Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1908)
- Date
- 1908-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israel 5. mar? 1908. 49. Jahrgang sss Sranhfurf a. M.. den M 10 2. flflarll 5668. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vrerteljLhrlich, HeftanSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöAüiche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Lr., RuUand t Ruo.f England 8 sh., Amerika 50 cts^ Niederlande ILO fl.) Abonnements Bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt hei der Expedition, HestauSgade rmr direkt. Inserate: Sv Pfennig Mr die sechsgespaltene Lolouel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmannahme nur durch mH aasen stein u. Vogler A-G Lonto bei der ». L. Postsparkasse Wien Ro. 7V «08. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Aonto bei der Rigaer Eommerzbank in Riga «ont« bei de« ». Postsparkassenamt «ndapeft Ro. 18424. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialpstok» Reval und Lpd kr« stsn««»grrtt-bi a«r Orte«. iriptp DVn nt Was wir seit vielen Jahren sehnlichst erhofft, ist endlich zur Tatsache geworden. Die Bekenner des orthodoxen Judentums in Rußland haben sich in einem großzügig angelegten Verband „Kneses Israel" organisiert. Wenn es im jüdischen Rußland tagt, fällt ein Schimmer auf die. gesamte Diaspora. Stellen doch die Millionen Juden Rußlands das größte Contignent der über das weite Erdenrund zerstreuten Judenheit dar. Der bei weitem größte Teil der russischen Judenheit gehört dem überlieferten, historischen Judentum an, das man bei uns das orthodoxe nennt. Die schweren Erschütterungen, welche die ullerjüngsten Jahre dem großen ruffischen Weltreich brachten, haben auch seine Judenheit stark in Mitleidenschaft gezogen. Sie haben, zersetzend und geradezu verwildernd auf viele Kreise gewirkt, haben besonders große Teile der Heranwachsenden Jugend dem alten Stamme entrissen und sie dem religiösen Nihilismus in die Arme getrieben. Aber bei allem fanatischen Haß, mit dem diese irregeleiteten Maffen, die eigene Mutter dasalte einzige Judentum bekämpften, gelten dennoch die zelotischen Angreifer, wie die wehrlos Angegriffenen, dem Staat, der öffentlichen Meinung innerhalb und außerhalb der Judenheit als vollwichtige Juden. Der geistige Notstand, den diese Verirrung und Verwirrung geschaffen hat, läßt sich kaum in Worte kleiden. Er ist viel tiefer und erschreckender als der materielle Notstand, der in den unglücklichen äußeren, politischen und sozialen Berhältniffen, seinen Ursprung hat. Ratlos und tatlos standen die edelsten, führenden Geister der ruffischen Judenheit, diesem Terroris- «Ws gegenüber. Der Abfall, die in unerhörte Wrrohung ausarteude Verachtung der Vätersitte zMhm von Tag zu. Tag einen immer bedroh- Mheren Charakter und so ungeheuere Dirnen ßonen an, daß sie die Tatkraft der Tatkräftigsten zu lähmen schien. Aber in Wirklichkeit waren sie nicht untätig. Daß es sa nicht weitergehen können^ darin waren alle Beffergesinnten einig. Aber die große räumliche Zerstreung, die geistige Zersplitterung, die Schwierigkeit, den im letzten Jahre besonders mißtrauischen russischen Bureaukratismus für eine entscheidende Tat zu gewinnen, dazu das herzerreißende materielle Elend der großen Maffen, alles dies und noch viele andere Momente wirrten zusammen, jede Aktion zu erschweren. Aber eine große Anzahl tatkräftiger Männer, vor aüerx die hervorragendsten rabbinischen Führer der russischen Judenheit, bereiteten lange den Schritt vor, der nun in dem neu gegründeten Verbände „Kneses Israel" feste Form und Gestalt angenommen hat. Das hebräische Statut, das an der Stirne den Wortlaut der regierungsseitigen Genehmigung in russischer Sprache trägt, ist der Form seiner zahlreichen Paragraphen nach ganz modern abgefaßt, aber der Inhalt bekundet in jedem Zug den alten, abgeklärten jüdischen Geistesflug. Obwohl das orthodoxe Prinzip sowohl im Statut als in einem ihm beigegebenen, von dem bekannten Wilnaer Rabbiner Chajim Oser Gro d sensky Unterzeichneten Sendschreiben nachdrücklich betont ist, möchte der neugegründete Verband seine Wirksamkeit dennoch der gesamten russischen Judenheit zu Gute kommen lassen und deren offizielle Vertretung darstellen. Das Begleitschreiben präzisiert die Ziele des Verbandes mit folgenden Sätzen: „Der Verband