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Der Israelit · 1908-02-27 · Heft 9 (27.2.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 9 (27.2.1908)
Date
1908-02-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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27 Fchrmtt LS«. Der WrMtt. «r. s. Seite v gedanken und Leitmotive der jetzt in München xind Nürnberg zum Abschluß gelangten Vereinbarungen bereits.ein nicht zu unterschätzendes Entgegenkommen der Neologie gegenüber den orthodoxen Existenzbedingungen bekunden und wenn weiters mit Sicherheit anzunehmen ist, daß im Ernstfälle auch weitere erhebliche Zugeständnisse, vor allem auf dem Gebiete der Dispensation der Kinder orthodoxer Familien vom gemeindlichen Religionsunterricht von neoloaer Seite gemacht würden, um das einigende Band der Gesamtgemeinde aufrecht zu erhalten, so haben anderseits auch die bayerischen Orthodoxen in allen Phasen der hinter uns liegenden Kämpfe den Befähigungsnachweis dafür erbracht, daß ihnen unbedenklich die Waffe der Trennungsmöglichkeit anvertraut werden darf, ohne daß Gefahr besteht, daß seitens der Orthodoxie unvorsichtig oder gar frivol Gebrauch von dieser Waffe gemacht wird. Zu all den andern Imponderabilien, die einigende Bande um die beiden verschiedenen religiösen Richtungen in München und Nürnberg geschaffen haben, kommt für München speziell noch ein weiteres Moment, auf das bereits bei Ausbruch des Konflikts mehrfach in der jüdischen Presse hingewiesen wurde,' es jst dies die Tatsache, daß sich gerade in den Reihen der traditionellen Richtung zahlreiche direkte Deszendenten jener Familien vvrfinden, die vor 100 Fahren die jüdische Kultusgemeinde München begründet haben. Dieses historische Moment ist gewiß nicht 'gering zu veranschlagen. Das religiöse Leben des einzelnen Juden hat doch seine Wurzel in der Gemeinde und ganz besonders in derjenigen Gemeinde, in welcher der einzelne Bekenner des Judentums aufgewachsen ist, in deren „Haus des Lebens" die sterblichen Neberreste seines Vaters, seines Großvaters und seines Urgroßvaters zur ewigen Ruhe gebettet wurden. Denn nicht nur vom historischen Standpunkte aus betrachtet, sondern noch mehr aus dem Gefühle der Pietät heraus erscheint die Begräbnisstätte itt erster Reihe, die andern Gemeindeinstitutionen und Stiftungen in zweiter Linie gewissermaßen als religiöses ideelles Miteigentum jedes einzelnen Gemeindemitglieds. Das auf dem Gebiete der ästhetischen Kultur so oft neuerdings gebrauchte Wort der „Bodenständigkeit" wird nirgends mehr begriffen und gewürdigt, als im Kreise des religiösen Judentums, wenn es sich darum handelt, den Anteil zu'bestimmen, den der Einzelne am Gemeindeleben nimmt. Und so darf mit Bestimmtheit daraus vertraut werden, daß das Zusammenarbeiten der Anhänger der beiden Richtungen auf so vielen jüdisch-sozialen hindern, daß der Honig süß schmeckt? Wenn der Arzt eine bittere, widerwärtig schmeckende Arznei verordnen würde, nach welcher der Kranke sich sehnt, weil er weiß, daß sie ihm Heilung und neues Leben bringt, könnte diese Sehnsucht hindern, daß ihm die Bitterkeit der Medizin den Mund zusammen zieht? Kann er den Honig nicht süß finden und doch, gleichzeitig davor 'zurückschrecken, daß er ihn am Jom Kippur genießen soll? Kann er den Heiltrank nicht unerträglich auf Zunge und Gaumen finden und ihn doch mit freudiger Gier schlürfen?" Weiter konnte Rabbi Abraham nicht sprechen. Denn jetzt erhob sich Idier greise Freund und schritt auf die andere Seite des Tisches, siel seinem Genossen um den Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen mit den Worten der Salomonischen Weisheit: „Ein Lippenkuß dem, der mit so trefflichen Worten beschwichtigt". (Mischte 24. 