Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1908)
- Date
- 1908-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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37. Februar 1S0S. Der J-raeltt. Sette 8. «r. 9 düngen von Rohstoffen aller Art hergestellt. In D^ptP 'S wird jedoch eine Pflicht gäbe verlangt mit der ausdrücklichen Bedingung rav to ’V’tryn V'Z-V'' Vim, daß der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger bringen darf als einen halben Schekel, ^ptPn wxnv. Diese Volkssteuer, welche durch , die Art ihrer Entrichtung alle sozialen Unterschiede und Gegensätze verwischte, fand nach der Erklärung zur Stelle eine ebenso bedeutsame Verwendung. Aus den halben Schekeln wurden nämlich die Silberfüße angefertigt, in welchen die Bretter der Stiftshütte ruhten. Jedes Brett der Stiftshütte war unten derart ausgeschnitten, daß zwei Zapfen — wenn, man so sagen will — sichtbar wurden. Und unter jeden §avfen stellte man einen silbernen Untersatz oder utz, genau in einander paffend, so daß eine Längswand der Stiftshütte bei zwanzig Brettern vierzig Untersätze zeigte. Welch' herrliche Worte predigten doch jene stummen Silberfüße, zu denen man die n'XDö ^pvn-Spende verwendete! Schon der Name — O'JIK — ist überaus charakteristisch. „Adonim" bedeutet „Herren". Das Silber, das blinkende Erz, welches im Leben die Herr enrolle spielt, das prvI, welches so häufig die niedersten Triebe des Menschen reizt und ihn nicht Herr seiner Leidenschaften werden läßt, das Geld, dessen Besitz und Genuß Macht und Herrlichkeit verspricht, es findet bei der Stiftshütte ganz am untersten Teile seine Verwendung, die „dtw" des gewöhnlichen Lebens sind zumFuße erniedrigt bei Gottes Heiligtum! Wer außen an der Stiftshütte vorüberging und zu den Brettern hinschaute, der mußte sich sagen: Hier ist das die Menschen in Klassen Scheidende zum Zwecke der Einigung verwendet worden, es lehrt Frieden und Eintracht, indem es hier nicht die verhängnisvolle llUN«-Rolle spielt, die Untersätze verkörpern in plastischer Form das Prinzip der Gleichheit, auf welchem die Stiftshütte ruht! - Indem die D'i'lK aber derjenige Teil des Gotteshauses waren, der unmittelbar mit der Erde in Berührung blieb, so lehrten sie auch dadurch die Gleichheit aller, erinnerten auch auf diese Weise an der Menschen gemeinsame Stammmutter, der sie alle ohne Unterschied einst wieder zustreben: aiffn "isy nn** isy 'S, von Staub bist du und zum Staube sollst du wieder zurückkehren. Als längst die Stiftshütte nicht mehr stand, als Israel sich in Jerusalem eines festgefügten Heiligtums erfteute, als keine Spenden zum Bauen mehr gebracht werden konnten, unterließ man doch nicht alljährlich, die B'^ptP 'S vor Adar vorzulesen. Die Schekelspenden von Arm und Reich dienten fortan zum Ankäufe der -nis Nl22ip der Gemeindeopfer, an welchen ebenfalls die ganze Nation partizipieren sollte. Vom ersten sollten schon otc neuen Steuern in Verwendung kommen, durch D'VptP 'S rwip ermahnte man mehr als einen Monat zuvor an die pünktliche Entrichtung. Dell Säumigen drohte zwangsweise Beitreibung auf dem Wege des Pfandrechtes. (Schekalim, I, 2.) So strenge ward der Gedanke der Gleichheit aller Volksglieder im Tempelheiligtum festgehalten und durchgeführt. Auch abgesehen von der alljährlichen Schekalimspende leuchtet uns aus dem jüdischen Volksleben das Prinzip der Gleichheit in mannigfacher Art entgegen. Nur flüchtig sei an die sozialen Einrichtungell des jüdischen Staates erinnert, an das Jobel- und Schemitajahr, an die Be handlunq der Armen und ernay. Es sei verwiesen auf das Leben der großen Tanaim und Amoraim, die vielfach einfache Handwerker und Arbeiter waren und aus der Werkstatt auf den Katheder traten als Fürsten der Wissenschaft, vor denen sich jeder beugte. Das ist Gleichheit im jüdischen Sinne. Noch Vielerlei könnte heran gezogen werden in dieser Hinsicht. Das Angeführte genügt indes, um das jüdische Prinzip der Gleichheit, wie es D^pv 'S lehrt, in helles Licht zu setzen. Mit berechtigtem Stolze dürfen wir behaupten, daß hier die Welt von uns lernen kann und lernell möge — zu ihrem eigenen Vorteil und Besten. Die Beendigung des Gemeinde* Konflikts