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Der Israelit · 1908-03-05 · Heft 10 (5.3.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 10 (5.3.1908)
Date
1908-03-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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ttr 10 Sitte 8. Stet QßtoeUt S.März 1906 wir die älteste und natürlichste Organisation der Juden in der Diaspora, die Gemeinde, als ein ' Mittel zur Erhaltung und Förderung jüdischen Gemeinschaftssinnes betrachten, so erblicken wir auch in der zentralen Organisation der badischen Juden eine Einrichtung, die geeignet ist, dem jüdischen Leben in Baden Kraft und Impulse zu verleihen Wir erkennen gerne an, daß Ob errat und Synode seit dem Beginne ihres Wirkens manches Ersprießlich? nach dieser Richtung geleistet wurde; besonders begrüßen wir von unserem zionistischem Standpunkt aus die Fürsorge, welche man der Hebung des Schul- und Erziehungswesens zugewendet hat. Die Vor einigen Jahren eingeleiteten Bestrebungen unserer jüdischen Behöroe auf sozialem Gebiete haben sogar auf der Tribüne des fünften Zionistenkongresses laute Anerkennung gefunden. Um so peinlicher berührt es uns oie feit einiger Zeit unverkennbar hervortretendc Erscheinung, daß die Tatkraft des Oberrats sich immer mehr einengt auf einen Gegenstand: die Gebetbuchreform, und -daß die Bemühungen des Oberrats sichtlich dahin zielen, auch das Interesse der Mitglieder der Landessynagoge aus diesen einen Punkt festzulegen. Wir bettagen es von unserem zionistischen Standpunkt aus lebhaft, daß mit dem keineswegs aus ein em starken Vertan- Sfen der jüdischen Bevölkerung, sondern ediglich aus der subjektiven Reformsucht Einzelner hervorgegangenen Plane einer Gebetbuchänderung ein Zankapfel hineingeworfen wurde in di? badische Judenheit, und Zwietracht fesaut wird, deren Folgen noch gar nicht zu überehen sind, die aber jedenfalls die Mbeit an oen gemeinsamen Ausgaben der badischen Judenheit aufs schwerste gefährven muß. Wir b^aitern, daß Mitglieder des O b e r r a t e s für die Gewissensnot gerade der treue st en Anhänger der jüdischen Religion so wenig Verständnis zeigen, daß sie die Beschwerden und die Berteidigungsmaßnahmen der sich bedroht fühlenden konservativen Minderheit mit starken Eingriffen beantwortet haben. Wir wünsche« fehnlichst, daß der O b e r r a t durch Znrüskziehnng feines Gebelbncheeformpepjektes den Ruf seiuer Unparteilichkeit und Gerechtigkeit wieder Herstellen, daß er durch das Beispiel einer solchen Entsagung das Vertrauen in feine Friedensliebe s e st i ge n und dadurch die Bereitwilligkeit der Juden Badens, mit ihrer Behörde gemeinsam zum Wohle des Judentums zu wirfett, neu beleben möge. Sollte rndeß der Obe rrat in Nichtbeachtung der Gefahren, welche er für die Einheit und den Bestand der badischen Judenheit .mit seinem Resormprojekt herausbeschwört, den Gebetbnchsplan 'der Synode vorlegen, so werden wir — unbeschadet der Freiheit, die wir unseren Anhängern in religiösen Fragen zubilligen — sie darauf Hinweisen müssen, wie sehr.gych zionistische Interessen durch das Reformgöbetbuch, 'betroffen 'werden. Das bisher gebräuchliche Gebetbuch atmet noch die ganze ursprüngliche Krttt echter Empfindung, die uirserem Volke eigen war. Ein gewaltigem Pathos durchglühte die alten Zeiten, in denen noch der Stolz und die Würde ungebrochener Persönlichkeiten in unserem Belle l-bten. Zwischen jener Zeit, in der das Gebetbuch entstand, und der unsrigen liegt unser Eintritt in die europäische Kulturwelt, den uns die Emanzipation vermittelte. Mit der Ausnahme der modernen Kultur in uns vollzog sich leider eine zunehmende Mißachtung j ü d is ch e r W e r te in unseren Reihen. Die schwindende Wertschätzung des alten «Gebetbuches ist nicht, wie der O b e r r a t meint, auf das Vorhandensein ungeeigneter Gebete zurückzusühren, sondern sie ist nur eine Ausdruckssorm jöner betrübenden Erscheinung, daß das stolze jüdische Empfinden im Schwinden begriffen ist. Um. das jüdische Bewußtsein neu zu stärken, täte eine Reform not, die dahin zielt, den Stolz auf unsere Geschichte zu wecken, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Juden aller anderen Länder zu beleben, das V e r stä ndnis und damit die