Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1908)
- Date
- 1908-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449307--64224-2506805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette S. No. 8 besorgen, sondern durften mit Sicherheit darauf rechnen, daß im weiteren Verlaufe des Konfliktes die Unstimmigkeiten und Schönheitsfehler, die den derzeitigen Vereinbarungen nun einmal anhaften, beseitigt, und weitere erhebliche Zugeständnisse vor Allem auf finanziellem Gebiete — unserer Richtung geboten würden. Auch die Kampfesstimmung in unseren Reihen hatte keinerlei Einbuße, eher vielleicht einen über die ursprünglichen Intentionen der Führer hinausgehenden Zuwachs erfahren. Und neben der Begeisterung im eigenen Lager hatten uns Zustimmungserkläruntzen aus den ultraneologsten und radikalsten Kreisen der Münchener und Nürnberger Gemeinde auf das Entschiedenste nahegelegt, an dem Programm einer durchgreifenden Revision des Judenedikts unter allen Umständen festzuhaltcn und auf die rechtliche Klarstellung der einschlägigen Verhältnisse zu drängen, während andererseits Solidaritätskundgebungen der außerbayrischen Orthodoxie uns darüber beruhigt hatten, daß die gesamte deutsche Orthodoxie uns in dem Kampfe um die rechtliche Sicherstellung unserer Existenzbedingungen mit allen zu Gebote stehenden moralischen und materiellen Mitteln zu unterstützen, willens sei. Und trotz all dieser günstigen Momente, die eine Durchführung' des Kampfes unter allen Umständen zu heischen schienen, die Annahme eines schwächlichen Kompromisses auf unserer Seite,, eines Kompromisses, dessen Unzulänglichkeit am Besten dadurch illustriert wird, daß durch dasselbe theoretisch nicht einmal der Möglichkeit vörgebeugt wird, daß nicht ein zukünftiger ultraneologec Rabbiner die Vornahme einer Trauung in den orthodoxen Synagogen Münchens oder Nürnbergs für sich in Anspruch nimmt, daß weiters dem zukünftigen orthodoxen Vereinsrabbiner in Nürnberg die Befugnis zur Vornahme von Trauungen in den Familien der Orthodoxen überhaupt vorenthalten wird, und daß endlich bei den Beratungen über den Friedensfchluß alle, nicht unmittelbar mit den strittigen Fragen zusammenhängenderr Materien, vor allem die e r nsteste, wichtigste und heiligste Frage, jene des Religionsunterrichtes für unsere Jugend, ängstlich ausgeschaltet blieb. An dieser Stelle rnuß auch der auswärts vielfach verbreiteten Version entgegengetreten werden, als ob freundschaftliche persönliche Beziehungen zwischen einzelnen neologen und orthodoxen Führern oder die Rücksicht auf den auch von allen Orthodoxen hochverehrten Münchener Rabbiner die Kompromißsucht, alias den Umfall im orthodoxen Lager veranlaßt hätten. Bei aller Verehrung und Dankbarkeit gegen eine Persönlichkeit wie jene des gegenwärtigen Münchener Rabbiners, der in seiner dreizehnjährigen armleines 6« weiser Wirt. Bon JudLns. (Fortsetzung.) Während sonst Eltern ihre Kinder bei solcher Gelegenheit in einem vorteilhaften Lichte zu zeigen sich bemühen und in überschwänglicher Werse deren Vorzüge erzählen, war hier das Gegenteil der Fall. Beide Seiten lobten und verherrlichten das Kind der anderen Partei. Rabbi Kalmann sagte, er wisse, eine wie fromme, gottesfürchtige Schwiegertochter mit dieser Verbindung in sein Haus einziehe. Obwohl es zu den Vorzügen eines jüdischen Mädchens gehöre, daß die OeffentUchkeit möglichst wenig von ihm wisse, so habe er doch durch die Vermittlung seines gelehrten Fre««- des aus dem nächsten Kreis ihrer Umgebung so viel Gutes von ihr gehört, daß er den Augenblick herbeisehne, in dem er sie als sein Kind ansehen dürfe, lieber den Sohn des Rabbi, entgegnete dann Herr Oppenheimer, habe er gar nicht nötig gehabt Erkundigungen einzuziehen, da alle Welt des Lobes voll von rym sei. Die Talmide Ehachomim könnten nicht genug von seiner Kenntnis der Thora erzählen, die Geschäftsleute feierten seine Tüchtigkeit als Geschäftsmann, die Armen erzählten von seinem guten Herzen und seiner offenen, hilfsbereiten Hand, er und sedre Frau meinten, sie müßten einmal irgend etwas besonders Gutes getan haben, daß sie die Sechijo haben, einen solchen Schwiegersohn zu bekommen. Der 'euilleton. __„Israelit."