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Der Israelit · 1908-03-05 · Heft 10 (5.3.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 10 (5.3.1908)
Date
1908-03-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite S. Ro. »0 JSraclit./ S. März 1908, besonders verdient machen, oder die einen einmaligen Betrag von mindestens IVO Rubel zahlen) d) aktive Mitglieder, (die einen Jahresbeitrag von mindestens fünf Rubel zahlen) o) Förderer, (die einen Jahresbeitrag von einem Swbel zahlen). Ausgeschlossen von der Mitgliedschaft sind nur die Schüler von Mittel- und Volksschulen, aktive Militär- Personen und solche, welchen die staatsbürgerlichen Ehrenrechte durch rechtsgültige Verurteilung aberkannt sind. Eine Anerkennung der Prinzipien des orthodoxen Judentums wird für die Mitgliedschaft nicht verlangt. Mer die Zentralverwaltung hat das Recht diejenigen Mitglieder auszuschließen, die den Zielen des Verbandes zuwiderhandeln. Bei der Einsicht, Tatkraft, Gottesfurcht und Thorakunde, welche die Gründer des Verbandes in hohem Grade auszeichnen und dank der regierungsseitigen Bestätigung und Anerkennung, ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die rettende Tat, welche die Konstituirung des „Kneses Israel" bedeutet, bald weite Kreise der russischen judenheit umfassen und sich von unberechbarem Einfluß erweisen wird. Es wird sich daher wohl schon in nächster Zeit Veranlassung bieten, wiederholt und eingehend darauf zurück zu kommen. Für heute sei nur die freudige Botschaft den Lesern des „Israelit" mitgeteilt. Sie ist wie kaum eine zweite gerade für den jüdischen Freudenmonat geeignet. Am 25. Schewat dieses Jahres waren 25 Jahre seit dem Tode von Rabbi Israel Salant V'plXt verflossen. Die Schaffung einer solchen Bereinigung gehörte zu den Idealen seines Lebens deren Verwirklichung er nicht mehr erlebte. Aber Gott allein weiß, welchen Anteil die anregenden geistigen Saatkeime, die er während seines unvergleichlichen gottgesegneten Lebens und ^Wirkens in die Geister und Gemüter seiner ihn überlebenden Zeitgenossen gestreut, an dieser beglückenden Erfüllung seines heißesten Lebens- Wunsches haben! „Gott allein kennt die Tage der Vollendeten, wie ihr Erbe in die Ewigkeit reicht." Sein leuchtender Genius, sein großes, unsterbliches niDT wird über diesem Markstein im Geschicke der Judenheit schützend und segnend walten, dessen letzter Hammerschlag genau um die Zeit erfolgte, in welcher der Große einem Vierteljahrhundert aus dieser Zeitlichkeit schied, um als treuer Fürsprecher seines aus tausend Wunden blutenden Volkes auch in der Ewigkeit weiter zu wirken. Möge sich diese neue Schöpfung seinem großen Geiste und seinem edlen Herzen entsprechend weiter entwickeln und alle oie Hoffnungen rechtfertigen, die alle Wackern mit Recht sur die Zukunst der russischen Judenheit und der ganzen Diaspora daran knüpfen. Kochem«uHschau. IHoOeme Pietät. Aus der großherzoglich hessischen Universitätsstadt Gießen tönt liebliches Geläute an Ohr und Herz, und im ganzen hessischen Blätterwalde hallt's in hundertfachem Echo wider: es lebe die Toleranz! Mag im Leben noch so grimmig der Antisemitismus wüten und den Bürger vom Bürger scheiden, der T o d hat wieder einmal seine einigende Kraft bewährt. Auf städtischem Grund und Boden dürfen künftig die Heimgegangenen Mitglieder der neologen jüdischen Religionsgemeinde Gießen der Auferstehung entgegenschlummern, dreißig Jahre lang nämlich, sofern die Stadt ihr Terrain nach Ablauf dieser Frist für wichttgere Zwecke braucht, neunzig Jahre lang sogar, wenn das Terrain nicht vorher gebraucht wird. Also bestimmt, wie die Blätter und Privatnachrichten melden, der Vertrag, den eine sich jüdisch nennende Gemeinde mit der Kommune abgeschlossen hat und den die liberalen Tageszeitungen natürlich jetzt mit herablassender Anerkennung der beiderseitigen Toleranz bejubeln. Daß das jüdische Religionsgesetz keine Pietät auf Kündigung kennt, daß es — wie S. R. Hirsch einmal bemerkt — nichts von einer Anschauung weiß, die die Kinder das Grab der