Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1908)
- Date
- 1908-03-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s. März r«s. D« yNaettt. vo»1813 ist auf dem Anmärsche; MGts ltan» ße Mißt anfßatten. Bon dieser Ueberzeugung waren wir tznrchdrungen, als wir die entgegenkommenden Friedensvorschläge der Münchener und Nürnherger Gemeindeverwaltungen annah men, als wir einen Frieden Unterzeichneten, der nach unserer Auffassung bei loyaler Handhabung auf beiden Seiten fürdienächstenJahreden moäua vivendi bilden soll auf deffen Basis sich die beiden Richtungen im Judentum in den bayerischen Großgemeinden verständigen sollen und verständigen müssen. Nicht feige Kompromißsucht war es, die uns bestimmte, die Vereinbarungen mit den neologen Majoritäten zu vollziehen, sondern die im Lause der hinter uns liegenden Kämpfe gewonnene Ueberzeugung, daß es zunächst unsere, der Orthodoxen Aufgabe sein muß, die einigende Plattform für unser Zukunstsprogramm auszustellen, die Gesinnungsgenossen in Fürth und Bamberg,in Wurzburg und Aschaffenburg darüber aufzuklären, daß jetzt keine Vogelstraußpolittk mehr angebracht ist, daß mit dem einschläfernden „1818861faire, laisser aller“ gebrochen werden muß und daß kein bayerischer Glaubensgenoffe unserer Richtung sich von der Verantwortung -rücken darf, bei der zukünftigen Neuordnung der Dinge nach Möglichkeit mitzuraten und mitzutaten. Es wird sich dann zeigen, daß eine Einigung in unfern Reihen, sehr leicht möglich, daß die Redensart von „den grundverschiedenen Verhältnissen in Preußen und Bayern" nur eine leere Phrase ist, daß eine Gesetzgebung, die sich in Berlin und Frankfurt nach der praktischen, in Breslau und Hannover nach der prophylaktischen Seite hin bewährte, wohl auch für München und Nürnberg paßt und daß ein Trennungsgesetz für Fischach und Fellheim ebensowenig Gefahren in sich birgt, wie solche in Rogasen und Rawitsch in den letzten 32 Jahren durch dasselbe heraufbeschworen wurden. Im neologen Lager hat man vielleicht die Torheit der Orthodoxen belächelt, die den besten Trumpf aus ihrer Karte, den mangelnden Rechtsboden ihrer Gotteshäuser, für ein Linsengericht von „Scheinkonzessionen" Preisgaben,- auf der andern Seite werden wir vielleicht von manchem treubesorgten Gesinnungsgenossen als „Säbelraßler und Kompromißler" den weiteren. Kreisen des überlieferten Judentums draußen im Lande mit einem gewiffen Schein von Berechtigung denunziert werden. Wir wollen die Vorwürfe von hüben und den Spott von drüben gerne einstecken, wenn dieser ernste Ruf an die Gesinnungsgenossen in unserm engeren Vaterlande seinen Widerhall findet und die nächsten paar Jahre zu ernster und treuer Vorarbeit für die zukünftigen Kämpfe, zur Klärung und Einigung im e i g e n e n Lager genützt werden! Demonstrationen einer Steuerverweigerung, Deklamationen in studentischen Vereinen können den Kampf -um die zukünftige gesetzliche Regelung der Dinge sicher nicht entscheiden,- es muß in allen orthodoxen Vereinigungen in Bayern gearbeitet werden, damit wir in geschloffener Schlachtlinie in ein paar Jahren, wenn die Kirchengemeindeordnung verabschiedet ist, und der Staat sich der Ordnung der Rechte seiner Privatkirchengesellschaften zuwendet, an die Lösung dieses schwierigen Problems Herangehen können. Wie aber soll die Arbeit gedeihen, wenn diejenigen, die in ernsten Tagen die nicht leichte Aufgabe übernommen haben, Uebergrissen der Neologie entgegenzutreten, des Verrats und der Preisgabe unserer heiligsten Interessen jetzt verdächtigt werden? Wie es aber nicht unsere Aufgabe sein kann, bei der zukünftigen Neuregelung die Rechte und die Autorität des Rabbiners in den religionsgesetzlichen Angelegenheiten seiner Gemeinde gegenüber den derzeitigen Normen irgendwie zu schmälern und zu beeinträchtigen, so können wir unsere orthodoxen bayerischen Rabbiner auch davon nicht dispensieren, als Vertreter des