Zeit sich vollziehen könnte. Vielleicht sehen das die gesetzestrenen Zionisten eines Tages selber ein und gehen dann rüstigen Sinnes selbstständig Und unabhängig daran, ihre Ideale zu verwirklichen. An der Möglichkeit, in allen wirtschaftlichen und politischen Dingen mit der zionistischen Partei zusammenzuwirken, würde es ihnen auch dann nicht fehlen. Die Cäfiflheif 9er „Rlliünce Israelife.“ Bei der jüngsten Tagung der deutschen Konserenzgemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle in Berlin wurde mit Befriedigung festgestellt, daß die helfende, ausrichtende und unterrichtliche Tätigkeit dieser Körperschaft auch im vergangenen Jahre eine weltumfassende war. Wir sind die letzten, die die grandiose Hilfsarbeit der „Alliance" unterschätzen wollten >* wir haben vielmehr oft genug, zuletzt anläßlich der Besprechung des neuen Geschichtsbuches Philippsöns und der darin enthaltenen Angriffe gegen die „Alliance", offen und unumwunden unsere anerkennende Meinung über die großangelegten organisatorischen und Humanitären Werke dieser Körperschaft zum Ausdruck gebracht und nehmen auch jetzt gar keinen Anstand, die helfende und aufrichtende Tätigkeit der „Alliance" auch im vergangenen Jahre mit dem raisonnierte ein Student, der eigens aus der Residenz gekommen war, um revolutionäre Saaten zu streuen — „Weib und Kind! Es ist ihr höchstes Wort, ihr einziges Ideal; sie werden niemals den weiten Blick für höhere Kulturarbeit, für den Begriff der Freiheit gewinnen!" — Auch ein Vertrauensmann vom Vereine der Schwarzen, einer der echten russischen Männer war einmal aus der Gouvernementsstadt gekommen. Er ging gleich, in die umliegenden Dörfer und begann seine Wühlarbeit gegen die Juden. Ta fragten ihn die biederen Landleute, ob er seine Ware billiger verkaufe als die Juden? Als er aber erklärte, daß er nichts zu verkaufen hätte, daß es sich hier überhaupt nicht um Geschäfte handelte, sondern um höhere Aufgaben zur Rettung des Staates und des Vaterlandes, da hielten ihn die erschrockenen Bauern für einen Steuerexekutvr, der die rückständigen Bodenabgaben csintreiben wollte und jagten den Schwären, nachdem sie ihn rot und blau gezeichnet, mit nüppeln zum Dorfe hinaus. Und doch sollte es einmal auch in Polonim anders kommen. Der große Sturm, der int Innern sich orkanartig an allen Enden erhoben, ließ auch zwischen den Ladenreihen Polonims ein leises Wirbeln merken. Und was der tatendurstige Jnsprawnik kaum zu hoffen wagte, was der weltverbessernde Student vergebens herbeisehnte und der schwarze Vertrauensmann für unmöglich hielt, es' kam doch, es kam auf einmal, über Nacht, durch einen Haarschneider.' Eines Tages sah man, wie aus dem holperigen Pflaster gewachsen, einen lockern, tadellos gekleideten und gescheitelten Jüngling sich auf der Straße bewegen, überall spähend, prüfend, forschend und jedem freundlich zulächelnd. Woher kam er, was war er und was wollte er? Seine Herkunft blieb ein Rätsel, _1». März 1908. Bertchterstaftex bet deutschen Konferenzgemeinschaft lobend anzuerkennen. Anders aber verhält eS sich mit ihrer angeblich weltumfaffenden unterrichtlichen Tätigkeit. Das Recht, dieses Lob für sich in Anspruch zu nehmen, müssen wir der „Alliance", so edel ihre Intentionen und so blendend ihre Erfolge auch sonst sein mögen, aberkennen. Die weltumfassende jüdische Solidarität unter der alten schönen Devise?2, welche dem Wahlspruch der „Alliance" zugründe liegt, wird am wenigsten durch ihr Schulwesen erhalten und gefördert. Wir zweifeln nicht, daß der Betrieb in den Allianceschulen allen modernen Anforderungen der Hygiene und Pädagogik entspricht, aber der Geist, der in diesen über drei Erdteile verbreiteten Schulen herrscht, ist alles eher als der Geist des wahren, weltumfassenden Judentums. 