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Der Israelit · 1908-03-12 · Heft 11 (12.3.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 11 (12.3.1908)
Date
1908-03-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SSW? Sette « Nr. 11 DaAsmütt. 1'. Mürz ISl.8 rales, die 6 Laien und die 3 Theologen dem Reform judentum ange.hören und da ß d i e A n s ch a uü n g c n d e r K o n s e r v a t i v e n und Zionisten ganz und gar u »vertreten sind? In keinem einzigen Kulturland wird man bei einer ähnlichen Behörde eine solch schreiende Einseitigkeit finden und wir, die wir selbst der R e f o r m Partei angehören, müssen dagegen aus Rechtsgefühl Front machen, denn Recht und Gerechtigkeit stehen über allem Partcigetriebe. Mit gleicher Einseitigkeit i''t auch die aus 3 Mitgliedern bestehende R a b b i n e r k o n f e r e n z besetzt unter Ausschluß der beiden anderen Richtungen. „Jedem das Seinige", ist ein alter Rechtsspruch. Dafür hat aber der großh. Oberrat in seiner Weisheit und von ihm selbst so viel gepriesenen Friedensliebe kein entsprechendes Verständnis. Wenn z. B. in der Stadt Freiburg die Liberalen oder die Zentrumspartei sämtliche Stadtverordnetcnsitze mit ihren eigenen Leuten besetzen würden — unter Ausschluß aller übrigen Parteien — so würde es, dayon sind Sie wohl mit uns überzeugt, geradezu Revolten absetzen. Nun beschwert sich der friedliebende Oberrat darüber, daß die beiden enterbten Parteien sich gestatten, sich ein klein wenig zur Wehr zu setzen und daß sic, da ihnen die Mitberatung innerhalb der Pforten der beiden israelitischen Behörden verschlossen ist, zur Ablvehr bi' Presse, Versammlungen rc. benützen und sich sogar von Gesinnungsgenossen in Frankfurt a. M.. unterstützen lassen. Der letztere Vorwurf ist p>es Inders deshalb beachtenswert, weil er hauptsächliche von den Friedensaposteln "ausgeht, deren Wiege an der russischen Grenze oder in Ungarn stand. - Was wir hier betonen,' ist den gelehrten Herren' bereits kräftig.genug gesagt worden, nicht etwa von Konservativen oder Zionisten, sondern von wahrhaft liberal und vornehm denkenden Synodalmitgliedern des Unterlandes. Wir möchten übrigens denjenigen wirklich liberal denkenden Menschen sehen, der einen solchen Zustand billigen könnte. Würden die beiden enterbten Parteien sich derartiges ruhig bieten lassen, so wäre dies ein Zeichen vom Absierben des badischen Judentums. Mit dem Inhalte des neuen Gebetbüches uns näher zu beschäftigen, fühlen wir uns nicht berufen, nur so viel sagen wir, daß unter den gegebenen Verhältnissen kein für die jüdische Gesamtheit passendes Gebetbuch zu Stande kommen kann, sondern höchstens zum Gebrauche für einige Wenige ein Partei-Gebetb u ch, welches zu erbitterten Kämpfen und schließlich zur Trennung der Gemeinden in 2 Teile führen wird. Bei solcher Perspektive male man sich gleichzeitig die unerschwinglichen Kosten aus, die solche Trennungen zur Folge haben werden und als weitere Folge die zu befürchtende Flucht aus dem badischen Religionsverbaude. An und für sich lehnen wir ein neues Gebetbuch nicht ab: aber es soll geschaffen werde» unter Mitwirkung aller wesentlichen Parteien und womöglich unter Bcizrehung zum Mindesten der israelitischen Religionsbehörden der übrigen süddeutschen Staaten, damit eS eine nennenswerte Zahl Anhänger findet und Glicht den Geist religiöser Zersplitterung in die