Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1908)
- Date
- 1908-02-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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27; Februar IRR. Zeichen ihrer Vorurteilslosigkeit gegenüber den Juden gegeben hat, traf auch in den jüngsten Tagen eine Entscheidung, die von ihrem Gevechtigwtssinn Zeugnis ablegt. In der Stadt Lom- Palanka, wo vor 3 Jahren ein Pogrom stattgefunden hat, wurde gegenüber der Synagoge ein CafS-Chantant von zweifelhaftem Rufe eröffnet. Die jüdische Gemeinde der Stadt erhob hiergegen beim Ministerium des Innern telegraphisch Einspruch, worauf dieses sofort die Schließung des Restaurants verfügte und Maßregeln zur Verhütung eines Wiederholungsfalles traf. — Die Regierung hat jüngst die Annahme eines Gesetzes veranlaßt, das für den jüdischen Religionsunterricht von großer Wichtigkeit ist. Danach müssen nämlich die Erzieher jedes jüdischen Kindes, das eine christliche Schule besucht, künftighin den Nachweis erbringen, daß dasselbe privaten Religionsunterricht empfängt. Das neue Gesetz wird für die jüdische Bevölkerung von um so größerer Bedeutung sein, als in Sofia allein 365 jüdische Kinder beiderlei Geschlechts die höheren Schulen besuchen, ohne dort irgendwelchen Religionsunterricht zu erhalten. «sä« ” ' : mm ah , Dünaburg, 19. Febr. Am 11. Febr. geäugte in Dünaburg vor der Delegation des Mitauer Bezirksgerichts ein Prozeß gegen zwanzig Angeklagte, meist bäuerlichen Standes, wegen eines im kurifchen Griwa^ inszenierten Judenpogroms zur Verhandlung. Das Bezirksgericht verurteilte acht der Angeklagten zu einem Jahr Gefängnishast, zwei Angeklagte zu zehn und einen Angeklagten zu acht Monaten Gefängnis sowie sämtliche Verurteilte zum Schadenersatz. Amerika. Newyork, 1. Febr. Im Tempel Emanuel in Newyork hielt Rabbinex Dr. Magnes eine Predigt gegen die Mischehen und wies besonders darauf hin, daß gerade die reichen Juden mit Vorliebe ihre Töchter an Christen verheiraten. Dadurch fühlte sich einer der Vorsteher, der bekannte Millionär Stern, getroffen, dessen Tochter erst vor Kurzem einen schweizerischen Adligen geheiratet hat. Er reichte daher seine Demiffio t ein, die auch mit 8 gegen 2 Stimmen im Vorstand angenommen wurde. Berlin, 22. Februar. Die Antisemiten liegen einander wieder einmal in dm Haaren. In dem Einladungsschreiben zu einer Versa nmluna des Antisemitenhundes heiß es: „Der Deutsche Antisemitenbund ist in Gefahr, aufgerteben zu werden. Durch schnöden Verrat unseres bisherigen Geschäftsführers find dem Verleger Wilh. B:uhn unsere «affe, Bücher, Karten usw. in die Hände gespielt worden. Trotzdem der Deutsche Anttsemttenbund in der außerordentlichen Hauptversammlung im Oktober 1907 sich ganz von dem Deutschen Mittelstandsbund getrennt hat, läßt Herr Bruhn dennoch bet unseren Mttgliedem Beiträge etnkasiieren. Wir bitten Sie, hochgeehrter Bundesbruder, dringend, auf keine Quittung eine Beitragszahlung zu leisten, auf der „Deutscher Mittelstandsbund" steht, unterschrieben mit Bruhn und Silberstorff". Karlsruhe, 18. Febr. Vor dem Schöffengericht Pforzheim stand am 11. Januar der Preffer Gustav Bischofs aus Pforzheim, angeklazt der Uebertretung deS 4 71 R.-St.-G.