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Der Israelit · 1908-02-27 · Heft 9 (27.2.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 9 (27.2.1908)
Date
1908-02-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 12 Nr. 3. Der JSraeltt eine erfreuliche Tatsache zu konstatieren: unsere Provinz steht in Bezug auf Opferwilligkeit hinter keiner anderen in ganz Deutschland zurück! Kultussteuern von 200—250 Prozent müssen doch als ganz horrende bezeichnet werden! Und . diese Opfer werden gerne gebracht. Gerade die kleinsten Gemeinoen machen ganz verzweifelte Anstrengungen, um einen Kultusoeamten erhalten zu können und sie fühlen sich höchst unglücklich, wenn sie nach wiederholtem Ausschreiben in den Mischen Blättern auch nicht die bescheidenste Kraft als Kultusbeamte gewinnen können. Diese Ovfersreudigkeit verdient umso höhere Anerkennung, da sie gerade da am häusigsten angetroffen wird, wo die Steuerkraft a m schwächsten ist. Damit, kommen wir an ein anderes, weit weniger erfreuliches Kapitel. „Ungleich verteilt find des Lebens Güter," die jüdischen Kultussteuern aber noch viel mehr. Am meisten belastet find die Zwerggemeinden, denn sie sind schon längst an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. So zahlte, um nur einige Beispiele anzuführen, die Gemeinde Tütz mit acht steuerpflichtigen Mitgliedern 250 Prozent der Staatseinkommensteuer; die Gemeinde Dirschau mit 68 steuerpflichtigen Mitgliedern 120 Proz./ dagegen die Gemeinde Thorn mit 271 Mitgliedern nur 60 Prozent. Und das Bild verschiebt sich mit jedem Tag zu Ungunsten der kleineren und mittleren Gemeinden, denn einem Riesenmagnet vergleichbar saugt die Großstadt gerade die reichsten und steuerkräftigsten Mitglieder der Provinz auf und es bleiben in der Regel nur diejenigen zurück, die mit dem Leben schwer zu kämpfen haben. Gegen diesen Aufsaugungsprozeß ankämpfen zu wollen, wäre ganz vergeblich; er läßt sich vielleicht verlangsamen — und die Erhaltung der religiösen Institutionen in den Kleingemeinden ist ein recht wesentliches Mittel dazu — aber keineswegs beseitigen. Die Konsequenzen aus diesen Tatsachen wollen wir erst dann ziehen, wenn wir an die Frage herantreten, wie die offenbaren Schäden, die eine natürliche Folge dieser recht unnatürlichen Verhältnisse sind, gemildert werden können. Als eine zweite recht bedauerliche Erscheinung müffen wir auch den Umstand bezeichnen, daß von den 38 Religionslehrern unserer Provinz nur 13, also gerade ein Drittel, reguläre Vorbildung besitzen. Es steht nun aber für jeden Unbefangenen fest, daß der jüdische Religionsunterricht nur in den Händen gut qualifizierter Schulmänner liegen darf, deren Bildungsstufe keineswegs niedriger als die der Bolksschullehrer ist. In dieser Forderung dürfte nahezu vollständige Uebereinstimmung zwischen den beteiligten Faktoren — Gemeindevertreter, Rabbiner, Lehrer — herrschen. Wenn wir trotzdem in mnserer Provinz noch so weit von diesem Ideal entfernt sind, so rührt das von Ursachen her, die sich auch aus der Statistik ergeben, und auf die wir etwas näher eingehen müssen. Da sind vor allem die teilweise noch recht unbefriedigenden Gehaltsverhältnisse. Bon den 56 Beamten unserer Provinz haben 27 ein Gesamteinkommen unter 2000 Mk., 3 sogar unter 1200 Mk.! Wenn man dabei bedenkt, daß wir weder auf Pension noch auf Reliktenversorgung irgendwie Anspruch haben, so wird man keinen Augenblick anstehen können, diese Gehälter als unzureichende zu bezeichnen, besonders angesichts der stetig zunehmenden Verteuerung aller Lebensbedürfnisse und angesichts des Umstandes, daß der anerkennenswerte Bildungsdrang der Juden bei den Beamtenkindern nicht Halt macht. (Schluß folgt.) vir sieneralverrammlimg des „Iescbuwn". Fulda, 8. Januar 1808. Die diesjährige Generalversammlung des »Jeschurun" Si am 31. Dezember des Borjahres zu Schlüchtern . Da Me Lage des Städtchens für Konferenzen nicht günstig ist, so war es doppelt erfreulich, daß