Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1908)
- Date
- 1908-02-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 18. Nr. 8. mehreren Orten haben wir unsere tatkräftige Unterstützung geliehen. Wir haben in drei Städten die behörderliche Genehmigung zur Einrichtung einer gesonderten Schechitah zu verzeichnen. Auch die Ausbildung im Porschen haben wir uns angelegen sein lasten. Herr Julius Bier in Cöln hat mit Hintansetzung seiner Interessen mehreren Schochtim Unterricht im Porschen (Entfernung der Fett- und Blutadern) erteilt. Im Verlauf des Berichtsjahres konnten wieder drei neue Ritualbäder, die allen rituellen und hygienischen Anforderungen entsprechen, der Benutzung übergeben werden. Seit dem Bestehen des Vereins konnten zehn Ritualbäder eröffnet werden. Wir lasten es uns auch angelegen sein, Werke, die die Vorschriften des einschlägigen wichtigen Gebotes enhalten, fortwährend zu verteilen. Dem Rendanten, Herrn Hanauer, zur Seite stand Herr Jonas Wolf und wir danken dem Herrn für die geleisteten Dienste. Unser Verein hatte in diesem Jahre einen schweren Verlust zu beklagen. Die Eheleute S. van den Bergh in Rotterdam, Begründer der weltberühmten Margarinewerke in Rotterdam, London, Brüssel und Cleve sind kurz nach einander in Rotterdam im Nissan des Jahres verschieden. Sie waren, wie die Versammlung weiß, edle Gönner und treue Freunde des Vereins, die, sowie sie selbst auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums standen, stets ein warmes Herz und eine offene Hand für alle jüdischen Bestrebungen hatten. Wir werden ihnen ein ehrendes Andenken für alle Zeiten bewahren. Bei der Beerdigung ließen wir. uns durch unsern Herrn Rabbiner verteten. Bei der in Berlin stattgehabten Tagung der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums war der Verein durch den terrn Rabbiner und den Vorsitzenden vertreten. Zir hoffen und wünschen aus diesem Zusammenschluß aller gesetzestreuen Juden Deutschlands eine machtvolle Erstarkung des Judentums und einen bedeutenden Vorteil für unsere provinziellen Interessen. Denn bedeutender Mittel bedürfen wir, um den stetig wachsenden Anforderungen zu genügen. Ich möchte den Ruf an Sie alle ergehen lassen, daß jeder in seinem Kreise für unsere Interessen Propaganda machen und immer mehr Mitglieder für unseren Verein werben möge, damit wir unseren Aufgaben in immer größerem Umfange keine Angst zu kennen, und ich in meiner Nnerfahrenheit glaubte ihr. Wie schrecklich kam es dann. Als sie mit unsäglichem Schmerze dem Kinde das Leben gegeben hatte, war es vorbei, das arme Herz konnte nicht mehr. Ihr ist wohl, sie ist im Gan Eden bei ihren Eltern,' ihr S'chus. soll dem Jungen beistehen." Er schwieg) bittere Tränen liefen über seine bleichen Wangen. „Seien Sie des Kindes wegen ruhig, es ist in dem Waisenhause in den besten Händen. Sie können es morgen Mittag hinbringen und jeden Schabbos besuchen. Gott stehe Ihnen bei, daß sie bald imstande sind, es wieder zu sich zu nehmen." Mit einem Dankeswort verließ mich der Mann. In mir zitterte die furchtbare Tragödie noch nach, die sich da vor meinen Augen entrollt hatte. Die russischen Frauen wollen nichts tun/ wie »oft war das Wort in den Sitzungen des Frauenvereins gefallen, hat der Mann nicht recht, konnten die von Jugend auf Verzärtelten plötzlich die Anstrengung ertragen? Ein Wort von Hillel fiel mir ein. Der Weise hat einst einem Verwandten prächtige Kleider, ja sogar ein Reitpferd geschenkt. Ein Freund machte ihm Vorwürfe darüber. „Rabbi, gönnst du Dir solchen Luxus? Und da verschenkst Du solche Kostbarkeiten.