Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1908)
- Date
- 1908-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Seile 5 13. Mär. 1906. Der Mraettt. nen Anschauungen nicht vereinbar sei. Es gelang indessen dem Redner nicht, den Nachweis zu führen, wie angesichts der vom Oberrat eingebrachten Vorlage die Gewissensfreiheit überhaupt gewährleistet werden könne. Der Redner betonte unter Berufung auf ein Schreiben des Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer an seinen in Freiburg lebenden Bruder, daß das neue Gebetbuch in jenen Landgemeinden, in denen sich nur eine Stimme gegen den Entwurf erhebe, in den Synagogen nicht eingeführt werden könne, während man in den S.chulen dort wo zwei Parteien vorhanden seien, das gemischte System durchführen wolle, wonach gleichzeitig nach beiden Methoden und vom gleichen Lehrer den Schülern Unterricht erteilte werde. Herr Rechtsanwalt Dr. Casewitz konnte in seiner Erwiderung darauf Hinweisen, daß auch er sich, trotz seiner prinzipiell verschiedenen Anschauungen, nie dazu hergeben würde, zu verlangen, daß eine Gemeinde, die .einhellig ein neues Gebetbuch fordere, dasselbe nicht einführen dürfe, daß d a z u n i ch t e i n m a l d ie Z u st i m m u n g d e r S y n o d e e r f o r d e r l i ch s e i,. daß er aber die bedenkliche Art des Unterrichts in den Schulen nicht mitmachen könne. Wo in den Schulen eine einmütige Einführung des neuen Gebetbuches verlangt werde, würde auch er nie dagegen Stellung nehmen. Dazu sei es aber nicht erforderlich daß die Synode dieses Buch einer Parteir ich tun g feierlich approbiere. Er sei der tiefen Ueberzeugung, daß ohne diese feierliche Empfehlung durch Oberrai und Synode das neue Gebetbuch, das den Grundprinzipien der jüd. Religion widerspräche, überhaupt nicht zur Einführung kommen werde, daß insbesondere in ganz Baden, außerhalb der Kreise der Rabbiner und Lehrer, die in der Sache engagiert wären, keine 2 Dutzend Mitglieder der Landessynagoge, die auf dem Boden des Religionsgesetzes ständen, das neue Gebetbuch als ein Bedürfnis für ihre modernen Empfindungen verlangten. Herr Geh.-Rat Rofin, Mitglied des Oberrats, ließ anfangs seiner Ausführungen der Persönlichkeit des Herrn Dr. Casewitz volle Gerechtigkeit widerfahren, wies indessen darauf hin, daß die Einführung des neuen Gebetbuches in die Synagogen nicht an die Einmütigkeit der Gemeinden gebunden sein könne. Er bezeichnete dieses Verlangen als i n t o l e r a n t (!), während er in Bezug auf die Einführung in den Schulen die Ansicht vertrat, daß der Oberrat „schoN die richtige Form finden werde" und daß man Vertrauen zum Oberrat haben müsse. Jetzt, nachdem die Vorlage einmal eingereicht sei, jüdische Volk den andern gibt, daß das Volk der ältesten, innerlichst gehüteten U e b e r li e f e ru n g das stärkste, das ewige Volk ist?" Schade, daß Felix Mendelssohn- Dartholdy nicht ebenso gedacht hat! Zustellung des Israelit! Sämtliche für unsere i'ofi * Abonnenten bestimmten Exemplare liefern wir der hiesigen ZeitungSstelle Donnerstag abend ein. so daß jeder Abonnent innerbalb Deutschlandspätesten- Samstag in den Besitz der Zeitung gelangen muß Sollte in der Zustellung deS W»tteS eine Bersvätunq Vorkommen oder »ine Nmmnrr gänzlich »nSdleiben, so bitten wir dringend» bei dem Postamte *» Wohnort des -bonn«Nten «Aamieren zu wolle». Dabetreffende Postamt ist verpstichter, unverzüglich von bqa treftgen PostzeittmgSamt Nachlieferung der fehlenden Nummer zu verlangen. Erfolgt jedoch aus diese Beschwerde hm» keine ReMebur, so bitten wir, erst dann unS entsprechende Mittelvmg zu machen. Mr Abonnenten» die unsere ZeiwNg unter Streifband zugrstellt" erbalten, wollen direkt bei unS Nekkamationen einreichen. Verlag Ass Israelit, L. m. fc. fL Frankfurt a. ifc, Hansafiaus. ‘Öäiiii ii> Ji.