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Der Israelit · 1908-03-12 · Heft 11 (12.3.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 11 (12.3.1908)
Date
1908-03-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der ASraeUt. 12 März 1908._ Es ist hier nicht Raum für den Nachweis, daß es an und für sich ein Unding ist, den Ausdruck „Liberalismus", der aus politischem Gebiete entstanden und nur dort sinngemäß zu verwenden ist, einfach auf das religiöse Gebiet zu übertragen. Statt deffen sei darauf hingewiesen, daß in den Zeiten des Kulturkampfes die „F. Z." Schulter an Schulter mit den Windhorst, Reichensperger und Mallinckrodt focht. Will sie auch diesen Männern die Zugehörigkeit zur Demokratie bestreiten, weil sie auf religiös positivem Boden standen? Wie ist es mm;u erklären, daß die „Frankfurter Leitung" gerade in dieser Frage das erprobte demokratische Programm verläßt und ans das Niveau der kulturkdmpferischen Amtsblätter hinabsteigt? Diese Frage fordert: um so gebieterischer ihre Beantwortung, als noch im Vorjahre, als in Preußen der Rosinsche Entwurf drohte, mit dem der orthodoxen Minorität die Zwangsjacke nach badischem Muster angelegt werden sollte, die „F. Z." energisch dagegen Stellung nahm! Die Beantwortung hat für den Eingeweihten keine Schwierigkeit. Der „F. Z." fehlt z. Z. ihr Chefredakteur, Reichstagsabgeordneter Oeser, den eine schwere Krankheit und jetzt langandauernde Reconvalescenz seit Monaten von der Leitung fernhalten. Durch seine Abwesenheit fehlt der inneren Politik des Blattes ja auch sonst das einheitliche Gepräge und speziell das hier in Frage kommende Ressort wird von einem Redakteur jüdischer Abstammung verwaltet, der zwar aus dem Judentum mit seiner Familie ausgetreten ist, der sich aber durch diese Kleinigkeit nicht abhalten läßt, ohne Rücksicht auf das demokratische Programm seinen jüdisch-liberalen Gesinnungsgenossen nach Kräften beizuspringen!! Ob nun der Oberrat und seine Freunde auf diesen Retter in der Not sehr stolz sein können, mag dahingestellt bleiben. Uns kam es hier nur darauf an, festzustellen, daß hier kein Wechsel in den Prinzipien des führenden demokratischen Organes vorliegt, sondern, um in der Sprache des Blattes zu reden, „ein roll enwidriger Seitensprung", dessen Wiederholung hoffentlich dadurch ausgeschlossen ist, daß das Steuer des Blattes bald wieder in die erprobten kundigen Hände gelangt." * * * Wir nehmen mit Genugtuung von dieser authentischen Mitteilung Kenntnis, die im Leserkreise der Frankfurter Zeitung beruhigend wirken wird. Fahnenflüchtige Stammesgenossen waren zu a l l e n Zeiten die heftigsten und voreingenommensten Feinde des alten jüdischen Banners, das ihren Vätern den Weg gewiesen hatte, und es wird im Lichte dieser Feststellung keinem Menschen brocken? Mit Recht, denn irgend etwas muß er verbrochen haben, wenn er verurteilt werden soll, wenn ja auch, int (Umnbe genommen, die Tatsache allein zu seiner Verurteilung ausreichen würde, daß er, der die Ehre hat. Mein Kollege zu sein, zur Orthodoxie gehört. Doch er hat noch viel Schlimmeres auf dem Gewissen. Wappnen Sie sich, meine Herren, mit Standhaftigkeit und sinken Sie nicht vor Entsetzen zerschmettert zu Boden, wenn ich Ihnen jetzt darlege, was er getan hat. Er hat —, nein ich vermag es nicht, über meine Lippen zu bringen, er hat — er hat —, nun er hat sich erlaubt, wissenschaftliche Artikel zu veröffentlichen, in einer Zeitung —, die einen liberalen Gelehrten, den Lehrer einer großen Anzahl meiner Kollegen, abfällig beurleilte. (Alle Richter fallen vor Entsetzen in Ohnmacht. N a ch d em sie sich erholt, fährt der Staatsanwalt fort). Mit diesem Blatte muß ich mich nun etwas beschäftigen. Natürlich ist es orthodox. Ob es nicht mit jenem Artikel sachlich im Rechte war, dies zu entscheiden, gehört nicht hierher. Nicht wahr, meine Herren? (Alle nicken). Der Angegriffene war liberal und ein Orthodoxer muß so liberal sein und so viel Charakterfestigkeit besitzen, daß er sich vor allem, was ein liberaler Gelehrter gesagt hat, demütig beugt. Das nenne ich liberal. Sie werden wohl emwenden, daß auch orthodoxe Märmer in liberalen Zeitungen.angegriffen werden. Pah, meine Herren, dafür sind wir