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Der Israelit · 1908-02-27 · Heft 9 (27.2.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 9 (27.2.1908)
Date
1908-02-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 9. DerASraettt. mein de angehörte, und jedenfalls dafür sein, daß die Gemeinden sich nicht trennten, sondern daß jeder nach Kräften für die religiösen Bedürfniffe beider Parteien aufkomme. Aber der Gr. Oberrat, der die Einheit des badischen Judentums repräsentiert, darf' nicht zum Parteigänger werden, er hat sich fern zu halten in diesen Fragen, ihm liegt es nur ob zu einen, statt zu trennen. Darum meine ich, daß wahre Liberalität verlange, dem Gr. Oberrat nachdrücklichst zuzurufen: du bist auf einer falschen Führte, beharre nicht hartnäckig anf einem Standpunkt, der nur Unheil bringe« kann. Kehre «m. so lange es noch Zeit ist! Da? glaubte ich als liberaler Jude — gewiß im Namen Vieler — im Organ der konservativen Juden sagen zu sollen. Ich wünsche darum den Gegnern des Reformgebetbuches ein gutes Gelingen ihres gerechten Kampfes! Aus Baden, 25. Febr. Unter der Spitzmarke „Die Juden in Baden" bringt ein sonst in weiten Kreisen recht unbekanntes Blatt, die in Gebweiler gedruckte „Straßburger Israelitische Wochenschrift", einen Artikel, der mit einigen anderen auf den gegenwärtigen Gebetbuch-Kampf in Baden bezüglichen jedem badischen Juden zum letzten Sabbath ins Haus geschickt wurde, um für den Oberrat und seine hoffentlich verlorene Gebetbuch-Sache zu retten, was noch zu retten ist. Wer die einschlägigen Verhältnisse einigermaßen kennt oder noch besser, „wer, wie wir, die Entwicklung der badischen Landessynagoge seit Jahren aufmerksam und unparteiisch verfolgt hat, so heißt es nämlich im Eingang des oben genannten Artikels, errät den Inspirator desselben sofort an seiner von erheuchelter Friedensliebe triefenden, in Wirklichkeit von tiefftem persönlichem Groll gegen alle konservative Gesinnung und dabei von unendlichem Selbstgefühl getragenen Schreibweise. Da sei etwas ganz Ausgezeichnetes in dem neuen Gebetbuch geschaffen worden, meint der Artikler in Mer Bescheidenheit, namentlich auch für den Religionsunterricht. Was sagt der Verfasser dazu, wenn wir ihm sein Urteil von einem Manne sprechen lassen, der gewiß kein Gegner des Oberrats und der Landessynagoge ist: Herr Bezirksrabbiner Dr. Pinlus in Heid elb erg bezeichnete das oberrätliche Gebetbuch in der letztjährigen Bezirks-Lehrer-Konferenz als für den Religionsunterricht nicht brauchbar. Hoffentlich bringt Herr Dr. Pinkus diese Ansicht auch in der Synode zum Ausdrucks wenn wir dieser Hoffnung Worte geben, ,o wollen wir gleichzeitig nicht verschweigen, daß. inan einem Bezirksrabbiner schon einen gewiffen Mut Zutrauen muß, wenn er gegen b'cu Strom schwimmen foj. Ueber das Gebetbuch als solches ist das Urteil gesprochen: Herr Kirchenrat Dr. Kroner in Stuttgart, der oberste Rabbiner Württembergs, kein Orthodoxer, aber ein Mann von klarem Urteil schreibt: „Die Religions- Anschauung, welche durch dieses Gebetbuch gelehrt wird, ist ein Abfall von den Worten der s christliche n und mündlichen Lehre." Das mögen sich die Wähler gesagt sein lassen, die berufen sind, über den Frieden in den badischen Gemeinden am 15. März durch den Stimmzettel zu entscheiden. Wer nicht will, daß der Kampf um die Einführung des Gebetbuches von der Synode hinweg in die einzelnen Gemeinden verlegt wird, wer seinen Kindern einen Religionsunterricht erteilt haben will, der getragen ist von den hohen Idealen unseres überlieferten Judentums und Nicht von einer verwässerten religiösen Anschauung, die nach allen Seiten Verbeugungen machend, die ChalaEterlosigkeit und den Abfall züchten muß, der stimme für einen ' Gegner des oberrätliche« Gebetbuches. Frei bürg, 25. Februar. Wir orthodoxen Juden Badens sind es nachgerade gewohnt, von Karlsruhe aus in dem nichtamtlichen Teil des Verordnungsblattes des Großherzl. Oberrats unter persönlicher Verantwortung des Herrn Geh. Oberregierungsrates Dr. Mayer gekränkt und gestoßen zu werden. Scheinbar soll dies in Zukunft von Gebweiter i.E. aus