Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1908)
- Date
- 1908-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Me 6 Nr. 8. Der A-raelu 20. Februar IS. 8 im voichergehenden Jahre die Tätigkeit des Vorstandes überwiegend auf die äußere Kräftigung der Religionsgesellschaft gerichtet war, galt die Arbeit des letzten Jahres in erster Reihe der Vervollkommnung der Institutionen der Gemeinde. — Es ist hier vor allem die Durchführung des neuen Lehrplanes in der Religionsschule zu erwähnen. Wenn der Erfolg als Gradmesser für die Qualität des Planes gelten darf, so können die Väter desselben stolz darauf sein. Die Schülerrahl ist auf 12 gestiegen. Die Prüfungen, die die beiden zu Schulinspicienten bestellten Herren Em. Kaufmann und Paul M. Aron Vornahmen, fielen fast durchweg zufriedenstellend aus. Dem Lehrer, Herrn I. Sulzbacher, der den Unterricht mit großer Umsicht leitet, sei auch an dieser Stelle der Dank ausgesprochen. Auf Antrag eines Mitgliedes wurde beschlossen dafür zu sorgen, daß eine die Bedeutung der wichtigen Mikwo- Jnstitution klarlegende Abhandlung verfaßt und an die Mitglieder und sonstigen Interessenten versendet werde. Es ist eine sehr bedauerliche Tatsache von außerordentlicher Tragweite, daß es in Württemberg nur eine geringe Anzahl durchaus zuverlässiger, auf dem Boden des überlieferten Judentums stehender Schochtim und Religionslehrer giebt. Dieser Mangel hatte sich für uns in letzter Zeit verschiedene Male fühlbar gemacht, als der Schochet und Religionslehrer der Religionsgesellschaft verhindert war seine Funktionen auszuüben. Es wurde ein Antrag eingebracht, den Vorstand zu verpflichten, daß er in solchen Fällen für einen Ersatzmann sorge. — Es ist dies eine überaus schwierige Angelegenheit, da es für die Religionsgescllschaft natürlich in absehbarer Zeit nicht möglich ist, einen zweiten Schochet zu engagieren. — Hoffentlich gelingt es der Commision, welcher dieser Antrag, sowie die Erweiterung der Synagoge zur Bearbeitung übergeben wurde, einen Ausweg zu finden. — Der Vorsitzende gedachte schließlich der hochherzigen Spenden ftüherer Mitglieder der nVnP, die ihr Interesse an dem Gedeihen der aufstrebenden Gemeinde durch alljährliche größere Geldzuwendungen bezeugen. — Der Besuch der beiden Schiurim, die eingerichtet sind, war ein befriedigender. Im Gemora-Schiur wurde Traktae Makkoth mit Raschi und Tosafoth gelernt, während im sogen, populären Schiur Dinim in ansprechender Form vorgetragen wurden. — Der Caffenbestand konnte trotz erhöhter Ausgaben als ein besonders guter bezeichnet werden. Möge die Religionsgesellschast auch weiterhin. in dem Maße voran schreiten, wie es ihr in den letzten Jahren beschieden war. Wir sind überzeugt, daß namentlich die älteren Mitglieder nicht ermangeln werden, auch in pekuniärer Beziehung den Bestand der n^np so zu befestigen, daß sie mit Vertrauen in die Zukunft blicken kann. Basel, 19. Febr. Die außerordentliche General-Versammlung am 16. Februar nahm einstimmig die Anträge des Vorstandes betreffend den Bau eines Gemeinde-Hauses an. Auf dem großen Areal ist auch der Bau eines allen Aufforderungen entsprechenden Mikwe vorgesehn. Das bisherige Gemeindehaus soll niedergerissen und der Haupteingang zur Synagoge in den Synagogenhof verlegt werden. Die Baukosten betragen frs. 160000, welche dem von unserm Gemeinde-Präsidenten, Herrn I. Dreyfus-Brodsky gestifteten Fond entnommen werden. Die von der Gemeinde aufzunehmende Hypothekenschuld beläuft sich auf frs. 200000. Ungarn. Ein britischer Tao* (Bon unserem Korrespondenten). Budapest, 14. Februar. Als ein kritischer Tag erster Ordnung, in seinen Folgen bedeutungsvoll für die gesamte Judenheit Ungarns, kann der veiwichene Dienstag, der 11. dieses Monats, gelten. Sowohl die Distriktspräsidenten, als nominelle Führer der neologen Judenschaft, als auch die orthodoxe Landes-Repräsentanz haben an diesem Tag außerordentliche Versammlungen abgehalten. Den tauptgegenstand der Tagung bildete in beiden örperschaften der bekannte und in diesen Blättern schon ausführlich besprochene Ministeriaterlaß betr. die eventuelle Einberufung eines zweiten einheitlichen Kongresses. Die Angelegenheit ist wichtig genug, um dem bereits veröffentlichten telegraphischen Bericht ein eingehenderes Referat folgen zu lassen. Wir beginnen mit