-'i , JUä L.i iru zu deren Anreger nern ich tzähle, müsse sie auch festgehalten und im Interesse des Oberrats verteidigt werden. (!IRed.) Herr Universitätsprofessor Tr. L ö w y sprach darauf in warmen Worten ebenfalls für die Kandidatur des Herrn Dr. Casewitz und für das alte Gebetbuch. Er zeigte die Widersprüche in der neuesten Entgegnungsschrift des Stadt- und Konferenzrabbiners Dr. Steckelmacher auf, der als Schüler Frankels, des von ihm so hochverehrten Lehrers, Ansichten vertrete, die jenen des hervorragenden liberalen Vorkämpfers diametral gegenüberständen. Herr Julius Simon aus Mannheim wies auf den Widerspruch hin, der in den verschiedenen Interpretationen der oberrätlichen Ansichten läge und bezeichnete die Vorlage als juristisch unhaltbar formuliert. Er betonte, daß die Frage heute Nicht mehr allein diejenige der Verteidigung des alten Gebetbuches und jüdischer Prinzipien wäre, daß sie vielmehr auf eine viel allgemeinere und noch höhere Warte gestellt worden fei, da es sich jetzt um die Verteidigung oberster Prinzipien des Rechts handle. Das Gebetbuch tit der Art, wie es der Oberrat jetzt einzüführen gedenke, könne Keinen befriedigen, am allerwenigsten die wahrhaft liberal Denkenden, deren Prinzipien von Freiheit und Duldung ebenso gefährdet wären, wie die religiösen Ansichten der Konservativen. Schließlich wies Herr Simon auf die Persönlichkeit des Herrn Casewitz hin, die erfüllt sei, von wahrhafter Friedensliebe, und gab der Meinung Ausdruck, daß dieser Mann der mittleren Linie, der stets bestrebt gewesen sei, die Eintracht im Judentum überall hoch zu halten, gewiß schweren Herzens in diesen Kampf ziehe, und daß man ihm nachempfinden müsse, welch tiefes Pflichtgefühl ihn dazu treibe, in der Erkenntnis, daß er durch die Verteidigung seiner Ansichten dem wahren Frieden diene. Er sei ein würdiger Vertreter der Gemeinde und die Ehre, die auf ihn gefallen sei, die Gemeinde Freiburg bisher zu vertreten, hätte gleicherweise auch die Gemeinde, dank der Persönlichkeit ihres Repräsentanten, geehrt. Es sprachen weiter Herr Kahn aus Freiburg und der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. Herzfeld. Schließlich ergriff Herr Geh.-Rat^Rosin noch einmal das Wort, um zu betonen, daß die liberale Richtung auch nach Betätigung ihrer religiösen Empfindungen verlange, worauf Herr Simon ihm nochmals erwiderte, daß man sich heute nicht darüber streite, daß aber die Vorlage des Oberrats auch diesen Forderungen keine Rechnung tragen, sondern nur den Frieden stören und die Unduldsamkeit in die Gemeinden hinauslragen werde. Wolle man neue Institutionen für die Liberalen, trie darnach verlangten, schaffen, so würde die Stellung zahlreicher Gegner eine andere, keine kämpfend?, sondern höchstens eine abmahnende sein. Nach einem kurzen Schlußwort des Herrn Dr. Casewitz, worin der Kandidat sich wieder bemühte, rein sachlich und ganz objektiv zu sprechen, schloß nachts 2 Uhr die imposante Versammlung. * Herrn Heyman n aus Lörrach, der sehr objektiv seines Amtes waltete, Lehrer Abel aus Lörrach in einer 1 y2 stüntügen Rede, in der er das Recht der Liberalennach ihren Prinzipien ein neues Gebetbuch zu verlangen, verteidigte und die „CntwickcliWA der Religion" zu beweisen suchte. Ihm antwortete ausführlich Herr Julius Simon aus Mannheim, dessen Ausführungen fast bei jedem Satz von brausenden! Beifall unterbrochen wurden. Die ganze Gemeinde, mit ganz geringen Ausnahmen, schien von den Ausführungen des Redners hingerissen, der warme Hauch, der von ihm ausging, ergriff die Gemüter der Versammlung. Zur Interpellation an den anwesenden Herrn Lehrer gestaltete sich schließlich eine Controverse mit Herrn Mayer aus Freiburg, dem Bruder des Herrn Geh. Oberregierungsrats, der die Einführung des neuen Gebetbuches in den Schulen neben dem alten befürwortete, und der sich von dem zur Entscheidung aufgerusenen Lehrer sagen lassen mußte, daß Derartiges