geschehen, allwo eine Israelitische Wochenschrift gedruckt und expediert wird. Diese bisher nur im Elsaß bekannte Zeitung will das liberale „Organ für die Gesamtheit der badischen Israeliten" werden — was man ihr an und für sich nicht übel nehmen kann - und behauptet, „a»gesehene und kompetente" Persönlichkeiten Badens zu Mitarbeitern zu haben. Wer in Baden die angesehene und kompetente Persönlichkeit pnr exeeilence ist, die mit so flammendem Eifer die heilige Sache der Reform verficht und verbreitet und zur Bekämpfung der Orthodoxie eine sogenannte liberale Vereinigung ins Leben gerufen hat, das ist jedem badischen Juden nur allzu wohl bekannt. Natürlich kann man in einem pseudonymen Artikel einer Israel. Wochenschrift die Peitsche noch ganz anders knallen lassen als im nicht«tätlichen Teil eines oberrätlichen Verordnungsblattes und so weist denn in der Tat die jüngste Nummer der Straßburger Israel. Wochenschrift einen gehässigen „liberalen" Hetzartikel gegen die Anhänger unserer alten Tefillo auf, dessen Tonart eher eines Volksttibuns als einer angesehenen und kompetenten Persönlichkeit würdig ist. Mögen unsere „liberalen" Führer nur so fortfahren! Dann wird ihr Karren bald so im Sumpf stecken, daß jeder gerecht denkende und vornehme Mensch sich mit Widerwillen von ihnen wenden wird. Breiten, 25. Februar. Bon neologer Seite wird, uns geschrieben: Am letzten Sonntag veranstalteten die Vorsteher der Gemeinde Breiten eine Versammlung, die von den jüdischen Gemeindemitgliedern und den Vorstehern der benachbarten jüdischen Gemeinden sehr zahlreich besucht war. Herr Julius Simon- Mannheim sprach in sehr eindrucksvoller Weise und vom wahrhaft liberalen Standpunkt aus von der geplanten Gebetbuchreform des Gr. Oberrats. Er legte dabei die schweren Folgen dar, die das Reformwerk des Oberrats für den Frieden und den Zusammenhalt der Gemeinde habe. Er zeigte ferner die Gefahren, die das neue Buch bei seiner Einführung in die Schulen heraufbeschwöre, und betonte, wie sehr man durch die versuchte Einführung gegen den Geist echter Liberalität verstoße. Die Einwendungen des Herrn Reallehrers Weiler widerlegte der Redner mit sehr treffenden Argumenten, denen die Versammlung lebhaft zuftimmte.. — In der darauf folgenden Besprechung der Vorsteher der Gemeinde und des Bezirks herrschte vollkommene Einmütigkeit darüber, daß das Reformgebetbuch zu bekämpfen sei, weil es nicht nützen, sondern nur schaden werde, und daß dies dem Gr. Oberrat gegenüber bei aller Ehrerbietung fest und entschieden betont werden müsse. Der Verlauf der ganzen Versammlung war ein sehr harmonischer und läßt keinen Zweifel, daß der Bezirk nur einen Gegner des Reformgebetbuches in die Synode entsenden wird. Heidelberg, anfangs Februar. Das Wahlbüreau der Gegner des oberrätlichen Reformgebetbuches veröffentlichte folgendes Zirkular: Betr.: Wahlfond gegen die Reform in Baden. An unsere jüdischen Mitbürger! Der Oberrat der Israeliten Badens hat ein »eneS Gebetbuch heransgegeben und bemüht sich mit allen Mitteln, die dieser staatlick autorisierten Behörde zu Gebote stehen, dies Werk radikalster Reform als Gebetbuch in den Synagogen und Äs Religionslehrbuch in den Schulen gesetzlich einzuführen. Mehr als hundert Rabbiner und hervorragende jüdische Gelehrte und Schulmänner haben ein vernichtendes. Urteil'über den oberrät-, lichen Entwurf gefällt : Dieses Gebetbuch leugne jüdische Grundwahrheiten; es reiße die alten Hoffnungen! Israels, die Uns in allen Zeiten der Not und der _____ 37. Februar 1SV8 Verfolgung Mut und Kraft gegeben haben, aus unseren Herzen; eS ertöte die Gefühle der Zusammengehörigkeit mit den Juden der ganzen Welt. Die Aendernngen und Streichungen in diesem Gebetbuchentwurf sind tief einschneidende. Bis in die Familienbeziehungen. Ter badische Jude, den man nach diesem Buche beten lehrte, wird selbst bei den Freuden und Festen der Familie nicht einmal mehr mit seinen außerbadischen Verwandten und Freunden das Tischgebet gemeinsam verrichten können; wir werden fremd fein inden außerbadischen Gotteshäusern und die Juden des übrigen Deutschland werden fremd sein b e i u n