26). Wce soll ich Dir danken für die tiefe Weisheit, mit der Du mir diese Nachricht beigebrach-t hast! Hätte ich die Nachricht von einem andern gehört, hätte ich das Geschehene gar selbem gesehen und erlebt, ich hätte mich nicht zu der Höhe erheben können, aus der die großen Vorbilder unseres Lebens leuchten, um mich zu ihrer übermenschliche» Größe zu erheben. Ich hätte mich wie tausend Andere gehärmt und gegrämt über das, was Gottes erziehende Gnade über uns bestimmt und hätte nicht die Einsicht und Fähigkeit gehabt zu der Freude, zu der sie uns selbst in solcher Lage verpflichten. Das verdanke ick Deinem erkünstelten Widerspruche, mit dem Tu mich, so lange gereizt hast, bis Du mich auf der vollen Höhe wußtest. Ich habe vieles verloren, aber ich habe auch vieles gewonnen, vor allem das beglückende. Bewußtsein, einen treuen Freund zu besitzen, dessen Freundschaft und Weisheit selbst den Verlust an teuerem Gut und edlem Blut freudig zu verklären weiß. Wen» ich nur hierher aewmmen wäre, um das zu erfahren, so wäre ich r^ilWch belohnt. f ,, .. <„Wegen Mb Weis bem^KöMg. -er Welt, der von * sMn^WMheit estten Teil jeistm Froünnen gegeben:' und charitativen Gebieten so tiefe Wurzel geschlagen hat, daßNn der Tat nur eine schwere Beeinträchtigung der Gewissensfreiheit durch kulturkämpferische Majoritäten in der Zukunft die orthodoxen Minoritäten veranlaffen könnte, von der Austrittswaffe Gebrauch zu machen. Als eine solche Bedrückung der Gewissen müßte es z. B. erachtet werden, wenn jemals ein zukünftiger ultraneologer Rabbiner in München oder Nürnberg gegen den Willen der orthodoxen Vereinsleitungen die Vornahme von Trauungen in den orthodoxen Synagogen als sein Recht in Anspruch ' nehmen oder wenn die Verwaltungen von München und Nürnberg in der Theorie zwar den traditionellen Charakter der Schechitah konzedieren, die Bereitstellung der finanziellen Mittel für den Schutz dieser Institution in angedeutetem Sinne aber jemals verweigern würden x. So selbstverständlich und nayeliegend diese Gedankenfolge auch ist, so legen wir doch Wert darauf, ihr in diesem Epiloge zu den hinter uns liegenden Kämpfen Ausdruck zu geben, weil wir keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wollen, daß eine sinngemäße Auslegung der getroffenen Friedensverembarungen die unerläßliche Voraussetzung dafür bilden, daß letztere ihren Zweck erfüllen: die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen den beiden Parteien in München und Nürnberg bis zu der kommenden gesetzlichen Neuregelung der ftaatskirchenrechtlichen Stellung der Juden in Bayern zu verbürgen. (Schluß folgt.) vom bittliscbeil Kriegsschauplatz. Karlsruhe, 26. Februar. Gemäß Mitteilung in der Karlsruher Zeitung finden die Wahlen zur Synode am Sonntag den 15. März statt. _ _ Karlsruhe, 26. Februar. Die „Karlsruher Zeitung" vom 25. Februar 1908 schreibt über die Wahlen zur israelitischen Landessynode: „Der Termin für die Wahl der weltlichen Abgeordneten zur israelitischen Synode ist auf den 15. März festgesetzt. Außer dem Budget für die Jahre 1908/10 soll der Synode der Entwurf einer ausführlichen Verordnung über die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Gemeinden zugehen. Der Entwurf ist den Bezirkssynagogen und einzelnen Gemeindeverwaltungen zugegangen; manche beachtenswerte Berbessercmgsvorschläge dürften noch, vor der Vorlage an die Synode verwertet werden. Von besonderem Interesse wird deren Stellungnahme zu der von der obersten Religionsbehörde veranstalteten Neuausgabe des Gebetbuches sein. Von dem Oberrat von vornherein nicht zur allgemeinen Einführung, sondern nur für diejenigen Gemeinden und Einzelnen bestimmt, die in dem überkommenen, teilweise veralteten Gebetbuche ihre Befriedigung nicht finden und namentlich auch dessen zwangsweis- Berwerrdung für den Religionsunterricht der Jug;nd beanstanden, ist der neue Entwurf von den Gegnern jeder Aenderung des Hergebrachten, obgleich ihnen und ihren Kreisen die Benützung von niemandem angesonnen wird, zum Kampfobjekt gemacht werden. Bin dieser Seite wird trotz alten Versicherungen des Oberrats, daß er das neue Gebetbuch weder in den Gottesdienst, noch in den ^Religionsunterricht zwangsweise einzuführen beabsichtige And auch einen Gewissenszwang durch Majoritätsbeschlüsse der Gemeinden nicht zulasten werde, das Gegenteil nach wie vor verbreitet. Noch in den letzten Tagen war der Oberrat veranlaßt, auf eine Anfrage wiederum zu erklären, daß, abgesehen von der Ausschließung jedes Gewissenszwanges gegenüber Erwachsenen auch von keinem einzigen Schulkinde gegen den Willen der Eltern die Benützung des neuen Gebetbuches jemals verlangt werden dürfe und daß auch ein Zwang von Seiten der Gemeinden völlig ausgeschlossen bleiben müsse. — Die bevorstehenden Wahlen werden zeigen, ob diejenige Richtung, die von dem durch den Mainzer Prozeß auch in weiteren Kreisen bekannt