^ „Ich bin von Jugend auf an Einfachheit gewöhnt. Aber jener kannte doch nur Luxus/ also entbehrt er ihn schwer/ und ich konnte ihm doch helfen." Wann werden wir denken lernen wie Hillel? Der JSraeltt. gerecht werden können und unser Werk blühe, wachse und gedeihe. » Reicher Beifall lohnte den Redner. Form und Inhalt der Rede befriedigten alle Zuhörer in hohem Maße. Hierauf nahm Herr Rabbiner Dr. Marx das Wort, um in schwungvoller Rede die gemeinsame Arbeit der beiden großen Vereine in Rheinland und Westfalen als getragen von gegenseitigem Vertrauen, beseelt vom gleichen Ziel, zu feiern. Seine zündenden Worte verfehlten einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer nicht. Die Zahlen, die sodann der Herr Rendant S. Hanauer - Euskirchen seinem sinanziellen Bericht zu Grunde legen konnte, fühtten eine deutliche Sprache über die Tätigkeit des Vereins. Die Einnahmen und Ausgaben balanzierten mit annähernd 14000 Mk. bei einem Restbestande eines Vermögens von ungefähr 5000 Mk. Die Einnahmen setzten sich zusammen aus den Mitgliederbeiträgen, den Zuwendungen der Gemeinden, Schenkungen, den Leistungen der der Aufsicht des Vereinsrabbinates unterstehenden Fabriken, Zuschüssen befreundeter Spezialverbände, Zinsen, Vergütungen der beaufsichtigten Restaurationen und Vermittlungsprovisionen. Unter den Ausgaben figurieren die Beamtengehälter, Subventionen, Lehrerkurse, Volksfreund, Reisespesen und Bürokosten. Nach diesem mit großem Beifall aufgenommenen Bericht erhob sich Herr Rabbiner Dr. Wolf zu folgender Rede: „Meine Herren! Wenn ich mich anschicke, im Anschluß an den Bericht des Vorstandes auch meinerseits Ihnen zu referieren, so möchte ich Ihnen weniger ein Bild von dem Geleisteten geben, als davon, was zu tun übrig bleibt. Erft in der Praxis stellen sich so recht eigentlich die Mängel heraus, die das offizielle und private jüdische Leben aufzuweisen hat. Je häufiger man in den Kreisen verkehrt, die den Wirkungsbereich des Vereins darstellen, um so vertrauter wird man mit den Verhältnissen. Bei den 125 Amtsreisen, die das Berichtsjahr aufzuweisen hat, war häufig genug Gelegenheit geboten, einen tiefen Einblick in die Verhältnisse zu tun. Wenn wir unentwegt es als eine der hervorragendsten Aufgaben erkennen, die wir zu lösen haben, rituelle Bäder zu errichten, so leitet uns dabei ein hoher ethischer Gesichtspunkt. Ein Geschlecht ist von dem Geiste geleitet, der seine Mütter beseelte. Es ist geradezu undenkbar, daß in der Gesamtheit des jüdischen Volkes der Geist des Judentums rein und rege bleibe, das jüdische Empfinden wach und lebendig, wenn der gewaltige ethische Borsprung, den der alte Zniussinn des Judentums, der Keuschheitssinn seiner Familien dem jüdischen Volke gab, allmählich verschwindet. Und er muß verschwinden, ja er ist bereits dort nicht mehr vorhanden, wo der starke Garant seiner siegreichen Gegenwart, das jüdische Reinheitsgesetz, keine Geltung mehr hat. Das mächtige Ringen nach seelischer Freiheit nach Tagen und Wochen physischer Schwäche und drückendem körperlichem Unbehagen, das kraftvolle Streben nach dem Reich der Gedankenwelt, nach Erfassung des geistigen Berufes aus den Schmerzen der physischen Natur heraus kennzeichnet den Ideenflug des jüdischen Menschen. Der Flügelschlag der sich mit Macht erhebenden Seele .muß die Mutter erfassen, wenn anders das künftige Geschlecht nicht in den Pfuhl des Materialismus versinken soll, aus dem die Erhebung zum Ideal des jüdischen Geistes immer schwerer und schwerer wird. Ist die Gedankenrichtung des Menschen nicht buchstäblich „vom Mutterschoße an gebildet", dann bleibt viel Arbeit der Erziehung eine Kraftverschwendung. So wird in gewissem Sinne die Wahrheit Geltung, haben, daß die Erziehung der Kinder bei den Erwachsenen beginnt. In der Tat, wir müssen gestehen, daß, wo Ritualbäder eröffnet sind, sie auch benutzt werden. Wiederum ein schöner Beweis für die Unverdorbenheit der jüdischen Volksseele. Das Volk will die Tauroh. Es fühlt, sie ist sein Lebenselement. An den geistigen Führern liegt es, dem Volk zu geben, was des Volkes ist. Es möge nur sein Recht _ 30, Februar 1908. verlangen, und jede solche Forderung wird mäch- Ligen Wiederhall erwecken in der Brust jedes jüdisch empfindenden Juden, jedes gerechtdenkenden