Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1908)
- Date
- 1908-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IV. „Die Lehre des Ewigen ist vollkommen.'" Wir sahen, daß diese auf Offenbarung und Tradition sich aufbauende Lehre einzig und allein die Menschheit auf religiösem Gebiet aus den Niederungen des menschlichen Irrens und Tastens zu den felsgegürteten Höhen der Wahrheit und des Lichts führt. Sie bleibt auch im Wechsel der Zeiten und tmd des Zeitgeistes die ewige Kronzeugin der Wahrheit, sie auch die Dolmetscherin und Vollenderin der in den Tiefen und Höhen des Naturgesetzes sich offenbarerdln Schönheit. Ein Menschengeschlecht folgt dem andern auf dem Schauplatz der Weltgeschichte. Jedes Geschlecht hat seinen Meister und Herrn, der es zu neuen Ideen hinaufführt und ihm stets neue junge Wahrheit aus dem Buche der Natur und Geschichte enthüllt. Aber jede neue Zeit und jedes neue Geschlecht muß sich seinen Platz erst erobern und an kämpfen' gegen überlieferte Traditionen, die veraltet und überholt sind. Nicht so bei unserer heiligen Lehre und ihren Jüngern! Sie steht fest und unentwegt im Sturm der Zeit. Sie ist die elvige Dienerin Gottes auf Erden, der beredte Kommentar seiner Weisheit und Allmacht. Sie spricht dem Menschengeist vernehmlich aus, was im unendlichen Ring der Zeit ein Tag dem andern kündet und eine Nacht der ander leise zuraunt. Was die ewigen Zwillinge der Zeit, Tag und stacht, sich täglich erzählen, was die Sonne in feuriger Lust Tag für Tag den nächtlichen Geschwistern unter dem Mantel ihres Strahlenglanzes als teures Geheimnis übergibt, was die Wipfel des Waldes mit dem Abendwind kosen, was das Meer dem Sturmwind in ewiger gewaltiger Zwiesprache zu sagen hat, deutlicher, vernehmlicher, ja herrlicher als „ihrer Erfindung Pracht" weiß es ein „fühlend Menschenherz", dem Gott von der Urkraft seines Geistes einen Hauch eingegeben und das er mit den Flammengluten des Sinai zu edlem Glauben und Wissen geläutert hat. Und mit diesenr göttlichen Funken tut Busen strebt der Mensch himmelwärts, über alle Mächte der Natur. Auf den Flügeln seiner Sehnsucht zur Göttlichkeit hebt er sich aufwärts von der irdischen Scholle, und die höchsten Gipfel der Urgebirge sind nichts als der staubige Schemel, der irdische Altar, von dem der Mensch, der König der Schöpfung, Zwiesprache hält mit seinem himmlischen Vater, to nt nan nn Vip rojwi by Tfßpo v'tnn by aViD. Stimme meines Geliebten, siehe da konrmt er, hüpfend über Berge, springend über die Hügel. Nun brause o Meer, stürme dahin, Sonne am Firmament, jugendfrischer Strorn, eilet mit überstürzender Woge, „ihr Brüder von den Bergen und der Ebene zum Vater Ozean!" Der euer Wellenlied verdolmetscht, der das Lallen und Stammeln Eurer Kraft in die Sprache des Geistes umsetzt, der die Erstlinge Eures Wollens, Eures Strebens und Schaffens vor den Wagen seines prophetischen Liedes spannt, das ist und bleibt der Mensch. V. Wer die Seele des jüdisch-religiösen Empfindens nur je in sich oder um sich empfunden hat, dem wird sich wie mit Geistekschrift das Wort „Jugend" auf die Lippen bannen. Wie wäre reine, lautere Tradition möglich, wenn nicht die Erziehungsweisheit der jüdischen Lehre die Wur zetn ihres „Lebensbaumes" so tief und in so unerschöpstich reichen Boden geschlagen hätte, daß der höchste und entfernteste Wipfel dieses Baumes für immer vom Lebenssäfte der Wurzel getränkt und gesättigt sein