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Der Israelit · 1908-02-20 · Heft 8 (20.2.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 8 (20.2.1908)
Date
1908-02-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 7 Sicherung des rituellen Charakters dieser Institutionen auf die Dauer. Auch in diesem Punkt versagt das Friedensinstrument. Den vier gesetzestreuen Mitgliedern der Kommission stehen der Regel nach vrer neologe gegenüber, und wenn auch die Bestimmung, daß das Schächtwesen „nach traditionellen Grundsätzen" zu handhaben sei, den orthodoxen Mitgliedern der Ritualkommission gewiß eine gute Rechtsgrundlage für ihre nach dieser Richtung zu äußernden Wünsche gibt, so kann doch das Gutachten des orthodoxen Bereinsrabbiners über W und 'tiDK von dem seines hohen Vorgesetzten, des neologen Ge meinderabbiners, jederzeit paralysiert werden. Dabei sollte es doch eigentlich für jeden vorurteilsfrei Denkenden nicht mehr als selbstverständlich sein, daß man die Verwaltung einer Ge^ meindeinstitution, die einzig und allein fiir g e - s e tz e s t r e u e Juden ein Gegenstand ernster Gewissenssorge sein kann, auch denen a u s s ch l i e ßl i ch anvertraut, für die sie geschaffen ist und die sie in ihrer Bedeutung zu würdigen wisset!. Auch die Anstellung der Schächtbeamten erfolgt nach Anhörung der Ritualkommission aber beileibe kann selbst diese neutrale Kommission keinen rechtsgültigen Einspruch gegen die Anstellung eines religionsgesetzlich nicht qualifizierten Beamten erheben. Rückhaltlose Anerkennung verdient dagegen die Bestimmung des Vertrags, daß die Schächter zu Dienstobliegenheiten in der Reformsynagoge nicht Hera »gezogen werden dürfen. So selb st verständlich es ist, daß ein am neologen Got-- tesdienst beteiligter Funktionär im Sinne des Religionsgesetzes keinen Anspruch mehr auf religiöses Vertrauen erheben kann, so schwer mag es den Nürnberger Führern doch gewesen sein, gerade diese erfreuliche Bestimmung durchzusetzen, durch welche der abgrundtiefe religiöse Gegensatz zwischen Reform und gesetzlichem Judentum blitzhell beleuchtet wird, und für die ihnen daher die Gesamtheit dankbar sein muß. Beim Strahle dieses Blitzlichtes sollte man nun aberweiter fragen: Wenn schon der arnre Schächter, der vielleicht um ein paar hundert Mark Jahreszuschuß die Lampen im neologen Tempel ansteckt, dadurch die Fähigkeit verliert, die religiöse Funktion des Schlichtens in einer für gejetzestreue Juden zureichenden Weise auszuüben, sollte da wirklich ein neolog^r Rabbiner, der etwas mehr als Lampenanzünder, der vielmehr die Verkörperung einer Lehre ist, die fiir die Orthodoxie die v o l l e n d e tste religiöse Unwahrheit bedeutet, sollte da ein neologer Rabbiner Sitz und Gedanken und Regungen dort ablesen kann: und gar der Osfenbacher Raf! Der war weit und breit durch feine Gelehrsamkeit und Weisheit berühmt: was er wohl von ihm hrben will! Der Rabbi öffnete selber die Tür, ließ feinen Besuch eintreten und fragte etwas schroff: „Wer seid Ihr?" „Ich bin der Salme Hosheim, dem der Rabbi durch die Kathrine Kitzler einen Brief geschickt hat, daß ich hierher kommen sott." „Ah, der seid Ihr, nun setzt Euch, ich habe ein ernstes Wort mit Euch zu reden. Ich wollte Euch warnen, man ist Eueren Händeln auf die Spur gekommen, Ihr seidt einer der größten Schmuggler der ganzen Gegend. Ist's nicht so?" „Rabbi," erwiderte Salme, „ich ein Schmuggler? In meinem ganzen Leben habe ich so etwas nicht getan." Der Angstschweis' war Salme ans die Stirn getreten, aber der Rabbi ließ nicht nach. „Wenn Ihr Euch auf's Leugnen verlegen wollt, um so schlimmer für Euch. Ich habe Euch warnen wollen, Ihr wollt aber Euer Unrecht nicht einmal eiugestehen, dann müßt Ihr schon die Folgen tragen." „Aber Rabbi, ich kanu Euch bei der heiligen Sefer Thora schwören, daß ich unschuldig bin, ich habe niemals geschmuggelt." „Also Ihr bleibt dabei. Gut. Was werdet Ihr aber sagen, wenn ich Euch Euere Chawerim (Genossen), die mit Euch zusammen arbeiten, mit Namen nennet" „Die möchte ich gern hören, Rabbi." „Es find ihr r fünf;'sie heißen: schhijoy, Droso, Chalodo, tzogromo und Ikkur."1) *} Das sind die Titel der Gesetzesbestimmungen, deren KeMtnis für jeoen Schächter unerläßlich ist. _Der JSraeltt.