religiösen Prinzips bahnbrechend für die gesetzestreue Richtung in dem unserer harrenden Kampfe mitruarbeiten und der Staatsregierung gegenüber daS Mindestmaß jener Postulate auszustellen, die für die orthodoxen Gemeinden in .Stadt und Land vitale Existenzbedingungen sind. Ihnen, den Rabbinern, obliegt die Führung der orthodoxen Laien, die entscheidende Sttmme bei dem Entwurf unseres Zukunftsprogramms, bei der Sichtung des einschlägigen Materials und bei der aufrlärenden Pioniertätigkeit gegenüber Regierung und Landtag,- ihre Aufgabe wird es sein, darzütun, warum die Revision dieser Gesetzgebung nicht ad calendas graecas vertagt werden kann und warum auch in Bayern mit dem Gewissenszwang aufgeräumt werden .muß, den der preußische Gesetzgeber schon vor 32 Jahren in der Bestimmun g erkannte, daß in einem politischen Bezirke nur eine einzige Synagogen-Gemeinde existieren dürfe. Und nun zum Schluffe noch eines: Wenn wirklich in den beiden Lagern des bayerischen Judentums die ernste Absicht obwaltet, vorurteilslos und objekttv, ohne jedweden Hintergedanken von Herrschaftsgelüsien oer einen Richtung über die andere an die Vorarbeiten zur neuen Gesetzebuug heranzugehen, so kann in diesen Vorstadien er Enquete und der Jnstruktton über die erstrebenswerte Gestaltung der Dinge das jetzt erzielte friedliche Einvernehmen der beiden Parteien gewahrt und gemeinsam das für die gesetzgebenden Faktoren notwendige Material zusammengetragen werden. Freilich sollen in beiden Lagern nur solche Streiter aus dem Plan erscheinen, die die Materie nach der juristischen und materiellen Seite hin völlig beherrschen und die die genügende Objektivität besitzen, um auch dem Standpunkt des Gegners vollste Gerechtigkeit' widerfahren zu lassen. Wer aber von neologer Seite Schulter an Schulter mit uns an einer jeden Gewissenszwang ausschließenden, an einer auch ihrem innersten Wesen nach wirklich „liberalen" und „modernen" Revision des alten bayerischen Judenedikts arbeiten will, er soll uns als Mitkämpfer hochwillkommen sein. Berz und Seist. •«Mt. Vsi IsV 1KW ntW tr« V3 IttlS'l .'n norm vtik inn mn „Und es kam jeder Mann, deffen Herz ihn antrieb und alle, deren Geist gespendet, um die Steuer des Herrn zu bringen, (M. II. 35). Herz, Geist, Gefühl und Verstand arbeiten! nur selten einig, ihre Ziele liegen oft weit aus- I einander. Nicht alles, wofür das Herz sich ers wärmt, kann auf der Wagschale des kalten Verstandes, des berechnenden und abwiegenden Denkens, sich als gut und vollkommen behaupten. Und andrerseits wird der klar denkende und sicher schauende Geist uns oft zu Handlungen bestimmen, die sich im Gegensätze zu den Regungen des Herzens befinden. Die jüdische Wohltätigkeit war nie ein Produkt des Geistes, sondern des Herzens. Dem jüdischen Herzen entsprang sie, die jüdische Zedokoh und floß, von dieser reinen Quelle ausgebend, manchmal vielleicht ziellos, aber immer kristallklar und' Tausende labend und erquickend. Im Zeitalter der Elektrizität, wo alles nach weiser kluger Zweckmäßigkeit sich regelt, ist es nicht das empfindende Herz, sondern der erfindende Geist, der aus allen Gebieten vorherrscht. Zur Gei ft es stärke gehört nach den modernen materialistischen Anschauungen eine gewisse Dosis Herzlosigkeit, und edle Regungen des Herzens werden dann oft als krankhafte Weichheit und Geistesschwäche ' bezeichnet. Wie sollte es da wunder nehmen, wenn auch auf dem Gebiete der Wohltättgkeit, selbst der jüdischen Wohltätigkeit, heute mehr das inn rau als das nV WJ, mehr die Spende des Geistes, als die des Herzens in Betracht kommt? Niemand wird den Segen, den der modern spendende Geist gezeittgt, in Abrede stellen, den. herrlichen Versorgungsanstalten, den Hilfsakttonen, der sozialen Arbeit der Vereine und Verbände, den Altenheimen, Krankenhänsern die Anerkennung versagen. Sie hat etwas Großzügiges an sich, die moderne Wohltättgkeit. Man bildet