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Der Israelit · 1908-03-05 · Heft 10 (5.3.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 10 (5.3.1908)
Date
1908-03-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Seit Jahrzehnten hat unsere Stadt keinen jüdischen Landtagsäbgeordneten aufzuweisen gehabt. Kaum aber hatte die eine Partei, die sogenannten „Unabhängigen" einen jüdischen Kandidaten aufgestellt, als auch schon die andere Partei (von den ersteren Hausjuden genannt) mit ihrem Gegenkandidaten auf dem Plane erschienen und die Wahlkampagne begann. Daß da in der Hitze des Gefechtes manches Kuriosum an den Tag tritt ist begreiflich, daß aber ein Rabbiner die Wahl eines Antisemiten protegiert, dürfte doch wohl etwas unglaublich klingen. Und doch ist auch dieses geschehen und zwar in Lemberg, wo ein Rabbiner Dr. Caro den Wahlauftuf des antisemitischen Kandidaien Prof. Kydipzier mitunterzeichnete. Nicht minder für die Verhältnisse bezeichnend ist aber auch die Tatsache, daß in Drohbiycz, wo sich die Juden in der Majorität befinden, die Wahl des getauften Professor Halban so gut wie gesichert ist. Lemberg, 29. Februar. Die jüdischen Vertreter im Reichsrate haben bekanntlich nicht alle von der galizischen Wählerschaft auf sie gesetzten Erwartungen gerechtferttgt, was man jetzt hier wieder anläßlich der bevorstehenden galizischen Landtagswahl in allen Tonarten hören kann. Nichtsdestoweniger hat sich doch die jüdischnationale Partei entschlossen, den Führer des jüdischen Klubs im Reichsrate Herrn Adolf Stand auch als Kandidaten für den Landtag in Lemberg aufzustellen. Außerdem ist noch die Kandidatur des.Dr. Markus Braude in Brody aufgestellt. Da außer der national-jüdischen Partei auch die anderen jüdischen Parteien mit ihren Kandidaten nicht Zurückbleiben, so dürfte man sich auf eine heftige Wahlschlacht innerhalb der galizischen Judenheit gefaßt machen. Ob diese inneren Reibungen oem Bestreben, eine starke jüdische Vertretung zur Wahrung der jüdischen Interessen im galizischen Landtage zu gewinnen, dienlich ist, werden schon die nächsten Tage zeigen. JjtaftUmb. Ule feindlichen Brüder. Das Jüdlfche Drahia. , Odessa, 20. Febr. Auch Rußland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nämlich inbezug auf Juden und Judenverfolgung. Vor kurzem berichteten wir an dieser Stelle von einer neuen Einschränkung der Wohnrechte der Juden in Finnland, welche auf einer Verordnung von anno 1790'beruht. Was jetzt die öffentliche Meinung hier beschäfttgt und die jüdische Bevölkerung mit Bangen erfüllt, sind die Reibungen innerhalb des „Verbandes der echt russischen Männer", die nun zum offenen Konflikte und zum völligen Bruche zwischen den beiden Führern des Verbandes Dr. Dubrowin und Purischkewitsch geführt haben. Nun sollte man glauben, daß dieser innere Bruch eine Abschwächung der Verbandskräfte bedeute und ,von der Intelligenz und den Juden eher freudig begrüßt als bedauert werden müßte. Dem ist aber nach der Entwicklung der Verbandes und nach der ganzen Lage der Dinge nicht so. Als die beiden polittschen Gegner sich vor einigen Jahren auf dem schwarzen Boden des Verbandes zusammenfanden und sich zum Lolitischen Freundschaftsbunde die Hände reichten, ba wunderte sich alle Welt über diese plötzliche Wandlung. Nur wir Juden zeigten keine sonderliche Verwunderung, da wir den wahren Grund, der so alt ist wie unsere Geschichte, kennen. Es war für uns nur die drastische Bestätigung, des alten Ausspruches, den unsere weisen Taunuolehrer zur Bileamsgeschichte getan: „Moab und Midjan, die sich sonst gegenseitig als Erzunjd Erbfeinde betrachteten, schließen den Friedensbund, um gemeinschaftlich gegen Israel vorzugehen." Die