-B. Er hatte seine Tochter veranlaßt, SamStags den Schulunterricht nicht zu besuchen. Das Verhalten des Bifchoff entsprang religiösen Gründen. Er gehört der Sekte der . Adventisten an, den Sabbathierern, die den Samstag feiern. Bischoff begründet sein der Tochter gegebenes Schulverbot damit, daß man den Sabbath zu heuigen habe, w e es in der Bibel stehe, und daß man Gott mehr gehorchen müffe als den Menschen. Er wurde vom Schöffengericht wegen der angegebenen UebertreMng zu 10 Mk. Geldstrafe verurteitt. Gegm diese Entscheidung rekurrierte Bischoff an die Strafkammer in Karlsruhe, die seine Berufung verwarf. Posen, 23. Februar. Die Shnagogengemeinde in Raschko^w hat sich aufgelöst. -a»* Budapest, 15. Febr. Uebec den in Ungarn jüngst vorgekommenen Fall der Hinrichtung eines Juden, der des Mordes schuldig gesprochen worden war, schreibt die Wiener „Nationalzeitung": „Thöricht wäre es, wmn wir bemänteln wollten, baß es auch jüdische Verbrecher gibt. Diese verschämte, heuchlerische BemäntÄungspotttik hat ja in Cis- und Transleithanien ihre traurigen Spuren zurückgelaffen. Wer wollte leugnen, daß es ebenso Mische wie christliche Verbrecher gibt? ... In Marmaros-Sztget -wurde im Dezember -906 ein Postwagen beraubt) zwei ynytociu» Personen wurden dabei ermordet. Der Mörder wurde in der Person des übelbeleumundeten ehemaligen Gmdarmeriewachtmetsters Johann Mthalka emjert. Zwei Bauern und zwei Juden erhielten wegen Mitschuld je 5 und 6, die zwei Juden 10 Jahre Kerker. Der Mörder Johann Mihalka und der «mgebliche Anstifter Abraham Husz wurden Kvn Tobe durch den Strang .verurteilt und der Gnade deS Königs empfohlen. Wlyrmdnun der Mörder zu lebenslänglichem Kerker begnadigt würde, büßte HuSz feine Schuld, die er btS zum letzten Augenblicke leugnete, auf dem Galgen. . . . Welche Behauptungen jagen aber für seine Schuld vor? . . . Der Mörder Mibalka fungierte alS Angeklagter und Kronzeuge zugleich. Der katholische Geistliche des Ortes beschwur, daß er mit Abraham HuSz an dem kritischen Tage bis 13 Uhr nachts beisammen war. So konnte nur die Anklage' auf Anstiftung bestehen bleiben, und diese brachte den 35jährigen Mann, den Bater von 7 Kindern im Alter von 2 —12 Jahren, an dm Galgen. Das Urteil gibt zu dmken. Für Husz mußte vor allem in Betracht kommen: er war der ungarischen Sprache nicht mächtig und mußte durch einen Dolmetsch einvernommen werden; so konnte er auch die Aussagen seiner Komplizen nicht kontrollieren, er war passiv gesetzt. Er war unbescholten, die ihn. belastetm, waren vorbestrafte Individuen, waren lue Vollstrecker des Mordes. Und zu allen diesen schwerwiegenden juristischen Mommten tritt ein bestimmtes Gefühlsmoment: er »rar Bater von sieben kleinen Kindern!" — Husz hat übrigens bis zum letzten Augenblick seine Unschuld beteuert. vmwrwere«. Frankfurt a M., 20. Febr. Im „Jüdischen Frauenverein" spkach vergangMmMontag in äußerst anregender Weise Fräulein Helme Posen über „Das Märchen und daS Kind". DieReferwttn gab zuerst einen kurzen Ueberblick über die Geschichte des Märchens bis zu seinem, wahrscheinlich endgültigen, Eintritt in die Kinderstube. Sie führte dann Wetter aus: In der Hand des KinbeS erweckt das Märchen vielerlei Bedenken, die aber leicht zu widerlegen find. Bor allem ein religiöses Bedenken. Doch kann das Märchen einem jüdischm Kinde nicht schädlich sein, wenn es ihm zur Unterhattu g dimt und nebenbei nicht versäumt wird, es mit alledem zu belehren, was es zum Verständnis seiner jüdischm Umgebung nötig hat. Lüge und Lust zur Unwahrheit kann nicht erzeugt werden, wmn der Unterschied zwischm Märchen und Wirklichkeit, dm ja das Kind instinktiv schon früh herausfühlt, stets scharf betont wird. Nur solche Märchm find zu erzählen, die eine wirklich vernünftige Moral enthalten, andere find wertlos, ja können auch ungesund wirken. Es muß streng zwischm Ämd und Kind und zwischen Märchm und Märchm unterschieden werden, der Märchenerzähler darf die Individualität des Kin.es nie vergeffen, weshalb ein aufgeregtes oder phantastisches Kind ganz anders unterhalten werden nruß als ein nüchternes. Unglaubliche Gespenster-, Spuk- und Hexmgeschichtm find streng zu vermeiden, damit nicht falsche Begriffe fich entwickeln, und Furcht des Kindes geweckt wird. Wenn man sorgfältig auswählt, auch die billigsten Märchenbücher vermeioet, deren