wird. Nichts Greisenhaftes und kein Absterben in unserer Weltanschauung. In dem Alter, das wir ehren, würdigen wir die Fülle der Erfahrung, die Abgeklärtheit und Reife des Geistes und der menschlichen Tugend. Unsere jüdischen Greise sind die lebendige Verkörperung der Weisheits- und Sittenlehre und nach der herrlichen Auffassung der Agadah bilden sie gerade die elastische Schwungkraft, vermöge deren unser Volk sich stets wieder adlergleich zu den hohen Regionen des Ideals erhebt, no 020 trsas mis *yiy no ppyV ^r?oa irapt 8^)3 Tiop*? ^tnar kstt, Israel ist mit dem Vogel verglichen, denn wie der Vogel ohne Flügel nicht fliegen kann, so kann Israel nicht bestehen ohne Greise. „Ueber die Erde erheben den Vogel seine Flügelüber seine Gegenwart erhebt Israel die Erinnerung, die in den Greisen verkörpert ist." napo ton DioVips ntoMm ms 3mr n"3pn D'p'nsn »tos „Der aufgehobene Tintentropsen sind sie, die greisen o'p'ns, aus der Feder des Allheiligen, welche die Gesetze des Lebens schrieb. Das Leben des p'"ix, es ist das reine Blatt, das, wie die Gesetzestafeln, — die Gottesschrift — jedoch in deutlichen lesbaren Zügen der Verwirklichung trägt *) Nicht das Alter ehren wir an unseren Greisen, sondern die unsterbliche „Jugend" unserer Lehre, die sie uns verbürgen, danken wir ihnen, sticht im Himmel Ist sie, unsere Lehre, sondern auf Erden; *) Jos. Nobel, Hermon S. 2W und 241. aber in den Gestirnen ist sie geboren und nur diese messen ihre Zeit aus und verleihen ihr Ewigkeitswerte. Wie sehr auch das jüdische Gesetz feinen Schüler und Bekenner zur tiefen Erfassung und Wahrnehmung der Gegenwart erzieht, es warnt oft und eindringlich davor, nur dem Blütentraum der Gegenwart zu leben und ein Sklave der Zeit und des Augenblickes zu sein. Wer den göttlichen Auftrag Priester des Ewigen zu sein vergißt und feine Mission für das Ewige unterbricht inaL'00 p'DSö (Aboth III, 9.), um dem Glanz des Zeitlichen zu huldigen und dem berückenden Eindruck des Augenbiicks und vergänglicher Schönheiten zu erliegen: nt nw no ioiro, der hat sein Leben, nämlich das unsterbliche, verwirkt. Wer zum Augenblicke (nt ]Vtf) spricht: „Verweile doch, du bist so schön", der vergißt, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist und muß darum zu Grunde gehen. (Fortsetzung folgt.) Kochennmöschau. ver jüöifdie Religionsunterricht im preußischen Rbgeoränefenhaufe. Wir veröffentlichen an anderer Stelle einen ausführlichen Bericht über die am letzten Freitag stattgehabten Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses, die in der Tagespresse überaus stiefmütterlich behandelt worden waren, während sie für uns vielseitiges Interesse bieten. Nachdem es den Bemühungen der gesetzestreueu Kreise bei der Schaffung des Volksschulgesetzes gelungeu war, Parlament und Regierung für die Einstellung eines Fonds zur Förderung des jüdischen Religionsunterrichtes zu gewinnen, hat die daraufhin im Etat pro 1908/09 erschienene Position von Ji 40000.— bekanntlich lebhafte Auseinandersetzungen in der jüdischen Presse hervorgerufen. Während die linksstehenden jüdischen Zeitungen, von! „Verbände der deutschen Juden" inspiriert, geharnischte Protest-Artikel lediglich deshalb vom Stapel ließen, weil die Regierung nur „leistungsschwachen" Gemeinden Ansprüche auf den Fonds zugestehen wolle und damit angeblich „Bedürftigen Almosen" reiche — bewegten sich die Bemängelungen der „Freien Bereinigung für die Jntereffen des