Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-02-13 · Heft 7 (13.2.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 7 (13.2.1908)
Date
1908-02-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449306--64209-2506789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der AkSra-Ut. Sette 4. «r. 7_^_____ hinaus in die lauschende Menschheit. Es lebt ewig jung in der Geschichte jener Moment, da das Flammenwort vom Sinai ertönte und die Schöpfung vollendete, apj/' rttcrtP/ die Lilie Jakobs, die einst geweckt vom Frühlingsodem jenes historischen Niffans aus Egyptens winterlicher Fessel sich losrang und freie Knospen trieb, sie steht noch heute unentwegt in voller Blütenpracht. Frühlingswarm und jugendsrisch beseelt uns der geschichtliche Hauch unseres religiösen Lebens und trägt' uns aus ferner Vergangenheit die Kunde unserer sittlichen Freiheit zu. Voll Begeisterung und Sehnsucht haben wir sie eingesogen, und der Frühlingswind unserer Geschichte. und besonders unserer Religionsgeschichte ist uns zum Lebensodem geworden. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Armenpflege. Am 9. Februar fand in Olten die Delegierten-Bersammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes statt. Auf der Tagesordnung figurierten: 1. Der Stand der Schäch-tangelegenheit. 2. Die Inter kantonale Armenpflege. Besonders das erstere Traktandum hatte lebhaftes Interesse erregt. Die Versammlung, in der durch etwa 35 Delegierte fast alle Gemeinden der Ost- und Westschweir vertreten waren, stand unter der umsichtigen Leitung des Herrn Rechtsanwalts Dr. Guggenheim-Zürich und machte durch die ernste Sachlichkeit, mit der die Verhandlungen geführt wurden, einen vortrefflichen Eindruck. Äach einem ausgezeichneten, die Schächtfrage in allen ihren Teilen beleuchtenden Vortrage des Herrn Bloch-Roos-Basel wurden einige mehr oder minder wichtige Beschlüsse in der Sache gefaßt, deren nähere Erörterung an dieser Stelle zunächst unterbleiben kann. Ueber den zweiten Punkt referierte Herr Victor Wyler aus Basel. Wer anfangs nicht recht wußte, was eigentlich unter der spezifisch schweizerischen Bezeichnung „Interkantonale Armenpflege" zu verstehen sei, erkannte schon nach den ersten Sätzen, daß es sich hier um den ärgsten Mißstand unseres Armenwesens, unter dem hier wie überall die Gemeinden viel zu leiden haben, um die Wanderbettelei handelte. Der Redner, der mit den Quellen unserer Religion ziemlich vertraut zu sein scheint, ging von den in Bibel und Talmud niedergelegten jüdischen Grundsätzen und Anschauungen über Wohltätigkeit aus und beleuchtete an der Hand unserer Litteratur und Geschichte das Wesen und die Entwicklung der jüdischen Zedokoh. Diese Ausführungen des Redners erweckten in allen Herzen lebhaften Widerhall. Ebendarum mußte der zweite praktische Teil des Bortrages einigermaßen enttäuschen, weil er es abweichend von jenen idealen Prinzipien des altjüdischen Zedokohwesens an Liebe und Verständnis etwas fehlen ließ. Herrn Wyler, der in vorblldlicher Weise seit Jahren die Baseler jüdische Armenpflege leitet, hat einige bittere Erfahrungen gemacht, auf Grund deren er nun neue Thesen aufstellen möchte. Namentlich ist es das Fiasko der sogenannten Arbeitsämter, die sich bemühten, die Armen ehrlicher Beschäftigung zuzuführen, das den Referenten mit einiger Erbitterung und Entmutigung erfüllte. Da es sich bei dieser Sache nicht nur um ein lokales Uebel handelt, sondern um ein allgemeines, das auch in deutschen Landen Klagen, hervorruft, so sei es uns gestattet, hier über dieses schwierige Problem unserer sozialen Armenfürsorge ganz im allgemeinen unsere Ansicht zu äußern." Ohne die edlen Intentionen der Arbeitsnachweisbureaus auch nur im mindesten verkennen zu wollen, müssen wir doch sagen, daß ihre Tätigkeit den verheißenen Erfolg nicht hatte und nicht haben konnte, weil sie mindestens zwei wichtige Momente zu wenig in Betracht zog, nämlich die individuelle, auf Natur, Neigung und Gewohnheit beruhende Eigenart des Armen und das religiöse Empfinden desselben. Die Arbeit, die den Armen zugewiesen wird, - beschränkt sich zum größten Teil auf Fabriken, öffentliche Bauten und dergl. Es kann aber gewiß z. B. von einem Schneider nicht verlangt werden, daß er plötzlich Hammer oder Axt mit Geschick handhabe. Ebensowenig kann der Schuster, der bisher auf niederem Schemel vor seinem Leisten gesessen, über Nacht gelernt haben, als Handlanger Steine auf das schwindelnd hohe Gerüst zu tragen. Es kommen auch Kaufleute, die Schiffbruch gelitten, und Gelehrte, die um Brot bitten. Diesen allen wird an den Kassen zugerufen: Geht und arbeitet! Ich pflegte als Armenverwalter bei solcher Gelegenheit meine eigenen Finger zu betrachten und an das große Wort des jüdischen Ethikers zu denken: ih ‘pan1? 