oft unglaubliche Bilder dem ästhettschm Gefühl des Kindes schaden können, so darf man dem Kinde die Poefie getrost gönnen, die ein Erwachsener auch nicht entbehren will. Der Nutzen des Märchens wäre demnach: die Näbrung der kindlichen Phantasie und die Zuführung ethischer Mottve, im Märchm schöner und ungezwungener als in Moralerzählungen und Sprüchm. — Reicher Beifall lohnte die Rednerin. Frankfurt a. M., 2«. Febr. Am vergangmen Monwg bemdete Herr Jacob Rosenheimim Jüdischen Frauenverein seinen Bortrags-Zyklus „Gebet und Gebete", besten reicher Inhalt von dm Zuhvrerinnm mit Begeisterung ausgenommen wurde. Nachdem Herr Rosenheim in Anlehnung a i Channah's Gebet das Wesen des Gebetes als Ausdruck des natürlichen Bedürfnisses der Menschmseele, als Erziehungsmittel für Intellekt, Wille und Gefühl durch die Worte Tefilloh, Tehilloh und Techinnoh und endlich in feiner Ausprägung als Gemeind egebet erläutert hatte, führte er im zweiten Bortrag seine Hörerinnen zu den erhabenen Anschauungen, die in dem Mor^mlied ltfpaa IsIV. in D^iy den rVD"D und Mw zum Ausdruck kommen. Mit zu Herzen gehender Begeisterung schilderte er die Bedeutung des kU'üNVGebetes, den dreifachen Charakter desselben, als Ausdruck der seelischen Stimmung, als historische und als gesetzliche Einrichtung. In herrlichm Worten brachte der Vortragende die hohen Gedankm des ]*nK/ die Größe des Gottesgedankens, die das Judentum so hoch über alle Glaubensbekenntnisse emporhebt und das Walten der Gottesliebe, wie auch die hohe Auffassung, durch die das Judentum Geist und Körper in den Dienst Gottes stellt zur Darstellung. Das Grundlegmde der rvo~Q wurde in Boruch, Kidschonu und Ziwonu festgestellt, in der Berochoh Dvp bv bas Zurückkehren des Menschm aus dm Banden der Natur zum gottdienmden tötigm Leben, in der Bervchvh die Verschiedenheit der Begriffe 12P *TQ und TVffy, des Ersch ffens, Weiterbilbens und Bollmdms gezeigt, wie auch der Zusa rimenharn zwischen Gesundheit und Gesetzerfüllung und die jüdische Forderung der Herrschaft des Geistes über dm Körper. An rivV) v6n schloß der Redner erhebende Außfühmngm über oie Unsterblichkeit der Seele und DTIDn nTITV Berlin, 20. Febr. Aus dem Jahresbericht des Jüdischen BolksveretnS (Auskunftsbareau für ___ Ko. 9 . Sette S durchreisende jüdische Auswanderer, Berlin C., Dircksen* straße 46) ist folgendes hervorzuheben: Die Tätigkeit des Jüdischm BolksvmeinS belief fich im verfloffenm Jahre auf 18,275 Einzelleistungm, oie sich auf die verschied tim Abteilungen, wie Krankmsürsorge, Bahnhofswache, juristische und medizinische Abteilung, Sprachkurse und anderes vertetltm. Leipzig, 26. Febr. Auch in unserer altm Handels- E>t hat jetzt der Verband der Sabbathfreunde en Fuß gefaßt. Am letztm Sonntag fand im Kasino senthal eine au: besuchte Versammlung statt, in der Herr L o e b - Frankfurt a. M. das Referat erstattete. An der Debatte beteiligten fich u. a. die Herren Rabbiner Dr. E ar levach und Dr. PorgeS. Es traten über 40 Mitglieder bet und ein weiterer bedmtender Zuwachs dürfte sicher fein. Hoffentlich wird es der neum Ortsgruppe möglich bei der sächstfchm Regierung für die höheren Schulm einen DiSpenS vom Schreiben an Sabbath zu erlangen. Hirstein, 15. Febr. Bor kurzem hiett Herr LouiS Kahn aus Frankfurt a. M. in unserer Gemeinde einm sehr interessanten Bortrag über die TSttgkett und Ziele deS „BervandeS der Sabbathfreunde" und der „Freien Bereinigung für die Interessen drS orthodoxen Judentums". Die von glühMerLiebd zu unserer heiligen Religion zeugenden Worte des Redners o geisterten die Zuhörer so, daß fast sämtliche Anwesend« ihren Beitritt zu genannten Beretnm amneldetm. Iw dm Borstand der hiesigen Ortsgruppe deS „Verbandes deS Sabbathfreunde" wurden gewählt die Herren Israel