Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1908)
- Date
- 1908-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Ela EeHfratoraaH fflr das wftofetg Jifent— fffll asgMBal»|rt«fefmft.LdBMifinhiKtBsss3 49. Jahrgang. Frankfurt a. M.. Sen iß naar ff 5668 Der Israelit erfcheint^jeden Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vrerteljShrlich. HestauSgabe auf Kunstdruckpa-ier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für vir gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn s Kr., RuAand 1 Ru o., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmannahme nur durch mHaaseustejuu. Bog'.er A.-G. «onto bei der K. K. Postsparkaste Wien Ro. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto bei der Rigaer «ommerrbapk in Riga Conto bei dem fl, Postsparkaffenamt Budapest No. 1849s. __und bereit Filialen in DwinSk, Libau» Bialvstok, Reval und Lob vrr Wablrirg in 8a<ien. „Die bevorstehenden Wahlen werden zeigen, ob und wie weil die von dem separatistischen Organe „Der Israelit" vertretene Richtung mastgebgoden Einfluß in der badischen Landessynagoge gewonnen hat, oder ob der Oberrat auch fernerhin wie seither für seine Bestrebungen die Unterstützung der Synode findet." Also hat sich der Großherzo gliche Oberrat der Israeliten höchstselbst vor wenig Tagen in einer offiziösen Notiz über die Bedeutung der bevorstehenden badischen Synodalwahlen vernehmen lasten, die inzwischen, wie unsere Leser aus den an anderer Stelle abgedruckten Berichten ersehen, mit einer vernichtenden Niederlage der oberrätlichen Parteitruppen geendet haben. Die Versuchung läge ftir uns nahe genug, nun, da die Schlacht geschlagen, da mit überwältigender Klarheit die badische Judenheit selbst ihr Verdikt über die von „fleißigen Theologen in zehnjähriger pflichttreuer Arbeit" vorbereitete Gebetbuchaktion gefällt hat, auch unsererseits den Gedankengang des badischen Oberrats aufzunehmen, der im „Israelit" den Urquell alles Bösen erblickt, den Störenfried nach einem Jahrhundert idyllischer Ruhe in der badischen Landessynagoge. So ehrenvoll indessen die Meinung des Oberrats für uns sein mag, wir würden es für eine verhängnisvolle Selbsttäuschung halten, wollte man in gesetzestreuen Kreisen, durch die offiziöse WahlparÄe verfiihrt, aus dem erfreulichen Ergeb- , nis der Wahlen nun den Schluß ziehen, es habe in Baden in der Tat die Orthodoxie aus eigener Kraft über die Reform gesiegt. Schon die einfache Erwägung, daß allerdings fünfzehn Gebetbuchgegner, aber vielleicht nur sechs oder sieben ausgesprochen gesetzestreue Jud'en in die Synode ihren Einzug halten, beweist das Gegenteil. Ebensowenig kann der Zionismus allein, der in Bad^ relativ wenig Boden hat, sich rühmen, die Hydra der Gebetbuchfabrikation aufs Haupt getroffen zu haben. Und dennoch glauben wir, daß gerade die gef ehest reue Judenheit dreifache Ursache hat, den überraschend glänzenden Sieg auf dem badischen Kriegsschauplatz mit dankbarer Freude zu begrüßen! Es gehört zum Wesen des sogenannten liberalen Judentums, daß seine Priester mit dem ganzen Selbstbewußtsein des Nationalisten an den überkommenen Schatz der jüdischen Gedankenwelt herantreten, und nun, unbekümmert um den Abstand, der die von Gottesgeist getragene Vergangenheit von der Pygmäenhaften Gegenwart trennt, nach ihrem Bilde sich ein Judentum eigener Mache zurechtzimmern. Diese Art von Religionsfabrikation ist's zuerst, die von der badischen Judenheit in der unzweideutigsten Weise abgelehnt worden istnicht aus Frömmigkeit vielleicht, aber aus gutem Geschmack und aus dem halb unbewußten Ahnen heraus, daß die Weisheit der Alten doch besser und ke ruh aste r sei, als die vielgeschästige Superklugheit der Epigonen. Es ist ein Sieg der Pietät über die Willkür, der da erstritten worden ist, und wie weit ab auch dieses Gefühl respektvoller Verehrung vor der überlieferten Wahrheit von der lebendigen Ueberzeugung sein mag, die den gesetzestreuen Juden ausmacht, froh dürfen wir den Tag doch feiern, der weite, zum Teil entfremdete Kreise der Judenheit im Kampfe für die Würde der alten Tephilla zusammengeführt! Nicht minder wichtig für die gesetzestreüe Judenheit ist ein zweites Moment, das sich bei den badischen Wahlen als wirksam erwiesen hat: das Prinzip der Gewissensfreiheit. Auch