außer dem Ehrenvorsitzenden, Herren Provinzial-Rabbiner Dr. Lahn, sich 18 Mitglieder und drei Kollegen als Gäste eingefunden hatten. Außerdem beehrten der Herr KreiSvorsteher Sichel und die Herren Gemeinbe-Aeltesten Walther und Rothschild die Versammlung mit ihrer Anwesenheit. Herr Kollege Schwarzschtlb- Schlüchtern begrüßte die Erschienenen und gab bekannt, daß er auf Wunsch des bisherigen Borfitzenden, Herrn Spiro-Fulda, nach zweijähriger Pause den Borfitz wieder übernommen habe. Sooann erstattete er den Jahresbericht, aus dem hervorgeht, daß der Verein seinen Weg ruhig weiter schreitet und seine Ziele unbeirrt in bisheriger Weise verfolgt. Ein Mitglied, das' vor drei Jahren seinen Austritt aus dem Verein erklärt hatte, bat um Wiederaufnahme,' diesem Ersuchen wurde stattaegeben. DaS Andenken deS im Berichtsjahr verstorbenen Kollegen Emmerich-Rhina wird in üblicher Weise durch Stcherheben von den Sitzen geehrt. Hierauf erhält Herr G a n s - Nirderaula das Wort zu seinem Referat: „Welches Ziel ist im Pentateuch und im Gebetübersetzen in der jüdischen Schule zu erreichen? Herr Sonn-Rhina erstattete dqs Korreferat. Beide Redner ernteten für ihre schönen Vorträge reichen Beifall. Die fich daran anknüpfende Diskussion, welche von Herrn Dr. Cahn eröffnet wurde, gestaltete sich recht lebhaft. In einem Punkte gehen die Ansichten der beiden Referenten weit auseinander, nämlich bezüglich der Frage: Sollen die das sexuelle Gebiet berührenden Stellen in der Schule übersetzt werden? Während der eine entschieden die Frage oerneint und Gründe dafür angibt, wird dieselbe von dem zweiten Redner ebenso entschieden bejaht und ebenfalls mtt stichhaltigen Gründen belegt. Die Versammlung einigt sich schließlich dahin, daß die Frage vorläufig noch offen und es dem einzelnen Lehrer überlaffen bleiben muß, ob er unter den gegebenen Berhältniffen (z. B. wo Knaben und Mädchen in einer Klasse vereinigt find) diese Stellen durchnehmen will oder nicht. Die vom Referenten aufgestellten Thesen gelangen im folgender Form zur Annahme: „l. Das Uebersetzen des Pentateuch und der Gebete steht im Mittelpunkt des gesamten Religionsunterrichts. Es soll religiös erziehend wirken und auch den Charakter der Schüler bilden. Das sprachliche Element beim Uebersetzen darf nur als ein diesen Zweck unterstützendes Mittel auftreten. H. Der Unterricht im Uebersetzen deS Pentateuch hat die Afugabe: a) in den den historischen Teil behandelnden Abschnitten den Kindern das Wallen Gottes im Leben des Einzelnen und des Volkes Israel vor Augen zu führen und die Gestalten unserer Ahnen als Vorbilder für ihr Leben aufzustellen - d) bet Behandlung des religionsgesetzlichen Teils zu erstreben, daß die Kino« fich eine jüdische Anschauungsweise anetgnen, ihren Charatter unter dem Einfluß des Thorawortes bilden und öle religiösen Pflichten bewußt üben. HL Der Lehrer muß fich infolgedessen in der Auswahl des Stoffes Beschränkungen auferlegen und mehr in die Tiefe gehen. IV. Als Lehrziel gelten 1. für daS 3. Schuljahr etwa 100 Verse,' 2. für das 4. und 5. Schuljahr je 200 bis 250 Verse- 3. in jedem der drei folgenden Schuljahre 400 -500 Verse. V. Es find vom Leichten zum Schwereren fortschreitend alle wichtigen Gebcte des Gebetbuchs zu übersetzen." Der Kassenbericht kann — da der Abschluß pro Ende T ezemrer bewirkt wird — nur den ungefähren Stand der Kaffe bekannt geben. Hiernach beträgt das Vereinsvermögen 20000 Mk. vierprozentige Wertpapiere und etwa 700 Mk. Bankguthaben. Als Kassen-Revisoren wurden Freudenberger-Flieben und Heilbrunn- Mansbach gewählt,' dieselben sollen einen schriftlichen Bericht über die Kassenviüfung erstatten, der in das nächstjährige Protokoll' ausgenommen werden wird. Herr Neu-Hanau — Delegierter deS Vereins für den Vorstand des „Bundes" — berichtet über die Tätigkeit des Letzteren, und wird darin von dem Vorstands-Mitglied Soewenstein Fulda ergänzt. Dieser gibt der Versammlung auch Kenntnis von der seitens