strebt als allgemeines Ziel an: das Wohl unseres Volkes in materieller und geistiger Hinsicht. Der Verband vereinigt zu diesem Zwecke die Kräfte aller Gesetzestreuen Israels, tritt mit den Besten nnseres Volkes in Verkehr, mit Einzelnen sowohl, wie auch mit bereits bestehenden Verbindungen, welche die Erweiterung der politischen Rechte und unsere Gleichstellung anstreben. Der Verband strebt unsere materielle Befferstellung mit allen möglichen Mitteln an; er nimmt die Errichtung charitativer Anstalten in Aussicht sowie die Erweiterung und Festigung aller bereits bestehenden derartigen Veranstaltungen, welche die schwere Bedrängnis unseres Volkes lindern wollen. Der Verband wird als Organ und offizielle Vertretung der Judenheit die Beseitigung aller Härten der bestehenden Gesetze anstreben, welche ^er Erhaltung und Entfaltung unserer Emuno und unserer Thora hindernd im Wege sichen. Besonders wird der* Verband sein Augenmerk auf die Heranbildung der jungen Generation richten, auf Grund der überkommenen Anschauungen und der Ueberlieferung der Väter die Lauterkeit und Vollendung des Charakters anstreben, um so die Schwachen und Schwankenden zu festigen und den Sinn der Kinder wieder den Vätern zuzuwenden. Der Verband strebt überhaupt die Verwirklichung all der guten Wünsche und Absichten an, mit welchen sich die v Großen und Edlen unserer Zeit zum Besten unseres Volkes und unserer heiligen Thora mit ihrem ganzen Sinnen und Denken tragen. Der Verband „Kneses Israel" ist ein allgemeiner Verband, der alle Länder umfaßt. Wo sich an irgend einem Orte der jüdischen Zerstreuung fünfundzwanzig Gesinnungsgenossen finden, treten sie zu einem. Zweig-Verein zusammen. Die Zeträte der Vereinigung hat in Wilna ihren Sitz. Aus den Statuten seien folgende Bestimmungen hervorgehoben: 8 l. Zweck d-s Verbandes „Miefes Israel" ist die geistige, materielle und rechtliche Besserstellung der Juden/ die Erziehung der jungen Generation auf Grundlage der Thora und derjenigen Moral, die sich aus Lauterkeit des Charakters und aus allgemeine Meisclenliebe gründet. L 2. Ter' Berein strebt diesen Zweck durch folgende Veranstaltungen :tt: 1. Eröffnung von Schuten für arme Mtiiber, tu welchen sie die Thora Gottes unentgeltlich oder gegen geringes Entgelt 'lernen; Gründung von Lehrstätten der Thora und Ieschiboth, Gründung von Waisenhäusern, Veranstaltung von allabendlichen und allsabbathlichen Vorträgen (Schi' untit; für Erwachsene. 2. Uebcrweisung armer tttnbcr an tüchtige Handwerker um sie verschied.'üe Handwerke lernen zu lassen; Beschaffung materiell, r Unters'ügnng für die armer: Schüler, welche die erwähnten Anstalten besuchen; Einrichtung Vilstgrt' Volksküchen mW Wohirungeu. 3. Veröffentlichung von Büchern, Zeitungen, Monatsschriften und Flugschriften, welche dem Zweck des^ Verbandes entsprechen und Verteilung derselben in' allen Volksschichten. S 3. Ter Verband sucht Arbeit für Haiwwerker und Angestellte, die nicht die Heiligkeit von Sabbat und Foiutof entweihen wollen. Er beschafft ihnen Arbeitsmaterial, Handwerkszeug und gibt ihnen die Möglichkeit ihrer Hände Arbeit möguchst leicht an den Mann zu bringen. 8 4. Ter Verband errichtet ein Ltellen-Vermit lungsbureau, welches Rabbinern, Schächtern und andere:: Gemeind.beamten jr.i gewordene Stellen und letztern ie darauf reflektieren: en Beamten j? nach ihrer Qualifikation mitteilt. S 5. Ter Verband [teilt d i e A «liege n II II d g i* i ft igen G ü ter d e r orthodoxe a I i: d e n unter feine b e f n d e r e £ 6 h u t. So wird er sich bei den Behörden angelegen sein lassen, das: die Schüler von Staatsschulen, welche eS wünschen, an Sabbat und Fvmtos vom Schreiben befreit werden. i». Ter Verband strebt mit allen Mitteln die politisae Gleichstellung mit den anderen Sta-itsanangehörigen an, seht sich mit allen dasselbe Ziel oe:,olgenden Verbände in Verbindung und erricht-« für diesen Zweck ein besonderes Bureau. § 7. Um dieses Ziel nröglichst allseitig uno vollftändig zu erreichen, gründet der Verband überall, in allen Orten, an welchen Juden sich niedergelassen haben, Zweigvereine, die mit der Zentral-Leitung in Verbindung stehen. Bon den übrigen stututarischen Bestimmungen sei noch hervorgehoben, daß jeder vom 25. Lebensjahre mt Mitglied werden kann. Die Mitglieder sind: a) Ehrenmitglieder (die sich um den Verbund