'JD -j^jn 'HD „Mute nicht einem andern zu, was auch dir nicht lieb wäre." Ein viel schlimmerer Fehler ist die Nichtberücksichtigung der religiösen Gefühle und Bedürfnisse der in Betracht kommenden Arbeiter. Mir sind Fälle bekannt, in denen jüdischen Handwerkern von jüdischen Zentralstellen Arbeit verschafft wurde an Orten, wo sie unrituelle Kost hätten genießen und den Sabbath hätten entweihen müssen. Und als die Leute aus diesem Grunde die Arbeit nicht annahmen, oder 13." ffefanOY 1908 sie nach einigen Tagen wiedereinstellten/wurden sie von jenen Zentralstellen zu Faulenzern und Vaganten gestempelt und von jeder weiteren Fürsorge ausgeschlossen. Wenn Zedokoh, wie ja auch der verehrte Referent richtig betonte, nicht Alm osen,sondern Gerechtigkeit bedeutet, so besteht doch in erster Reihe die Pflicht, daß man die Armen, für die man sorgen will, einer ihnen gewohnten und ihren Fähigkeiten entsprechenden Tätigküt zugeführt. Es ist aber auch eine Pflicht der Gerechtigkeit, daß man die Armen und Elenden nicht noch ärmer und elender dadurch macht, daß man ihnen den einzigen Trost nimmt und sie der Möglichkeit der Ausübung ihrer religiösen Pflichten beraubt. Das nur so im Allgemeinen. Der schwetz - israel. Gemeindebund, der das ehrliche und eifrige Bestreben hat, durch erneute Versuche auf diesem Gebiete weiter zu kommen, wird nicht umhin können, die angeführten Momente ernstlich in Betracht zu ziehen und sie in jedem Einzelfalle gebührend zu berücksichtigen. Das an sich sehr löbliche und auch vom Standpunkte des Judentums sehr zu empfehlende Bemühen, die Armen vor der Gewohnheitsbettelei zu bewahren und sie der ehrlichen Arbeit zu erhalten, würde dann zweifellos bessere Erfolge als bisher zeitigen. Die Sympathien aller, auch der gesetzestreuen Kreise der schweizerischen Judenheit und ihre eifrige Mitarbeit wären dann dem Gemeindebunde auf diesem Gebiete gesichert. S. Geistige Strömungen der Gegen* wart in ihrer Beziehung zum Judentum. „Unsere Mängel find die Augen, mit denen wir das Ideal sehen. Nietzsche. (Schluß.) Nietzsche. Es ist von denkenden Philosophiehistorikern mit Recht bereits hervorgehoben worden, in^ welch tragischer Weise Nietzsche für das Aphoristische, Unvollständige der Darsiellungsart seiner Gedanken zu leiden hat, wie nämlich gerade diejenigen, die er am weitesten von sich weggewiesen hätte, die er als die „Viel zu Vielen" gebrandmarkt, sich des Kleides seiner Gedanken bedienen, um die eigene Blöße zu bergen. Zarathustra's Wort: „Einst dachten sie Helden zu werden, Lüstlinge sind es jetzt," trifft auf eine gewisse Sorte seiner Anhänger zu, die nur dafür einen Aleph Bet-Schützen war er zu alt. Sein Kopf, der vill Hafer, Wein und Viehhandel war, hatte für die zu erlernenden Buchstaben kein freies Plätzchen Nlehr. Nach erfolgloser vierzehntägigcr Mühe mukte dieser Plan aufgegeben werden. Nun versuchte der Fremde seinen Schüler den Wortlaut des Kiddusch mechanisch auswendig lernen zu lassen. Das ging noch weniger. Da kam dem Lehrer ein genialer Gedanke, den er wie eine höhere Erleuchtung aufgriff und damit auch wirklich sein Ziel erreichte. Er lief; sich das Buch bringen, in dem alle Kunden mit ihr",» Ausständen verzeichnet waren. Aus dieses Buch hatte sich alle Intelligenz und alles Interesse an Salme so vollständig konzentriert, daß ihm für alles ander: wenig oder nichts übrig blieb. Es war in deutsch.'r Sprache geführt, die der Fremde nicht lesen konnte, die aber Salme umso geläufiger war." „Wie heißen die fünf ersten .Kunden in Euerm Buch?" Das _ wußte Salme ganz genau, er kannte seine