von Ifttincben nnd Dürnberg. Rückblicke und Ausblicke. Bon Sigmund Fraenkel in München. (Fortsetzung.) II. Konnten somit, wie sich aus Vorstehendem ergibt, die Orthodoxen darauf rechnen, daß die Regierung im Konfliktsfalle die erforderlichen Maßnahmen treffen würde, um den Anhängern der traditiollellen Richtung die in § 23 des Edikts gewährleistete Gewissensfreiheit zu sichern und/den Rechtsboden für ihre Gotteshäuser zu schaffen, so oblag ihnen anderseits auch die Pflicht, sich über bestimmte Programmpunkte zu einigen, die in der Folge als Richtlinien für die Ausarbeitung einer Novelle zum Judenedikt dem Ministerium zu unterbreiten waren. Die Postulate der von uns in den ersten Septembertagen dem Kultusministerium überreichten Denkschrift waren unter dem Gesichtswinkel der lokalen Münchner und Nürnberger Gemeindeverhältniffe formuliert und lediglich auf die unzureichenden Rechtsunterlagen für den Bestand der orthodoxen Vereinigungen daselbst zugeschnitten und aufgebaut. Es mußte aber in Rücksicht auf all die Gravamina, die sich bezüglich der Unzulänglichkeit der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über die Bildung und Auflösung, über die Organisation und Rechte der Kultusgemeinden seit Dezennien in den Akten des Ministeriums und in den Entscheidungen des Verwaltungsgerichtshofes angesammelt hatten, mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, daß das Ministerium sich nicht mit einer ad hoc zu erlassenden Entschließung zu Gunsten der orthodoxen Synagogen in München und Nürnberg begnügen, sondern den jetzt ausgebrochenen Konflikt als Ausgangspunkt zu einer völligen Aufhebung des Edikts und zur Ausarbeitung neuer gesetzlicher Normen für die israelitische Religionsgesellschaft in Bayern oder vielleicht gar für sämtliche Privatkirchengesellschaften im Sinne der zweiten Verfaffungsbeilage als Korrelat zur K. G. O. benützen würde. Für diese letztere Eventualität sprach vor Allem der Umstand, daß die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit der jetzt giltigen gesetzlichen Bestimmungen in immer weitere Kreise gedrungen war und daß jüdische und nichtjüdische juristische Autoritäten in den jüngsten Monaten in Wort und Schrift darauf hingewiesen hatten, daß eine Revision des Judenedikts nicht nur „aus Rücksicht auf die Schaffung einer klaren Rechtslage der Kultusgemeinden, sondern ebensosehr im Interesse der Aufrechterhaltung der Autorität von Staat und Gesetz dringend geboten ist." (Vgl. Heimberger, Allgem. Ztg. Nr. 426 vom 14. September 1907.) Die Tage des Judenedikts erschienen somit als gezähltaber das Problem, was an Stelle dieser veralteten Gesetzgebung zu setzen und aus welcher Basis eine Neuordnung zu erstreben fei/ die auf der einen Seite den beiden religiösen Richtungen im Judentum volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, auf der andern Seite den Staat nicht dem Odium aussetzt, sich in die Satzungen der Lehre und des Dogmas, oder in die Vorschriften des Rituals einzumischen — dieses Problem zu lösen, schien und scheint eine wesentlich schwierigere Aufgabe, die auch einzelne, von jugendlicher Begeisterung getragene Reden und Resolutionen nicht binnen weniger Wochen oder Monde zur glücklichen Lösung bringen können. Es mußte zunächst für den Fall des Scheiterns der Friedensverhandlungen zwischen den neologen Majoritäten und den orthodoxen Minoritäten Welt ihnen beilegt. Nur unser Fall bildet eine Ausnahme, weil er etwas verlangt,' was nicht Menschen möglich ist nnd deshalb glaube ich, daß durch meine Auffassung diese Schwierigkeit am besten beseitigt ist. Mehr sage ich nicht." „Mehr sagst du nicht?" griff Rabbi Kalmann das letzte Wort aus, „als ob das nicht genug gesagt wäre.' Du verdrehst die Worte der Chachomim (Weisengleichviel ob in einem Falle oder in hundert Fällen und das alles wegen einer Schwierigkeit, die du dir einredest, die aber in altem Emmes (l$8at)vf)cit) gar nicht besteht." „Die „Schwierigkeit besteht gar nicht?" gab Rabbi Abraham hitzig zurück. „Vielleicht für dich und deinesgleichen nicht, aber vor mir und tausend anderen steht sie so riesengroß in ihrer Unfaßbarkeit da, daß ich vielleicht nicht Schwereres