Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1908)
- Date
- 1908-03-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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pp M 1Ü L März WM. S«e 7. t-ittgen, ha er ja seinem Broterwerb die Woche über nachzugehen habe. Ja, nicht einmal benschen kann der badische Jude mit seinen übrigen Glaubensgenossen, La man ^ür ihn ein besonderes Tischgebet zurechtgemacht habe, und würde er bei einen: Berich, bei einem Hochzeitsmahl zum Borbeten aufgefordert werden, man würde ihm das Wort entziehen und ihn als minderwertigen Juden ansehen. Dann verbreitete stch der Referent über die Einsetzung der Gebete und Berochgvs durch das Sanchedrin, die Hochfchul, in Babylon rc. und zeigte, daß eine Abkehr m diesen für die Erfüllung und das Verständnis der Thora allein maßgebenden Behörden geradezu einen Abfall vom Judentum bedeute. Er bewies, daß die Streichung aller Stellen, welche Opfer, Wallfahrt, Tempel, Messias, Auferstehung rc. ent- Uelten, eine Leugnung der Thora in sich tehe, welche im 2., 3., 4. und 5. Buch Wch so ausführlich von diesen Geboten handelt. Der Redner schilderte seinen gespannt lauschenden Zuhörern, die keinen Blick von ihm ließen, die furchtbaren Folgen für den Frieden in den einzelnen Gemeinden, wenn es diesen anheim gelben würde, das Gebetbuch einzuführen. Denn M A^n kleinen Kreisen würden die Gegensätze noch M fchärfer aufeinander prallen, tüs in den ßroßen Kreisen. DleZerÄürftüffe in den Familie»! wären unabsehbar, es würde zu Händeln, Beleidigung, Prozessen kommen. Und gar erst die Gegensätze zwischen Eltern vom alten Glauben und den Kindern, welche nach dem neuen Gebetbuch unterrichtet würden! Der Prophet Maleachi stellt es als höchstes und schönstes Ziel der Erlösung hin: das Herz der Kindet zu den Eltern und das Herz der Eltern zu den Kindern zurück zu führen und der Großherzogktche Oberrat wolle die Herzen der. Kinder den Eltern entfremden. Darnach berichtete der Redner, wie die Augen aller Deutschen Juden auf den Entscheidungskampf in Baven gerichtet seien, von den Sympathien, welche man den heldenmütig kämpfenden Frommen entgegenbrächte. Er zeigte, wie der Sieg der Gutgesinnten die Neformgeluste aller Neologen von weiterer Bekämpfung des altüberlieferten Judentums abfch recken und umgekehrt, wie eine Niederlage der Konservativen alle bösen Geister entfeffeln würde. Der Referent erzählte auchwelche Körbe der Oberrat von,denReformgroßgemeinden erhalten habe, die er zu gemeinschaftlicher Gebetbuchfabrikation eingeladen hatte, und wie er ttotz dieser Abmahnungen eigensinnig auf feinen Plänen beharrte. Zum Schluffe forderte der Vortragende alle Anwesenden, Männer wie Frauen, diese im Hinweis auf Esther und die frommen Frauen in Aegypten, auf, zu werben für die gute Sache, ihre Stimmzettel für die alle Religion Israels abzugeben. Die badischen Juden seien die einzigen im Deutschen Reiche, welche durch die zu wählenden Synodalabgeordneten einen Einfluß aus die Maßnahmen der religiösen Landesverwaltung besäßen. Wo aber Rechte feien, gebe es auch Pflichten. Diesen Pflichten sollten sie energisch Nachkommen zu Ehren des Judentums und ihrer badischen Heimat, zu Nutz und Frommen ihrer Kinder, zur Aufreryterhaltung des Friedens in Gemeinden und Familien. Tosender