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Der Israelit · 1908-02-27 · Heft 9 (27.2.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 9 (27.2.1908)
Date
1908-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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< V Sette S. Ro. S orthodoxen Judentums" mit Recht in ganz anderer Richtung. Nicht die Beschränkung auf leistungsunfähige Gemeinden, die vielmehr selbstverständlich ist und keinerlei Zurücksetzung gegen die ebenfalls nur im Falle der Leistungsunfähigkeit unterstützten christlichen Schulverbände bedeutet, sondern die Klausel, daß nur Gemeinden mit mindestens 12 Schulkindern unterstützt werden sollten, mußte Bedenken erregen. Es ist nun überaus erfreulich, daß die zur Begründung ihres Standpunktes von der „Freien Vereinigung" ausgearbeitete Statistik mit Erläuterung bei allen Parteien ohne Ausnahme lebhaften Eindruck machte, und daß sogar die Freisinnigen Redner sich dem Gewichte der von orthodoxer Seite vorgebrachten Argumentationen nicht entziehen konnten. Mit besonderer Wärme hat sich wiederum der Abgeordnete O. L. N. Marx vom Zentrum unserer Interessen angenommen, und die goldnen Worte, die er dem jüdischen Religionsunterricht gewidmet hat, . „es komme nicht darauf an, daß „irgendein" Religionsunterricht von einem „Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft" erteilt werde, sondern daß der Unterricht für Gesetzestreue der besonderen religiösen Ueberzeugung des gesetzestreuen Judentums entspreche, könnten manchem jüdischen Politiker als Mahnung ins Stammbuch geschrieben werden. Wenn demgegenüber der Abg. Cassel, der sich unter Berufung auf seine jüdische Konfession gerne als Parlaments-Sachverständiger in jnäaieis geriert, den Gegensatz zwischen „liberalem" und orthodoxem Religionsunterricht wieder einmal als belanglos und leicht überbrückbar hinzustellen suchte, so wird auf diesen Versuch mit untauglichen Mitteln noch zurückzukommen sein. Verwahrung müssen wir von unserem Standpunkte indessen schon heute dagegen einlegen, daß Herr Cassel sich gestattet, mit oer Miene des objektiv urteilenden Sachverständigen auf der Tribüne des Parlaments die gesetzestreue Judenheit als „sich aesetzestreu nennend" zu ironisieren, und wenn er demgegenüber dem liberalen Judentum mit seinem entschiedenen Abfall von grundlegenden jüdisch-religiösen Wahrheiten die „Treue zum Glauben und zu den religiösen Grundwahrheiten des Judentums" zu vindizieren wagt! Das ist eine Verdunkelung offenkundiger Tatsachen, gegen die man nicht scharf genug protestieren kann und deren religionsphilosophische Begründung ungefähr auf der gleichen Höhe steht wie die feine Distinktion zwischen „Reformjudentum" und „liberalem Judentum", mit der Herr Cassel seine aufhorchenden Parlamentskollegen zu überraschen für gut fand. Es ist schmerzlich, gegen einen Mann polemisieren zu müssen, der in seiner Weise sicherlich dem „Judentum", wie leines kl« weiser ttlirt. Bon JudSns. (Schluß.) „Das hast Du gescheit angepackt," rief ihm lachend Rabbi Kalman entgegen, „und gut zu Ende geführt. Du hast in Deinem kleinen Finger mehr Chochmo (Weisheit) als ich im ganzen Körper. Ich glaube, wenn ich wieder einmal in das Dorf verschlagen werden sollte, so könnte ich ruhig bei meinem Wirt essen und trinken." „Was Du nur von meiner Chochmo redest! Die ganze Simcho (Freude) kommt doch von Dir her. Wenn Du nicht dort über Schabbos gewesen wärest, so wäre niemals ein Mensch aus das alles gekommen. Und Du hast auch den Mann sofort richtig taxiert, daß er ein wirklich braver Mann ist, das hat meine Maßnahme wesentlich erleichtert." Während Rabbi Abraham so mit seinem Freunde sprach, hatte er nun in gedankenloser Zerstreutheit den Talmudband geöffnet, der vor ihm lag, und scheinbar ganz mechanisch darin geblättert. Einein aufmerk- Sttten Beobachter wäre es jedoch nicht entgangen, ß die Absichtslosigkeit nur eine zur Schau getragene war. Er schien eine ganz bestimmte Stelle zu suchen, diese Absicht aber durch das. lebhaft geführte Gespräch verschleiern zu wollen. Jetzt hielt er mit dem Blättern inne, er hatte ohne Zweifel gefunden, was er gerade gebrauchte. euilleton. „JSraelit." er es verficht, große