unheilvolle Wirksamkeit, die der Verband gleich nach dieser Verbindung entfaltete, zeigte, daß wir uns in unseren trüben Ahnungen nicht getäuscht hatten. Allerdings blieben die beiden Führer immer die Vertreter zweier Nuancen innerhalb der Reaktion. Purischkewitsch ging mit der Regierung, fand sich selbst unter Umständen bereit, mit der sogenannten konstitutionellen Rechten zu paktieren, und? zeigte sich mit der systematischen Judenverfolgung durch die Maßregeln der Verwaltung oder gar durch Gesetze, die im Einverständnis mit der Duma geschaffen, höchst zuftieden. Für Dubrowin aber arbeitete in dieser Beziehung der Regierungsapparat viel zu langsam und eine vom Volke gewählte gesetzgeberische Körperschaft kennt er überhaupt nicht. Eine Ausrottungspolitik, die sich in dem Geleise von Gesetzen schwerfällig hinbewegt, ist nicht nach seinem Geschmack und so gedentt er mit Hilfe der bestialischen Instinkte seiner Getreuen, die zu wecken er immer bemüht ist, viel eher und sicherer ans Ziel zu gelangen. Trotzdem war der Friede gewahrt und eS schien sogar eine Zeitlang, als ob die beiden sich zu ergänzen bestrebten. Die Fehde begann erst nach der Einberufung der dritten Duma ihren ernsten Charakter zu erhalten. Purischkewitsch glaubte mit dieser Volksvertretung vollständig zufrieden sein zu dürfen. Und als er nun Miene machte, mit ihr in manchen Beziehungen einig zu gehen, war der Bruch unvermeidlich geworden. Dubrowin hat gesiegt, aber Purischkewitsch ist nicht unterlegen. Er hat wohl aus dem Präsidium des Verbandes ausscheiden müssen. Aber er hat bereits auf Grund seiner Tendenzen einen anderen unter dem Namen „Allrussische monarchistische Partei" gegründet, der vornehmlich die Geistlichen und Beamten umfassen soll. Von welcher politischen Bedeutung diese neue Partei auch immer sein wird, wir Juden haben bei der Trennung der feindlichen Brüder so wenig Grund zur Freude wie damals bei ihrer Annäherung. Ihre Devise wird die altbekannte bleiben: Getrennt marschieren und vereint schlagen! Und dieses Schlagen ist leider hierzulande, wie die jüngsten Vorgänge in Odessa wieder gezeigt haben, ganz buchstäblich aufzufassen. Die neueste Aktion der Polizeiverwaltung zur Rettung des Vaterlandes war die gründliche Reinigung des Theaters von allem, was den Juden und dem Judentum ähnlich sieht. Wir haben bereits neulich von der Ausweisung jüdischer Akteure aller Art aus Petersbürg und Moskau berichtet. Nun ereilte dasselbe Geschick auch die jüdischen oder judenfreundlichen Stücke selber. Uriel Akosta und Nathan sind als ausländische Juden bis auf weiteres von unserer Bühne verjagt. Das Drama „Höre Israel" darf sich nicht mehr hören lassen und auch die bekannte, ergreifende und wahrheitsgetreueste aller Tragödien „Die Juden" von Tschirikow darf wegen ihres Schlußaktes, wo das jüdische Mädchen mit dem Revolver in der Hand seine Ehre verteidigt und dabei schließlich sein Leben opfert, nicht mehr aufgeführt werden. So wäre wenigstens auf der Bühne die Judenfrage gelöst. Allein, was nützt es, wenn das jüdische Drama von den Brettern, die die Welt bedeuten, geschwunden, nachdem in dieser Welt selber sich noch täglich ergreifende Dramen dieses Genres abspielen und dieselben von der Regierung nicht nur nicht verboten, sondern sogar noch nach Kräften gefördert werden. Es ist eine traurige Statistik, welche die Zeitung „Nasch Wiek" dieser Tage veröffentlichte, eine übersichtliche Zusammenstellung der im verflossenen Jahre ourchgeführten politischen Prozesse, gefällten und vollzogenen Urteile. 