Beifall zeigte, daß die Zuhörer übereinstimmten mit dem Redner, mit dem sie den ganzen Bortrag über in inniger Seelen- und Geistesgemeinschaft gestanden hatten, wie aus der unverminderten Aufmerksamkeit und Spannung erhellte, mit welcher sie seinen anderthalbstünoigen Ausführungen gefolgt waren. Der Vorsitzende forderte zur Diskussion auf. Aber niemand regte sich, selbst nicht die Opposition, welche sich unausgesetzt Notizen gemacht hatte. Hatte sie Furcht oder war sie vor der Fülle von Beweisen verstummt? Darauf schloß der Vorsitzende die erfolgreich verlaufene Versammlung mit Worten des Dankes für den Redner. Die Stimmung in Gemmingen und Umgebung ist vorzüglich für die Gegner des Oberrats. Lörrach, 2. März. Unter Vorsitz des früheren SynadalabaeordrietenHrn. Nordmann fand am Sonntag, den 1. März, in Lörrach eine liberale Wahlversammlung statt, bei der Herr Rosenberger bas Haupt-Referat hatte. Der Referent »vies zunächst auf den Sieg des Liberalismus in Frankfurt hin und forderte die Liberalen in Baden auf, mit gleicher Energie den Kampf auf'der ganzen Linie äufzunehmen, da es sich um nichts Geringeres handelt, als um Einführung des neuen Gebetbuches, eine Sache, die nach der Meinung des Referenten des Schweißes der Edelsten wert ist. Der Oberrat, dessen .Toleranz, Redner nicht genug rühmen kann, muß im Kampfe mit der zähen Orthodoxie Hülfe erhalten. Nachdem noch die Gutachten gegen das ipue Gebetbuch ordentlich diskreditiert worden sind, wirft Herr Rosenberg den Orthodoxen vor, daß sie nach Galizierart Geld für ihren Kampf schnorren und in ihrem Wahlaufruf sich Verdrehungen, Lügen und Berläumdungen zu Schulden kommen ließen! Selbstredend fehlte auch die moderne Wendung nicht, daß die Taufe nicht im Schooße der Reform entstanden sei, sondern in dem der Orthodoxie. Mit einer erneuten pathetischen Lobeshymne auf den unfehlbaren Oberrat und seine vortrefflichen Leistungen und mit der Ankündigung, auch im Falle eines Erfolges der Gebetbuchsgegner nicht eher zu ruhen, bis der neuen Tefilloh zu ihrem Siege verholfen sei, schloß der Redner seinen Bortrag. Als erster Diskussionsredner fragte Herr Max Nordmann, was eigentlich der Z w e ck des liberalen Vereins sei. Als Antwort aber erhielt er nichts als heftige Zwischenrufe und tobenden Lärm, in dem seine toeiteren Ausführungen untergingen. Darauf ergriff Herr Simon Epp st ein das Wort. Er verurteilte zunächst den Ton des Referenten und die rüde Art Und Weise, wie' sich dieser bemüßigt' fühlte, seine Gegner zu bekämpfen. Die Liberal? Vereinigung, die stch als Schutzwall ches Oberrats ausgibt, sei nichts weniger als liberal unö tolerant. Das neue Gebetbuch wolle einen Gewissenszwang auf die Orthodoxen ausüben und ihnen den Besuch des Gottesdienstes äe facto unmöglich machen, ©ine seit Jahrtausenden bestehende und von uns allen hoch und heilig betrachtete Tradition solle weichen. Wer in Wahrheit liberal und tolerant ist, muß auch die Ueberzeugung anderer schätzen und achten. Der Redner kritisierte scharf die bei der letzten Synodal-Bersammlung verfolgte Taktik des Oberrats, der sich nicht scheute, den Orthodoxen Mangel an Takt und Bildung vorzuwersen und sie zu Bürgern zweiten Grades zu degradieren. Der Fall Würzburger in Rappenau beweist zur Genüge, von welchem