Familien trägt. Wenn irgendwo, so sind besonders in dieser Frage Kompromisse zwischen den Parteien erforderlich. Bor Allem aber ist notwendig eine Zusammensetzung der israelitischen Religionsbehörden aus allen Parteien des Landes, nach ungefährem Verhältnis ihrer Stärke. Dieser Hoffnung und diesem Wunsche gilt unser Kampf. Ein Behmgericht, wie es z. B. in der außerordentlich, dazu einberufeneu israelitischen Landessynods unter Assistenz und mit Hochdruck des großh. Oberijats von den Herren Kollegen gegen den abwesenden Bezirksrabbiner Dr. Löwenstein in Mosbach stattsand, der, nebenbei bemerkt, ein gebürtiger badischer Rabbiner und der älteste unter allen ist, allerdings nebst den 4 aüdcren tonservativen Rabbinern des Landes wieder Sitz im Oberrat, noch in der Synode hat, ein derartiges Behmgericht blieb der israelitischen Landessynode bisher allein bcschieden. Auch hätte das badische Judentum keinen Verlust zu beklagen, wenn die Maßregelung des prakt. Arztes Dr. Würzburger in Rappenau nicht erfolgt wäre. Ebenso steht es mit dem bekannten Prozeß in Mainz, durch dessen Lärm das Ansehen der badischen Judenheit nicht gerade erhöht wurde. In der Fülle solcher Arbeit werden unsere beiden Behörden wohl von' keiner anderen Behörde erreicht. Wir möchten aber ocm großh. Oberrate zurufen: Seid nicht so geschäftig! Uebrigens sind nur noch die weltlichen Mitglieder zu wählen; die Theologen haben sich vor circa 14 Tagen bereits gegenseitig gewählt und da der Wahlausfall bishergeheim geblieben, ist ohne Weiteres anzunehmen, daß trotz aller Warnungen wieder 5 Reformer gewählt wurden unter glatter Ausschaltung aller übrigen Parteien. Dies alles spielt sich ab bei gleichzeitiger Begründung von Wahlvereinen unter Mitwirkung von Karlsruher Sendboten. Nebenher läuft von Synode zu Synode die stetig ansteigende Steuerschraube. Bei richtiger Betätigung halten wir die beiden Institutionen sür einen Segen; so kann es aber nicht weiter gehen, denn sonst bricht der Bogen. In Verdunkelung des Tatbestandes stellt man die Sachlage so dar, als sei es nur ein Kampf der verschiedenen Parteien gegeneinander: man hofft, nach der Devise: „divide et impera“, ans diese Weise die Bevölkerung in mehrere Teile zu trennen und mittelst der obsiegenden Partei die anderen zu Boden zu drücken. Dadurch will mau die weltliche und die priesterliche Autokraten-Partci-Herrschaft befestigen und verlängern. Hofscnt ich durchschauen die Wähler rechtzeitig diesen Tric, zerfleischen sich nicht gegenseitig und führen den Kampf gegen den einzigen und mächtigen Feind, den großh. Oberrat. Und nun fragen wir, geehrte Wähler aller Stände und Richtungen: Wollt Ihr, daß der grokh. Oberrat aus Mitgliedern einer einzigen Partei bestehen soll unter Ausschaltung aller Parteien? Wollt Ihr, daß die Rabbiner-Konferenz von den' gleichen Parteigängern ausschließlich besetzt sei? Wollt Ihr, daß in der Synode alle Rabbiner wieder von der gleichen Partei sitzen? Wollt Ihr, daß in Zukunst die langjährigen Prozesse und Maßregelungen sich wiedcrholen? Wollt Jyr, daß eine Synodaltägung wieder stattsinde, wie oie letzte? Wollt Ihr ein neues Gebetbuch, welches nur einigen Wenigen und einer einzigen Partei dient und zur Trennung vieler Gemeinden in 2 Teile führen kann? Das Schlußwort hatte Herr E p st e i n -Freiburg, der nochmals darlegte, daß der Oberrat nicht, wie cs seine Pflicht