der Neologen-Versammlung, die mit großem Gepolter in Scene gesetzt ward. Die Beratungen selbst haben hinter geschlossenen Türen stattgefunden, und es wird über das Ergebnis derselben vorläufig strenges Geheimnis gewahrt. Aber von der Aufwartung beim Kultusminister haben die politischen Tagesblätter spaltenlange Berichte gebracht. Was wollten die Herren jetzt beim Minister'? Was wollten sie mit dieser Huldigungs-Audienz bezwecken? Sie erschienen jetzt noch nicht mit einem fertigen Elaborat, um den Minister zu belehren, wie der einheitliche Kongreß und die Unifikation gemacht werden könnte, sondern lediglich in der Absicht, dem bishex. als reaktionär und „juden"-, weil neologenfeindlich verschrieenen Kultusches für den „ersten Schritt" zur einheitlichen Organisation Dank und Vertrauen auszusprechen. Sie, die erst neulich in öffentlichen Zeitungsartikeln den Orthodoxen vorgeworfen, daß sie kein politisches Selbstgefühl hätten und vor jeder Regierung den Rücken beugten,- sie, die jüdischen Notabeln, die geaichten Patrioten, die Titel- und Würdenjäger, benutzten den ersten Vorwand, um der angeblich „klerikalen" Kultusregiernng ihr „Vertrauen" zu votieren. Ein bemerkenswertes Moment sei vor allem hervorgehoben. Es ist vielleicht der erste Fall, daß die neologen Distriktspräsidenten eine Ansprache an den Minister richteten, ohne das gcsetzestreue Judentum zu beleidigen, ohne die orthodoxen Führer als Feinde der nationalen Sprache und Kultur zu bezeichnen. Es sei auch vorderhand dahingestellt, ob die ungarische orthodoxe Judenheit diesen „Ausfall" vlos politischtaktischen Beweggründen zu verdanken habe. Es ist immerhin ein erfreuliches Moment und soll von uns auch an dieser Stelle dankend honoriert werden. Im Namen " der Deputation richtete Dr. Moritz Mezei folgende Ansprache an den Minister: „Ew. Exzellenz Herr Minister! Tie israclitisclien Distriktspräsidenten, die sick versammelt haben, nm Ew. Exzellenz in Betreff der Einberufung des israelitischen Landeskongresfes ihre Vorschläge zu machen, haben es für ihre Pflicht erachtet, vor Ew. Exzellenz zu erscheinen und vor allem ihren Dank für den Entschluß Worte zu leihen» welcher in dem an uns gerichteten Reskript Ew. Exzellenz zum Ausdruck gekommen ist und aus welchem wir vertrauensvoll zur Kenntnis nehmen, daß die Regierung des Landes nns Gelegenheit geben will, die Angelegenheiten unserer Konfession zu regeln. Die Aufgabe, die unser nunmehr harrt, erheischt ernste Erwägung, und es ist vermöge der Natur der Sache nicht möglich, d-?ß wir schon jetzt mit fertigen Vorschlägen hervortreten. Erst nach Beendigung unserer Beratungen werden wir sie in sorgfältiger Textierung Ew. Exzellenz unterbreiten. Aber wir geben nunmehr das Versprechen, daß wir mit unseren Anträgen uns bestreben werden, im Schoße unserer Konfession die friedliche Einmütigkeit wiederherzustellen und alles zu vcrnieiden, was die leider vorhandenen Gegensätze zu schärfen, ihnen Nährstoff zu geben geeignet wäre. Wir gehen weiter und übernehmen gern die Verantwortung dafür, daß die allgemeine Versammlung in der Verrichtung ihrer Arbeit nicht verhindert sei, 'eine solche Organisation seststellen, beziehungsweise unsere bestehende Organisation mit Berücksichtigung der geänderten Verhältnisse auf solche Weise ausgcstalten wird, daß darin jede in der Zwischenzeit in unserer Konfession aufgetauchte Richtung und Parteischatticrung einen Platz und Gelegenheit dazu finde, daß sie unabhängig ihre eigenen Angelegenheiten führen könne, und die Einheit der Konfession nur dort in die Erscheinung trete, wo der Rechtsstandpnnkt der ganzen Konfession zum Staate und ihr Rechtsverhältnis zu den andernt Konfessionen in Rede steht. Von unserer Seite wird die weitestgehende Friedfertigkeit vorhanden sein, und wrr hoffen, daß wir den Gnmdstein zur friedlichen Entwicklung unserer Konsission werden legen können. Unsere Konfession hat auch andere Klagen und Wünsche in Hinsicht der staatlichen Verwaltung und der Unzulänglichkeit der staatlichen Hilfe für unsere Konfession: wir wollen aber dieselbe in keine Verbindung bringen mit den hauptsächlichsten Existenzfragen, unserer Konfession und werden in diesen: Belange unsere Anträge schriftlich besonders stellen. Wir bitten Ew. Exzellenz, Ihr Wohlwollen für unsere Konfession zu bewahren." Kultus- und Unterrichtsminister Graf Albcrt A p p o n y i erwiderte auf diese Ansprache folgendes: „Geehrte Herr?»