Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1908)
- Date
- 1908-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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äo. ftefcruatlSCii. mögen, vor allem Dank der Schulung durch die intensive Vertiefung und das Sichversenken zahlloser Generationen vor uns in den göttlich-klaren und scharfsichtigen Geist des Talmuds, erworben und angenommen haben, auch von uns beschritten und für uns wie unsere Nachfahren gangbar erhalten bleiben — das ist die Aufgabe, welche als Forderung des Tages auf dem Gebiete des Denkens an uns erhoben wird. Eiu Beispiel möge meine Absicht illustrieren. Ich wähle den Begriff der nX'Xn, der in unferm Nitualgesetze, namentlich im Bereich von mnöl hköiö eine so weitschauende und weitreichende Bedeutung gewonnen hat, daß er große Gebietstrecken fast allein beherrscht und in unsere wichtigen Lebensbetätigungen schwer und wuchtig eingreift. Er besagt, daß, wenn jemand z. B. durch irgend eine Nttvlv span belastet ist — nebenbei: ich möchte Vorschlägen ."lttvlv nicht, wie irreführend geschieht, mit „Unreinheit", sondern mit „Belastung" zu übersetzen, ein Begriff, der in unserem naturwissenschaftlich geschulten Zeitalter auch dem medizinischen Laien geläufig ist — und die vorgeschriebene Entlastung, mnto, durch Tauchbad oder Besprengung sucht, daß diese mnö unwirksam ist, wenn an irgend einer Stelle seines Körpers sich ein Fremdkörper zwischen jenen und das reinigende Medium einschiebt und die unmittelbare Berührung der beiden unterbricht. Soweit ist der Begriff leichtfaßlich und stellt an die Abstraktion des Denkens nicht eben allzu große Anforderungen. Abertras Bild ändert sich, wenn Sie die weitere ro?n hören, daß der Fremdkörper auch dann als nX'Xn gilt, wenn er sich an einer Stelle befindet, die mit dem reinigenden Medium gar nicht in Berührung zu treten braucht, daß beispielsweise ein künstliches Gebiß eine n>ren bei der nVaD ist, trotzdem der Mund während derselben nicht geöffnet zu werden und das mpü 'v die Mundhöhle gar nicht zu bespülen braucht. Es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen den Gang der Ideen, die diesem Beispiel — e nem von ungezählten anderen zu Grunde liegen, demonstrieren. Was ich erreichen wollte, ist durch das Beispiel wohl belegt: Ihnen darzutun, daß es eine Form des abstrakten Denkens gibt, die speziell jüdisch-national im besten Sinne des Wortes ist. Seien Sie überzeugt, daß alle Entdeckerfreuden an d i e nicht heranreichen können, die einen erfüllt, der derartigen Denkprozessen der Thauroh nachgegangen ist und, nicht auf ersten Anhieb, sondern nach schwerem geistigem Ringen sich endlich gestehen darf, daß die logische Schärfe, die bis auf die Restlosigkeit vorgetriebene Konsequenz in der Verfolgung eines Jdeenganges, einer rmo ihm nicht mehr fremd und verschlossen blieb, sondern hell und licht und klar wie das große Licht des Tages selbst vor ihm offen liegt. Eröffnen Sie sich einmal diesen ästhetischen Genuß, und Sie werden fortan über das Treiben der „liberalen Wissenschaft des Judentums", die gegen die „Rabulistik des talmudischen Pilpuls" nicht genug eifern zu können glaubt, sich niemals wieder erbosen: Sie werden für diese geistige Impotenz nur noch ein Lächeln übrig haben und auf eine Belehrung von vornherein verzichten, wo nicht nur die Elemente des Wissens fehlen, sondern die Denkkraft selbst geschwächt ist. Ich komme zum historischen Denken. Was ich hier als Forderung des Tages für uns anspreche, möge wiederum das Beispiel sagen. Mit rührender Regelmäßigkeit, die einen pietätvollen Zug trägt, kehrt von Zeit zu Zeit in dev jüdischen Blättern der Bericht über eine funkelnagelneue Entdeckung wieder, die irgend jemand in Salonichi oder Tlemcen — solche Entdeckungen werden nämlich immer wieder in Salonichi oder Tlemcen gemacht! — gemacht habe, wo er an der Rückwand der Synagoge den letzten Vers des '-,1", ,12?