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Der Israelit · 1908-02-13 · Heft 7 (13.2.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 7 (13.2.1908)
Date
1908-02-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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MWWMWV ®» 9*taellt 13 Februar 1906. mit zu entschuldigen sind, daß in der Tat das -Ciakntümliche der Schriften Nietzsches es verursacht, daß je nach Verständnis oder Mißverständnis Mahnung oder Gift aus ihnen genommen werden kann. Es ist — unseres Erachtens — für den gesetzestreuen Juden von heute geradezu unabweisbare Notwendigkeit, sich mit Nietzsche auseinanderzusetzen. Abgesehen davon, daß — wenn nicht alle Zeichen trügen — Nietzsches Einstuß im raschen Wachsen begriffen ist und er als Mode- Philosoph immer mehr und mehr die Stelle Schopenhauers einnimmt, daß insbesondere die Jugend von der fast beispiellosen Macht der Sprache und der verhängnisvollen Kraft des Genius hingerissen wird, abgesehen davon, meinen wir, haben wir in dem Verfasser von „Zarathustra" den typischen Vertreter der Moderne mit all ihrer Ruhelosigkeit, ihrem Ungenügen an bloßer Wiffenschaft, ihrem Sehnen nach einem Ersatz für die religiösen Ideale zu erblicken. Da es sich hier, schon aus Rücksicht des Raums nicht um eine ausführliche Darstellung handeln kann, sondern nur um eine Klarstellung der Grenzgebiete der Nietzsche'schen Weltanschauung und der unfrigen, müssen wir uns damit benügen, die dritte Periode seines Schaffens zu etrachten, in welcher er selbst die vorausgegangenen Entwicklungsphasen als überwunden er- und bekannt hat. Der Grundzug dieser dritten Periode war die Ueberwindung des Schopenhauerschen Pessimismus. Nietzsche ergreift die Partei des Lebens. Leidenschaftliche, grenzenlose Liebe zum Leben bildet den Grundton seiner Philosophie. Wie aber das Leben lieben, trotz seiner Leiden? Darauf antwortet Zarathustra - Nietzsche: Das Leben ist eben um der Gründe willen zu bejahen, um derentwillen der Pessimismus es verneint- „Ihr wollt das Leiden abschaffen, wir wollen es lieber noch höher und schlimmer haben, als je es war! Wohlbefinden, wie ihr es versteht, das ist ja kein Ziel, das scheint uns ein Ende! — Die Zucht des Leidens, des großen Leidens, wißt Ihr nicht, daß nur diese Zucht alle Erhöhungen der Menschen bisher geschaffen hat? Die geistigsten Menschen erleben auch die schmerzhaftesten Tragödien; aber eben deshalb ehren sie das Leben, weil es ihnen die. größte Gegnerschaft entgegenstellt. Es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief einer leiden kann." Die Freude, die Nietzsche auf Erden als des Daseins Zweck betrachtet, ist nicht Genusses-, sondern Schaffensfreude. Genußbehagen, Hedonismus jeder Gestalt liegen dieser Lebensauffassung eben so fern, wie sie der Person Nietzsches ftrnlagen. Leben ist ihm vielmehr ein beständiges Steigen, ein ständiges Höherwerden und Ueberwinden der zur Höhe führenden Stufen,. Zu dieser Steigerung aber bedarf es der höchsten Lebensentfaltuug'jedes einzelnen Individuums. Und dasjenige Individuum, das also im Ueberwinden und Höhersteigen am meisten dem Sinn des Seins gerecht wird, steht größer da, als eiue noch so große Menschenmasse mit ihrem Genießen. So entsteht der Individualismus Nietzsches, der die Einzelnen den höchsten Einzelnen unterordnetder vor allem jedem Einzelnen höheren Wert zugesteht, als der Summe Vieler in ihren Gesamtheitsansprüchen, sowie dieselben den Einzelnen in seinem Sichemporheben über das Durchschnittsniveau hindern. Wir wollen hier durch einige Zitate zeigen, wie die Wertschätzung des LeÄens als Stimulans des Lebens und ferner die Berechtigung des Individualismus — diese freilich mit noch zur erörtender Einschränkung — zum Gedankenkreise unserer talmudischen Weisen s. A. gehörten. Der „amor fati" Nietzsches fcfyeint uns die treffendste Interpretation für den Begriff der ran« bv zu sein. Aus der reichen Fülle der hiergehörigen