gewordenen separatistischen Organ, der „Israelit", vertreten wird, in unserem Land: maßgebenden Einfluß gewonnen hat, oder ob der Oberrat auch fernerhin wie seither für seine Bestrebungen die Unterstützung der Synode findet." Die Unterstellung des zitterten, zweifellos .vom Oberrat selbst inspirierten Artikels der „ Karlsruher Zeitung", daß die Gegnerschaft gegen das Gebetbuch des Oberrats von derjenige« l Richtung repräsentiert werde, „die von dem durch den Mainzer Prozeß auch in den weiteren Kreisen bekannt gewordenen separattstischen Organ, der „Israelit", vertreten wird", entspricht nicht den Tatsachen. Weite Kreise der badischen Juden, weit über die konservativen, Kreise hinaus, erblicken in der oberrätlichen Vorlage eine schwere Gefährdung des Judentumsund sogar der Organisation, die der Oberrat repräsentiert. Uerigens hat der Oberrat bis jetzt nochnicht dargelegt, wie er für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse jener Kreise sorgen will, denen er durch die Einführung des Reformgebetbuchcs die Benützung der bestehenden Institutionen unmöglich machen wird. Daß der Oberrat jene Kreise nicht gegen ihr Gewissen zwingen kann, das., Reformgebetbuch zu benützen, oder ihre Kinder nach ihm unterrichten zu lassen, ist doch zu selbstverständlich, als daß er das mit dem billigen Hinweis auf seine Gerechtigkeit betonen sollte. Ein Sieg der Gebetbuchgegner wird den Frieden und die Eintracht erhalten, ein Sieg des Oberrats aber unberechenbaren Schaden zeitigen: Kämpfe innerhalb der Gemeinden, Separation, sogar Prozesse zwischen der durch den Oberrat in zwei Lager geteilten badischen Judenheit. Mannheim, 25. Februar. Man schreibt uns: Gestatten Sie mir, in Ihrem Blatt das Wort zu ergreifen, wenngleich ich in religiöser Beziehung durchaus nicht ans dem Standpunkt stehe, den Sie mit voller Ueberzeugungstreue vertreten. Ich zähle eher zu dem „liberalen Verein", der eben in Baden gegründet wird. Darum drängt es mich, als einem liberalem Mann, gerade in Ihrer Zeitung zu betonen, daß in Baden durchaus nicht nur Ihre Richtung das Reformtzebetbuch des Gr. Oberrats mißbilligt, daß sich vielmehr auch aus den liberalen Reihen die Gegnerschaft gegen dasselbe rekruttert. Wir glauben dazu ebenso viel Veranlassung zu haben, wie Ihre Richtung. Ich will mich gar-nicht auf eine Erörterung der Streitfrage einlassen, ob die Abänderungen des Gr. Oberrats religionsgesetzlich zulässig sind, da mich diese Seite der Frage persönlich weniger berührt. Ich weiß nur, daß die Synagogen nicht voller werden, wenn man in ihnen das Buch einführt, daß sie vielmehr leerer werden, weil eine Richtung, die bisher ungestört neben der anderen leben und beten konnte, hinausverbannt wird. Ich weiß nur, daß man heute für Simultanschulen schwärmt, weil man nicht will, daß auf die feinbesaiteten Gemüter der Kinder Trennungsschranken wirken, weil man will, daß sie in ihren Unschukdstagen Kinder find, blos Kinder unter Kindern, und daß man jetzt Trennungsschranken aufttchten will in Baden zwischen den jüdischen Kindern, die rmch zweierlei Methoden unterrichtet werden sollen. Die Einheit der Organisation in Baden bedingt ein einheitliches Judentum, sonst geht die Organisation in Trümmer. Schwer bedauerlich bleibt darum auch heute noch, daß sich damals nicht Mittel und Wege finden ließen, um auch die konservattae Richtung in Karlsruhe .in der Gesamtorganisation zu halten. Ich meine sogar, in einer ernsten Variation des leichtfertigen Wortes des vierten Heinrich von Frankreich, daß so viel wertvolle Gemeindemitglieder eine Orgel wert gewesen seien. Das Karlsruher Ereignis darf sich indessen nicht, wiederholen. Die Gefahr besteht aber daß jenes erst das Vorspiel war. Das Judentum hat aufrecht zu stehen im Kampfe vor seinen äußeren Feinden. Wollen wir das traurige Beispiel nachahmen, das man uns aus der Zeit der Belagerung des zweiten Tempels gab, wo man sich im Innern zerfleischte, während der Außenfeind stürmte? Wenn man eine „modernere" Tefillo einsühren will, dann kann es nur so geschehen, wtzr es bisher in den Städten geschah, wo zwei Gebethäuser eingerichtet find oder werden, wie in Mannheim, wie in Freiburg. Auch dort würde ich im Interesse -es Zusammenhalts widersprechen, wenn ich einer solche Ge-

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