Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1908)
- Date
- 1908-02-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449307--64239-2506820- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4. Jahrgang M 2. üdtöcber Volkefrcund Msliatt-oeilage rum „Israelit TmitwortKdK Redaktion» Rabbiner Dr. B. ulolf in Köln. Bericht über die vierte Beneralversammlang des Vereins für die ivdischen Interessen Rheinlands. orc c 30. Schewat 5668 ~,.r AbS-h°lt°n am *“ ßoln- Die diesjährige Generalversammlung konnte einen erfreulichen Bericht seitens des Vorstandes entgegennehmen und sehr zufriedenstellende Resultate oer Tätigkeit des Vereins verzeichnen. In Abwesenheit des Vorsitzenden eröffnete der stellvertretende Vorsitzende, Herr Stadtverordneter I. B. Jonas-M.'Gladbach, die Versammlung mit einer Begrüßungsrede, die ungefähr folgenden Wortlaut hatte: Meine Herren! Ich eröffne die vierte Generalversammlung des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands in Vertretung des ortsabwesenden Vorsitzenden, der auf einer Reise begriffen ist. Ich heiße Sie alle herzlich willkommen. Besonders gilt meine Begrüßung dem Vertreter unseres Bruderverbandes, des Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in der Provinz Westfalen, Herrn Rabbiner Dr. Marx aus Recklinghausen. Er will mit seinem Erscheinen. die engen Beziehungen zum Ausdruck bringen, die zwischen uns und unseren Zielen bestehen, und ich danke dem Herrn Rabbiner dafür, daß er hierhergekommen ist, um an unseren Beratungen teilzunehmen. Meine Herrn! Die Mitgliederzahl des Vereins hat sich auch im verflossenen Jahre auf ihrer Höhe erhalten und wir haben den Anschluß einer ganzen Anzahl von Gemeinden zu verzeichnen. In ideeller Beziehung ist der Beitritt der Gemeinden, durch die das Arbeitsfeld unseres Vereins immer mehr vergrößert wird, natürlich erfreulicher, als der Zuwachs zur Mitgliederzahl, durch welche uns nur ein materieller — allerdings für unsere Leistungskraft unentbehrlicher — Vorteil wird. Die Ziele unserer Arbeit sind naturgemäß dieselben geblieben. Wir haben weiter unser Augenmerk auf die Förderung des Religionsunterrichtes, der Schechitah und Mikwoh gerichtet. Neue Subventionen gesellten sich zu den seitherigen, durch die wir Religionsunterricht an mehreren Orten ermöglichten. Zu einem fruchtbaren Religionsunterricht bedarf es begeisterter, von der Sache des wahren Judentums durchdrungener Lehrer, die mit Ueberzeugung und Feuer an das verantwortungsvolle Amt als Jugendbildner herantreten. Wir haben die bereits im vorigen Berichtsjahre eingerichteten Lehrerkurse fortgesetzt und sie erfreuen sich stets regerer Anteilnahme in den Lehrerkreisen. Wir sind den Leitern der Kurse, Herrn Rabbiner Buttenwieser in Sttaßburg und Herrn Rabbiner Dr. Auerbach in Cöln zu innigem Danke verpflichtet. Beide Herren walten in selbstloser Weise ihres Amtes. Mit der Schule aber muß das Haus Hand in Hand gehen, um das Werk zu krönen. Auch die Erwachsenen müssen das wahre Judentum kennen lernen. Die Vorträge, die wir jeden Sonntag und Feiertag in den Gemeinden der Rheinprovinz halten Ließen, wurden fortgesetzt. Erfreulicherweise kann ich Ihnen heute die Mitteilung machen, daß zehn Herren sich freiwillig und uneigennützig erboten haben, Vorträge über religiöse und jüdischwissenschaftliche Themen in den Gemeinden der Rheinprovinz zu halten. Mögen die Gemeinden, denen daraus keinerlei Kosten erwachsen sollen, recht häufig von unserem Anerbieten, ihnen Redner zu schicken, Gebrauch machen. Der Tätigkeit der Herren wünschen wir besten Erfolg. Wir wissen, daß ein solcher ihnen der schönste Dank ist, den wir ihnen entbieten können. Auch unser Vereinsorgan, „Jüdischer Volkssreund", das gratis allen Mitgliedern unseres Vereins nnd unseres Schwestervereins in Westfalen, sowie allen Lesern des „Israelit" zugeht, bietet anregende und angenehme Lektüre. Den anonymen Mitarbeitern an diesem Blatt sagen wir herzlichsten Dank und bitten um weiteres Wohlwollen. Auch dieses unser Vereinsorgan dankt den uneigennützigen Freunden unserer heiligen Sache, der heiligen Sache des wahren Judentums, sein begeistertes Wirken. Wir haben unseren Dank auch