1692 .wurden zum Tode verurteilt, 748 hingerichtet, mehr als 5000 Ro. 10. Sette 9 mit Zwangsarbeit, Verbannung usw. bestraft. Doch was uns interessiert, ist die Schlußzahl: „Begnadigt wurden in diesem Jahre 107 Mitglieder des „Schwarzen Hunderts", die wegen Progroms verurteile waren." Diese 107 Holigans werden den Wink verstehen und ihre Aeiheit weidlich ausnutzen. Wie man hört, sollen sie ihre Befreiung einer Jnterventton des Dr. Dubrowin zu verdanken haben. Doch versicherte man, düß über diesen Punkt völlige Einigkeit zwischen ihm und Purischkewitsch geherrscht habe. Bon der Bühne" überträgt sich dann die Nervosität der Polizei auf das jüdische Be reinswesen. Den Zionisten hörte sie eigentlich erst jetzt auf zu trauen, nachdem sie nach den letzten Kongressen so gut wie nichts mehr hatten, was Vertrauen oder Mißtrauen erwecken konnte. Die zionistischen Versammlungen, in denen die Frage nur noch rein doktrinär behandelt wurde, sind hier überall verboten und viele zionistische Vereine zur Einstellung ihrer Lehr- und Sammelarbeit gezwungen worden. Nun soll auch der jüngere, praktischere Bruder des Zionismus, der Territorialismus, nicht verschont bleiben. Am 4. Februar wurden die territorialistischen Vereinigungen in Kiew, Odessa und Warschau plötzlich durch die Gouverneure als verdächtig aufgelöst. Wo und wie dieser Verdacht liegt, ist vorerst für den normalen Laien unergründlich. Der im Dienste der Wissenschaft und. der Menschheit ergraute Professor Mandelstamm, der bisherige Führer des territörialistisch« Verbandes in Rußland, weiß uns absolut keine Auskunft darüber zu geben. Und das ist doch zum mindesten auch sehr verdächtig. — Odessa, 26. Februar. Der neue Generalgouverneur ließ die Rabbiner unserer Stadt vor sich kommen und hielt ihnen eine lange Ansprache, in der er. die Rabbiner ersuchte, ihren moralischen Einfluß auf die jüdische Jugend geltend zu machen, damit sie sich von allen revoluttonären oder sonst verbotenen polittschen Parteibildungen fern halte. Die Rabbiner selbst beglückwünschte der Gouverneur zu ihrer korrekten und loyalen Haltung. Der Schritt des Gouverneurs Mag gut gemeint seiner ist aber nichtsdestowenigewgeeignet, den verläumderischen Ausstreuungen der . Schwarzen Hundert neue Nahrung zu geben und darum recht bedauerlich. England Die neue Sdiulnorlage. London, 28. Februar. Es war zu erwarten, daß die vor 2 Jahren von Mr. Birrell eingebrächte und damals gescheiterte. Schulvorlage nicht den definitiven Abschluß der auf die Verweltlichung des englischen Volksschulwesens gerichteten Bestrebungen bedeuten Würde: Indessen bietet die von dem neuen Unterrichtsminister Mc. Kenna jetzt vorg^egte neue Bill noch ungünstigere Aussichten für die vorhandenen Gemeindeschulen als die lex Birrell. Die neue Bill stellt die vorhandenen konfessionellen Schulen einfach vor die Altöfträtive, entweder ihren ganzen Charakter, d. h. jeden spezifischen Religionsunterricht zu opfern, -vder aber auf die Zuschüsse der Kommunen gänzlich verzichten. Allerdings wird die Maßregel dadurch gelindert , daß die den Schulen auf alle Fälle zufallenden Staats Zuschüsse ein klein wenig erhöht werden sollen : es ist in Aussicht genommen, einen Kostenzuschuß von 47 Schilling für jedes Schulkind zu leisten. Allein die effektiven Kosten werden durch diesen Bettag bei weitem nicht gedeckt, so daß es ep. für die jüdischen Gemeinden immerhin gelten wird, namhafte Bettäge zur Erhaltung der von über 10000 jüdischen Zkindern besuchten konfessionellen Schulen aufzubringen. Es liegt auf der Hand, daß es für die englische Judenheit eine Spielerei ist, die erforderlichen Summen zu beschaffen, sofern sie nur will- und es ist auch in der Tat zu hoffen, daß die starke Empfindung der englischen Juden für de» Wert einer guten religiösen Eiziehung sich auch

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