Liebe zu erschließen für die leidende und doch so reiche, für die niedergetretene und dennoch starke Seele der j ü d i s ch e n M a s s e. Statt dessen charakterisiert sich oie geplante Gebetbuchreform als eine weitgehende Rücksichtnahme auf das krasse Assimilantentum. In dem neuen Gebetbuche sollen die Erinnerungen äusgemerzt werden an unsere einstige .Größe, an Zion und Jeruschalajim, die Hoffnungen auf unsere nationale Wiedergeburt, die Aeußcluitflni des Stolzes aus uns als Volk und der Zusammengehörigkeit aller seiner Teile.' Das ist um so bedenklicher, als der Entwurf auch zur Einführung in den Unterricht bestimmt ist. Tie Heranwachsende jüdische Generation soll ihre jüdische Erziehung an der Hand eines Buches erhalten, in dem ihr Steine statt Brot, dürrer Rationalismus statt warmen Lebens dargeboten wird. Der so gestaltete Gebetbuchentwurf wirkt entgegen dem Punkt 3 des „Basler Programms", das von uns fordert „die Stark««- des jüdischen Selbstgefühls und BolkSbewußtseins". Daraus ergibt sich, daß wir nicht ruhig die Absichten des Oberrats sich verwirklichen lassen dürfen, sondern P a r t e i ergrei fenmüss en in dieser Frage. Der Entwurf verstößt aber weiter gegen unser Streben, Trennendes innerhalb der Judenheit hintanzu halten und das Einigende kräftig zu betonen. Branche« wir heute nicht vor allem Frieden im eigene« Hanse? Aber nicht nur, daß das Werk des Oberrats eine starke Erregung bereits in die eigenen Reihen getragen hat, die bedenkliche Folgen nack sich ziehen muß, wenn erst der Entwurf Gesetz wird; nicht nur, daß es den Unfriede« in die Gemeinde« tragen wird und nicht nur, daß keinerlei Ka u t e l e n getroffen s i n d f ü r das beunruhigt? Gewissen der religiösen Minderheiten, dre man doch nicht wohl aus der Gesamtorganisation hinansdrängen wist: dieser Entwurf ist nur zu geeignet, eine neue Schranke auszurichten: die Schranke zwischen dem badischen Judentum und dem der übrigen Wett. Somit erwächst für uns die gebieterisch? Pflicht dafür zu wirken, daß der Entwurf des Oberrats nicht Gesetz wir d. Aber nochmals sei betont: wir wissen uns frei von jeder Art von Feindesligkeit gegen die jüdische Behörde Badens. Wir wollen nur dem Frieden dienen und nrithelsen, die Bahn frei zu ma chc n zu neuer ersprießlicher Resormarbeit: zu wirklich gedeihlichem, friedvollem Wirken ans dem Gebiete der Förderung jüdischen Bewußtseins, jüdischen Wissens und sozialer Arbeit. Zionistischer Gruppenverband Rord-Baden: Or. med. Julius Moses, Mannheim, Julius Simon, Mannheims Oe meä. Simon Felsenthal, Mannheim, vr. meä. Fritz Fulda, Mannheim, Ludwig Götzl, Mannheim, Or. meä. Ludwig Mann, Mannheim, Alexander Hirsch, Rechtsanwalt, Heidelberg, Wilhelm Bähr, Karlsruhe, Oe. Moritz Pfälzer, Rechtsanwalt, Weinheim. Zionistischer Gruppenverband Süd-Baden: M. Kaufmann, prakt. Arzt, Freiburg, Moritz Weil, Freiburg, Berthold Epstein, Eichstetten, vr. meä. D. Rueck, Eichstetten, Adolf Heymann, Müllheim, Josef Neuburger, Fabrikant, Gailingen, Josef Bernheimer, Fabrikant, Gailingen, M. Bloch, Rechtsanwalt, Konstanz. orrespondenzen und WLachrichten. Deutsches Metch. Berlin, 28. Febr. Der „Pflanzungsverein Palästina" in Berlin versendet eine längere Mitteilung über Zweck und Wesen des Vereins und über die bisher erzielten Erfolge. Der Verein ist im Jahre 1905 mit dem Sitz in Berlin gegründet worden und zwar auf Grund der übereinstimmenden Gutachten von Sachkennern über die hervorragende Eignung Palästinas für Gartenbau und Baumkultur. Jedes Mitglied, das mit einem bepflanzten Dunam Land im Werte von 60 Mk. am Unternehmen beteiligt ist, wird als lebenslänglicher Eigentümer einer Parzelle Land ins Vereinsbuch eingetragen und erhält die Nutznießung seines Grundstückes alljährlich in Gestalt einer Sendung von Früchten u.f. w. Die erste Gartenpflanzung ist bereits in der Größe von 30 Hektar in Rechobot angelegt worden, welche ein befriedigendes Resultat ergeben hat und die Versendung einer „Palästina gäbe" an die Mitglieder des Vereins schon dieses Jahr ermöglicht. An allen Pflanzungen des Vereines dürfen nur jüdische Arbeiter beschäftigt werden. Mit. den beteiligten Kolonisten sind Abmachungen getroffen, die sowohl für diese als auch für das Unternehmen