Eltern mit Immortellen bepstanzen, die Enkel aber dann die Gebeine der Heimgegangenen Geschlechter gedankenlos aus ihren Gräbern hinauszuwerfen oder mit fremden Gebeinen zu „belegen" lehrt — darüber ist man in der aufgeklärten Gemeinde Gießen natürlich erhaben. Es verlohnte kaum der Mühe, dieses neue Attentat auf das jüdische Religionsgesetz und auf den Geist abrahamitischer Pietät zu verzeichnen, wenn es nicht zugleich ein flammendes memento wäre für die hessische Regierung und das hessische Parlament. Welcher ehrliche,wahrhaftig empfindende Mensch kann daran denken, zwei religiöse Richtungen administrativ zu einer erzwungenen Einheit zusammenzufassen, die, traurig genug, bis in den Tod hinein durch Lebensanschauung und religiöses Pflichtgebot von einander geschieden sind! Was sich in Gießen vollzogen hat, ist lediglich ein Symptom für denselben tiefen Gegensatz, der überall im Gemeinde- und Einzell.eben, in Unterricht und Erziehung, in Gesinnung und Lebensführung zutage tritt, den Gegensatz, den man beweinen kann, aber nicht totschweigen, und der umso unheilvollere Wirkungen zeitigt, je mehr ihn — man blicke nur nach Baden — die Gesetzgebung ignoriert. Wenn die hessischen Beschwichtigungsräte, die hinter den Kulissen ihr gutgemeintes, aber nicht minder unheilvolles Unisikationswerk mit betriebsamer Emsigkeit fortsetzen, aus dem Gießener Attentat nur ein wenig Belehrung schöpfen möchten, so hätte die Gießener Gemeinde doch das eine Verdienst, die lebende hessische Judenheit vor schweren inneren Kämpfen und ewigem Unfrieden bewahrt zu haben. Vielleicht verzeihen ihr um dessentwillen die im Staube Schlummernden, daß sie ihnen den alten jüdischen Gottesftieden im mütterlichen Erd-- boden nicht zu sichern verstand. ver flnflurm 9er badtfdien „Liberalen“ gegen 9as konservative IDahlbureau. Man schreibt uns: Es kann nicht Wunder nehmen, daß die offene und energische Sprache des Wahlfondzirkulars des „Wahlbureaus der Gegner des oberrätlichen Reformgebetbnches" den Widerspruch der „Liberalen Vereinigung" herausgefordert hat, nachdem diese schon in der ersten Ankündigung ihres Auftretens kaum einen anderen Programmpunkt aufzuweisen hatte als den Kamps gegen die Orthodoxie. Wenn dieser Kampf nur wenigstens ehrlich und mit unanfechtbaren Mitteln geführt würde! Statt dessen'spricht die „Liberale Vereinigung" in ihrem Flugblatt gegen das Wahlfondzirlular die Verdächtigung aus, es sei den Vertretern des Bureaus ihr energievolles Auftreten gegen den Oberrat und gegen seine Einführung des Reformgebetbuches nicht Selbstzweck, sondern sie müßten durch die Schärfe ihres Tones das Herausziehen „finanzieller Wahlhilse" in milderem Lichte erscheinen lassen. Ist es eine Ehre, einem solchen Gegner gegenüber zu stehen? Müßte nicht in einem Kampfe um ideale Güter auch dem Gegner die absolute Reinheit und Lauterkeit seiner Bestrebungen zuerkanut werden? Ist denn das Anfordern von Parteigeldern bei Gesinnungsgenossen nicht allenthalben gang unb gäbe, geschieht es nicht auch vor aller Oeffentlichkeit in einem so vornehmen Organ, wie die „Frankfurter Zeitung?" Wie wir schon früher bedauert haben, daß der Oberrat die Orthodoxen bei ihrem ersten Kleines Feuilleton. Die birnianirten und das jüdische Schrifttum. Ueber dieses Tkema entnehmen wir einem Bortrage des Herrn Direktor Dr. Feilchenseld in Fürth folgende interessante Ausführungen: In der Periode des Humanismus und der Renaissance sind trotz der bedeutenden Erweiterung des geistigen Gesichtskreises die Sitten und Anschauungen der breiten Massen nicht edler und humaner geworden, was sich besonders bei der Behandlung der Juden in Deutschland in jenem Zeitrlter zeigte. Allein man machte -im Anfänge des 16. Jahrhunderts nicht an der Unterdrückung der I u d e n Halt, sondern man strebte auch die Vernichtung der „Judenbücher" ent, wobei sich der getaufte Jude Pfefferkorn im .Einvernehmen mit dem Dominikanerorden in Köln besonders hervortat. Die nachbiblischen, namentlich aber die - rabbinischen Schriften, wurden als christenfeindlich denunziert