! Ter Umstand, daß der erste Schritt, den ich da unternommen habe, lange auf sich warten ließ, hat vielleicht manche aus den Gedanken gebracht, daß ich nicht die Absicht habe, mich mit der Regelung der Angelegenheiten Ler vaterländischen Judenschast zu befassen, und ich bin vielleicht auch schon Vorwürfen darüber begegnet, daß es mir i n n i ch t ganz zwei Iahrcn nicht gelungen ist, dasjenige zu regeln, was meinen Vorgängern in vierzig Jahren zu regelt: nicht gelungen i st. Ich begreife, daß die Herren sich unbehaglich f ü U t e n in der Lage, in der die jüdische Konfession sich derzeit befindet, aber nicht unbehaglicher, wie ich mich gerade dieser Konfession gegenüber fühle, da :ch in diesem Ministerium zuweilen solche Fragen zu entscheiden habe, die ich nicht verstehe und zu welchen, selbst wenn ich sie verstünde, ich keine Kompetenz in mir fühle, vermöge jener Grundsätze der Gewissensfreiheit und Glaubensfreiheit, welche die Grundlage meines Wirkens bilden. Ich habe also gerade wegen der Schwierigkeit des Problems lange darüber nachgedacht, bis ick endlich zu dem Entschluss^ gelangte, da" es das zweckmäßigste sei, wenn ich vor Allem diejenigen a n h ö r e, die in diesem Belange am meisten kompetent sind sich zu äußern, und zwar ohne Rücksicht aus jene Schatt i e r n n g e n, die im S choße der Judenschast b e st eben sieden, jedermanns MeiNUNgs* äutzcrung anhörc. Es ist mein warmer Wunsch, da" es mir, geleitet von Ihrem weisen Rate, gelinge, in unserem Vaterlande das Gebäude der Rechtsgleichheit und des . konfessionellen Friedens dadurch zu vervollständigen, daß auch die Judenschast ihre autonome Organisation erlange und daß ihr Verhältnis zu diesem Staate ans solche Grundlage gestellt werde, welche der wahren Rechtsgleichheit und Gewissensfreiheit entspricht. Daran -arbeite ich, und ick entnahm mit großer Beruhigung den Ausführungen Ihres Präsidentert, meines früheren Abgeordnetenkollegen und auch jetzt noch Freundes, daß Sie sich dafür einfetzen werden, eine solche Organisation zu schaffen, innerhalb welcher an niemandes Gewi s s e i: s s r e i h e i t ein Ab b r u ch geschehe denn gerade das ist die einzige Sache, in welche ich mich unter keiner: U m st ä n d e n schicken könnte, daß nämlich wem immer zuliebe die Gewissensfreiheit anderer, rnögen diese viele oder wenige sein., verletzt werde. Ich hoffe, daß wir, nachdem uns dieselben Prinzipien leiten, Sie, von denen ich die Initiative er-' warte, und ich, dem die schwere Aufgabe zufällt, die von Ihnen erhaltenen Ratschläge, Aufklärungen und Direktiven in Form zu bringen, auch diesen Weg zurücklegei: werden, mit mehr Erfolg, als es bisher geschehen ist. Bei mir i st in dieser Hinsicht der beste Wille vorhanden. Ich danke für Ihr freundliches Erscheinen." Von der außerordentlichen Tagung der orthodoxen Landes-Repräsentanz haben die politischen Blätter keine Notiz genommen. Das orthodoxe Preßbureau gab keinen offiziellen Bericht aus. Es wurde auch keine Abordnung an den Minister entsendet. Und doch war der ganze Verlauf dieser Versammlung eine imposante Kundgebung von dem unerschütterlichen Standpunkt des gesetzestreuen Judentums. Es sei hier ein hochinteressanter Zwischenfall registriert, über d.ssen Bedeutung wir uns ein eingehendes Referat Vorbehalten. Ein Abgesandter der Distriktöpräsidenten besuchte Herrn Adolf Frankl, dem er die Botschaft überbrachte, daß die neologe Versammlung aus ihrer Mitte, ein dreigliederige Deputation zu ihm entsenden wolle, um mit ihm eine gemeinsame Beratung abzuhalten. Die Neologie willige auch ein in eine separate orthodoxe Organisation, wenn nur vorher ein einheitliches Forum für gemeinsame Interessen geschaffen werde. Präsident Frankl erwiderte hierauf, die Höflichkeit gebiete ihm, die Herrn zu empfangen, doch müsse er um Unterlassung des Besuches, von dem er sich keinerlei Erfolg verspreche, dringend bitten. Einige Stunden später kam doch die neologe Abordnung, bestehend aus dem ehemaligen Reichstagsabgeoroneten I. Rosenberg, dem bekannten neologen Talmudgelehrten Alexander Leopold und dem Rechtsanwalt Dr. B. Weiß. Präsident Frankl, der gerade einer Kommissionssitzung präsidierte, empfing die Herrn mit gewohnter Freundlichkeit^