kenne. Ja, ich glaube, sie ist für dich auch vorhanden. Du hast sie dir nur noch nicht in ihrer Schwere klar gemacht. Wir wollen's uns einmal in Kleingeld geben. Also, unsere Chachomim sagen, man muß Gott für das Böse mit derielben Freude danken wie für das Gute. Und das hältst Du für ganz poschet (einfach) und selbstverständlich. Nun »röchle ich einmal sehen, wenn jetzt Jemand reinkäme und sagte Dir, Tein Haus in Darmstadt ist Dir abgebrannt! Würdest Du nicht die Brocho Dajan Hoemmes sagen?" i) „Gewiß würde ich das, aber ich täte es mit Simcho (Freude)." „Du freutest Dich wirklich?" ' „Als einfacher Mensch würde ich den Verlust meines Hauses sehr beklagen. Aber wenn die Chachomim sagen, ich solle nicht nur keinen Schmerz anfkommen lassen, j) Der Segensspruch beim Ernpfang einer Trauerbotschaft. sondern ich solle mich sogar mit dem, was tauseno andere zur Verzweiflung bringt, noch obendrein freuen, so freue ich mich, damit. Du nicht ettva auch? Das ist doch das Glück und der Segen, das ist doch die Heilung, die in den Worten der Chachomim liegt!" „Ich habic. vielleicht mein Beispiel schlecht gewählt. Ich weiß, daß Dein geläutertes Herz nicht an Geld und Gut hängt. Ein Feuerschaden ist im Grunde gelkommen doch nur ein Geldschaden. Aber wenn Jemand Einem sagte, daß seine Frau in den Flammen umgekommen ist, verstehst Du, seine Frau, die Gefährtin seiner Jllgend und seines Alters, über derell Trennung selbst der Misbeach (die Opferstätre) Tränen vergißt, da würdest Du Dich freuen?" . „Ich verstehe Dich wahrhaftig nicht. Wenn's die Chachomim sagen? Elo mai (Wie denn)? Man fall den Kopf hängen lassen, wenn die Chachomim uns sagen, wir sollen freudig sein? Und das sind Deine schweren Kaschjes (Fragen), die Dich zwingen, den klaren Worten der (Veomoro Gewalt anzutun und sie so gezwungetl zu erklären, und Du redest Dir noch Wunder was für Chochmo ein, die darin stecken soll? Das verstehe ich nicht." „Sei mir tausendmal manche!, ich versteh 'Dich nicht. Du sagst, wenn Du hörst, das Haus ist abgebrannt ,die Frau ist dabei umgekommen, das alles nimmst Du nicht nur ruhig und ergeben sondern freudig hin, verstehe wohl, mit Simcho! Aber denke Dir, es ist Einem in seinem abgebrannten Hause nicht nur die Frau, sondern auch der Sohn, der Stotz und bas Glück von Vater und Mutter umgekommen, hältst Du es. für denkbar, daß ein solcher die Nachricht mit Freude hinnimmt?" Da sprang Rabbi Kalman erregt auf, scklug seine Folianten zu, und hob sie geschlossen in die Höhe, indem er erregt ausrief: „Du kannst noch so viel Chas Wescholaums (unglückliche Eventualitäten) ausdenken, das macht Deine Sach' noch kein Lot besser. Damit Du siehst, daß das alles hewel (nichtig) ist, sage ich Dir: so wahr ich diese heilige Gemoro in der Hand habe, wer Cmuuas Chachomim (Vertrauen zu den Weisen) hat, für den sind alle dieses Kaschjes nicht schwer. Und wenn noch zehnmal mehr Besuros roos (böse Nachrichten) auf mich einftürmten, ich tvürde sie mit freudigenl Herzen hiirnehmen und mit Simcho mein Boruch Dajan Emmes sagen." „Und das ist Dein Ernst?" fragte Rabbi Abraham. „Das ist mein Ernst," entgegnete sein Partner, indem er sich wieder niedersetzte, und das ist auch Deine Ansicht, so wahr sollen wir beide Schofer schel Moschiach hören. Du hast Dich nun jetzt in Deine Kasch je festgerannt, wenn Du's für Dich ruhig überlegst, wirst Du mir Recht geben." „Ich habe Dir schon vorher Recht gegeben, und will es Dir schwarz ans weiß betoeisen," entgegnete urit feierlicher Ruhe der Freund, indem er den Pries aus der Tasche nahm und ihn seinem Partner hinreichte. Dieser warf einen Blick auf die Zeilen und hatte sie in wenigen Sekunden durchflogen. Er erbleichte nicht, er verzog keine Miene, die Majestät des überwundenen Unglücks verklärte seine Züge. Mit gernessener Ruhe erhob er sich und sprach, ohne Zittern der Stimme, ohne irgendwelche Erregung laut und gefaßt die Worte: ' Boruch Daran Emmes! Lautlos starrte Rabbi Abraham zu seinem Freunde wie zu einer überiroischen Erscheinung empor. Er kannte wie kein anderer die Innigkeit des Bandes, das ihn seit fast dreißig Jahren mit der Gefährtin feines Lebens verbunden hatte. Cr wußte wie gerade dieser