__ Stimme in einer für orthodoxe Juden bestimmten Ritualkommission beanspruchen können?? — — Wir kennen die Antwort auf diese Frage. Sie lautet: das bayrische Judenedikt kennt eben sowie nur eine Gemeinde auch nur einen allmächtigen „Rabbiner"! Und in der Tat: in dem Augenblick, in dem die Führer der bayrischen Orthodoxie aus Gründen, die unser Münchner Mitarbeiter wohl authentisch entwickeltt wird, sich, durch die Gemeindcdiplomaten voll der einzig gerechten Forderung des Augenblicks: „Revision des Judenc d i k t s " abdrängen ließen, in d e m Augen blick war das Spiel für die Orthodoxie verloren, und alles Ringen um die einzelnen Vertragsbestimmungen konnte um den Ausdruck des berufensten Beurteilers zu gebrauchen nur ein „schwächliches Kompromiß" zustande bringen. Zu einer Errungenschaft möchten wir die Nürnberger Gesetzestreuen jedoch beglückwünsche!!, zu der Festigkeit, mit der ihr Führer die Ausnahme des von der Gemeinde ihnen angesonnenen Knebel Paragraphen bis zum letzten Augenblick und schließlich mit Erfolg ab gcckehnt hat. Tie Gemeinde wollte bekanntlich eine Bestimmung durchsetzen, wonachdie Gesetzestreuen für alle Zukunft darauf verzichten sollten, eine Revision des Judenedikts anzustreben. Das haben die Gesetzestreuen abgelehnt und ft,' müßten aus dieser ehrlichen Ablehnung die Konsequenz ziehen, sobald sich die erste Gelegenheit dazu bietet. Diese Gelegenheit bietet sich jeden Tag. Man braucht nur die netten Ergebnisse des obligatorischen Religionsunterrichtes tu den bayrischen Großgemeinden unter die Lupe zu nehmen, der die Kinder gesetzestreuer Eltern schutzlos dem zerstörenden Einfluß eines vom Geiste der Bibelkritik und der philosophischen Skepsis gesättigten Unterrichtes preisgibt, und der die Arznei der religiösen Belehrung schon durch die Persönlichkeit des Lehrenden vielfach in Gift umwandelt. Die Führer der Münchener und Nürnberger Orthodoxie sind viel zu kluge und gesinnungstüchtigc Männer, als daß sie die wenig ehrenvolle Lage nicht empfänden, in der sich die orthodoxen Bereinigungen, trotz des relativen Erfolges, nach wie vor, ja jetzt erst recht befinden. Sie werden gewiß aus dieser Tatsache kein Hehl machen, wenn die Regierung die Wahrheit zu erforschen wünscht, und wenn cs gilt, für das ganze jüdische Bayern eine Verfassung zu erstreiten, die jeder „Richl „Ich schwöre Euch, Rabbi, bei meinem Leben und dein Leben aller, die mir nahe stehen, daß ich diese Namen heute zum ersten Male böre und daß ich keine von ihnen kenne." „Seidt Ihr auch Schachet?" „Ja" „Bon wem habt Ihr Kaobolo?" „Bon Euch, Rabbi." „Bon mir? Wir sehen uns doch heute zum ersten Male?" „Ich habe sie als Jeruscho (Erbstück, von meinem Bater und der hatte sie aus der Hand des Rabbi. Sie liegt zu Hause bei meinen Wertsachen, ich kann sie jederzeit dem Rabbi bringen, wenn's verlangt wird. Mein Bater war Jtzig Hofheim, erinnert sich der Rabbi nicht mehr an ihn?" „Gewiß erinnere ich. nach an ihn, das war rin frommer, gelernter Mann und hat auch hier seine Prüfung als Schächter abgelegt und gut bestanden. Wenn Ihr ein Sohn von Jtzig Hofheim seid, so seid mir doppelt willkommen und setzt Euch." 9hiit schlug Rabbi Abraham Metz eine ganz andere Tonart an, er hatte sich nun selbst überzeugt, daß salmc alle seine Verfehlungen wirklich in gutem Glaubecc begangen hatte. Er sprach nun mit ihm wie ein Vater mit seinem Kinde, daß man durch Erbschaft so wenig Schochet wie Arzt und Apotheker oder selbst Schuster werden könne. Er überzeugte ihn, wie er mir seiner ganzen Familie bis jetzt fortgesetzt die heiligsten Speifegesetze übertreten habe, saß alles Geschirr ihres Haushaltes nach dem Gesetz Moschehs und Israels für ihn verboten sei, daß er sich cüso nicht mehr unterstehen dürfe, je ein Tier oder Geflügel zu schlachten, und redete ihm so warm zu Herzen, daß Salnre oie Augen übergingen und er durch Handschlag versprach, alles zu hauen uckd 20. Februar 