liberal und machen von unserem guter: Recht, liberale Prinzipien zu verfolgen, Gebrauch. Man wird uns doch nicht zumuten, einen Orthodoxen zu loben, der doch aus ganz anderem Standpunkt steht. Vielleicht aber hatte das Blatt damals Recht? So fragen Sie. — Gewiß, kann sein. —° Aber das. ist Nebensache, auf den sachlichen Jrrhalt der Artikel gehe ich nicht im geringste?: mehr auffällig erscheinen, wie aus der Redaktionsstube eines demokratischen Blattes der GewiffenZknechtung und dem religiösen Zwangssystem des badischen Oberrates ein Anwalt erstehen konnte. Die galfrifdien banätagsroahlen. Diejenigen Optimisten, welche alles Heil für unsere Brüder in Rußland von der früher oder später dort siegenden Konstitution erwarteten, pflegte man auf Galizien hinzuweisen. Dort sind die Juden im Vollbesitz aller politischen Rechte und in allem den anderen Bürgern Oesterreichs gleichgestellt, während ihre wirtschaftliche Lage sich darum um kein Jota gebessert hat und sie an Armut und Not hinter ihren Leidensgenossen in Rußland kaum Zurückbleiben. Seit Einführung des neuen Wahlsystems in Oesterreich, das den galizischen Juden eine eigne nationale Vertretung im Reichsrate einbrachte, bietet aber Galizien auch inbezug auf die hochgespannten Erwartungen, die man in Rußland seit Entstehung der Duma auf eine spezifisch jüdische Vertretung hegte, Präcedenzien, die sehr abkühlend und ernüchternd wirken müssen. Die galizisch-jüdische Wählerschaft ist mit ihren nationalen Vertretern, die noch vor kurzem mit so viel Sang und Klang in den Reichsrat eingezogen, unzuftieden und hat das Vertrauensvotum an dieselben anläßlich der Landtagswahlen nicht erneuert, ja, sie fand es nicht einmal für nötig, die bisherige Tätigkeit des jüdischen Klubs mit einer nennenswerten Stimmenzahl zu belohnen. Ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben. Es will uns oft bedünken als läge all den Aeußerungen der Unzuftiedenheit und Enttäuschung seitens der ungeduldig drängenden Wähler eine gewisse Verkennung der Verhältnisse und schwierigen Umstände, unter denen sich eine 'junge, nationale Miniaturfraktion in diesem Gewirr von Volks- oderrichtiger Völkervertretung, wie es der österreichische Reichsrat darstellt, zu behaupten hat. Solche und noch größere Schwierigkeiten würden aber auch einer jüdischen Vertretung in der russischen Duma, einer Duma des Purischkewitsch und Kruschewan nicht erspart bleiben. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, können wir, ohne etwa einen Trost davon herleiten zu wollen, doch die Tatsache, daß an der dritten Duma Juden so gut wie garnicht Mitwirken, mit mehr Ruhe ertragen. Allein das galizische Parlament bleibt trotz der Niederlage der Nationalen nicht judenrein. Es werden, wie sich schon heute mit Sicherheit sagen läßt, sechs jüdische Mitglieder im neuen Landtage sitzen. Aber so wenig wir uns mit den Ideen und Zielen der Zionisten in allen Punkten befrennden können, so erscheinen uns ein. Wie kommt ein orthodoxes Blatt dazu, orthodox zu schreiben. Ein Orthodoxer hat einzig und allein liberal zu benfen unb zu schreiben. Verstanden, Angeklagter? — Das ist liberale Konsequenz. Bringen etwa unsere liberalen Blätter jemals orthodoxe Artikel? Unb die orthodoxen Blätter wagen, sich dieses Recht anznmaßen? Und nun komme ich zum Angeklagten. Er hat den Frevel der orthodoxen Zeitung tausendfach übertrumpft, denn er hat sich erkühnt, in dem soeben, charakterisierten Blatt einen Artikel zu veröffentlichen, noch dazu einen wissenschaftlichen. (Allseitige .Pfuirufe.) Wissenschaftliche Artikel gehören nur in liberale Blätter, in denen mit Fug und Recht Orthodoxie verhöhnt und verpönt wird. (Bravo!) Er hat uns, seine Kollegen, überdies nicht vorher um Erlaubnis gefragt. Er weiß doch, daß wir, in unseren wohl liberalen Anschauungen, es ihm verboten hätten. Sieht er denn überhaupt nicht ein, wie wir uns bestreben, durch und durch nichts anderes als liberal zu fein? Hätten wir ihm nicht sonst, da er doch der Aelteste unter uns Kollegen zu sein die. Ehre hat, nicht längst die Bürde eines Mitgliedes im Rate der Oberen auferlegt? Ich stelle keinen Antrag und überlasse es Ihnen, meine Herren Richter, liberal wie ich bin, selbst die Strafe für meinen Kollegen zu fixieren." (A l l s eilig e r Beifall.) Vorsitzende r: „Ich nehme an, daß in einer solch liberalen Versammlung, wie die unserige ist, niemand das Wort zur Verteidigung des Angeklagten ergreifen wird. Es meldet sich niemand. — Auch Ihnen, Angeklagter, kann ich oas Wort nicht erteilen. Sie sind orthodox, sind deshalb sicher im Unrecht und haben zu schweigen. Wenn, wie Sie soebe» gehört, selbst ein Amtsgenosse in rühmlicher Veite 8. 