Dienste zu erweisen glaubt — aber je yöher man die politischen Qualitäten des freisinnigen Schul-Spezialisten einschätzt, desto energischer muß sich die gesetzestreue Judenheit gegen Theorien wehren, die in letzter Linie aus die zwangsweise Verstaatlichung der jüdischen Religion und damit auf einen ungewollten, aber nicht minder unerhörten Gewissenszwang hinauslaufen. Es ist demgegenüber tröstlich zu sehen, wieviel Wohlwollen für die Erhaltung des konservativen Judentums in den Reden des Ministerialdirektors sowohl wie der verschiedenen Parteivertreter zum Ausdruck kam, sodaß die Hoffnung auf einen guten Erfolg jeder ehrlichen und energischen Aufklärungsarbeit in politischen Kreisen durch die Verhandlungen neue Stärkung erfahren muß. In sachlicher Hinsicht läßt sich unsres Erachtens nicht genau voraussehen, welche prak» tischen Erfolge die an sich sehr erfreuliche Erklärung des Ministerialdirektors über die ideelle Vereinigung mehrerer Gemeinden zur Erreichung der Zwolfzahl zeitigen wird. Das dürste mehr oder minder von oem Wohlwollen der unteren Verwaltungsbehörden abhängen. Ein Kapitel für sich bildet die Tragikomödie der Irrungen, die sich an das Wort „leistungsschwach" anknüpfte. Was darüber vom Regierungstische erklärt wurde, entspricht genau unsren Ausführungen in No. 4 dieses Jahrgangs, und es ist ergötzlich, mit welcher Zähigkeit trotz der Eindeutigkeit dieser Erklärungen die wohlmeinenden Freunde unsrer bürgerlichen Gleichberechtigung an der Fiktion festhielten, es gelte auch hierbei wieder gegen eine „Zurücksetzung" zu protestieren. Da war es denn schon das Klügste, daß Herr Cassel schließlich erklärte, die Sache mit dem „leistungsschwach" sei praktisch nicht so wichtig, und es komme vielmehr auf die Zwölfzahl-Klausel an. Nun sind wir einig. var Prinzip der Sielcdbelt. Von A. Mannheimer in Dettelbach. Die Geschichte der Menschheit ist überreich an Beispielen, wie zu allen Zeiten, in allen Zonen und bei allen Nationen oer Wettstreit um die Gleichheit aller tobte. „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei und würd' er in Ketten geboren." Und es ist im Grunde genommen dasselbe, ob im alten Rom der Kampf zwischen Patriziern und Plebejern ausgefochten ward, ob später die Bauern gegen Adelige und Raubritter kämpften, oder ob weltumgestaltende Revolutionen vor sich gingen. Auch der gewaltige soziale Kampf un- 27. Februar 1908. serer Tage ist nur ein Ringen nach dem Ausgleich allzukrasser Gegensätze. Das Judentum darf sich rühmen, das Prinzip der Gleichheit Aller am frühesten auf seine Fahne geschrieben zu haben. Es hat dieses Prinzip nicht nur in der Theorie anerkannt, sondern auch durch die Praxis verwirklicht. Zu der Stelle D1K mVin ifiD nt, „dies ist das Buch der Geschlechtsfolge Adams", bemerken die Weisen: n*V)nntt> ^2 hi, daß das ein Hauptarundsatz in der Thora sei. Der gemeinsame Stammvater der Menschen soll alle seine Kinder im Rückblick zuihm einen. Noch deutlicher spricht dies eine Stelle in Sanhedrin IV, 5 aus. „Um deswillen wurde der Mensch als einzige Person geschaffen, um dadurch die Lehre zu geben, daß derjenige, welcher auch nur einen einzigen Menschen tötet, gleichsam eine volle Welt vernichtetwer aber ein einziges Menschenleben Erhält, hat damit eine „volle Welt" erhalten. Ebenso sollte damit dem friedlichen Einvernehmen der Menschen untereinander gedient sein. Keiner soll sagen dürfen: „Mein Stammvater war größer als der Deinige." — Es dürste kaum eine bessere, natürlichere Begründung der Menschenrechte und Menschenwürde geben. Diese weitherzige Weltanschauung gilt aber nicht nur für die irdischen Verhältnisse, für die sozialen Beziehungen der Menschen zu einander. Israel hat das Prinzip der Gleichheit auch auf religiösem Gebiete aufgestellt. p*?n onb L" tfnyn mmr* 'Ton K3n. „Die Frommen aller Nationen haben Anteil am zukünftigen Leben." Es ist nicht die Zugehörigkeit zum Judentum eine oonäitio sine qua non, die Beachtung der allgemein menschlichen (noachidischen) Pflichten sichert den Edlen der Weltenvölker gleichfalls die ewige Seligkeit. Es darf nach alledem nicht wunder nehmen, daß die jüdische Religionslehre das Prinzip der Gleichheit innerhalb der israelitischen Volksgemeinschaft