talmudischen Sentenzen greifen wir nur die augenfälligsten heraus: :('n roro) pniD'2 i*chd *d ra"pntf bs rD"pn ('n myn) njnan n-2v piD'a notpn ptm'p) 3n"iy tn"iy3 piv' ioso '"p btnvr *)N ntr'nr '"p iivw n'Xiv rvr ('d (mns) piD'3 mpi minn (:i"i mrao) piD’ Der Individualismus findet seinen Ausdruck unter Anderem in folgenden Stellen: p'-|S ^380 nVk ubty '"ok nS ('nb ndv) oViyn k-qi 's* -ihn D-ut (:'mc piruD) nvob Tn5? matt) nw»3 nvyo Tua *?iprr s*m: 's* bz ('fr piiniD). Die Betonung der Individualität im jüdischen Geiste hat aber eine wesentliche Voraussetzung, die Nietzsche's Individualismus abgeht was einen Mangel in seinem ganzen System — wenn diese Bezeichnung berechtigt ist — darstellt. Das Individuum als solches kann sich nur der Welt entwinden, ihr gegenüber nur selbständig werden, ohne in's Leere damit zu fallen, wenn es als geisterfüllte Persönlichkeit seine Ordnung und Welt in sich trägt, die ihm das Recht und die Gewißheit, ja sogar die innere Notwendigkeit zuerteilt, seine Individualität der Außenwelt gegenüber durchzusetzennicht also aber ist Nietzsches Individualismuser redet vielmehr das Wort einer Selbstherrlichkeit des Individuums unabhängig von dem objektiven Schaffen desselben. „Wo aber die Individualität nicht eine Wahrheit der Sache sucht und die Arbeit keine Gesetze der Sache kennt, sondern wo die Sache ein bloßes Mittel dazu wird, die Kraft und Größe des Subjekts zu offenbaren, da wird unvermeidlich der Sinn für die Tiefen der Dinge geschwächt, da kann kein fruchtbarer Verkehr mit der Sache, kein inneres Wachstum mit der Arbeit entstehen. Es muß sich hier das Schaffen so auffallend, unterscheidend raffiniert wie möglich gestalten, während das Einfache, Schlichte, Gesunde geringgeschätzt wird. Schließlich müssen die verschiedensten Höhelagen gleichwertig werden, wo das souveräne Individuum das Maß aller Dinge bildet. Das ist eine neue Art der Sophiftik, ein neuer und in der Färbung der Zeit eigentümlicher Sproß eines uralten Traumes"^. Resümiren wir das Gesagte, so ergiebt es sich, daß der Individualismus so lange berechtigt ist, als dem Individuum ein nicht von ihm gefetztes Ziel zur Betätigung gegeben ist. Hat es dieses, dann wird das ideale Ziel ihm das Recht geben, sich auf's eigene Innere zurückzuziehen und sich der Außenwelt gegenüber zu stellen. Dieser Individualismus aber in den Grenzen einer immanenten Forderung ist -er jüdische Individualismus. *) S. E. ‘ »orrespondenzen und Wachrichten. Deutsches §tetdr« Frankfurt a. M., 10. Februar. Mehrere jüdische Blätter enthalten gleichlautende,, offenbar von einem polittschen Korrespondenzbureau lancierte Nottzen, wonach die bayerische Regierung im Begriffe sei, eine Rundfrage über die y Eucken , „Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt«, 2. Aust. .305. *) Das eben zitierte maa Ol» D^WL erfährt in diesem Sinne durch bas p' 1U D^yn tTD3 n seine Erklärung und Beschränkung. an dcnrseiben Abend endlich das Ziel seiner Reise erreichen ließ. Die Freude des Wiedersehens, war nach diesem ungewöhnlichen Hindernis, das die Reise unterbrochen hatte, um so herzlicher. Rabbi Abraham Metz sprach als er seines teueren Jugendfreundes ansichtig wurde, noch bevor er ihm den jüdischen Willkommengruß entbot, die beiden Segenssprüche, die man beim Anblick eines Freundes nach langer Trennung spricht. Rabbi Kalmann Bing sprach nur einen Segensspruch, weil der andere nur vorgeschrieben sei, für den Fall, daß die Trennung eine vollständige sei, nicht aber, wenn die Freunde wie hier durch Zeinen regen Briefwechsel fortwährend geistig verbunden waren. Darüber entspann sich sofort im Hausflur eine Meinungsverschiedenheit, noch bevor sie die eigentliche Wohnung betreten hatien. Im Wohnzimmer prangte ein reichlich gedeckter Tisch, aber Rabbi Kalmann wollte sofort in die Lernstube geführt lverden, um dort aus den heiligen Büchern dre Richtigkeit seiner Auffassung nachzuweisen. Auf diese Weise diskutierten