Geiste des Absolutismus der Oberrat beseelt ist. Die Aeußerungen des Referenten über das Gebetbuch Punkt für Punkt widerlegend, wies er auf die vor 15 Jahren vom Oberrat veranstaltete Rundftage hin, deren Ergebnis ein« Ablehnung der Gebeibuchreform war und die jetzt desavouiert werde. Man wagt jetzt die Behauptung: das neue Gebetbuch sei kein Gewissenszwang und dürfe keiner werden! Aber auch diese Beschwichtigungen werden sowohl in der Synagoge wie auch in der Schule nicht von langer Dauer sein, denn gar bald wird und muß es heißen: „die Minorität muß sich der Majorität fügen"! Als Herr Epstein weiter fortfahren wollte, wurde ihm vom Vorsitzenden das W ort entzogen, worauf wieder großer Lärm entstand. Nachdem sich dieser gelegt hatte, protestierte Herr Dr. Klein, ein Vorstandsmitglied der Liberalen Vereinigung gegen. die empörende Intoleranz, die in der Maßregel des Vorsitzenden zum Ausdruck kommt, und meinte, man müsse schon im Interesse des Liberalismus auch die Gegenpartei ungehindert zu Worte kommen lassen. Er ersuchte den Vorsitzenden, Herrn Epstein aufzufordern, seine Rede fortzusetzen, was der Vorsitzende nun auch tat. Herr Epstein verzichtete natürlich auf eine weitere Beteiligung an der „Debatte" und begnügte sich mit einer kurze» treffenden Bemerkung über die famose Geschäftsführung. . Auch Herr Kaufmann Wohl (liberal) bemängelt die Art, wie man den Vertreter der Orthodoxie mundtot zu machen suchte und meinte, die liberale Sache nrüsse auf gar schwachen Füßen stehen, wenn sie nicht die sachlichen Einwände eines Gegners vertragen könne." (Auch wir sind dieser Meinung. Die' GesetzeStreuen Badens tvissen nun, mit welchen Mntteln und Waffen gegen sie gekämpft wird, und werden sich danach einzurichten haben. Die Red.) Freiburg, 1. März. (Der Liberalis* mus in der badischen Landessynagoge.) Allgemein wird die Meinung in der Welt verbreitet, der badische Oberrat und seine Verwaltung würde im Sinne wahren Liberalismus geleitet. Untersuchen wir einmal diesen Liberalismus in politischer und religiöser Hinsicht, um sestzustellen, »vas man in >en einschlägigen Kreisen „liberal" heißt. Der Voranschlag für allgemeine kirchliche Bedürfnisse sieht ein Erfordernis von 75600 Mk. pro Jahr vor. Bon diesen 75800 Mk. verlangt der Oberrat für die Aufbesserung gering besoldeter Religionslehrer 26000 Mk. Diese 26000 Mk. vergibt der Oberrat an die einzelnen Religionslehrer des Landes nach seinem Gutdünken. Da gibt eS (eine bestimmte Skala, keine Normen an die er gebunden »väre, denn die allgemeinen Grundsätze, die man seiner Zeit genannt hat und Cinkommensverhältniffe, Fammenverhältniffe rc. der betr. Lehrer — sollen nur die Richtschnur bllden, nach denen der Oberrat die milde Gabe verteiltein Rechtsanspruch auf Berücksichtigung steht keinem Lehrer ru. Wohl hat die Synode schon einmal das Verlangen gestellt, feste Normen zu schaffen, nach denen die Zuschüsse zu vergeben find. Aber immer hat es die maßgebende Macht verstanden, um diese gerechte, echt liberale Forderung herumzukommen. Technische Schwierigkeiten sollen der Verwirklichung entgegenstehenwir glauben, dem hervorragenden Verwaltungstalente oeS Geh. Oberregierungsrats Dr. Meyer könnte es nicht schwer fallen, diese „technischen" Schwierigkeiten zu überwinden, »venn er nur