s. Als Schulbuch bietet der Entwurf nur rein ethische Lehren; aber nichts spezifisch Jüdisches mehr. Unter „Geboten und Lehren" sucht man vergebens nach den jüdischen Speisegesetzen, nach Lehren' über die Heilighaltung des Sabbath, über die Feier des Bcrsöhnungstages, oder auch nur über die Einführnng jüdischer Knaben in den Pnnd Abrahams. Dieses Gebetbuch ist darum nur zu geeignet, das Judentum mit Stumpf und Stiel in Baden auszurotten Tic gesetzliche Einführung dieses Buches in den Schulen kann durch Oberrat und Synode — die Volksvertretung der badischen Juden — verfügt werden. Das bedeutet nichts geringeres als einen allmählichen, aber sicheren Zwang unter das Joch des Resormjudentums und der Assimilation: kommende jüdische Generationen in Baden werden kein anderes Schulbuchs Gebetbuch und Religionslehrbuch mehr kennen als dieses. Die Einführung des Gebetbuches in den Synagogen soll dem Majoritätsbeschluß'der einzelnen Gemeinden anheimgestellt werden. Die nichlbetende Majoritätsollalsoderbetenden Minorität das Gebet vors ehret ben dürfen! Damit wird eine Motorisierung in Fragen der Religion und des Gewissens zugegeben. Einen derartigen Gewissenszwang muß. auch jeder wahrhaft liberale Jude aufs entschiedenste verwerfen. Erbitterte Kämpfe stehen innerhalb der badischen Gemeinden bevor, wenn der Gebetbuchentwurf Gesetz wird; denn er entzündet die 'Fackel der Zwietracht in den Gemeinden. Dieses tiefe Unheil für die gesamte Judenheit kann nur verhütet werden, wenn es gelingt, die jüdische Bevölkerung Badens durch eine eingehende persönliche Agitation anläßlich der nahe bevorstehenden Neuwahlen zur badischen Landessynode darüber aufzuklareu, was bevorsteht, um dadurch die Wahl einer- Mehrheit von Freunden der Gebetbuchreform .zu verhindern. Eine derartige Agitation im ganzen Lande erfordert aber große Mittel! Wir badischen Juden, die wir Gegner dieser Reform sind, können die Opfer nicht allein bringen, die notwendig sind, unr den oberrätlichen Einfluß wirksam entgegenzutreten, da der Oberrat unsere Steuern und die ihm unterstehenden Organe der Gesamtheit der badischen Juden verwenden kann, um seine Sache gegen uns zu führen. Wir müssen ein alles und jedes zur Verteidigung unserer heiligsten Ueberzeugungen aus eigener Taslk^ bestreiten. Bedeutende Summen sind bereits durch uns für die Drucklegung der rabbinischen Gutachten, der wissenschaftlichen und populären Aufklärungsschriften, für die Zustellung derselben an unsere badischen Brüder, für die Organisation des Wahlkampfes und den Beginn der Agitation ausgegeben worden. Um aber die Wahlarbeit fortführen zukönnen, bedürfen wiräuchder energische» Beihilfe unserer au st erb adischen Brüder. Noch steht das Gebot der Verantwortlichkeit des einen für der: andern mit unlöschbarer Schrift in' jedem warmen.jüdischen Herzen geschrieben. Der Kampf wurde uns von der badischen. Behörde ausgezwungen. Wir aber treten für keine badische, vielmehr für eine allgemein jüdische Sache ein. Es muß die Assimilation und die Reformbewegung im „badischen Musterländle" aufs Haupt getroffen werden, weil diese Schädlinge sonst sicherlich ihren Siegeszug auch in die anderen deutschen Lande antreten werden. Fällt der Entwurf, so ist eine Bresche in die Reformbewegung geschlagen. Das wird allüberall gute Früchte tragen. Sorgt darum mit uns dafür, datz die badische Jndenheit nicht gewaltsam losgerissen werde von der Gesamtheit der jüdische« Brüder! Steuert deshalb bei, ein jeder Jude nach seinen Kräften, um der Sache der Gerechtigkeit zu dienen, den Hort Unserer Ueberzeugungen und die Erhaltung des Judentums zu schirmen und zu fördern! Wir bitten die Beträge an Herrn Dr. Jonas Simon, Heidelberg, Uferstraße 48s, zu senden. Ueber die Eingänge werden wir prompt quittieren. Wahlbureau der Gegner des oberrätlichen Reformgebetbuches i. A.: Dr. Phil. Jonas Simon, Vorsitzender, Heidelberg. Die Entscheidung, die die Wahlen zur Synode bringen, wird von höchster Bedeutung für das gesamte gesetzestreue Judentunr sein. M ist deshalb eine Ehrenpflicht der. axthodoxen Juden

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