Menschen. - Verlassen wir das Haus, das eine Element zur Heranbildung unserer Jugend und gehen zum andern Bitdungselement, der Schule, über. Auch hier beginnt die Erziehung unserer Jugend zu Juden — nicht bei den Kindern. Die Fortbildungskurse, die wir für die Lehrer in den Disziplinen der Religionsquellen eingerichtet haben, erfreuen sich einer stetigen Zunahme. Mit Eifer setzen sich die naturgemäß jüngeren Herren, die erst wenige Jahre in ihr schweres und überaus verantwortungsvolles Amt eingetreten sind — nur um solche handelt es sich — an das Studium des vielseitigen biblischen und talmudischen Stoffes. Wie jedem ernsten Jehudi ist es selbstredend auch dem Lehrer eine geistige Erholung aus dem frischen Born des sprudelnden Taurohquells zu schöpfen. Die Jahre ihres offiziellen Studiums waren doch hauptsächlich nur der Sammlung von Stoff gewidmet und leider ist mancherorts ihnen dieser Stoff auch quantitativ recht kärglich gereicht worden. Nun aber sollen sie hinaustreten in das Leben, sollen junge Menschensprossen zu treuen Söhnen ihres Volkes, überzeugten Trägern ihres Judentums, begeisterten Kämpfern für die jüdischen Menschheitsideale bilden. Ta bedarf es erst der Vertiefung in den Stoff, da muß ihnen erst eine Ahnung von der Erhabenheit der Ideen der Tauroh aufgehen, da müssen sie erst Verständnis gewinnen für den Ernst des in der Tauroh liegenden Lebensinhaltes. Sie können das Feuer des Gesetzes auf dem Altar, an den sie als Priester gestellt sind, nicht erhalten, wenn sie sich den Sinn dieses Feuergesetzes nicht deuten können, wenn das Rätsel ihrer Volksgeschichte ihnen nie gelöst, das Geheimnis der Ewigkeit der Tauroh nie gezeigt wurde. Wenn in den für Ideale noch entpfänglichen Jahren dem Durst nach Wahrheit nicht Rechnung getragen, wenn, um die Wahrheit zu suchen, ihnen gar oft die Brille der Lüge gereicht ward und sie eine Zerrgestalt des Judentums erblickten, eine sezierte Leiche statt eines gesunden, lebendig pulsierenden Lebens Organismus: dann ist es wahrlich nicht der so herangebildeten Lehrer Schuld, wenn sie die bare Münze des Judentums manchmal leider verwechselten mit einer Spielmarke, um damit zu setzen auf äußeres Glück, materielle Vorteile und Ansehen und Ehre. Da sollen sie dann an die Quellen geführt werden, objektiv den großen Kulturträger, die Tauroh, kennen und würdigen zu lernen, um im stände zu sein, für sie zu werben und zu wirken, sie zu lernen und zu lehren mit dem ganzen Ernst, den ihr Beruf von ihnen fordert, mit der ganzen Kraft, über die sie verfügen, mit dem freudigen Opfermut, mit den: die Tauroh die rüstet, die „recht mit ihr wandeln!" Tann werden die Saaten echt jüdischer Gesinnung auch in die Herzen der Jugend wieder eingestreut werden können, und im Brennpunkt alles Denkens und Handelns wird aufs neue die göttliche Lehre stehen. Im Hinblick auf dieses Ziel erklären sich die Motive, aus denen heraus ich in den verschiedensten Bezirken unserer Provinz die Vertreter der Lehrerschaft und der Gemeinden versammelte, um ihnen die Stellungnahme zum neuen Volksschulunterhaltungsgesetz, das mit dem 1. April in Kraft treten soll, zu empfehlen, welche der jüdische Standpunkt vorschreibt, eine Stellungnahme, die dadurch gegeben ist, daß alle anderen Fragen persönlicher und sachlicher Natur hintanzusetzen sind, wenn es die Förderung von ntn'i min gilt, wenn es sich darum handelt, für die Schule einen einheitlichen Geist jüdischer Lebensanschauung zu schaffen, von dem aus die Beantwortung aller Lebensfragen sich von selbst im Sinne der Tauroh ergiebt. Wir werden fortfahren im Nahmen der Aufgaben unseres Vereins sachlich aufklärend zu wirken. Bei den Besprechungen über das Schulunterhaltungsgesetz stellte es sich an allen Orten heraus, daß wir nicht allein standen mit unserer Ansicht, daß vielmehr auch von sonst neoürger Seite aus die Zustimmung uns nicht versagt werden konnte. Wir sind überzeugt, daß überall,