wollte. So aber verfügt der Oberrat über ein Drittel deganzen Budgets nach freien! Ermessen, wenn er diese Summe unter die badischen Reliaionslehrer verteilt, kein Parlament der Welt dürfte sich derartiges bieten lassen. Wir sagen nicht, daß der Oberrat die ihm dadurch verliehene Macht mißbrauchtaber wir konstatieren nur eine Tatsache, wenn wir einen augenfälligen PetätigungSeiser vieler Lehrer für den Oberrat und eine ebenso auffällige Zurückhaltung vieler Lehrer, deren Ueberzeugung sie zu Verfechtern unserer Sache machen müßte, feststelle!. Für Unterstützung bedürftiger israelitischer Gemeinden enthält der Voranschlag eine Anforderung von 6000 Mk., über die der Oberrat ebenfalls verfügen bars, ohne daß ihm bestimmte Wege gesetzlich vorgeschrieben sind. Auch in religiöser Hinsicht fällt die Untersuchung nicht besser aus. Vor allem muß die Gebetsrage genannt werden. Sie bedeutet ohne Zweifel so lange eine Versündigung gegen hie elementarsten Grundlagen des Liberalismus, als nicht der Oberrat klipp und klar die Frage oeantwortet: „Was geschieht mit der mäjorifiertsN Minderheit??" Liberaltsmus und Gewissenszwang sind Begriffe, tie sich ausschließen, wie Gesetzestreue und neues badisches Gebetbuch. In Mannheim wirkt qie geistliche Stütze des Oberrats. Herr Stadt- und Konferenzravbiner Dr. Steckelmacher. Seine relig.öfe Richtung nennt sich eine liberale. Die Art, wie er Kiduschin gibt, geben dem Verfasser dieses Artikels nicht die Beruh.guug, daß die betr. Ehen nach dem Gesetze Moses und Israels geschloffen wären. Trotzdem diese Meinung bereits öfters zum Ausdruck kam, verweigerte dieser Herr gesetzestreuen Brautleuten die Zuziehung eines gesetzestreuen Rabbiners zu verschiedenen Malen. Er zwang dadurch diese Kreise,, außerhalb Badens Hochzeii zu batten, da sie keine andere Möglichke.t hatten, ihr Gewiffen rein zu halten und ihre religiöse Ueberzeugung zu wahren. Das find nur wenige Illustrationen zum Thema: „So sieht der vielgerühmte Liberalismus des Oberrats aus!" Mannheim, 1. März. Die badischen Zionisten veröffentlichen folgenden Wahlaufruf: „Ei»t weit lebhafteres Interesse, als es sich bei den bisherigen Wahlen zur israelitischen Landesfynode zeigte, bringen die badischen Juden der demnächst stattfindenden Rcnwahl entgegen. Schon - hat sich ein Llusmarfch der Parteien vollzogen. Der Oberrat hat seit längerem eine energische Agitation eingeleitet, um für seinen der nächsten Synode vorzulegenden Plan einer Gebetbrrchrefor« im Lande Sttmmung zu machen. Die orthodoxe« Kreise, die sich durch die Reform des Gebetbuches in ihren heiligsten Empfindungen verletzt und in ihren Rechten bedroht fühlen, haben sich zu einer kräftigen Abwehr zusammcngeschlossen. Als Gegengewicht gegen die Propaganda der gesetzestreuen Juden ist ein liberaler Landesverein im Entstehen begriffen. Wir badischen Zionisten treten hiermit zum ersten Male anläßlich einer Synodalwahl aus unserer, religiösen Fragen und Differer»en gegenüber geübten Reserve heraus, um unsernAnhängern und Freunden eineDirektivefü r ihr Verhalte n in den bevorstehenden Wahllämbsrn zu geben. Wir stehen der ganzen Institution einer, die badische Judenheit einheitlich zuscnnmenfassenden Repräsentanz, wie sie 01berrat und Synode darstellen, mit voller Sympathie gegenüber. Wie