Comites, legt gewaltige Fonds an, gründet Gesellschaften, man mlttviert und kolonisiert und _ Nr 10. «ette » arbeitet ohne Rast, das Elend bei der zu fassen. Und es ist gut so und ganz im Sinne oer jüdischen Lehre, die im aroßangelegten und fruchttragenden rV'Da die edelste Blüte der Wohltätigkit erblickt. Allein es will uns bedünken, als müßte man auch darin jede Einseittgkett und Engherzigkeit vermeiden, daß man über den großen Akttonen und Institutionen, die von spendendem Geiste geschaffen und geleitet werden auch die kleinen, täglich an uns herantretenden Forderungen der Armut nicht aus den Augen läßt, auch nach altjüdischer Art, den kleinen Bedürfnissen der Armen offnes Herz und offne Hand entgegenhält. Der Geist spendet und das Herz bleibt kalt und ftemd. Welche Paradoxie, welcher psychologische Widerspruch! Man konferiert und referiert zu Gunsten der?lrmeü und zahlt seinen Vereinsbeitrag. Doch an *tzer Haustür prangt ein Plakat, worauf mit großen Lettern geschrieben steht: „Hausieren, Hausbettel etc. verboten". Wie kalt und feindselig starrt uns eine solche Warnungstafel an, besonders, wenn sie sich an einer jüdischen Tür, einer Mesusah gegenüber befindet, yan DNton nnsV. Frostig und drohend hängt das kalte Metall an der Seite des freundlich einladenden, von Gottesfurcht und Menschenliebe durchtränkten Pergamentröllchens. Dieses Gegenüber mutet uns wie ein Kampf zweier Weltanschauungen an, ein Kampf zwischen dem alt bewährten und nie versagenden jüdischen Herzen und dem modernen Geist der klugen Berechnung und schonungslosen Verstandesarbeit... Aber, sagt man, das jüdische Zedokohwesen hat die Schnorrerei und Gewohnheitsbettelei großgezogen, dem Vagantum Vorschub geleistet und so das Elend nur noch vermehrt. Es wäre an der Zeit, diese so oft in allen Variattonen in Versammlungen erhobene Anklage auf ihre historische Wahrheit zu prüfen. Das altjüdische Armenwesen erhebt sich aus so lichtvoller und sonniger Atmosphäre, daß es unmöglich die Sumpfpflanze der Gewohnheitsbettelei mit hervorgebracht haben kann. In der Tat kennt di^ Thora den Bettler nicht. Wir finden da den den Vl, auch den der nie aus dem Lande schwinden wird. Dies sind Arme, Elende und Bedürftige, aber keine Bettler. Dem ODNLn Vy n'mv begegnen wir erst im Talmud und das Wort pap zur Bezeichnung des Spendensammlers ist ein erst später geprägter technischer Ausdruck. Nach den in der Thora niedergelegten und im jüdischen Staate beobachteten Armengesetzen konnte die Bettelei gar nicht aufkommen. Man überließ auf Feld und Weinberg dem Armen, was des Armen ist, eine Behandlung, die dieser mit den Priestern und Leviten teilte. Denn was diesen an -ltpyD nenn zukam, war jenen durch Gesetz an etr nvPv nnsi nnav vpV gesichert. Der Arme brauchte also nicht unter Einbuße seiner Menschenwürde an die Türe des Reichen zu pochen nnd Gaben aus des Menschen Hand zu empfangen, sondern er ging ganz wie der reiche Bruder ins Feld hinaus und empfing mit vollen Händen vom überreichen Segen, den V/Brn auch für ihn bestimmt hat. Das war keine Schande und keine Entwürdigung, denn auch er arbeitet, auch er sammelt und erntet, was sein eigen ist, und auch er darf wohl zum blauen Himmel über seinem Haupte emporrufen: "JCHp pyDD nB'pvn v'vvn p, Schaue, o Gott vom Himmel herab, und segne, segne das Volk und den Boden, das Volk, unter dem es keine Enterbten und Enteigneten giebt, den Boden,- den Du uns verliehen, an dem auch ich Teil habe und dessen Ertrag ich mitgenießen darf . . . ' Gewiß mußte mit dem Untergange des jüdischen Staatswesens und mit der zeitweiligen Aufhebung der nviVnn niixv auch die jüdische Armenpflege eine andere Form annehmen und sich anderen, verschlechterten Verhältnissen anpaffen. Hatte doch ganz Israel die Rolle deS armen Wanderers angetreten und war in seinem Golusleben aus ntts 1 nnsttf £DpV angewieftn, auf das, was die Völker von ihren Berufen «nd .