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Der Israelit · 1908-02-20 · Heft 8 (20.2.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 8 (20.2.1908)
Date
1908-02-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 8 des „Fsraeli^. Feuilleton. ver kvlrel. Erzählung von Friedrich Rott. s? (Fortsetzung.) Die Augen fielen ihm zu, ein halblautes Aechzen entrang sich seiner Brust, bewußtlos brach er zusammen. Schröder hielt ihn fest in seinen Armen, Gotthold war von dem Sanitätsrat zurückgedrängt worden, der sich um den Ohnmächtigen bemühte. „Sie waren bei meiner Tochter?" fragte Schröder. „Um die brauchen Sie nicht zu sorgen", versetzte der Arzt. „Aber das Kind, — das arme, arme Kind!" — „Herr! — es ist doch keine Gefahr?" Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. „Mit Bestimmtheit läßt sich das im Augenblick nicht sagen, aber — leicht scheint der Fall nicht zu sein. Wir müssen sofort nach Hause fahren, das Kind muß ins Bett und ich werde für eine geeignete Pflegerin sorgen." „Sie kommen mit, Herr Schröder?" „Gewiß. Ich weiß, daß ich dem teueren Verblichenen mehr Liebe erweise, wenn ich bei seinem Kinde bleibe, als wenn ich hier noch an seinem Grabe verweile." Hilfreiche Arme waren sofort zur Stelle, den noch immer bewußtlosen Knaben zu einem Wagen zu tragen, sie legten ihn vorsichtig auf den Rücksitz, die beiden Herren setzten sich ihm gegenüber und der Wagen rollte davon. Schröder fuhr sich beständig mit dem Tuche über die Augen, sie füllten sich immer wieder mit Tränen. Auch der Sanitätsrat atmete schwer auf. „Der arme Junge hat viel verloren, unersetzlich viel! —" „Unersetzlich viel!" wiederholte Schröder, schwer seufzend, „welche Fülle von Tugenden > da heute eingesargt worden ist, das weiß keiner so wie ich. Die Redner haben ja gut gesprochen, haben viel Schönes von ihm gesagt, aber noch lange nicht genug. — Selbstverständlich, sie haben ihn ja gar nicht genau gekannt —, ich glaube, sein eigener Vater hat ihn nicht so genau gekannt, wie ich ihn gekannt habe. - Von dieser Güte, dieser Sanftmut, dieser Gewissenhaftigkeit macht man sich gar keinen Begriff. Ich könnte Ihnen Dinge von ihm erzählen, daß Ihnen die Augen übergehen und wiederum anderes, worüber Sie im ersten Augenblick hell auflachen würden, wenn Sie sich's dann aber genauer überlegen würden, mochten Sie ihm die Hände drücken und ihm sagen: Sie haben doch Recht, Sie sind besser als ich." Der Sanitätsrat blickte staunend auf den mächtig Erregten. „Ich habe den Verstorbenen als Ehrenmann gekannt, wenn man aber Sie hört, müßte man glauben, daß er noch weit mehr gewesen ist." „Er ist auch weit mehr gewesen, als.das, was man gewöhnlich unter der Bezeichnung „Ehrenmann" versteht, er war ganz entschieden ein seltener Mensch. — Meine arme, arme Tochter! — wie wird sie seinen Verlust überstehen?" Ein nicht sehr achtungsvoller Zug machte sich in dem intelligenten Angesicht des langjährigen Hausarztes der Familie Gotthold geltend. „Ich glaube, in dieser Beziehung machen Sie sich überflüssige Sorgen, die gnädige Frau hat eine elastische Natur." Schröder öffnete die Lippen, als wolle er sprechen, doch er schloß sie wieder, ohne auch nur einen Laut erwidert zu haben. Er neigte sich über den Knaben, der jetzt gleichfalls die Lippen bewegte. „Was sagt er?" fragte der andere. „Papa! — Papa! — lieber Papa! —" erwiderte Schröder. Beide Herren atmeten schwer auf und legten den Rest des Weges schweigend zurück. Sie hatten die bisherige Wohnung des Verstorbenen erreicht. Der Sanitätsrat stieg zuerst aus. „Können Sie mir das Kind herunterreichen?" „Gewiß", versetzte Schröder, und vorsichtig hob er den Knaben und ließ ihn in die ihm entgegengestreckten Arme des Untenstehenden hinuntergleiten. Dann verließ auch er den Wagen und eilte voraus die Stiegen aufwärts, der Arzt mit dem Knaben auf seinen Armen folgte. Schröder drückte an den Schellenknopf, die Haushälterin, die treue Marie, öffnete die Wohnungslür. Als sie den Sanitätsrat erblickte, schrie sie laut auf: „O Himmel, was ist Edwin geschehen?" , Das Kind ist erkrankt, erwiderte der Arzt, „machen Sie rasch sein Bett zurecht und helfen Sie, ihn entkleiden. Ich werde baldmöglichst eine Pflegerin herfchicken, bis dieselbe eintrifft, müssen Sie an seinem Bette bleiben, er darf keine Minute unbeaufsichtigt sein, denn er hat starkes Fieber." „Das ist ja kein Wunder", entgegnete die Haushälterin, deren vom Weinen gerötete Augen sich von neuem mit Tränen füllten, „aber der Herr Sanitätsrat können unbesorgt sein, bis eine Schwester da sein wird, weiche ich nicht von der Stelle." „Schön, schön, ich verlasse mich ganz aus Sie. Wenn er zu trinken verlangt, geben Sie ihm Wasser, soviel er will, und Eisumschläge auf den Kopf, alle fünf Minuten einen ftischen. Es ist doch Eis im Hause?" „Gewiß, im Eisschrank ist Eis. Aber, wenn