__ lichen Wirksamkeit stets nach Möglichkeit bestrebt war, die gemeindlichen Institutionen ’un positiven Sinne und aus traditioneller Grundlage zu erhalten und auszubauen, waren wir uns doch jederzeit der Schwere unserer Verantwortung bewußt, die dahin ging, die zukünftige Stellung der orthodoxen Minoritäten nicht auf zwei Augen zu stellen. Wir waren uns bewußt, daß wir uns bei einem Friedensschluß nur von dem einen idealen Gesichtspunkte leiten lassen durften: minn pp onr6 für d i e Unantastbarkeit der Gotteslehre Und der Satzungen des traditionellen Judentums, von welcher dereinst vor 100 Jahren die Begründer der israelitischen Kultusgemeinde Münchens durchdrungen waren, mit Energie und Begeisterung einzutreten, diese Grundsätze u n a n g e t a st e t für unsere Nachkommen zu bewahren, und damit nicht nur eine GewissenApflicht gegen unsere Altvorderen, sondern auch ein segensreiches Werk für die zukünftige Entwickelung der Münchener und Nürnberger Gesamtgemeinde zu vollführen. Haben wir diese Gewissenspflicht erfüllt, als wir auf halbem Wege stehen blieben und darauf verzichteten, uns die völlige Bewegungsfteiheit durch ein Austrittsgesetz nach preußischem Vorbild zu erkämpfen? Auf diese berechtigte Frage soll in einem zweiten^Artikel Antwort erteilt und damit zugleich das Programm, das den bayrischen Orthodoxen für die n ä ch ft e Zukunft vorgezeichnet ist, im Einzelnen erörtert werden. (Fortsetzung folgt.) Koch«mmrsch<m. Das jüdisch-theologische Seminar für Salfeien. Wir haben vor längerer Zeit mitgeteilt, daß eine Kommission des galizischen Landtages den Plan eines jüdisch-theologischen Seminars für Galizien, das in Lernberg seinen Sitz haben solle, fertig ausgearbeitet und dem Plenum zur Beschlußfassung vorgelegt hat. Der Plan ging von angesehenen neologen Repräsentanten der Groß' gemeinden aus, die aber auch die Orthodoxen der Offenbacher Rabbiner und fein,' Frau verkündeten als ehrliche Vermittler dieser Partie das Lob der beiderseitigen Familien. Alle waren glücklich, daß die Verbindung heute über acht Tage zu Masol und zur Brocho durch die Verlobung besiegelt werden sollte, und in diesem beglückenden Bewußtsein verließ das Oppenheimsche Ehepaar gegen Abend das gastliche Haus des Offenbacher Rabbiners, um die Rückfahrt nach Hanau anzutreten. Am Abend kamen auch die Honoratioren der Offenbacher Gemeinde zur Begrüßung eines so seltenen, berühmten Gastes, wie es der greise Landesrabbiner von Darmstadt war, unv verblieben bis in später 'Nachtstunde, lieber den eigentlichen Zweck dieses Besuches wußte Niemand etwas. Als die anwesenden Vorsteher hörten, daß Rabbr Kalmann über Schabbos in Offenbach bliebe, beehrten si« ihn mit Abhaltung eines Vortrages in bet Synagoge. Der Offenbacher Rabbiner aber meinte, wenn sie schon gern einmal einen andern Gelehrten hören wollten, so sollten sie dem Sohn des Darmstädter Ras die Droscho mechabed sein, denn aus ihm spreche der Vater und Sohn zugleich. Das Angebot wurde freudig aufgegriffen, und der Vater sagte für seinen Sohn zu. Am anderen Morgen wußten es schon alle Besucher des Morgengebets, welcher-Genuß ihnen am Sabbat bevorstand, und als dann nach dem Gebet die beiden Rabbiner noch beini Frühstück saßen, kam chon der erste Vorsteher, um zu fragen, ob der Vorland nicht den Sohn brieflich davon in Kenntnis setzen solle, damit er seinen Vortrag noch vorbereiten könne. Der Vater hielt es nicht für nötig, für einen Bortrag sei sein Sohn jederzeit genügend vorbereitet. Er erwarte ihn übrigens schon Donnerstag und da wäre es noch Zeit gering. Nach beendetem Frühstück setzten sich die beiden _20. Februar 1908. Gründung geneigt machen wollten, indem sie die Aufnahme einer Bestinlmung veranlaßten, wonach außer dem neologen auch der orthodoxe Lem - berger Rabbiner einen Sitz im Kuratorium haben solle. Wir haben