Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-02-13 · Heft 7 (13.2.1908) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 7 (13.2.1908)
Date
1908-02-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449306--64217-2506797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Beilage zu Nr. 7 des „Israelit euilleton. LK ver knlrei. Erzählung don Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Das verspreche ich dir," sagte Schröder mit tiefem Ernst, indem er dem Andern die Hand reichte, „mit Hand und Mund verspreche ich es dir. Mer wenn du ein schärferer Beobachter Wärest als du zu sein scheinst, so müßtest du bemerkt haben, daß ich schon längst nicht mehr über deine Anschauungen lächele odergar spotte. Derne Gewissenhaftigkeit, dein ganzes Tun und Lassen, dein glühender Eifer wenn es gilt Liebespslichten zu üben, deine opferfreudige Hingebung für alleswas du für recht hältst, deine Bescheidenheit, deine Sanftmut, und zu dem allem dem heller klarer Kopf, mit dem du in einer Stunt« mehr leistest als andere in einem ganzen Tag. — Lieber, lieber Sohn, ich weiß wahrhaftig nicht, zu was ich dir deine herrlichen Eigenschaften da herzähle? — Ja, richtig, ich weiß schon, was ich dir sagen wollte, daß nämlich Hein ganzes Tun und Lassen, das doch das Resultat deiner Anschauungen ist, mir Hochachtung für dieselben eingeflößt hat und daß ich nichts sehnlicher wünsche, als daß mein Enkel in aller und jeder Beziehung seinem herrlichen Vater gleich kommen möge. Du wirst daher einsehen, daß ich deine Bitte erfüllt haben würde, selbst wenn du dieselbe nicht an mich gerichtet hättest. Bist du nun ruhig und zufrieden?" Wieder wären einige Wochen verstrichen, der Frühling nahte. In dem Zimmer, in dem Theodor lag, waren die Fenster geöffnet, frische, milde Luft strömte herein und schien dem Kranken das Atmen zu erleichtern. An einem Tische, nicht weit von dem Ruhebette, saß Herr Grünfeld mit seinem Schüler, der eben alles vortrug, was er bei ihm gelernt hatte und alle Fragen so korrekt und so klar und so eingehend beantwortete, daß per Lehrer mit berechtigtem Stolze auf die ihm gegenüber sitzende Großmutter seines Schülers vkmte, die demselben wiederholt freundlich anerkennend zunickte. - Theodors Angesicht aber strahlte vor Freude, was er seit Jahren ersehnt hatte, hatte er endlich erreicht, fast segnete er seine Krankheit, denn ohne dieselbe hätte er es schwerlich erreicht, daß seine Frau ihm ermöglicht hätte, den sehnlichsten Wunsch seines Herzens zu erfüllen. Die Unterrichtsstunde war zu Ende, der Lehrer war aufgestanden und reichte seinem Schüler die Hand: „Du hast uns durch deine Aufmerksamkeit und deinen Lerneifer große Freude gemacht, lieber Edwin, und ich hoffe mit Zuversicht, daß du dadurch zu der mit Gottes Hilfe baldigen und vollständigen Genesung deines lieben Vaters beigetragen hast." Er wollte sich auch bei dem Kranken empfehlen, Irma aber winkte abwehrend: „Herr Gotthold ist eingeschlafen," flüsterte sie. Grünfeld verneigte sich gegen sie und verließ lautlosen Schrittes das Zimmer, begleitet von seinem Schüler, der sich auf der Schwelle unwillkürlich umwaudte und einen Blick aus das Ruhebett warf, dann aber mit schlecht unterdrücktem Schreckenslaut auf den sich entfernenden Lehrer ust ürzte und ihn umklammerte. i „Der Papa schläft nicht", stammelte er, „der Papa hat die Augen offen — kommen Sie! — kommen Sie! —" Fast mit Gewalt zerrte er ihn wieder mit sich in das Zimmer, gleichzeitig