die Greise mit dem alten jugendlichen Eifer ihrer Jünglingszeit so lebhaft, daß sie Vergangenheit und Gegenwart, Essen, Trinken, Schläfert und ihre ganze Umgebung darüber Vergüssen Mitternacht war längst vorüber, als sich die Rabbinerin den Streiterrden näherte und daran erinnerte, daß ihr Gast doch gewiß hungrig sein werde, und daß ihr hergerichtetes Essen verderbe, wenn es noch länger am Feuer stehe. Dadurch fiel es auch Rakcki Kalmann ein, daß er schon länger als 24 Stunden nichts Warmes genossen hatte. Und nun erzählte er seine Erlebnisse von gestern und heute zum großen Ergötzen seiner Zuhörer, denn Rabbi Kalman« war ein guter, humorvoller Erzähler. Als er a« die Schächtszene kam, wurde Rabbi Abraham ernst. „Ich kenne den Mann nicht", bemerkte nachdenklich Rabbi Abraham, „ich habe nie seinen Namen gehört und rhn noch weniger je gesehen. Seine Behauptung, daß er von mir Kabbole hat, ist falsch; damit hat er jedenfalls gelog m." „Hab's mir gleich gedacht, daß das nicht stimmen kann; iver könnte auch einem solchen Am Hoorez (Unwissenden) ein so heiliges Amt anvertrauen! Gewiß hat er die Unwahrheit gesagt, aber wider besseres Wissen hat ers nicht getan, gelogen hat er nicht. Da steckt irgend ein Irrtum dahinter, den ich mir aber bei seiner bestimmten Behauptung selber nicht erklären kann. Schlomo Hamelech (König Salomon) hat gesagt, daß man, um einen Chochom (Weisen) zu verstehen, selber ein Chochom sein muß, um aber einen Am Hoorez zu verstehen, müßte man selber ein Am Hoorez werden ttttd das ist schwer." „Wir werden bald aus dein Cholom (Traum) kommen," meinte Rabbi Abraham, „ich lasse ihn zu mir konunen. Es gibt da jeden Tag Gelegenheiten, da die Bauern der ganzen Umgegend täglich hierher zum Markt kommen. Erkundige dich einmal, sagte er zu seiner Frau gewendet, wer von Marktleuten dort herkommt. Ich schicke ihm dann einen Brief oderlasse es mich extra einen Schliach (Boten) kosten, um in diese Sache Licht zu bringen." Am andern Tage kain die Familie Oppeah.iin ans Hanau, mit welcher sich der älteste Sohn Rabbi Kalmann's verschwägern sol te. Sie b ieb den ganzen Tag in Offenbach, da sie ein eigenes Fuhrwerk hatte. Da alles zu Regelnde vorher schon geordnet war, so wurde nur festgestellt, die jungen Leute Anfangs nächster Woche zur Beschau in Offenbach zusammenkommen zu lassen. Wenn sie, wie zu erwarten war, sich gegenseitig gefallen, so soll dann sofort Knas gelegt werden. *) (Fortsetzung folgt.) 0ottt$ Ullvelrdeit. Es begab sich, als David vor dem Zorn Sauls u Achis, dem Abimetech (d. h. König von Gath, loh, daß er auf dem Wege einen Mann traf, der ihm mit gesenktem Angesicht entgegenkam. Und David rief ihn an und sprach zu ihm: „Mein Bruder, siehe, ich bin ein Fremdling in diesem Lande, sage mir doch: Welches ist der Weg, der nach der Hauptstadt des Königs führt?" Der Mann aber erhob seine Anger:, blickte David starr an, ließ den Speichel in den Bart fließen und antwortete nicht, sondern rannte, als David ihm nahe kam, eilends davon und war bald seinen Blicken entschwunden. 'Und David sprach: „Ein Wahnsinniger' O Herr der Welt, alles, was 0 Knas legen, eigentlich eine Geldstrafe fcstsrtzen, ist bis auf den heutigen Tag der stehende Ausdruck für die Vollziehung einer Verlobung. Er stammt aus einer Zeit, in welcher mau viel bedächtiger und vorsichtiger eine Verlobung entging als heutzutage. Wie wir einen Ehevertrag haben, so gab es damals einen Verlobungs-Vertrag, dessen einzelne Bestimmungen und Bedingungen (Tenoimi einen: leichtsinnigen Lösen dieses Verhältnisses vorbeugten. Daß eine Verlobung wieder -rückgängig geinacht wurde, gehört in Folge dessen zu den größten Seltenheiten. Unter diese gegenseitigen Verpflichtungen gehörte in erster Reihe die Festsetzung einer Konventionalstrafe (Knas), die derjenige Teil zahlen mußte, der die eingegangene Verbindung wieder rückgängig machte. Daher diese Bezeichnung.

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