190* tung" im Judentum Gewissensfreiheit, Unabhängigkeit und Organisations fähiglkeit gewährt. Die Torderung des Tages. Vortrag, gehalten bei dem Stiftungsfeste der Bereinigung jüdischer Akademiker zu Berlin, von Dr. Eduard Biberfeld in Berlin. (Fortsetzung.) An erster Stelle nannte ich das Denken. Denn, warnte ich vorhin vor dem Uebermaß des Nachdenkens, so brauche ich wohl gerade in diesem Kreise am allerwenigsten es in satter Breite auszuführen und zu belegen, daß ein orthodoxes Judentum ohne die Beigabe des Denkens, ohne daß der nimmer rastende Menschengeist seine besten Erkenntnisse und Empfindungen in die rrrnyi min, in die Theorie und Praxis seiner Religion hineinträgt, wenig Wert und noch weniger Lebenskraft besitzt. Wie aber muß — so nur kann die Frage lauten — unser Denken geartet sein, soll anders es die Forderung des Tages dem Thaurohgeiste zu vermählen berufen sein? Nun, meine Freunoe, man hört ja heute so viel von dem nattonalen Judentumvon national-jüdischen Regungen,national-jüdischen Hoffnungen, national-jüdischen Leistungen rauscht's im jüdischen Blätterwald, und sie vor allem scheinen die Forderung des Tages. — Fürchten Sie nicht, meine Freunde, daß ich die Weihe der Stunde durch eine Polemik für oder wider herabstimmen werde,' nicht als Gegner, sondern als Freund komme ich heute, mit dem Wunsche nämlich, daß, statt all der anderen national-jüdischen Aspirationen, die umstritten und bestreitbar sind, alle diejenigen, die das an' Dtwn 'd:k als ihr Programm bekennen, alle diejenigen, die die □'Dir ntfv als Grundlage ihres Seins anerkennen und von ihr aus und zu ihr zurück all ihr Wollen und Leisten führen, daß alle diese vor allem ihr abstraktes Denken national-jüdisch auszubauen sich bestreben, und ihre Denktätigkeit von den auherjüdischen Einflüssen, die sie nur allzu sehr und allzu oft gefangen nehmen, zu befreien suchen. Jüdisch denken — nicht in dem vulgären Sinne, der dabei schon wieder das viel mißhandelte, jüdische „gute Herz" meint und Gefühlswelt mit Geoankentätigkeit verwechselt, sondern jüdisch denken in dem Sinne, daß die durch Atavismus und geistiges Erbe geschliffenen und geebneten Affociationsbahnen in unserer Hirnrinde durch unsere Schuld nicht veröden und verlegt werden, daß die Richtungsbahnen, welche unser logisches Erkenntnisverauszuführen, wie es der Rabbi befohlen habe. Der Rabbi reichte ihm dann die Hand und begleitete ihn zum Abschied bis an die Haustüre, wo er noch den Pricstcrsegen über ihn aussprach. Als Salme aber aus dem Hause treten wollte, fiel ihm plötzlich ein, woran er in der Aufregung ganz vergessen.habe, den Brief vom Parnes in Darmstadt abzugebe». Er entleoigte sich, seines Auftrags, überreichte dem Rabbi ocn Brief und erzählte ihm wie er in seine Hände gekommen sei, bestieg seinen Wagen und fuhr davon. — Dem Rabbiner war es befremdlich, was der Parnes von Darmstadt ihm gerade jetzt mitzuteilen habe, wo der dortige Rabbiner bei ihm zu Gast war, und öffnete das Schreiben noch auf dem Hausflur. Einen Blick, den er auf die wenigen Zeilen geworfen hatte, genügte, ihn erbleichen zu lassen. Die Hand zitterte, die den Brief hielt. Der Parnes von Darmstadt teilte dem Rabbiner mit, daß vergangene Nacht das Haus des Rabbiners in der kleinen Ochsengasse abgebrannt sei und die Rabbinerin mit dem ältesten Sohn in den Flammen umgekommen waren, er möge das seinem Gaste auf schonende Weise mitteilen! Wie teilt man eine solche Schreckensbotschaft in schonender Weise mit? Der Auftrag war leichter zn erteilen, als auszusühren. Und er hatte keine Zeit sich larrge zu besinnen, denn wenn er nicht sofort zu seinem Freunde in die Lernstube ging, mußte er riskieren, daß er zu ihm herauskam. Rasch steckte er den Brief in die Brusttasche. Wie ein Glück, daß der Ueberbringer vergessen hatte, ihm den Brief schon inr Zimmer zu überreichen, wo der Freund sofort das Schreckliche hätte erfahren müssen. Er unterdrückte jede Erregung und trat in die Lernstube, wo der Freund bereits über dem Talmud saß. (Fortsetzun g fÄO.)

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