das Kind nicht allein bleiben soll, möchte ich den gnädigen Herrn ersuchen, etliche Minuten hier zu bleiben, daß ich Tücher herbeischaffe und Eis." „Ich werde solange bei ihm bleiben", sagte Schröder, „bringen Sie nur zuerst das Kind in's Bett." Der Sanitätsrat hatte sich entferirt mit der Versicherung, vor dem Abend nochmals sich nach dem Kranken umsehen zu wollen, die Haushälterin hatte alles erforderliche herbeigeschafft und wechselte unablässig die auf dem Eise gekühlten Tücher. Erst als sich Schröder überzeugt hatte, daß die Anordnungen des Arztes pünÜlich befolgt wurden, begab er sich hinüber in das Zimmer, in dem der Heimgegangene seinen letzten Atemzug gehaucht, und in dem die Leidtragenden gewöhnlich die ersten sieben Trauertage verbringen. In neuer elegantester Trauertoilette wandelte die Witwe händeringend im Zimmer aus und nieder, ihre Schwiegermutter, Frau Doktor Beer, und noch einige befreundete Damen bemühten sich, tröstende ruhige Worte an sie zu richten, die sie jedoch meistenteils nur mit verzweiflungsvollen Geberden 'erwiderte. Als ihr Vater in das Zimmer trat, eilte sie ihm entgegen und warf sich laut schluchzend an seine Brust. „Papa! o Papa! was fange ich an?" — ich kann nicht leben ohne meinen Theo —" „Liebes gutes Kind, du mußt vernünftig sein, was du nicht kannst, das mußt du lernen. Keine Macht der Erde kann dir deinen herrlichen Mann zurückgeben, darum mußt du dich drein finden. Was soll man tan?" „Mer ich kann mich nicht drein finden und wilsis nicht! — hilf mir, Pasta, hilf mir!" und abermals rang sie die'Hände und rannte hin und her, und wie ein mächtiges Reptil schlängelte sich ihre lange Schleppe hinter ihr drein. „Sei vernünftig!" bat ihr Vater, „denke doch an dein Kind, an den lieben prächtigen Edwin." Sie zuckte die Achseln. „Edwin kann mir nicht helfen, er kann mir meinen über alles geliebten Gatten nicht ersetzen." „Aber du mutzt ihm helfen, mußt für seine Pflege sorgen, denn er ist krank, sehr krank." „Ich bin auch krank", rief sie händeringend und von neuem in Tränen ausbrechend, „ich bin sehr, sehr krank. O! o! was fange ich an!" „Reden Sie im Ernst, Herr Schröder?" fragte Irma, rasch hinzutretend, „ist Edwin in Wirklichkeit erkrankt?" „Leider, leider, wir haben ihn bereits zu Bett gebracht und der Sanitätsrat hat versprochen, eine Pflegerin herzuschicken, inzwischen macht ihm die Haushälterin Eisumschläge." „Armes, armes- Kind! Ich gehe zu ihm und werde darauf sehen, daß alles erforderliche geschieht." „Tun Sie das, liebe Frau Gotthold, Sie werden mich dadurch zu größtem Dank verpflichten, denn Sie sehen, meine arme Tochter ist allzuschwer getroffen, sie hat gegenwärtig für nichts anderes Sinn, nicht einmal für ihr Kind." „Seien Sie unbesorgt, Herr Schröder, Edwin ist mir nicht weniger ans Herz gewachsen, als Ihnen, ich werde dafür sorgen, daß nichts versäumt wird." Sie wollte sich eiligst enffernen, poch in der Tür trat ihr ihr Mann entgegen begleitet vop mehreren Freunden, die eben zurückkamen von dem Begräbnis. „Wohin gehst du?" fragte er, als sie rasch an ihm vorüber wollte. „Zu Edwin, das arme Kind ist sehr krank, ich muß nach ihm sehen." Ein Seufzer, es war beinahe ein Aechzen entrang sich seiner Brust. „Gewiß mußt du nach ihm sehen, das ist doch das einzige —" Die Stimme versagte ihm, seine Lippen bebten. Als er weiter in das Zimmer trat, eilte seine Schwiegertochter ihm entgegen und warf sich laut schluchzend an seine Brust. „Papa! o Papa! was fange ich an? hilf mir! ich kann's nicht ertragen! — Du allein kannst mir helfen, denn du allein kannst meinen Schmerz begreifen, du hast ihn doch auch verloren!" Gotthold wollte einige beschwichtigende Worte erwidern, aber die Sprache versagte ihm, Tränen entstürzten seinen Augen. Er streichelte der jungen Frau die tränenüberflüteten Wangen dann setzte er sich aus einen Schemel. Gleich darauf setzte sich Malwine neben ihn und lehnte den Kvjff gegen seine Schulter. „Wir gehören zusammen", sagte sie schluchzend, „wir haben das uns Teuerste verloren." Er schien nicht angenehm berührtdurch diese allzugroße Vertrautheit, doch wollte er sie nicht durch ein Zurückziehen verletzen verletzen. „Willst du dich nicht nach deinem lieben Jungen umsehen, er soll sehr leiden?" Sie. schüttelte energisch den Kopf und entgegnete weinend: „Gott soll ihm helfen, ich kann nitchs für ihn tun, wenn man in Verzweiflung ist, kann man sich um nichts und um Niemanden kümmern." Er erwiderte nichts und auch die anderen, die im Zimmer waren, schwiegen. Vielleicht vierzehn oder fünfzehn Personen waren anwesend, doch man vernahm kein lautes Wort. Endlich sah Schröder auf die Uhr, dann -trat er zu den Trauernden und drückte dem Vater des' Verstorbenen die Hand, mit einer Kraft, als wolle er dieselbe zermalmen.

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