sei, die Interessen aller Richtungen vertrete, sondern daß diese Behörde, wie die letzte Synodaltagung unwiderleglich gezeigt habe, zu einer Parteibehörde herabgesnnken sei. Redner gintz dann auf die Fälle Würzburger und Löwenstein ausführlich ein. Im Anschluß daran beschäftigte er sich auch mit den Ausführungen des Herr Rabbiners Dr. Rawitsch, der auf der letzten Synodalsitzung seine Entrüstung darüber ausgesprochen hatte, daß der „Israelit" als aüßcrrbadisches Blatt in die badischen Kämpfe eingreife. Da müsse man doch die Frage aufwerfen, wo denn die Wiege des Herrn Tr. Rawitsch eigentlich gestanden habe. Soviel dem Referenten bekannt ist, dürfte der in Frage kommende Ort von Baden noch viel weiter entfernt sein als Frankfurt a. M. Nur cin im Sinne der althergebrachten Glaubenslehre ausfallendes Wahlergebnis könne den Oberrat in seine Schranken znrückweisen. Auch diesen Redner lohnte reicher Beifall. Der Vorsitzende schloß dann die außerordentlich wirkungsvoll verlaufene Versammlung. Heidelberg, 3. März. Herr Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß schreibt uns: „Es ist unwahr, daß ich das oberrätliche Gebetbuch in der letztjährigen Bezirkslehrer.Konferenz als für den Religionsunterricht nicht brauchbar bezeichnet habe,' die Konferenz fand übrigens im Juni 1906 statt." — Wir haben keine Veranlassung, die absolute Richtigkeit dieser Erklärung zu bezweifeln. Da die angebliche Aeußerung des Herrn Rabbiners unserem Gewährsmanne unmittelbar nach der Konferenz von einem Teilnehmer übermittelt worden war, der als ehrenhafter Mann allgemein bekannt ist, so kann nur ein Mißverständnis obwalten. In der Sache selbst kommt es auf das Urteil des Herrn Dr. Pinkuß über die pädagogische Brauchbarkeit des Gebetbuches umso weniger an, als die Akten darüber geschlossen 'sein dürften. XE a. hat bekanntlich der oberste geistliche Beamte der Württembergischen Landes- Synagoge, Kirchenrat Dr. Kroner- Stuttgart,das Gebetbuch als Schulbuch „selbst für diejenigen als ungeeignet erklärt, welche grundsätzlich dievonThora, Propheten und Talmud abweichende Religionsanschauung für dierichtige halten." Das genügt. Kirchen, 8. März. Für heute war hier eine Versammlung einberufen worden, die sehr gut besucht war. Herr Vorsteher Alexander Bloch übernahm den Vorsitz und erteilte zunächst dem Referenten Herrn Simon Epstein aus Freiburg das Wort. Derselbe führte etwa sollendes aus: „Mitten im Kampf, wie ihn die badische Judenheit nicht erlebte, stehen wir hier vor Ihnen, um unser höchstes und heiligstes Ideal und Gilt zu verteidigen. Handelt es sich doch um eM Entscheidung, wie sie folgenschwerer nicht fein kann! Auf der einen Seite der Liberalismus, in Siegesjubel und Siegeshoffnung- Anderseits die Orthodoxie mit flammender Liebe und Begeisterung kämpfend für unsere gute Sache, aber auch in ernsten und bangen Sorgen um die nächsten Tage. Gelingt es dem Liberalismus zu siegen, dann ist damit ein neuer Kampf auf der ganzen Linie entfesselt. Haß und Zwietracht wird in die Gemeinden getragen und für die Orthodoxie gibt es nur noch die eine Losung: die Trennung! Unsere altehrwürdige Tefilloh, die zum geistigen Band der Vergangenheit mit der Zukunft werden sollte, ist nicht das Machwerk Einzelner, das nach der jeweils herrschenden Zeitrichtung abgeändert werden darf, sondern die „Ansche knefes haqdauloh" haben die Gebete auf Grund