Men Anfordermigen der Pädagogik widerspräche und deshalb gefährlich, ja imdurchMrbar sei, da sich kein Lehrer dapi hergebe» könne. Die Abendversammlung dauerte bis Vs 11 Uhr. Es ist kein Zweifel, daß der Bezirk unseren Kandidaten, den Vorsteher der Gemeinde Müllheim, Herrn Heim, in die Synode wählen wird und es ist zu hoffen, daß auch die Wenigen, die glaubten, daß eine mehr auf der Mittellinie stehende Persönlichkeit zu entsenden wäre, die aber allesamt mit den Absichten des Oberrats nicht übereinstimmen, auch nicht mit der ultraliberalen Anschauung, die Herr Nordmann aus Lörrach vertritt, doch im Interesse einer einmütigen Kundgebung für Herrn Heim stimmen werden. Man darf von diesen Kreisen erwarten, daß sie schon aus liberalen Grundsätzen dafür sorgen werden, daß ein entschiedener Gegner des Gebetbuchentwurss in die Synode einziehe, und daß sie deshalb unserem Kandidaten ihre Stimme geben, dessen Treue zum Judentum und dessen geschlossene Persönlichkeit allgemeines Ansehen genießt. Sulzburg, 8. März. Hier fand soeben eine Wähler-Bersamnllung von sechsstündiger Dauer statt. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß trotz der schärfften Gegensätze beide Parteien eine vornehme Art in der Vertretung ihrer Ansichten bekundeten, sodaß die Harmonie niemals gestört schien. Der Erfolg der Sache der Gebetbuchgegner ist in Sulzburg zweifellos. Lörrach, 8. März. Hier fand eine von Herrn Jacob Moses geleitete, gut besuchte Versammlung statt. Das einleitende Referat erstattete Herr Moses Kahn, dec ausführte, daß der Entwurf des Gebetbuches nicht dem Bedürfnisse weiter Massen entspringe, sondern lediglich der Neuerungssucht einzelner Oberratsmitglieder zu verdanken sei. Er wies auf die klaffenden Widersprüche hin, die sich ergeben, wenn man die Enquete von 1889 vergleicht mit den Aeußerungen, die jetzt seitens des Oberrates vorliegen. Er schloß seil.e mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit dem Ersuchen, für den Kandidaten Heim mit allen Krätten ein treten zu wollen. Herr Jakob Mayer aus Freiburg ergriff hierauf das Wott: Müll he im, 8. März. Hier fanden heute zwei Versammlungen statt, die eine war einberufen von unseren Freiburger Freunden auf nachmittags 1 Uhr, die andere von unseren Gegnern auf abends 6 Uhr. In der Mittagsitzung referierte der prakt. Arzt Dr. Kaufmann aus Freiburg. In der ruhigen und gediegenen Weise, die diesem vornehmen Redner eigen ist, zeigte der Redner all die Gefahren, die sowohl für Erhaltung des Judetttutns Wie für die Erziehung der Kinder im jüdischen Sinne, den Bestand des, Friedens Und der Eintracht innerhalb der Organisation nnt dem neuest Gebetbuchentwurf verbunden seien. In her Abendsitzung, die erst um 7 Uhr begann, und bei der wieder die, ganze Gemeinde ddllzählig erschienen war, referierte unter dem Vorsitz des aUs der Versammlung gewählten „Der Neuwahl zur Synode gibt der Gebetbnch- Entwurl das Gepräge. Wenn nun dcr Streit sich abfpielen würde zwischen dem Oberrate einerseits und den Vertretern der Orthodoxie und des jüdischen Botketum» (Ziomnen) ardererjcitS, so könmen wir ruhig beiseite stehen, da wir nns nicht berufen fühlen, in die Schranken einzutreten für die beiden Weltanschauungen, oder für die Behörde. Zn diesem Fall? würden wir die Ausfechtnng der Meinungen den Beteiligten überlassen. Es sind aber Vorgänge und Tatbestände zu würdigen, die im Kampsgetöse um das Gebetbuch beinahe übersehen werden und unseres Erachtens ebenso wichtig sind, als die Gebetbuchfrage selbst. Diese Fragen und Vorgänge, sollte jeder Wähler ernsthafter Prüfung unterziehen. Der größt». Oberrat der Jsraeltten verkündet in Wort und Schrift, in Volksversammlungen und in den ihm zugänglichen Zeitungen in allen möglichen Tonarten seine Weisheit und Friedensliebe. Wie stimmt nun damit die Tatsache, daß sämtliche neun Mitglieder des Ober-?