Wähler, Smnuel Rothschild II., Rapha l Strauß, Julius Hamburger und Sally Rothschild I. — Jebm dersammeln fich die Mttglkeder im Schulhause zu einem Schur -piy um fich auf diese Weise mtt dm Vorschriften unseres jüdischm PfltchtenlebenS vertraut zu machen. Pmo«aliea. Mainz, 1Ä. Febr. Vor kurzem verschied hier im 75. Lebensjahre der in Steinbockmheim bei Alzeh geborene, seit sei em zwölften Jahre hier ansässig gewesme Herr Eduard Nachmann. In noch ziemlich frühem Alter machte er fich selbständig und war mit solchem Erfolg geschäftlich tätig, daß er schon im bestm Mannesatter sich ins Privatleben zurückziehm könnte. Im Gegmfatz zu so manchem anderen, der die Tage seiner Muße in wenig idealer Weise verlebt, fing der Heimgegangene jetzt an, im Studium der GotteSlehre das nachMholen. was die harte Zeit seiner Jugend ihm versagt hatte. Er hiett sich ein« Lehrer, der ihn täglich in Mtkrah, Mischnah und Talmud unterrichtete, und nichts war ihm ein höherer Genuß, alS zu lernen und auch däS Gelernte zu betätigen' Herr Nachmann war bald eines der eifrigsten Mitglieder unserer Ch.'wra Kadischah, sowie eines unserer größten Krankenvereine, der sich außerdem eifrig mit Llwud Thora und Abodah befaßt. Er bekleidete zuletzt die Würde eines Ehrenvorsitzenden der beiden Vereine. Dem Ausschuß der Jsraelttischen Religionsgesellschaft hier gehö:ts er eine Reihe von Jahrm an und betätigte auch hier feine Liebe zu unserer heiligen Sache. Rührend war es, wie der Heimgegangene OD2N >TD^n ehrte, wenn sie auch ein Menschmalter jünger warm als er. Rührend war es auch zu sehm, mit welcher Jnnigkett er seine mfen verrichtete. Als er seiner Gebresten wegen fich schon nur mit größter Mühe fortbewegm konnte, schleppte er fich dennoch zu dm Schiurim. Herr Rabbiner Dr. Bonöi würdigte die herrlichen Eigmschaftm des ftonrmm Mannes in ergreifender Rede. n"32ÜTV Bad Kissingen, 23. Febr. Unsere Gemeinde ist von einem schwerem Verluste betroffen worden. Nach kurzem schwerem Krankenlager hutbe Herr Hermann Löwenthal von uns genommen. Die israelitische Kultusgemeinde beklagt in ihm eines ihrer besten Mitglieder. Bon frommen Eltern erzogen, hat Herr Hermann Löwmthal die Prinzipien des Ettemhauses in bas seinige übertragen und im Vereine mit seiner ihm vor 3 Jahren in den Tod vorausgegangmen edlen Gattin seine Kinder zu echtm Jehudim erzogm. Nie verließ ein Armer ohne gesättigt zu sein und ohne reichliche Unterstützung die Schwelle deS Heimgegangenen, der dabei auch stets Wohltun im Verborgenen, das echteste in mböl übte. Jahrzehntelang versah er das Amt eines ersten Vorstandes und das eines Vorstandes des israelitischen Wohltätigkeitsdereins aufs gewissenhafteste, und viel Gutes hat er in diesen Zeiträumen für die isra lttische Kultusgemeinde geschaffen. Er ist in seinem Amte mit aller Energie für die Erhaltung des orthodoxen Judmtums eingetreten, hat dm Bau der neum Synagoge tatkräftig gefördert und auch um die Errichtung einer mustergiltigen Leichenhalle fich verbimt gemacht. Mitglieder aller Konfessionen lteßm es fich nicht nehmen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. An seiner Bahre sprach zuerst Herr Rabbiner Dr. Bamberger, der die edim Elgmschaften des Entschlafenen, anknüpfend an daS Bild der heiligen Lade, rühmte. Zum Schluffe schilderte noch Herr Lehrer Stetnberger die großen Verdienste des Verstorbenen. n"3V3H- Dettelbach, 25 Febr. Am Dienstag, 18. cr. verstarb dahier Frau Johanna Laubhetm ,-j"y nach langem, mit großer Geduld ertragenem Leidm. Sie erreichte nur ein Alter von 32 Jahrm. Die große Beteiligung bei dem Leichenbegängnisse legte Zeugnis ab von der Beliebtheit, deren fich die Berblichme allenhalbm, auch bei Rtchtisraeliten, erftmte. Für Arme und Bedürftige hatte fie stets eine offme Hand. n'asün*