des „Bundes" an den Herrn Kultusminister eingereichten Petitton um Honorierung des BorsängerdimsteS und Anrechnung der im Privatschuldienst verbrachten Dtenstjahre. Bezüglich des letzteren Punktes sind die Aussichten nicht viewersprechend, während erster« im Sinne der Petition seine Erledigung finden dürite. Bei der Borstandswahl wird der bisherige Vorstand per Akklamation wiedergewählt, ebenso Herr Neu als Delegierter für den Vorstand des „Bundes". Als Thema für die nächstjährige Versammlung wirb festgesetzt: „Wie kann der Lehr« auf die der Schule entwachsene Jugend in religiöser Hinsicht wirken?" Da- Referat übernimmt H«r Heilvrunn-Manebach bas Korreferat Herr Strauß- Burghaun. Der Schriftführer' S. Loew enst ein. Cassel, 12. Febr. Man schreibt unS: Die diesjährige Entlassungsprüfung amisraelitischen Seminaren zu Caffei findet in der Zeit vom 3. bis 10. März statt. Den neuen Lehrplänen gemäß wird rmr in Religion (und Hebräisch), Deutsch, Französisch und Geschichte schriftlich und in Pädagogik, Religion, Deutsch, Franzüstsch und Geschichte mündmh-geprüft. Der schriftliche Teil d« Prüfung ist demnach von 7 (8) auf 5 Ar- 27. Februar 1308 beiten, der mündliche Teil von 8 aus 5 Fächer reduziert worden.— Im nächsten Jahre kann die Anstalt — die westphälische Zeit etngeschloffen — aus ein Ojähriges Bestehen zurückblicken. euilleton Der €«kel. Erzählung von Friedrich Rott. 28 (Fortsetzung.) Es war ein sonnig heilerer Tag, Edwin lehnte in der. Nähe des offenen Fensters auf einem Fauteuil, vor ihm stand ein Tischchen und aus demselben ein Damenbrett, ihm gegenüber saß seine jugendliche Tante, die einzige Schwester seines verstorbenen Vaters. Die Kinder spielten Dame. „Nun Edwin, warum ziehst du nicht?" fragte Clementine. „Ist denn die Reihe an mir?" „Nun ja freilich, ich habe doch schon längst gezogen, und ich habe geglaubt, daß du jetzt überlegst, wie du ziehen willst, mit einem mal hast du gar nicht gewußt, daß die Reihe an dir ist." „Verzeihe mir, Tantchen," sagte er, indem er sich mit der Hand über die Sttrn fuhr, „aber der Kopf ist mir zuweilen so wüst, daß ich in einem Augenblick vergesse, was ich in dem vorigen gewollt habe." „Armer Edwin, das kommt, weil du so lange krank gewesen bist. Ich bin nur froh, daß es dir jetzt doch wieder besser geht." „Darüber freue ich mich auch," sagte er . lächelnd. „Ich freue mich darüber doch noch mehr als du," versicherte sie. „Mehr als ich? — Das glaube ich nicht, das kann ich mir gar nicht denken." „Weil du wahrscheinlich gar nicht alles weißt, wie es gewesen ist." „Ich verstehe dich nicht, was meinst du, daß ich nicht wüßte?" „Nun sieh, daß es mir furchtbar leid getan hat, daß du so schwer krank gewesen bist, das ist doch selbstverständlichdu bist mein Neffeder einzige Sohn meines einzigen lieben, teueren Bruders." Sie fuhr sich mit der kleinen vollen Hand über die Augen, die eine Träne verdunkelt hatte. „Liebes, gutes Tantchen," sagte er leise. „Du mußt nicht Tantchen zu mir sagen, das höre ich nicht gern. Das heißt, wenn wir allein sind, dann liegt mir nichts daran, aber wenn andere es hören, dann ist es mir unangenehm, weil sie so häufig darüber lachen, — ich weiß gar nicht, warum. — Und dann nennen mich fremde Leute auch Tante und sogar die Gassenbuben auf der Straße laufen mir nach und schreien: Tante Clementine! Tante Clementine!" Sie ward unterbrochen, ein leichtes Klopfen an der Tür, die gleichzeitig geöffnet wurde, der alte Herr Schröder trat freundlich grüßend in das Zimmer. „Guten Tag, liebe Kinder." Er reichte zuerst seinem Enkel die Hand, dann dem kleinen Mädchen. «S „Na wie gehts, mein lieber Junge? War er brav, Tante Clementine?" „O, brav ist er wohl, aber sein Kopf scheine noch angegriffen zu sein, er vergißt so vieles." „Wirklich? ach, das wird nicht so gefährlich sein, wie die liebe'Tante glaubt, w'oSen IHN gleich 'mal prüfen. Also Edwin, sage mir, weiß,

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