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Der Israelit · 1908-03-12 · Heft 11 (12.3.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 11 (12.3.1908)
Date
1908-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. «r. 11_ rat verläßt nun das bisher von ihm verteidigte Majoritätsprinzip auch für die Schulen. Das aber, was er nach seiner neuesten Erklärung beabsichtigt, ist bedenklicher als alles bisher Vorgeschlagene. Jetzt sollen die Schüler in der gleichen Klasse von demselben Lehrer gleichzeitig nach zwei Methoden unterrichtet werden, und für die Einführung des neuen Gebetbuchs in die Schule genügt die Zustimmung des Lehrers! Wohl dürfen die Anhänger °des alten Gebetbuchs das neue ablehnen. Aus der Erklärung des Oberrats ist nicht ersichtlich, ob sie sich des alten Gebetbuchs im Unterricht weiter bedienen dürfen. Da aber mit zwei verschiedenen Lehrmethoden schon aus schultechnischen Gründen nicht gleichzeitig gearbeitet werden kann, scheint es beabsichtigt zu sein, die Anhänger des alten Gebetbuches zu zwingen, das neue Gebetbuch für den Unterricht zu benutzen unter „Befreiung^ von der Durchnahme der. in diesem geänderten Stücke. Ein Teil der alten Gebete ist aus dem Entwurf ausgemerzt, ein Teil ist abgeändert und also für jene Schüler nicht verwendbar. Da ergibt sich billigerweise die Frage, was diesen Schülern überhaupt noch gelehrt werden soll. Die ihnen wichtigsten Glaubenssätze müssen sie entbehren. Welche Methode aber auch zur Durchführung gelangen soll, all das widerspricht den elementarsten Grundsätzen der Pädagogik. Es ist mehr ein Schulanarchismus als eine gesetzliche Regelung und nur die blasse Angst konnte auf einen solch unmöglichen Gedanken kommen. Aus diesem Dilemma hilft nur ein Ausweg: Der Entwurf falle! Zu einer geradezu grandiosen Kundgebung für das alte Gebetbuch und für die davon abhängige Erhaltung der badischen Organisation gestaltete sich eine Reihe von Versammlungen in allen Teilen des badischen Landes, die am Letzten Sonntag, den 8. März stattfanden. Uebereinstimmend wird berichtet, daß die Stimmung für die Beibehaltung des alten Gebetbuches manchmal in elementarster Weise zum Durchbruch gekommen sei, daß unsere Freunde in verschiedenen Orten sogar sebst überrascht waren, als sie sahen, welche gewaltige Erregung die Gemüter beherrschte und eine Bewegung für unsere Sache hervorgerufeu habe, deren tiefem Eindruck sich selbst der Oberrat und seine Der JSraeltt._' Organe nicht mehr zu entziehen vermochten. Eine sonderbare Politik des Schwankens scheint innerhalb des Oberrates zu bestehen, angesichts dieser wunderbaren Geschlossenheit 'vieler Gemeinden, oder wenigstens der großen Mehrheit derselben. So wird uns aus Müllheim berichtet, daß dort der Bruder des Herrn Geh. Oberregierungsrats Tr. Mayer, feierlich erklärt habe, daß man in den Landgemeinden das neue Gebetbuch nirgends in den^Synttgogeu einführen werde, wenn nur eine Stimme in der Gemeinde sich dagegen erhebe, während in der am gleichen Abend ftattge fundenen Versammlung in Freiburg das Mitglied des Oberrats, .Herr Geh. Hofrat Dr. Rosin betonte, daß ein derartig weitgehendes Verlangen uttgercchtsertigt sei, und daß ihm auch darüber nichts bekannt sei, daß eine derartige Absicht beim Oberrat bestehe (!!) Noch sonderbarer aber ist die Stellung des Oberrats hinsichtlich der Einführung des neuen Gebetbuches in die Schulen. Der bereits erwähnte Bruder des Geh. Oberregierungsrats Dr. Mayer hat in Müllheim betont, daß dem Oberrat über^ aupt im wesentlichen nur an der Einführung des Gebetbuches in die Schulen läge. Er glaube dabei beiden Teilen dadurch Rechnung zu tragen, daß die Lehrer im Unterricht gleichzeitig nach b e i d e n Methoden unterichteteu, wobei einfach dem einen Teil der Schüler, deren Eltern am Alten hingen, mehr gelehrt werden würde, als dem anderen, in deren Unlerrichtsbuch wesentliche Teile des alten Gebetbuches eliminiert sind. Als man Herrn Mayer entgegenhiclt, daß etwas Derartiges den elementarsten Grundsätzen der Pädagogik widerspreche, ries Herr Mayer einen der anwesenden Lehrer als Gutachter darüber auf. Unter tiefer Erregung und im sichtlichen Bemühen, den Oberrat nach Möglichkeit zu schonen, mußte der angerufcne Lehrer feierlich erklären, daß ein derartiger Unterricht unvereinbar sei mir allen Prinzipien