hier muß zuerst ein Vorbehalt ausgesprochen werden. Nichts ist in unserer Zeit so sehr im Rückgang begriffen, wie die Empfindlichkeit, wir möchten sagen die Feinheit des Gewiffens auf religiösem Gebiete. Die „Tragfähigkeit" der Gewissen ist selbst im Kreise derer, die ihr Leben nach dem Diktate des Gottesgesetzes einrurichten wünschen, überaus verschieden, und was der eine in stiller Gewöhnung als selbstverständliche „Unstimmigkeit" zu ertragen gelernt hat, das löst im Gemüte des vom Geiste des Gesetzes vielleicht intensiver durchdrungenen Genoffen Empfindungen des quälend st en Gewissensdruckes aus! Das Schicksal-der gesetzestreuen Judenheit iu den modernen Kulturländern wird, soweit dieses Geschick durch Gesetzgebung und Verwaltung bestimmt wird, unseres Erachtens davon abhängen, daß es gelingt, überall den Forderungen der Gewissensfreiheit in dem Sinne Gehör zu verschaffen, den nicht die relativ Gleichgültigen und Ab gestumpften jeder Partei, sondern die am stärksten Empfindenden mit dem Begriffe der Gewissensfreiheit verbinden. Hält man sich diese Tatsache vor Augen, so darf der Wahlausfall in Baden als ein gutes Vorzeichen für die Zukunft begrüßt werden. Der badische Oberrat hat sicherlich niemals die Absicht und niemals das Bewußtsein gehabt, der Gewissensfreiheit seiner orthodoxen Unterthanen zu nahe zu treten — ihm mußte nur naturgemäß die Empfindung dafür abgehen, was das Gewissen eines im Geiste der altüberlieferten Lehre denkenden Juden belasten könne und was nicht. Und wenn nun dennoch Hunderte von religiösenGesinnungsgenosseu dieses selben badischen Oberrates dank der Aufklärungsarbeit der Gesetzestreuen mit dem Stimmzettel in der Hand sich laut und freudig — trotz aller Beschwichtigungsversuche des Oberrats — für die Gewissensfreiheit der Andersdenkenden erklärt haben, wenn sie — ungleich dem Oberrate — nicht das eigene religiöse Bewußtsein, sondern das der andern darüber befragten, was jenen Gewiffensfreiheit und was Gewiffensdruck sei, so giebt uns diese Erfahrung die tröstliche Hoffnung daß eS nur der redlichen und mutigen Arbeit bedürfe, um auch weiterhin der religiösen Freiheit eine Gaffe zu bahnen, in deren Luft allein das überlieferte Judentum gedeihen kann. Der Erfolg eifriger Arbeit, das ist das dritte erfreuliche Moment, das die Wahl gezeitigt hat. Die Seele dieser Arbeit war unbestrittenermaßen die Gruppe der Gesetzestreuenan ihreni Eifer und ihrer Begeisterung entzündete sich die Schaffensfreudigkeit der wacker mitkämpfenden zionistischen Bundesgenoffen, bis es endlich nach unablässiger mühevoller Arbeit gelang, weite Kreise der indifferenten, ja der „liberalen" Wähler von der inneren Gerechtigkeit der guten Sache zu überzeugen. K-OK tnyx — und die Art wie unsere badischen Gesinnungsgenoffen im Wahlkanipfe mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet haben, kann vorbildlich sein, für alle diejenigen, denen ähnliche Kämpfe beschieden sein werden. Es ist heute noch nicht an der Zeit, in eine Betrachtung der Aufgaben einzutreten, die sich für die Gebetbuchgegner und im besonderen für die badischen Gesetzestreuen aus der jetzt geschaffenen Konstellation ergeben. Bor allem gilt es natürlich, dafür zu sorgen, daß der Gebetbuchentwurf, den die Wähler verurteilt haben, nun auch tatsächlich von der Bildfläche verschwinde. Wenn man die offiziöse Notiz liest, durch die sich der Oberrat in der „Karlsruher Zeitung" über das doch wahrlich sehr eindeutige Wahlergebnis hinwegzuhelfen sucht, so erscheint uns die Zurückziehung der Vorlage noch keineswegs sicherwird ja dort die kühne Behauptung ausgestellt, „etwa die Hälfte der Wähler habe für, die Hälfte gegen das Gebetbuch votiert", während von der imposanten gebetbuchgegnerischen Majorität (tö gegen 6) der Offiziosus keine Silbe zu vermelden weiß! Mit der endgültigen Beseitigung des Gebetbuchs aber würden sich die gesetzestreuen Syuodalmitglieder vor allem vor die Aufgabe gestellt sehen, ein scharf umrissenes Programm ftir ihr politisches Verhalten und für ihre Beziehung« zu Freund und Gegner zu formulieren. Leicht ist diese Aufgabe keineswegs, aber die Tatsache, daß die Führung der Orthodoxie in Baden sich im Kampf der letzten Monate so trefflich bewährt hat, läßt hoffnungsfroh in die Zukunft schaueu. Mögs