Herrn Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrcze auszusprechen, der uns zehn Freiexemplare seines Werkes „Das Wesen des prophetischen Judentums" zur Verteilung zur Verfügung gestellt. Diese edle Spende erweckt hoffentlich bei den Herren Autoren Nacheiferung. Zur Einrichtung einer guten Schechitah an genilletaxt. einer von vielen. Eine Skizze. (Schluß.) Der Rebbe' hatte sich durch den Schreck eine schwere Krankheit geholt,* als wir über die deutsche Grenze in Sicherheit waren, brach er zusammen. Im Krankenhause in Königsberg ist er gestorben. Gott hat es gut mit ihm gemeint. Er hat ihn vor Schlimmerem bewahrt." Der unglückliche Mann seufzte auf, er war nicht imstande weiter zu reden. Die Aussprache schien ihm aber Bedürfnis zu sein und nach einer Weile fuhr er fort: „Nun kamen aber bald schlimmere Tagedas Bischen, was wir von unserem Vermögen gerettet hatten, war fast zu Ende. Ich klopfte überall um eine Anstellung an, wurde aber immer abgewiesen. . „Einen Russen können wir nicht gebrauchen", lautete die Antwort, „wenden Sie sich an die Vereine." Ja, die Vereine! Sie konnten ja auch nicht helfen, all' die Summen, die durch ihre Hände flössen, waren ein Nichts dem großen Elend gegenüber, und dann schickten sie ja fast alles nach Rußland. Betteln wollte ich auch nicht, nur Arbeit, nur die Möglichkeit mein Weib zu ernähren." „Für Sie Hab' ich nichts, aber für Ihre Frau fmdetsich eher etwaskann sie waschen, bügeln, putzen?" Mirjam, die Tochter des großen Talmud Chacham, sollte sich hinftellen und für andere tun, was ihr zuhause eine Magd besorgt hat." „Erlauben Sie mal", unterbrach ich den Sprecher, „arbeiten ist doch keine Schande." „Nein, hier in Deutschland vielleicht nicht, aber bei uns daheim. Ihr Vater hätte im Gan Eden keine Ruhe, wenn ich mein Versprechen sie zu hüten wie meinen Augapfel so schlecht gehalten hätte. Nebich, sie hat's noch bitter bereuen müssen. Wir zogen dann nach Berlin, da waren viele Russen - unser letztes Geld gebrauchten wir, um einen kleinen Handel mit alten Kleidern anzusangen. Gott stand uns bei, es wurde verdient, was wir nötig hatten, Mirjam hals mir. Da kam von der Polizei ein Ausweisungsbefehl. Wem hatten wir was getan? Was half's, daß ich zur Polizei ging? Lästige Ausländer werden ausgewiesen. Nun also weiter, es ging uns elender als je. Unser Vermögen war aufgezehrt, wir waren auf das Mitleid der Jehudim angewiesen. Es ist wahr, meist wurde ja gegeben, aber hart, hart ist das Bitten für den, der von Jugend aus gewohnt ist zu geben. Ost dachte ich, wie wir manchmal früher selbst einen Armen nicht etwa abgewiefen, Gott behüte, aber ihm doch nicht mit freundlicher Mene gegeben haben, wie er uns lästig war. Arbeit in meiner früheren Branche fand ich nicht. Kurze Zeit war ich in einem jüdischen Metallgeschäst angestellt, aber ich konnte die ungewohnte schwere Arbeit nicht leisten, und noch weniger fand sich Mirjam zurecht. Wohlwollende Frauen wollten ihr Nebenverdienst zuwenden. „Kommen Sie zu mir, zum Waschen, zum Putzen!" Sie meinten es gut, aber wer solche Beschäftigung nicht gewöhnt ist, kann sie schwer ertragen. Mirjam hatte gerade genug mit ihrem Haushalte zu tun. Da ließ auch das Interesse der freundlichen Damen nach. „Ja, ja, die russischen Frauen wollen eben nichts tun." Gott soll jeden hüten, so von der Höhe zu stürzen, wie meine arme Mirjamob die feinen Damen dann wohl arbeiten könnten? — Ich war der Arbeit auch nicht mehr gewachsen, also zogen wir weiter. In einer Großstadt findet sich eher Patnosoh. So kamen wir hierher. Durch Vermittlung eines edlen Mannes erhielten wir einen Hausierschein. Das war die einzige Möglichkeit für uns, das Leben zu fristen, zu einer Zeit, da Mirjam der größten Schonung bedurft hättesie erwartete ja ihr erstes Kind. Da schleppte sie sich treppauf, treppab mit ihrem schweren Kasten, wie oft sie vor Erschöpfung zusammenbrach, sagte sie mir nicht, aber ihr Gesicht wurde von Tag zu Tag blasser, obwohl sie mir immer lächelnd zureden wollte, wenn ich von meinen Märschen auf's Lomy abends erschöpft heimkehrte. Je näher ihre schwere Stunde kam, umsomehr bemühte sie sich, munter zu sein, sie schien