mit ihnen trat auch seine Mutter ein. Irma winkte abermals abwehrend. „St! st! er ist eingeschlafen." „Nein, nein!" stammelte Edwin mit seltsam heiserer Stimme ,,der Papa schläft nicht — sieh nur Mama! — sieh nur! —" Regungslos lag der Kranke da mit offenen Augen, in denen jedoch ein seltsam fremder Ausdruck lag, aber den Mund umspielte nach wie vorhin ein glückliches Lächeln. Grünfeld erriet die Wahrheit, er wünschte nur vor allem den Knaben zu entfernen. „Edwin mein Kind, laufe zu dem Herrn Sanitätsrat, bitte ihn sofort her zu kommen." Edwin stürzte fort, Irma blickte angstvoll auf den Gelehrten, dessen sonst so bescheidenes Wesen sich schwer vereinen ließ mit der eigenmächtigen Anordnung, die er im fremden Hause getroffen, während Malwine sich über den auf dem Ruhebette Liegenden neigte: „Theo, lieber Schatz, was ist dir?" , Ihr ward keine Antwort, der Angeredete regte sich nicht. Sie nahm seine Hand, sie war noch nicht erkaltet, aber doch kühler als in jüngster Zeit. „Theo! Mann! sieh mich doch an! — guck' doch nicht immer in's Weite — ich bin's ja, — deine kleine Frau — willst du mich denn gar nicht ansehen?" Irma hatte sich gleichfalls über ihn geneigt und war bis auf die Lippen erblaßt, sie zweifelte so wenig wie Grünfeld, daß es bereits vorüber, dennoch wollte sie einen Versuch nicht unterlassen, sie wusch dem Liegenden Stirn, Schläfen und Puls reichlich mit Lau de Cologne, während Malwine ihm die Wangen streichelte und ihn mit den zärtlichsten Namen rief — alles umsonst —. Inzwischen kam Edwin wieder mit dem Hausarzt. Letzterer trat rasch zu dem Ruhebette, neigte sich über dasselbe und hatte nach kaum einer Minute seine Untersuchung beendet. Achselzuckend richtete er sich wieder auf. „Herr Grünfeld, Sie haben wohl die Güte, den Knaben zu entfernen, der hat gegenwärtig hier nichts zu tun." „Komm', lieber Edwin!" sagte Grünfeld, indem er den Arm um die Schrmern des Knaben legte. „Warum?" stammelte dieser zu chm emporblickend, „warum darf ich nicht hier bleiben?" „Du hast gehört, was der Herr Sanitätsrat gesagt hat — Komm!" , Nur widerstrebend folgte Edwin seinem Lehrer, der chn in ein anderes Zimmer geleitete und dort bei ihm blieb. Kaum hatte er die Tür geschloffen als gellende, markerschütternde Schreie däs Haus durchdrangen. Malwine hatte erfahren, daß ihr Gatte sie für immer verlassen hatte, und wilde Verzweiflung bemächtigte sich ihres ungeschulten Herzens.. Sie schrie, sie jtobte, sie rang mit dem Sanitätsrat und mit ihrer Schwiegermutter, die sie zurückzuhalten suchten, sich auf die Leiche zu werfen. Sie riß sich los von ihnen, umklammerte mit beiden Armen den HalS ihres entschlafenen Gatten und bedeckte sein kaltes Gesicht mit ihren Küssen und ihren Thränen. Bald flüsterte sie die süßesten Liebesworte ihm zu, bald verwünschte sie sich selbst und ihr Geschick. So traf sie ihr Vater, der gleichzeitig mit dem Vater des Verstorbenen in das Sterbezimmer trat. Malwine stürzte ihm entgegen und warf sich laut schluchzend an seine, Brust. „St! Kind, st!" flüsterte Schröder, dem selbst die Thränen unaufhaltsam aus den Augen strömten, „du entweihest das^ Andenken deines herrlichen Gatten, denn du weißt, wie. er gedacht hat." „Freilich weiß ich das!" schluchzte sie, „er war der beste, der herrlichste, der edelste Mensch, — O! O! — Theo! Theo!" Doch trotz ihrer ungeheuchelten Verzweiflung war der stumme Schmerz der beiden Väter und des verwaisten Knaben erschütternder. Mit germrgenen