-Gebets (W3 üWa) in großen Lettern geschrieben fand. Nun das Ergo! Damit sei der Beweis erbracht, daß der Brauch, sich bei dieser Stelle des Gebets nach der Westseite umzudrehen, ein alter xrüQ nitstP sei, den lächerlich zu machen oder abzustellen — zumal er der „Würde des Gottesdienstes" — diesem Idol, dem leider auch wir allzugroße Opfer weihen — widerspricht, allgemeine Pflicht der „Berufenen" sei! Denn was geht den allgemeinen Ritus die 2'iZ)2-Wand der alten Synagoge in Salonichi oder Tlemcen an? Nun, meine verehrten Zuhörer, an sich ist diese Sache ja eben nicht allzu aufregender Art, und sie wird Ihnen vielleicht als eine Ouisquilie, die nur ihren Beruf als Lückenbüßer in stoffarmer Zeit zu erfüllen hat, nicht des Aufhebens wert erscheinen. Und doch hat sie eine überaus ernste Seite. Ich hätte das Gesicht Ranke's oder Julius Weizsäcker's sehen mögen, wenn ihnen einer ihrer Schüler das als historische Wissenschaft verzapft hätte! Es liegt doch klar auf der Hand, daß man beit Spieß bloß herumzudrehen, bloß s 0 zu argumentteren braucht: weil die Beter sich minhaggemäß nach Westen umwendeten und weil man ihnen nicht zumuten wollte, ihre schweren Gebetbütbucher so lange in der Hand zu halten, darum schrieb man den betreffenden Gebetvers so an, daß ihn jeder vor Augen hatte. Ich will nun durchaus nicht behaupten, daß meine Argumentation bewiesen ist; das aber darf ich wohl ruhig aussprechen, daß die oben beliebte Schlußreihe ein typisches Schulbeispiel für das post hoc ergo propter hoc, jenen berüchtigtsten aller logischen Fehler, liefert, und daß es nur der fahrlässigen Leichtfertigkeit, mit der man sich gewöhnt hat, die zu behandeln, zuzuschreiben ist, daß zu ihrer Kritik nicht einmal mehr die elementarsten Fähigkeiten historischen Denkens erforderlich erachtet werden. (Schluß folgt.) ' Berlin, 13. Februar. Vom „Hilfsvereiu j der Deutschen Juden" erhalten wir folgende Zuschrift: „Wir kommen heute noch einmal aus Ibr g fl. Schreiben vom 15. 13. Westen des Brandes in Radzlowo, Goud. Lomsa. zurück. Nachdem wir eingehende Rccherchn gepflogen haben, haben wir nu mehr zusammen mit dem Frankfurter Komitee für Radzlowo Dt. 1500.— zur Verfügung gestellt. Indem wir Ihnen nochmals unseren besten Dank aussprechen, daß Sie die Güte hatten, uns auf den Notstand dieser Stadt hinzuweisen, zeichnen wirmit vorzüglicher Hochachtung Hilfsverein der Deutschen Juden. Dr. B. Kahn." Außerdem hat der Hilfsverein zusammen mit dem Frankfurter Komitee für die Geschädigten der abgebrannten russischen Städte Uchan, Kalatt und Rutzki Beträge bewilligt, die mit der für Radzlowo bestimmten Summe im ganzen 4250 M. ausmachen. Berlin, 20. Februar. Nachdem sich bei der Prüfung des Herrn Rabbiner Dr. Warschauer ru Berlin gemachten Vorwurfes ergeben hat, daß der verunglückte junge Mann, um den es sich dabei handelte, nicht formell aus dem Judentum ausgetreten war und daß auch seine Eltern Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin sind, nehmen wir keinen Anstand, zu erklären, daß damit der Grund für die von unserem gelegentlichen Korrespondenten an dem Verfahren des Herrn Dr. Warschauer geübte scharfe Kritik hinfällig ist. Wir bedauern unter diesen Umständen, den Zuschriften unseres Korrespondenten Raum gegeben zu haben, deren Schärfe durch Voraussetzungen veranlaßt war, die sich