9tx. 11 doch viel weniger diese sechs, die noch alle zur alten politischen Aera gehören, als die geeigneten Persönlichkeiten, um jüdische Interessen zu vertreten, welche nicht immer mit Interessen derJuden verwechselt werden dürfen. Während in Rußland die jüdischen Kandidaturen der äußeren Gewalt weichen mußten, kann den Juden in Galizien der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie ihre Ausschließung aus ihrem Landesparlamente zum guten Teile ihrer eignen Untätigkeit verdanken. Denn ausgeschlossen sind sie, die hunderttausenden gesetzestreuen Juden Galiziens aus dem Landtage, so lange sie nicht Männer aus ihrer Mitte darin haben, die begeistert auch für ihre idealen Interessen eintreten und kraft ihres Mandates und ihrer Autorität zur Stärkung des echten Judentums nach außen und innen beitragen. vom basische« Kriegsschauplatz. Heidelberg, 12. März. In der neuesten offiziellen Erklärung des Großherzoglichen Oberrats wird bestritten, daß weite Kreise der badischen Israeliten das Gebetbuchprojekt verurteilen. Der Streit darüber ist bald ein müßiger. Am Sonntag dürste sich erweisen, daß sich der Oberrat über die wahre Stimmung im Lande gründlich täuscht. Der Aufruf der Zionisten, der wegen seines würdigen und überzeugenden Tones tiefen Eindruck im Lande gemacht hat, ist unrichtig zitiert) obgleich das Zitat durch Anführungszeichen besonders als solches gekennzeichnet ist. Nicht die „jüdisch-nationale Widergeburt", von der im Baseler Programm überhaupt nichts steht, erscheint nach dem Aufrufe gefährdet, sondern die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Bolksbewußtseins. Nach der Erklärung des Oberrats jetzt kurz vor den Wahlen, soll das Gebetbuch auch dort nicht in die Synagogen eingeführt werden, wo die überwiegende Mehrheit es fordert.* Bisher klang es anders. Will der Oberrat jetzt über die „Gewissensnot" der Majorität hinweggehen, oder begreift er endlich,daß diese Gewissensnot, die er seit Jahren betont,überhaupt ni cht besteht? DerOber- * Anm. der Redaktion: Herr Geb.-R. Rosin hat übrigens a:Bdrücklich das Gegenteil dieser BeschwichtigungSkundaeblmg erklärt! Kollegialität sich nicht gescheut hat, dies zu erklären, dann muß es doch tvahr sein." Ter Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück. 'Anmerkung der Redaktion. Ueber den Ausgang der Sitzung und das Urteil sind wir leider nicht imstande zu berichten. Als nämlich in der Zwischenpause ein gemeinsames Minchogebet aus ganz neuen Gebetbüchern verrichtet wurde, war unser Korrespondent so unvorsichtig, nach der alten Gebetordnung das Wort „Zion" verlauten zu lassen. Darob großer Tumult und Handgemenge, in dessen Verlaufe unser armer Berichterstatter arg mißhandelt und hinausgeworfen wurde, diunmehr wurde die Journalistcngalerie geräunrt. 4tur der Redakteur des Berordnungsblattes darf noch der Sitzung beiwohnen, der dann aus den Verhandlungen, das, was nach Meinung des Rates der Öffentlichkeit zuträglich ist, entnehmen wird. Eine frohe Botschaft. Wer, der es mit seinen Volksgenossen gut meint, hat noch nicht mit tiefer Bekümmernis wahrgenommen, daß viel zu wenig, allgemeine jüdische Vereine in Deutschland vorhanden sind. Was wollen die paar Zentralvereine besagen, wie z. B. Deutschisraelitischcr Genreindebund, Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Verband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Bnebrißloge, Verband deutscher Juden, allenfalls noch Verband deutscher Rabbiner, Lehrerverein und Lehrerbund? Mehr Vereine sind nötig! Das Volk schreit nack ihnen. Nun, wir können heute die frohe Botschaft bringen, daß wir dem Ziele mn einen Schrrtt näher gekommen sind. Wie die persische Eilpost „Achastranim"

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