zur vollen Geltung und Ausgestaltung bringt. Das lehrt uns in anschaulicher Art o^ptr die wir am kommenden Sabbat verlesen. Als Israel die größte Nationalsünde auf sich geladen, indem es dem kiy während Moses' Abwesenheit diente, da sollte nach erlangter Verzeihung das sichtbare Zeichen von Gottes Gegenwart nicht mehr aus des Volkes Mitte weichen! oninn ’naaBn tenpö wyi „Sie sollen mir ein Heiligtum errichten, daß ich in ihrer Mitte wohne". Der Volkssünde gegenüber sollte ein Volks- Heiligtum erstehen, an dessen Aufbau sich die ganze Nation gleichmäßig beteiligte. Die Stiftshütte wurde, wie wir im 2. B. M. Kap. 25 erfahren, größtenteils aus freiwilligen Zuwen „So, jetzt wollen wir aber auch ein bischen lernen," unterbrach er die Unterhaltung und gab sich den Anschein, als wollte er die Folianten schließen, um eine andere zu nehmen. Da blieb sein Auge scheinbar ganz zufällig an einer Stelle hafte,t, und wie sein Denken unterbrechend, sagte er: „So oft ich an diese Stelle komrue, kann ich nicht über sie hinweg kommen. Jedes Kind kennt sie, aber ich glaube, sie gehört zu dem Schwierigsten, was unsere Chachme Emmes (Weisen der Wahrheit) hinterlasse» haben. „Der Mensch ist schuldig für das Böse Gott zu preisen wie für das Gute und die Germoro fügt noch gar hinzu, man müsse das Böse mit derselben Freude hinnehrnen wie das Gute." Glaubst Du, daß jemals ein Mensch diese Forderung in ihrer ganzen Tiefe erfüllt hat? Glaubst Du, das; selbst einer der Größten unserer Großen z. B. den großen Treffer in der Lotterie und den Verlust seines ganzen Vermögens mit derselben Freude hinzunehmen in der Lage ist?" „Ich verstehe nicht," entgegnete Rabbi Kalman, „was Du da redest. Vielleicht bekommen wir beide es nicht fertig dieser Anforderung gerecht zu werden, aber daß unsere Chachomim es nicht fertig gebracht haben, willst Du doch nicht sagen? Du glaubst doch nicht, daß sie etwas verlangt hätten, in dessen Erfüllung sie uns nicht mit leuchtendem Beispiel vorangegangen wären? Wenn die Chachomim sagen, daß man das zu tun schuldig ist, so haben sie jedenfalls diese Schuld auch eingelöst und die Pflicht in allererster Reihe selber erfüllt, die sic ihren, Volke vorgeschrieben haben." „Das ist richtig, tvenn unsere Chachomim das verlangt haben, so waren sie auch die ersten, die es auch getan haben. Da ich aber glaube, daß kein Mensch aus Fleisch und Blut zu dieser hohen Stufe sich emporzuschwingen vermag, so glaube ich, das; es unsere Chachomim gar nicht verlangt haben." Rabbi Kalman sah seinen Freund mit ein paar Augen an, als wollte er ihm den Puls fühlen, um sich zu überzeugen, daß alles richtig bei ihm ist: „Ich verstehe Dich' jetzt noch weniger, als vorhin. Unsere Chachomim hätten es nicht verlangt? Dn hast dock, den Wortlaut ihres Ausspruchs vor Dir, wo sie es wohl verlangt haben." „Gewiß," entgegnete Rabbi Abraham. „Aber ans Grund der Schwierigkeit, die ich in der Erfüllung dieser Anforderung finde und die jeder Redliche zugestehen muß, glaube ick. daß der Sinn dieser Worte ein anderer ist, als man gewöhnlich annimmt. Ich glaube die Worte: Chajos Odom heißen hier nicht, der Mensch ist schuldig, sonder,, das Gegenteil: Das bleibt der Mensch schuldig, weil er es, so lange er Fleisch und Blut ist, eben nicht erfüllen kann." Das war Rabbi Kalman denn doch zu bunt. Erregt schlug er ans den Tisch und meinte, so etwas dürfe man nicht einmal an Purim sagen. „Soll ich Dir die Hunderte von Stellen im Talmud und in den Poskim erst anfzählen, wo dieselben Worte eine unbedingte Verpflichtung einleiten?" rief er laut aus. „Wirst Tn auch z. B. sagen wollen, der Mensch bleibt es schuldig, die Magillas Esther zweimal abends und morgens am Purim zu lesen? Wirst Tu sagen wollen: der Mensch bleibt es schuldig, seinen Lehrer am Feste zu besuchen?" „Das fällt mir gar nicht ein," erwiderte ruhig Rabbi Abraham. „Das weiß jeder, daß die Worte: „Chajos Odom" nach dem allgemeinen Sprachgebrauch eine strikte Pflicht einleiten, an der nichts zu ändern ist. Ich behaupte nur, daß. diese Worte auch heißen können, „das bleiöt d er Mensch schuldig". In allen Fällen haben sie den Sinn, den du, ich und die ganze

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