Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1908)
- Date
- 1908-02-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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18. Februar 1908. Der JSraelil S'!"jpp,ljl. LIIIRSP Seite 11. No. 7 Wortes darstellen, zum Teil ihre Realisierung in zertUche Ferne rücken, als absolut unnötig. Ich fasse meine Ausführungen in die folgenden kurzen Sätze zusammen: 1. Die von der Berliner Kommission vorgeschlagene Prüfung entspricht nicht dem Zwecke, dem die Lehrerprüfung dienen soll, sie ist daher abzulehnen. 2. Eine gesonderte Religionslehrerprüfung an den jüdischen Seminarien bei regulärer Vorbildung der Kandidaten wäre unter Umständen angezeigt. 3. Es besteht im jüdischen Lehrerstande keine prinzipielle Abneigung gegen den »Osten", sondein nur eine Scheu vor gewissen „Verhältnissen im Osten", die daher zu bessern sind, um den dortigen Lehrermangel zu bese.tigen. 4. Neugründung von Lehrerbildungsanstalten kann keinen Lehrermangel beseitigen. 5. Die für solche Zwecke etwa verfügbaren Gelder können zur Aufbesserung der Lehrer sowie zur Fundierung der im Reiche in übergenügesnder Zahl vorhandenen Lehrerbildungsanstalten weit bessere Verwendung finden. Nachschrift der Redaktion: Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes haben wir gerne auch der Gegenseite das Wort zur Sache erteilt. Wir haben den Herrn Kollegen trotz des 5. Leitsatzes nicht im Verdacht, daß er. pro domo spricht, bemerken aber, daß gerade die Geschichte des Würzburger Seminars den Beweis dafür liefert, daß Neugründung von Lehrerbildungsanstalten wohl im stände ist, den Lehrermangel in der betreffenden Gegend zu beseitigen. Auch in Bayern war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Mangel an qualifizierten Lehrernjetzt herrscht dort ein «mdarras de rivbsose. So wenig also in Mittel-, West- und Süddeutschland neue Seminarien am Platze find, so glauben wir doch, daß im 'Osten eine solche Neugründung nützlich wäre. Es darf wohl auch hervorgehoben werden, daß, abgesehen von den allgemeinen kulturellen Verhältnissen, die speziellen jüdischen Gemeindeverhältnisse im Osten kaum schlechter sind als in den übrigen alten Provinzen Preußensihre Besserung muß für das ganze Land angestrebt werden. Endlich sei hervorgehoben, daß, wenn man schon die Berechtigung eines besonderen Religions lehr erj- Examens zugibt, es keinen prinzipiellen Unterschied mehr bedeutet, ob diese Prüfung an einem Seminar oder vor einer aus Fachleuten eigens gebildeten Prüfungskommission stattfindet. Die materielle und soziale Lage der jüdischen Keligionslebrer in OJesfyrenssen. Bon Lehrer Mannheim—Granden-. Es ist tief im Wesen der menschlichen Seele begründet, daß nur solche Tragik anerkannt wird, die im stände ist, die Aufmerksamkeit vieler Augen und Ohren aus sich zu lenken. Der. Arbeiter, der an der Maschine verunglückt, der Bergmann, der von stürzendem Gestein verschüttet, der Bankrotteur, der von der Höhe seines wirklichen oder vielleicht nur eingebildeten Reichtums herabgestürzt wird, ja oft sogar der Verbrecher in der Eisenkette, sie alle können gewiß sein, daß ein philantropisches Zeitalter, ihre Schmerzen zu würdigen weiß und daß sich ihnen Mitleid und Mitgefühl zuwendet. Es gibt aber auch unsichtbare Eisenketten, die tief in das Fleisch einschneiden, die Schmerzen verursachen und sogar Narben zurücklassen. Solche Fesseln hat der jüdische Lehrerstand zu tragener rüttelt an ihnen, aber er wird sie nicht los und es liegt doch ein Stück Tragik darin, daß unsere Konferenzen gewöhnlich damit beginnen, daß Rabbiner und Gemeindevorstände von der Heiligkeit des Lehrerberufs, von seinem hohen Wert für die Erhaltung des Judentums in begeisterter Weise sprechen und daß wir unmittelbar darauf Jahr für Jahr darüber beraten müssen: „Wie beseittgen wir die teilweise ganz unhaltbaren Zustände, unter denen der jüdische Lehrerstand schwer leidet?" Er ist ja nirgends auf Rosen gebettet, aber während die jüdischen Religionslehrer in einzelnen süddeutschen Staaten durch zielbewußtes Vorgehen schon manche Vorteile errungen haben, sind wir in Preußen noch immer keinen wesentlichen Schritt vorwärts gekommen. Die an den Herrn Minister im