nunmehr als irrig erwiesen haben. Korrespondenzen und ^Machrichten. Deirlfthes Metrtz. Berlin, 12. Februar. Die Aeltesien der Kaufmannschaft von Berlin nahmen in ihrer Sitzung vom 10. d. M. Stellung zu der seitens der Reichsregierung geplanten Neuordnung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. Nach Anhörung des Korporationsausschuffes für Handel und Industrie sowie desjenigen für das mittlere und Kleingewerbe und der Ständigen Fach-Deputationen beschlossen sie, in dem vom Polizeipräsidenten zu Berlin erforderten Gutachten einer Regelung zu widersprechen, wonach in erster Linie auch im Handelsgewerbe vollständige Sonntagsruhe eingeführt werden und nur durch Verordnung einer Gemeinde- oder eines Kommunalverbandes Ausnahmen für einige Stunden zulässig sein sollen. Die Aeltesten sind der Ansicht, daß das Bedürfnis für eine geschäftliche Tätigkeit im Handelsgewerbe wesentlich anders liege als in der Industriedie Möglichkeit einer solchen Arbeit müsse auch in Zukunft prinzipiell durch Gesetz gegeben sein und dürfe nicht von Anordnungen, die zudem jederzeit widerruflich sein sollen, abhängig sein; eine Reche von Branchen, namentlich aus dem Nahrungs- und Genußmittelgewerbe, werden im Berliner Wirtschaftsgebiet auch in Zukunft an Sonntagen auf eine vier- bis ftinfstündige Arbeitszeit nicht verzichten können, während andere Branchen mit einer dreistündigen auskommen würden. Die Aeltesten werden daher dem der Neuregelung zu Grunde gelegten Prinzip widersprechen. Berlin, 12. Februar. Man schreibt uns: Unter dem Namen „Jüdischer Handlungsgehilfen- Berband" ist am 1. Februar in Berlin eine wettere Berufsorganisation der jüdischen Handlungsgehilfen gegründet worden. Zunehmende antisemitische Strömungen innerhalb der deutschen Handlungsgehilfen-Bewegung, außerdem die besondere Notlage der jüdischen Handlungsgehilfen, machen diese Gründung zu einer dringenden Notwendigkeit. T er Verband wirkt außer durch entschiedenes Eintreten für die wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Interessen seiner Mitglieder, unter Ausschluß jeglicher Parteipolitik, durch Wohlfahrtseinrichiungen, wie Krankenkasse, Unterstützung bei Stellenlosigkeit, Stellenvermittelung, wissenschaftliche Borträge aus den verschiedensten Gebieten, sowie Pflege der Geselligkeit Meldungen sind an den I. Vorsitzenden, Herrn Hermann Rosenblnm, Berlin N., Treskowcrstr. 53 zu richten, von dem auch gerne nähere Auskunft erteilt wird. Die Jfraelififdie Religionsgefellfdiaff in Stuttgart. (Bon unserem Korrespondenten.) Stuttgart, 16. Februar. Im April vorigen Jahres konnten wir Ihnen von den erfreulichen Fortschritten erzählen, die die Israel. Religionsgesellschaft in Stuttgart gemacht hatte, und Ihnen von dem zum ersten Male im Druck erschienenen Bericht Mitteilung geben, der von diesem Aufschwung im Einzelnen einem weiteren Kreise Kunde brachte. Die Erwartungen, die wir bei dieser Gelegenheit aussprachen, haben sich im nunmehr abgelaufenen Geschäftsjahr zu unserer Freude in schönster Weise erfüllt. — Früher als sonst hat der Vorstand in diesem Jahre die Generalversammlung einberufen, und die Einzelnheiten seines Jahresberichtes verdienen auch diesmal einem größeren Publikum zugängig gemacht zu werden. Die Mitglieder^ahl ist auf 26 gestiegen, Und der Besuch der kleinen Synagoge war, namentlich an Sabbathen und Feiertagen, ein so reger, daß die Vergrößerung des BethHakneses in ernstliche Erwägung gezogen werden muß. Es umfaßt jetzt etwa 90 Männer- und Frauenplätze, die sämtlich vermietet waren, sodaß an den Jowim Nauroim eine Anzahl Reflektanten zurückgewiesen werden mußte. Währmö