der Pädagogik und daß sich kein Lehrer dazu hergeben könne, Derartiges in seiner Schule dnrchznfnhren. Herr Geh. Rat Rosin, der sich, in der Freiburger Versammlung mit der gleichen Frage kurz beschäftigte, betonte aber sonderbarer Weise, daß im Schoße des Oberrates diese Bedenken nicht beständen, daß man au die Durchführbarkeit glaube, daß mau aber übrigens dem Oberrar so viel Vertrauen entgegenbringen müsse, daß er das Gebetbuch als Unterrichtsmittel' nur einführe, wenn die Durchführbarkeit in den Schulen gewährleistet sei. Mit Recht kritisierte einer der Redner in der Freiburger Versammlung die schwankende Art, mit der die Gebetbuchvorlage vertreten würde, die heute nach 10 jähriger Vorarbeit noch jede klare und präzise Form vermissen lasse. Dieser Redner betonte darum, daß das oberrät- __12 März 1908 liche Vorgehen von beiden Parteien verwor fen werden müsse, ebensosehr von den konserva tiven Elenrenten, wie von den liberalen, die sich gegen die Begleiterscheinungen des neuen Geber buches in gleicher Weise wehren müßten, wie die Gesetzestreuen, und daß falls wirklich ein drängendes Bedürfnis iu liberalen Kreisen vorhanden wäre, was noch geleugnet werde, was noch nicht iu die Erscheinung getöteten fei jene Art der Einführung ebensosehr eine Verletzung der Gewissensfreiheit der liberalen Kreise, wie eine Verletzung der Gewissensfreiheit der konservativen Kreise bedeute. Es mute sonderbar an, zn sehen, wie der Oberrat im krampfhaften Ber such, nur die Vorlage durchzubringen, jetzt Maßnahmen befürworte, die er von liberalem Standpunkte aus mit Entrüstung von sich weisen müßte. Wir meinen auch, daß es Pflicht aller badischen Juden sei, die Bahn frei zu machen für eine gedeihliche Arbeit und den Gebetbuchentwurf, der bereits auf solche Abwege geführt hat, einmütig abzulehnen. Alle Richtungen müßten in der Synode darin einig sein. Wir lassen nun nachstehend die einzelnen Berichte folgen. F r e i b u r g, 0. März. Zu einer bedeut sauren Kundgebung in der Gebetbuchsrage ge stalrcte sich die am letzten Sonntag" stattgehabte Gemeindeversammlung, die fast vollzählig von der ganzen Gemeinde besucht war. Die Ber samrnlung war von Männern der verschiedenen Richtungen, teilweise der liberalen Partei angehörig, einberufen wurde, um Herrn Rechtsanwalt Dr. C a s c w i tz, den bisherigen Vertreter von Frciburg in der Synode wieder als Kandidat zu nominieren. Herr Tr. Casewitz legte in über zweistündigen Ausführungen seinen Standpunkt klar. Hier sei nur betont, daß seine Rede, durch die eine tiefe Liebe zum Judentum klang und in der das Festhalten am alten Gebetbuch aus das Nachdrücklichste betont wurde, in einem äußerst sachlichen und versöhnlichen Tone gehalten war, der Jeden auf das Sympathischste berührte, und der seinen Eindruck aus die Versammlung auch sichtlich nicht verfehlte. Als Zweiter Redner trat Herr Rechtsanwalt Tr. Herzseld auf, um von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehend nämlich den liberalen dennoch die Kandidatur des Herrn Rechtsanwalts Tr. Casewitz zu unterstützen und den Entwurf des Oberrats in der vorliegenden Form als absolut ungeeignet zu erklären. Tann verteidigte Herr Bankier Weil aus Freiburg den Standpunkt der liberalen Bereinigung, die für fcie Befriedigung ihrer religiösen Anschauungen gleiche Rücksichtnahme fordere, indem er nachzuweisen suchte, daß das alte Gebetbuch mit moderunter dem 14. Adar meldet, hat sich ein neuer ^Verein gebildet. Er führt den Titel „Deutscher Verein jüdischer Staatsbürger christlichen Glaubens"^ Eine große Zahl namhaster, inr Vordergrund der Zeitgeschichte stehender Personen sind bereits in den Verein eingetreten. Wir nennen nur den Kolonialsekretär Dernburg, Bankier Mendelssohn-Bartholdn, den freisinnigen Abgeordneten Dr. Mugdan n. s. w Auch die Familie des berühmten Mediziners Barr»? «dessen Name Bardeleben ja unzweideutig auf die jüdische Herkunft hinweist) will beitreten. Von den zwei jüdischen Abgeordneten christlichen Glaubens in der russischen Duma sind Glückwunschdepeschcn eingelaufen. (Die Jade« in Portugal.) lic antikleri täte Bewegung des allmächtigen Ministers des Königs Joseph!, von Portugal (1750—1777> Marauis Pombal hatte eine Abjchwäcb-ung der Härten der Inquisition zur Folge. Bereits am 2. Mai 1768 erließ der Minister eine Verordnung, wonach