der mündlichen Lehre zusammengefaßt. In den schlimmsten Zeiten und allen Lebenslagen haben wir Mut und Hoffnung, Trost und Zuspruch in ihnen gefunden und uns in Liebe und Ehrfurcht unseren! Gotte hingegeben. Der Referent ging alsdann auf die neue Tefilloh selbst näher ein und erläuterte die darin enthaltene Verleugnung der Grundprinzipien, die es jedem Juden, der es noch mit seinem Judentum wahr und ernst nimmt, verbietet, das neue Gebetbuch zu benutzen, einen derartigen Gottesdienst zu besuchen! Die Gutachten von mehr als 100 Rabbinen, die her verschiedensten Richtung angehören, geben ja ein beredtes Zeugnis! Aber noch viel besser hat der Oberrat selbst uns die Waffe in die Hand gegeben! In einer im Jahre 1890 veranstalteten Enquete, die in -einer Broschüre niedergelegt ist, kann man wörtlich lesen: . . . dag den verschiedenen religiösen Anschauungen ein vorurteilsloses Verständnis entgegengehracht und von allen Zwangsmaßregeln, die als eine Bedrängung der Gewissen empfunden werden würden, abgesehen werden muß!" Der Referent verliest die verschiedensten Stellen dieser Broschüre, die klar zum Ausdruck bringen, in welch krassen Gegensatz der Oberrat sich heute mit sich selbst gesetzt hat! Diese Neuerungssucht, dieser Ruf nach Assimilation, sie gingen nicht vom Volke aus, sondern sie wurden in das Volk Hineingelragen. Es ist das Werk einiger weniger Herren, die sich einen Namen machen wollen! Auf den Religionsunterricht übergehend, ist Herr Epstein begierig, vom Oberrat zu hören, wie er sich eigentlich die Einführung der neuen Tefilloh neben der alten zum Schulgebrauch denkt! Jedem denkenden Menschen müßte es doch klar sein,.das; ein Lehrer nicht nach zwei Lehrbüchern und zwei Methoden in ein und derselben Klasse und Stunde unterrichten kann! Wie man da einen Gewissenszwang vermeiden will oder kann, das begreife wer will! Gerade in dieser Beziehung verdient der Oberräi das größte Mißtrauen, wie die verschiedenstell Beispiele beweisen! Die neueste Erklärung, die von einer der oberrätlichen Seite nahestehenden Person in den letzten Tagen verbreitet wird, ist nichts anderes als ein Wahlmannöver schnödester Art! — Eine unter gberrätlicher Flagge segelnde liberale Vereinigung soll die starke Entrüstung, die durchs ganze Land hindurchzieht, aufhalten! Kampf gegen die Orthodoxie ist ihr Hauptprogramm und damit kann sie dem Oberrat brüderlich die Hand reichen! Der Redner geißelte weiter in feurigen und scharfen Worten die ganze Tendenz, die den Oberrat beseelt und die ihn nicht mehr als Organisation der gesamten badischen Judenheit, sondern als liberale Parteimstitution erscheinen lassen! Hochgeachtete und verdiente Männer, wie unser Rabbiner Löwenstein, der geborener Badenser ist, werden öffentlich, ohne sich selbst verteidigen zu können, in schärfster Weise angegriffen. Und grade Löwenstein hatte vor allen anderen Konferenzrabbinern das Rechtals Vertreter der Minderheit in der Synode zu sein! Ein weiteres Kapitel widmete der Redner der Toleranz und Taktik des Oberrat gegenüber her Orthodoxie, an Hand der einzelnen Beispiele. Wie wohlwollend steht dieser jüdischen Toleranz bieüchnstliche des preußischen Abgeordnetenhauses gegenüber. Mit einem begeisternden und flarm wenden Appell an die Wähler, dem Oberrat hie richtige Antwort zu geben, die darin bestehe.

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