s. Zt. darauf aufmerksam gemacht, daß es ein Unding sei, neologe und orthodoxe Rabbiner zusammen auszubilden, weil die Prinzipien der Orthodoxie und der Neologie einander geradezu ausschließen, also nicht Grundlage eines und desselben Unterrichts sein können. Wir haben auch daraus hingewiesen, daß durch eine scheinbare Konzession an die Orthodoxie, wie sie in der projektierten Aufnahme eines orthodoxen Rabbiners in die Leitung des Seminars liegt, die Institution nur gefährlicher: gemacht, weil mit dem falschen Schein einer konservativen Tendenz umkleidet wird. Daß die rabbinischen Führer des orthodoxen Judentums in Galizien nicht für die Lehranstalt zu haben fein würden, war von vornherein klar, schon deswegen, weil diese bekanntermaßen mit Rücksicht auf die Erhaltung eines intensiven Thorastudiums keine Freunde einer seminaristischen Ausbildung der Rabbiner überhaupt sind. Inzwischen hat in den Kreisen der galizischen Orthodoxie eine energische Bewegung gegen die jüdische theologische Lehranstalt eingesetzt. Man fühlt dort ganz richtig, daß es sich um einen Plan handelt, dessen Ausführung dem gesetzestreüen Judentum einen schweren Schlag versetzen würde, weil in jener Anstalt Rabbinergeschlcchter herangebildet werden würden, die die Prinzipien der Reform über das ganze Land zu tragen bemüht wären. Hervorragende Männer haben daher einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie die gesamte gesetzestreue Judenheit des Landes zur Abwehr gegen jene Gefahr und zur Unterzeichnung einer Kundgebung gegen die beabsichtigte Gründung mahnen. Falls nun hierdurch nicht das Projekt fällt, wird wenigstens soviel erreicht werden, daß diejenigen, die festhalten wollen an dem überlieferten Judentum, klar und deutlich von der Anstalt abrücken und daß diese dadurch vor aller Welt als das charakterisiert wird, was sie bei der Mitwirkung von Neologen sein muß, als eine Brutstätte des Abfalls von unseren heiligen Gütern. Her Sriede?u Nürnberg. Wir beginnen arr anderer Stelle mit der Veröffentlichung - einer Reihe von Artikeln, in denen einer der Führer unserer bayrischen Gesinnungsgenossen, der in dem jetzt beendeten Kampf mit unermüdlicher Hingebuilg und bewundernswerter politischer Energie die Interessen der bayrischen Orthodoxie vertreten hat, seine und seiner Genossen Politik eingehend erläutert Greise zum gemeinsamen Talmudstudium nieder. Rabbi Kalman teilte eine sehr schwere Frage mit, die sein Sohn vor einigen Wochen gestellt hatte und auf die er noch keine befriedigende Anttvart hatte. Auch Rabbi Slbraham Metz war nicht in der Lage, etwas Zutreffendes zu beantworten. Als die Diskussion darüber eben so recht Im Fluß war, ttat die Rabbinerinl ein und berichtete, sie habe aus denr Markte eine Bäuerin ans dem Dorfe gesunden, in dem Rabbi Kalman den Schabbos verbrachte; sie gehe noch diesen Vormittag wieder dahin zurück, sobald sie ihr Obst verkauft habe. Sie werde hierher kommen und wenn sie einen Brief mitnehmen solle, ihn hier in Empfang irehmen. Der Rabbiner warf einige Zeilen aus ein Blatt Papier, faltete e* zusammen, versiegelte es mit einer Oblate und gab den Brief der Rabbinerin zur Weiterbeförderung. Die Greise nahmen dann ihr Studium tvieder auf und waren in dasselbe so vertieft, daß sie ihr Pensum bis zur Mittagszeit nicht erledigen, konnten und es nach Tisch wieder aufnahmen. Wir wollen die Forscher ihrem Stndinnr überlassen und uirs indessen ein wenig nach unserem Freund Salme Umsehen. Als die Bauersfrau am Nachmittag ihren Brief abgab, chmr Saline über Land und kehrte erst spät am Abend zurück. Seine Frau hatte den Brief erbrochen und gelesen. „Ich erwarte Euch fo bald als möglich hier bei mir, da ich Euch eine wrchtige Mitteilung zu machen habe. Abraham Metz, Rabbiner von Offenbach." Das war Alles. Was konnte der Rabbiner, ihrem Mann Wichtiges zu sagen haben? Ihr war gar nichts von Beziehungen zwischen ihrem Manne und denr Rabbiner von Offenbach bekannt. Aber Salme mußte das wissen. Ungeduldig erwartete sie ihn, und als