Händen lehnte Gotthold gegen das Fußende des Ruhebettes und blickte mit überströmenden Augen unverwandt in das stille, schöne Antlitz des Verklärten, auf dem es wie ein heiliger Friede lagerte und wie namenloses himmlisches Glück. Da ging die Tür auf und an der Hand seines Lehrers schwankte der verwaiste Knabe in das Sterbezimmer. Irma blickte mißbilligenzu ihm hinüber. Grünseld aber sagte achselzuckend : „Er hat es so sehr gewünscht — und warum auch nicht? — Sie sehen doch, er ist ruhig. Das arme Kind kann nicht weinen und das drückt ihm das Herz ab, vielleicht könnte er hier Thränen finden, dann würde ihm leichter werden." Dann wandte er sich an Edwin: „Schaust du, Kind, wie glücklich dein lieber Vater aussieht? — weil er sich gefreut hat, daß du so gut gelernt hast. Und nun, du erinnerst dich doch aus der Bibel, daß Gott zu Jakob gesagt hat: Und Josef wird seine Hand auf deine Augen legen. So lege auch du deine Hand auf die Augen deines lieben Vaters." Er hob die Hand des Knaben und legte sie leicht ans die Stirn des Entschlafenen und ließ sie leise herniedergleiten über dessen geöffnete Augen, so daß die Augenlider sich schloffen und die verglasten Augensterne verhüllten. Edwin war noch bleicher geworden, ein Schauer machte seine zarte Gestalt erbeben, aber seine Augen blieben trocken. Da kamen die Mitglieder der s. g. „Frommen Brüderschaft", die üblichen Liebespflichten zu beginnen. Malwine hatte noch nicht aufgehört, durch Schreien und Klagen ihrer Verzweiflung Luft zu machen, ihre Schwiegermutter und der Sanitätsrat geleiteten sie mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer, während die beiden Großväter ihren Enkel in die Mitte nahmen und ihn hinaus führten. Die Männer weinten, konnten ein lautes Schluchzen kaum unterdrücken, während der bleiche Knabe mit seinen großen, weitaeöffneten Kinderaugen thränenlos in die Ferne starrte. Armerarmer Knabe! Der Tag der Beerdigung war gekommen, alle Kreise der Stadt und der Umgegend beteiligten sich daran, denn der Verstorbene hatte es verstanden, sich die Liebe und Wertschätzung seiner Mitbürger in seltenem Maße zu erwerben. Er hatte nicht nur mit seinen ihm allerdings reichlich zu Gebote stehenden Mitteln Überaus viel Gutes getane sondern ebensoviel Murch Jßhe persönliche Hingebung, durch Rat uno Tat, durch freundlichen Zuspruch und durch teilnahmvolles Eingehen auf die Verhältnisse anderer. Allgemein beklagte man den Vater, der solch herrlichen Sohn in verhältnismäßig jugendlichem Alter zu Grabe geleiten mußte, allgemein staunte man jedoch über den als herzenskalt verschrienen Schwiegervater des Verblichenen, der dessen Verlust nicht weniger schmerzlich zu beklagen schien als der eigene Vater. Malwine hatte sich nicht zurückhalten lassen, den verstorbenen Gatten bis zu seiner letzten irdischen Ruhestatt zu geleiten. In dunkele Trauergewänder gehüllt, aufgelöst in Tränen, saß sie mit ihrer Schwiegermutter und noch einer verwandten Dame in dem ersten der vielen Wagen, die dem Leichenzuge folgten, während ihr Sohn zwischen seinen beiden Großvätern unmittelbar hinter dem Sarge einherschritt. Noch hatte der unglückliche Knabe keine Träne vergossen, noch für keinen Moment seine Augen zum Schlummer geschlossen und nur Irmas dringenden Vorstellungen gelang es hin und wieder ihn zu bewegen einen Löffel Bouillon oder Milch zu sich zu nehmen. Doch oft brachte er auch dieses nicht hinunter,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.