Jahre 1896 gerichtete Denkschrift des jüdischen Lehrerverbands ist ohne Erfolg geblieben. Auch wir haben 1899 an den westpreußischen Gemeindeverband in Danzig die Bitte gerichtet, den Gemeinden zu empfehlen, ihre Religionslehrer nach einem fünfjährigen Provisorium lebenslänglich anzustellen und für ihre Versorgung bei eintretender Invalidität Vorkehrung zu treffen, resp. eine Pensionskaffe zu gründen. Der Gemeindeverband hat diesem Wunsche Folge gegeben und den Gemeinden in einem Rundschreiben die beiden genannten Punkte empfohlen. Praktisch war dieses Vorgehen völlig fruchtlos, weil sich nicht eine einzige Gemeinde darnach gerichtet hat. Bedenkt man, daß der Gemeindeverband nur eine lose Vereinigung ist und keinerlei Machtbefugnisse besitzt, so müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, daß uns von dieser Seite nicht geholfen werden kann. Infolge dieser Erkenntnis sind wir auf unserer vorjährigen Jahresversammlung in Marienburg zu dem Entschluß gekommen, daß wir uns an die Behörden wenden und immer wieder — in kürzeren Zwischenräumen — anpochen müssen, bis unser Hilferuf gehört wird. Um aber die nötigen Unterlagen zu solchen Eingaben zu erhalten, haben wir eine Enquete über die Gemeinde- und Beamtenverhältnisse veranstaltet. Das gesammelte statistische Material, das den Anspruch aus unbedingte Zuverlässigkeit erheben kann, bezieht sich nur aus die von den Gemeinden angestellten Religionslehrer und Kantoren. Die- L§ge der Rabbiner und der staatlichen Volksschullehrer ist in der Arbeit nicht berücksichtigt. A. Gemeindeverhälbnisse. I. Zahl der st euerpflichti gen Mitglieder: Weniger als 25 steuerpflichttge Mitglieder haben 16 Gemeinden 25—50 „ ,, „ 11 50-100 „ „ „ 17 100—200 „ „ „ 5 ff ff rt ff ff ff 200 und mehr „ „ 3 II. Höhe des Jahresetats: Der Jahresetat beträgt: unter 1000 JC in 6 Gemeinden (davon sind 4 ohne Beamten), 10QÖ— 1500 M in 2 Gemeinden 2000— 2500 2500— 3000 3000— 4000 4000— 5000 5000-10000 10000—20000 3 6 2 8 11 3 3 20000 JC u. darüber,, III. Steuerbelastung der Gemeinden: Das prozentuale Verhältnis der Gemeindebeiträge zu der Staatseinkommensteuer ist folgendes : Es erheben: 200—250% derStaatseinkommensteuersätze 3 Gem. 150—200°/° 125—150°/° 100-125°/° 75—100°/° 50- 75% unter 50% Außerdem erhebt 1 Gemeinde 0,75% 1 „ 1,80% 1 „ 2,00% und 1 „ 2,25°'« vom effektiven Einkommen. tt rt rt rr tt tt 6 6 8 12 9 3 IV. Beamtenwechsel. In den letzten 10 Jahren haben 11 Gemeinden ihre Beamten nicht gewechselt 10 „ 1 mal 8 tr 2 ,, 6 tr 3 „ 6 tt A tt 6 „ 5 ,, 1 tt 6 ,, 4 Gemeinden konnten dauernd keine Beamten halten. 8. Beamtenverhältnisse. I. Art der Stellung. Bon den 56 Gemeindebeamten versehen 30 die Aemter als Religionslehrer, Kantor und Schächter, 18 die Aemter als Kantor und Schächter, 4 die Aemter als Religionslehrer und Kantor, 2 die Aemter als Neligionslehrer und Gemeindesekretär, 1 die Aemter als Religionslehrer und Chordirigent, 1 das Amt als Schächter. U. Borbildung. Von den als Relig'onslehrer fungierende» Beamten haben 13 seminarische Vorbildung genossen, 25 sind privat vorgebildet, 18 privat vorgebildete Beamte erteilen keinen Religionsunterricht. III. Geburtsland. Von den 13 seminaristisch gebildeten Religionslehrern sind 10 in Deutschland und 3 in Rußland geboren. Von den 25 nicht semmarifch gebildeten Religionslehrern sind 9 Deutsche und 16 Russen. Bon den 18 nicht Religionsunterricht erteilenden Beamten sind 4 Deutsche und 14 Russen. Im ganzen wirken demnach in Westpreußen 23 Deutsche und 33 Russen. Die 23 geborenen Deutsche haben ihre enaere Heimat: 6 in Westpreußen, 6 „ Posen, 3 ,, Schlesien, 4 „ Bayern, 1 „ Ostpreußen, 1 „ Hessen-Nassau, 1 „ Hamburg, 1 „ Elsaß. IV. Alter. 6 Beamte sind über 60 Jahre alt, 25 Beamte stehen im Alter von40—60Jahren, und 25 „ „ unter 40 Jahren. V. Familienstand. 7 Beamte sind unverheiratet, 49 „ „ verheiratet. Bon den letzteren sind 6 kinderlos, 22 haben 1—3 Kinder, 21 haben mehr als 3 Kinder. VI. Jahreseinkommen der Beamten. Das Gesamteinkommen einschließlich Wohnungsgeld und Nebeneinkommen, beträgt bei 3 Beamten unter 1200 Mk. „ 6 „ 1200—1500 „ „18 „ 1500—2000 „ „ 15 „ 2000—2500 „ „ 8 „ 2500—3000 „ „ .3 „ 3000—4000 „ „ 3 „ über 4000 „ (Schluß folgt.)