die separaten Listen über die Neuchristen aufgelassen wurden. Das Gesetz vom 25. Mai 1773 (dem Jahre der Auflösung des Jesuitenordens.» verfügt, daß alle gegen die Marannen gerichteten Ausnahmsgesetze außer Kraft zu treten haben und die Inquisition, deren Macht durch das Gesetz vom 1. September 1774 sehr eingeschränkt worden war, wurde schließlich am 317 März 1821. gänzlich ausgeh oben T er erste Jude, der sich 'eit der Vertreibung der Juden in Portugal durch König Manuel, den Großen, niedergelassen hatte, war Moses Levy, ein aus Gibraltar eingewandeistcr englischer Untertan, trotzdem der Utrecht er Vertrag vom Jahre 1713, durch welchen Gibraltar an England abg treten wurde, im Artikel X ausdrücklich bestimmt, daß die jüdischen Untertanen Englands irr Portugal kein Wohnrecht besitzen sollen. Tie Pehartplnng Thiers ui .seiner „Higtpire du Consilia t et d’Empire“, daß‘ die französischen Truppen bei ihrem Einzug iu Portugal im Jahre 1807 von 2.0.000 Juden begrüßt, wird von der „Jewish Encyelopedia“ mit Recht als eine irgc Uebertreibung angesehen, ebeirso die spätere Behauptung, daß es im Jahre 182-7 in Portugal 2000—2500 Juden gegeben habe. Nachgewiesen ist jedoch, drß die Juden von Lissabon bereits im Jahre 1801 einen Plrtz inr dortigen englischen Friedhöfe angekauft hatten. Der älteste erhaltene Stein aus dieser jüdischen Abteilung trägt das Datum 1*04. Ein von Joseph Ferrav am 26. Februar 1821 im Cortes eingebrachter formaler Antrag auf Zulassung von Juden in das Land wurde abgelehnt und die Konstitution vom Jahre 1*26 erklärt wohl den Katholizismus als Staatsreligiou, gewährt jedoch auch den Anhängern anderer Konfessionen die Freiheit der Religionsübung, sofern diese nicht in einein .Hause erfolgt, das die äußeren Symbole eines öffentlichen Bet Hauses an sich trägt. Außerhalb Lissabons gibt es in Portugal nur noch eine jüdische Gemeinde, die ein eigenes im Jahre 1850 errichtetes Gotteshaus besitzt in Faro. Diese Gemeinde, die seit dem Jahre 1820 entstand, zählt ungefähr 15 Familien. Ferner wohnen je einige jüdische Familien in Evora, Lagos und Porto, die jedoch keine organisierte Gemeinde bilden. Seit einiger Zeit „ besteht auch in San Miguel ans den 'Azoren eine jüdische Niederlassung, die jedoch noch si klein ist, daß sie alljährlich zu dev hohen Feiertagen gezwungen sind, einige Glaubensgenossen-von Gibraltar einznladen, um das Minjan zu sichern. Im Jahre 1903 wurden in Portugal rund 500 Juden gezählt bei einer Gesamtbevölkerung von 5,428,591 Seelen. Die meisten dieser Juden sind Kaufleute und Schiffunternehmer und einig? Professoren, unter ihnen auch Jakob Bensando, Professor der englischen Sprache und Literatur in Porto, der auch einige, in Portugal verbreitete Lehrbücher der englischen Sprache veröffentlich hat. Jakob Anahory Athias, ebenialls Jude, ist sogar Marineoffizier. Tie Lissaboner Judengemeinde hat einen eigenen Rabbiner, während die Gemeinde.von Porto nur einen Chasan hat, der auch die rabbinischen Funktionen versieht. Das Rabbineramt von Lissabon versah lange Zeit der im Jahre 1899 verstorbene Rabbi Jakob Toledano aus Tanger. Selbst der Adelsatmauach von Portugal weist einige Jnd^n auf. So wurde der portugiesischen Konsul in Leghorn, Guido Ehajes im Jahre 1904 nach einer damaligen Meldung des „Bessillo Jsraelitico" von König Carlos in den 6'rafe,,stand erhoben, während Sir Jsaac Lyon Goldsmid und der gegenwärtige Lord Wandsworth, Sydney James Stern geadelt wurden, indem der erste im Jahre l*45 Baron von Patmia und der zweite im Jahre 1895 zum p.ortugiesiscken Vicomte ernannt wurde. (Ein Mendelssohn-Bartholdy «der die jüdische UeberlieferungZ In einer jüngst in der „Frankfurter Zeitung" veröffentlichten Besprechung schreibt Professor M e n d e l s s o h n - B a r t h o l d y in Würzburg folgendes: „Tic Gemeinschaft der Zeitgenossen ist selbst von einer frühen Erziehung zum Gemeinschaftscmpfindeu abhängig: wer sich nicht mit den „größeren Herren", den Toten, verbunden fühlt, der ist sicherlich kein gebildeter Mensch, wenn er rvichts Schlimmeres ist. Alles Große und G u.t c ans der Welt ist eine Erfüllung von Versprechungen und Verheißungen der „Hä t e r^. Ist dasnichtoi^Lehre, d i e d a s '-2 i h<nffliM(llw«iitfeftäffHfrWWwfülfhisM-i PET

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