Kundschaft der Reihe nach, wie sie im Buche verzeichnet war auswendig, ohne nur einen Blick ins Buch werfen zu müssen. „Hans, Kunz, Heinrich, Peter Johannes," antwortete er mit einer Schlagsertigkeit, die sein Lehrer brS jetzt »loch nicht an ihm bemerkt hatte. „Gut," sagte der Lehrer, „nun denkt Euch einmal Hans heiße Wajechulu, Kunz Hascho»najim, Heinrich §oorcz, Peter Wechol und Johannes Zelvoom, und hr kennt schon den ersten Satz vorn Kiddusch. Das war ein probates Mittel. In zwei Tagen kannte er den ganzen Kiddusch, allerdings nur in Verbindung mit den Namen seiner Kunde,». Also: Hans Wajuchaln, Kunz Haschs »u jun», Heinrich Hoorez, Peter Wechol, Johannes Zewovm. Nunmehr machte ihm der Lehrer begreiflich, daß es eigerrttich unnötig sei. die alten Namen der Kunden imrner nntzüsügen und daß für Schabbos die neuen Namen vollständig genügten. Das leuchtete Salm: durchaus ein und in zwei »veiteren Tagen hatte er ein verändertes Kundenregister und dainit auch den Kiddusch so vollständig im Kops, daß er ihn a»n nächsten Freitag sait ohne Atlstoß praktisch verwerten konnte. War das eine Freude im ganzen Hause! Sie leuchtete noch jetzt aus den Mienen der Erzähler, als sie die Erinnerung daran durch die Mitteilung aussrischteu. Reich beschenkt verließ der fronrme Gast in der folgenden Woche das gastliche Haus seines Schülers, aber der Kiddusch blieb zurück und wurde Saline, wie jedes schwer errungene Glück von Sabbat zu Sabbat geläufiger und teuerer. Sc »veit wäre alles gut gegangen, wenn nicht im i!crufe der Jahre der unerbittliche Tod einen dicken Strich durch diese glückliche Lösung des Kiduschproblems gemacht hätte.' Der Kiddusch ist, da er lauter Worte des lebendigen, einigen Gottes enthält, unsterblich und unveränderlich. Bon den Kunden starben aber i»n Laufe der Jahre so manche hinweg unjd für diese hatte Salme dann so vollständig alles Interesse und Gedächtnis verloren, daß sie mit der Zeit auch aus seinem Kiddusch schwanden. Sie hatten Wert und Bedeutung für ihn verloren, er hätte es für eine Blasphemie gehalten, sie auch ferner in seinen» Kiddusch figurieren zu lassen. Wen»» ein Gebet ohne Andacht mit einem Körper ohne Seele verglichen »vird, so meinte Salme, daß »auch die Umkehrung dieses Gleichnisses ihre Richtigkeit haben müsse. Er schied die toten Körper aus seinem seelenvollen Kiddusch und das war der tiefe Sinn der Begründung aller lyrischen Sprünge seines Kiddusch: si: waren längst gestorben. Diese und ähnliche Züge belehrter» Rabbi Kallnan hinlänglich darüber, wes Geistes Kind sein Wirt »var »»nd daß in dieser Richtung auch die Mängel zu suchen Ware»», die seiner Qualifikation als Schächter anhafteten. Umsomehr hielt er sich verpflichtet, belehrend und ermahnend nach dieser Seite hin einzugreifei», da hier zweifellos nur große Unkenntnis, aber kein böser Wille vorlag. Als sie a»n Sabbat-Nachmittag in ihrer Unterhaltung au» die Lichtu»td Schattenseiten ihres Lebens in einen» Dorfe öhne jeden Verkehr mit Glaubensgenossen zu sprechen kamen, warf der Rabbi ganz harmlos die Frage hin, aus welcher Kahillo sein Wirt das Fleisch beziehe. Mit derselben sieghaften Selbstgefälligkeit, mit der er gestern Abend seinen Kiddusch hinausgesubelt hatte, erwiderte Salme: „Aus welcher Kehillo? Wir beziehen gar kein Fleisch von auswärts, das haben »vir Boruch Haschem (Gott sei Tank) »richt nötig, ich bin ja selber Schochet." „Da finde ich ja i»n»»er neue Vorzüge an Euch," entgegnete Rabbi Kalmam», „von wein habt Ihr denn Kabbolo (die rabbinische Autorisation)?" Triumphicrcnd »vars fick Salme in die Brust: „Bo»n Rabbiner in Offenbach!" Rabbi Kalmann siel ein Stein voin.Herzen. In diesem Falle, dachte er, tverde er hier leicht Wandel ickiassen, oh»re daß er nötig habe, direkt einzugreifen und seinem Wirt selber das Handwerk zu lege»». Wenn er »norgen zu seinen» Freu»»de komme, solle die Abstellung dieses Mitzstandes das erste sein, was er zur Sprach bringe Aber es sollte in Wirklichkeit ntdjt cinrnal bis morgen dauern. Kurze Zeit nach Sabbat> Ausgang hatte Rabbi Abraham Metz seinem Freunde eine Kutsche nach Osfenbach geschickt, welche ihn noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.