45000 jüdische Kinder werden zur Zeit in 142 Elementar- und Fachschulen in allen Weltgegenden auf Kosten der „Alliance" unterrichtet und erzogen — sie wurden bis jetzt vornehmlich französisch erzogen, nun soll aber auf Veranlassung der deutschen Konferenzgemeinschaft mehr als bisher der deutsche Unterricht Berücksichtigung finden. Franzosen oder Deutsche. Von einer weltumfassenden un terrichtlichen Tätigkeit wird die „Alliance" aber nur dann mit Recht sprechen können, wenn in ihren Schulen zu allernächst pflichttreue, die Thora lernende und erfüllende Juden heran gezogen werden, wenn auch ihr Schulwesen so betrieben wird, daß jene Zehntausende ihrer Zöglinge sich in dem einheitlichen religiösen Geiste, der uns Jahrtausende hindurch erhalten hat, zusammenfinden! Das kann nur erreicht werden durch -ein anderes Systettr der Lehrerbildung, das immer noch völlig in Paris konzentriert ist. Die Tordernvg des Tager. Bortrag, gehalten bei dem E tiftungsfeste der Bereinigung jüdischer Akademiker zu Berlin, von De. Edvard Biberfeld in Berlin. - (Fortfttzuüg.) Und nün noch, ein drittes nüchdenftiches Problem. In unserer Gemoroh (pp wirb erzähltdaß, als R. Abuhu starb, die Säulen von Cäsarea Tränen vergoffen. Ein prachtvoller Vorwurf für die Homiletik der Trauerrede — so urteilt man wohl allgemein —, aber beileibe kein historisches Faktum, kein ernst zu nehmender Bericht! Wie man denn ja überhaupt sich gewöhnt hat über Wunder des Talmuds— selbst in wundergläubigen, sonst gut orthodoxen Kreisen — mit einem skeptischen Lächeln hinweg doch herrschte über sein Tun Uiib Wollen bald vollständige Klarheit. Denn unter dem Fenster des oberen Stockes im stattlichen Hause des reichen Holzhändlers Males, wo sich der Fremde eingemietet, prangte bald und schimmerte eine Messingtafel, woraus mit -großen Lettern in allen Variationen und Sprachen die Vzvrte: Barbier, Coiffeur,' Z i r u l n i k, Haarschneider zu lesen waren. Der Barbier wurde oft von eiitem jungen Hilssschreiber des Bauernamtes besucht und dieser brachte seinerseits einen anderen, h och altsgeschossenen, blassen Jüngling, einen Sadengehilfen, der sich stolz Buchhalter nannte, mit. Und oft am späten Äbend, als die Läden längst geschlossen waren und die Straße Kinkel und tot da lag, sah man noch über dem Messingschilde im obeven Hause des tzolzhändlers eine winzige Petroleumkanne flackern und seine langen Finger sich eifrig bewegen. Was bedeutete dieses nächtliche Treiben der drei Weisen von Polonim? Was führten sie im Schilde? Daß der Herr Buchhalter sich, nicht allnächtlich rasteren ließ, stand ebenso fest 'wie die Tatsache, daß der Herr Schreiber an seiner Mähne bisher nichts geändert hatte. Soviel hatte der Pristav, der int Aufträge des Jspravniks eine geheime Untersuchung unternommen hatte, kottstatiert. Was war cs also? Es wußte cs keiner. Auch der Jnspravnik wußte es nicht. Aber er berichtete lakonisch an den Gouverneur: „Verdächtige Symptome! Merkliche Unruhe unter eineni gewissen Teil der Jugend. Nächtliche Bersamnilungen und geheime Beratungen. Die Folge«» unberechenbar. Etwas Militär für jeden Fall erwünscht." Und zum uittergebeneu Pristav sagte der Allgewaltige von Polonim befehlend:

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