sehr günstig sind und auch anderen ähnlichen Unternehmungen in Palästina als mustergiltig empfohlen werden dürfen. Der Ausschuß des Vereins setzt sich z. Z. zusammen aus den Herren: Prof. Marburg, Rabbiner Dr. Eschelbacher, Dr. Sobernheim, Berthold Israel, Prof. Martin Philippson, Siegm. Berget, Dr. H. Hildesheimer, S. Hapner, Dr. F. Oppenheimer, Dr. Ooskin, Hermann Struck und Dr. H. G. Heymann. (Mr vermiffen beidemsonst überaus sympathischen Unternehmen die ausdrückliche statuarische Bestimmung, daß sowohl Bodengesetze als Sabbathgesetze auf den Anlagen des Vereins für alle Zeiten beobachtet werden müssen und wir glauben, daß die gesetzestreuen Mitglieder der Verwaltung die Aufnahme einer solchen Bestimmung noch jetzt erreichen könnten und sollten. D. Red.) Berlin, 20. Februar. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügung: Bon dem Vertreter der Alliance in Casablanca, Herrn Pisa, ist an den Präsidenten nachsteheuder Bericht vom 9. Februar gelangt. „Gestern abend bin ich eiligst von Herrn Malpertuy, dem französischen Konsul, gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d'Aade Mitteilung machte: „80 Israeliten von Sertat sind unter frcmzösischom Schutze auf beut Wege nacfy Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich war am 5. eine Heeresabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen ausgenommen worden, waren. Herr Malpertuv riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgefuchten Unglück- Itdjcu unterzubringen. Mit rührenden Worten vollen Mitgefühls stellte er mir das Brot zur Verfügung, das ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagury, Vorsitzenden des israelitischen Comites) der gleichfalls unterrichtet worden war, machte ich mich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler, stellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh 11 Uhr sind sie, 135 <m der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haar? struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzige Säcke gehüllt, teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden — so sehr hat das Elend . sie gleichgemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen seit Monaten ausgesetzt gewesen sind. Auf unsere Frage, was aus beit anbeten Israeliten geworden bereit es in Settat und in den Dörfern doch mindestens Tauseitd gegeben hätte, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: „Wir wissen es nicht. Biele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berge, und sicherlich sind viele unter den Arabern." Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtigen zu repatrieren. Wir organisieren das Hilfswerk, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, sodaß sie sich unter di? Bevölkerung mischen. Ich appellier? an die Großherzigkeit des Zentral Comitös, daß es den Unglücklichen Hilfe schicke. Pisa." Die Alliance Jsraelite hat Herrn Pisa sofort 5000 Francs zur VerAgung r gestellt nnd weitere 2000 Francs nach Mmrrakesch geschickt, wo die Lage der Israeliten gleichfalls überaus mißlich ist. München, 28. Februar» Im Landtag gelangte die Petition des Kuratoriums der israelitischen Lehrerbildungsanstalt zu Würzburg zur Verhandlung. Kultusminister v. Wehner: Die Petition lief ein. als das Budget aufgestellt war. Eine Berücksichtigung wäre überhaupt nicht möglich gewesen, wegen der Konsequenzen,' aus finanziellen Gründen können auch die Anstalten für Lehrerinnen in Kaiserslautern, Aschaffenburg, München u. s. w. nicht unterstützt werden: jüdische Schüler können übrigens in den Lehrerbildungsanstalten Schwabach, Würzburg und Kaiserslautern Aufnahme finden/ groß ist die Zahl der jüdischen Schüler überhaupt nicht, da es nur 84 israelitische Schüler gibt. (Anm. des Berichterst.: Bezügl. der Volkschulen stimmt diese Zahl wie verhält es sich abermit den Religionsschulen Bayern, für die doch ebenfalls seminaristisch gebildete Lehrkräfte in Betracht kommen?.) Die Staatsregierung steht immerhin der Petition wohl - wollend gegenüber. Referent Dr. Sch aller, Zentrum, wünscht, daß auch die weiblichen Lehrerbildungsanstalten in Zukunft eine staatliche Unterstützung erhalten und befürwortet dir Petition. meM ünüjüi

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