und schließlich gelang es Pfefferkorn sogar, durch Vermittlung der Herzogin Kunigunde von Bayern beim Kaiser Maximilian die Konfiszierung aller nachbiblischen hebräischen Schriften zu bewirken. Als ersten und besten Wirkungskreis fiir sein Zerstörungswerk wählte sich Pfefferkorn Frankfurt a. W. Einen gerechten und wohlwollenden Verteidiger fanden aber die Juden in dem damaligen Erzbischof Uriel von Gemmingen in Mainz, der sogar den Geistlichen feines Sprengels verbot, bei den Bücherkonsiskationen in den Synagogen mitzuwirken. Die Frankfurter Juden boten ihrerseits alles auf, um den Kaiser umzustimmen, und erzielten durch einen eigenen Gesandten tatsächlich eine einstweilige Einstellung des Konfiskations- Werkes. Durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen war es aber der Kaiser selber, der auch die Zurückgabe der bereits beschlagnahmten 1500 hebräischen Bücher an dre jüdische Gemeinde veranlagte. Ein deutscher Fürst, der sich! besonderer Gunst beim Kaiser erfreute ,Herzog Erich von Braunschweig, hatte nämlich bei reichen Frankfurter Juden wertvolle Kleinodien verpfändet und große Geldsummen dafür entliehen. Nach häufigen Verlängerungen der Zahlungsfrist bestanden die Gläubiger endlich auf Bezahlung der Schuld oder Verfall der Kleinodien. Da gelang es dem Kaiser, eine nochmalige Verlängerung der Zahlungsfrist für seinen Günstling zu erlangen, er gab aber dafür den Befehl, den Juden die konfiszierten Bücher wieder zurückzugeben. Aber die Gefahr, di» den Judenbüchern drohte, wa» damit noch nicht beseitigt. Der Mainzer Erzbischof holte im Aufträge des Kaisers bei verschiedenen Universitäten und einzelnen Gelehrten Gutachten über den Inhalt und die Tendenz der jüdischen Schriften ein und die Befragten sprachen sich fast alle in den: Sinne aus, daß die jüdischen Schriften außer dem alten Testament voll von Schmähungen gegen das Christentum und daher zu verbrennen seien. Johann R e u ch l i n allein, der gelehrteste und edelste der Humanisten, hotte den Mut, sowohl vom Standpunkte der Wissenschaft, wie vom Standpunkte des Rechtes aus ein Vorgehen gegen die jüdischen Schriften aufs entschiedenste zu verurteilen. Ein wichtiges Ergebnis war durch Reuchlins mannhaftes Eintreten für das jüdische Schrifttum gewonnen: Fortan konnte es wohl noch Vorkommen, daß einzelne jüdische Schjristen wegen ihres Inhalts beanstandet und konfisziert wurden; eine allgemeine Verfolgung der „Judenbücher" aber war seitdem in unesrem Vaterlande ausgeschlossen. Die guten Dienste, die einst die Humanisten für die Erhaltung des jüdischen Schrifttums geleistet haben, sollten stets in dankbarer Erinnerung bleiben. (Hebräische Lyrik.) An Babels Strömen saßen unsere Väter und weinten. Aber ihre Tränen wurden zu Liedern. Denn gerade das tiefe Leid ivar es, was von Jeremias bis aus den heutigen Tag die Harfe Israels anr ineisten bewegte und ihr unvergleichliche Töne entlockte, Töne, die rührend schön, weich und elegisch sind, aber auch vollklingend in verheißendem Tröste, oft aber auch dröhnend und mahnend wie Weckrufe an das Gewissen der Menschheit. „Die Harfe Davids," — erzählen unsere Weisen — „fing nach Mitternacht vom Nordwinde beeinflußt, von selber zu spielen an. Auch die Harfe Israels, von allen Winden angeiveht, blieb, so oft die Nacht im Leben des Volkes ihren Höhepunkt erreicht, mit ihren lyrischen, erschütternden und zugleich erquickenden Klängen nicht zurück. — Allein die Harfe Israels ist an Babels Trauerweiden nicht für immer haften .geblieben. Sie hat auch oft genug fröhliche Lieder, voll Lust und Leben zur Erbauung und Erfrischung des jüdischen Gemütes und Stärkung seines Geistes erklingen lassen. So hat diese jüdische Lyrik nicht nur den Gottesdienst des Juden begleitet, sondern auch seine Mahlzeit gewürzt und seine Tafelsreuden erhöht. Es ist das Verdienst des Provinzialrabbiners Dr. Hirschfeld in Gießen, jene klangvollen und lebensfrohen Tafelgesänge, unsere alten Semiraus auch den Kreisen, denen leider das Ver-

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