Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1908)
- Date
- 1908-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WWW 13. Februar 1908 Parteien, der über die Frage der Vereinigung zu beraten hätte, zustande gebracht werden könne. Diese Kundgebung des Ministers war zwar noch sehr weit entfernt von einer Erfüllung der neologen Wünsche; aber sie war doch geeignet, die Orthodoxen in die größte Beunruhigung zu versetzen. Man weiß ja, daß die Neologen mit einer einheitlichen Organisation, in der sie die Herrschaft zu führen hoffen, nichts anderes als die Entrechtung des orthodoxen Judentums beabsichtigen. Es ist darum gewiß begreiflich, wenn unsere Gesinnungsgenossen in Ungarn auch eine noch so unverbindliche Regierungsäußerung, die die Möglichkeit einer Einheilsorganisation ins Auge faßt, mit höchster Besorgnis aufnahmen. Es war dies nicht nur begreiflich, sondern sogar ihre Pflicht. Der Schrecken, der die Gesetzestreuen ergriffen hatte, ist mittlerweile infolge einer weiteren Meinungsäußerung des Kultusministers einer gewissen Beruhigung gewichen. Der Minister hat mit dieser Aeußernng zu erkennen gegeben, daß er jeden Gewissenszwang, der durch eine Gesamtorganisation veranlaßt werden könnte, verrnieden wissen will. Immerhin werden die Orthodoxen gut daran tun, auf der Wacht zu sein, und der Regierung in jeder möglichen Weise klar zu machen, daß sie in den Bestrebungen der Neologen die schwerste Gefahr für das Judentum erblicken und sich mit allen Kräften gegen die daraus mit Notwendigkeit resultiernde Gewissensbedrückung wehren müssen. Süd-fKriha. Es ist merkwürdig, in tvelche logischen Widersprüche sich die besten Köpfe verwickeln und mit welcher Liberalität diese Widersprüche auch von den liberalsten Zeitungen -geduldet werden, lvenn es sich um Juden handelt. In ihrer Abendausgabe vom 12. Februar bringt die „Kölnische Zeitung" einen Bericht aus Transvaal, in dem zuerst des längeren über die Zulus, dann über die für Transvaal sehr bedeutungsvolle Frage der Asiateneinwanderung gesprochen und schließlich neben den anderen Fremdkörpern auch die Juden behandelt werden, in deren Einwanderung der Korrespondent eine schwere Gefahr erblickt. Es heißt da: „Dazwischen aber wuchert hier in aller Stille, im Schutze des Lärmens über all diese verhältnismäßig kleinen Dinge ein Kraut, dessen Wachstum in gar nicht so langer Zeit hier ganz andere Uebelstände zeitigen wird, als es diejenigen sind, welche ruf die Anwesenheit der Indier und Asiaten zurückzuführen sind. Es handelt sich um die stetige und beinahe unbemerkte Einwanderung armer jüdischer Elemente aus Rußland, Rumänien und Polen. Gegen diese Leute — denn sie sind Weiße — gibt es keine Ausnahme-Gesetze, kann es auch nicht geben. Mit ihrem Fleiß, ihrer Nüchternheit, ihrer unglaublichen Sparzur Hausfrau, welche es der Tochter abgenommen hatte. „Das ist meine Lieblingsspeise, die mir in Ihrem Hause besonders teuer ist. Ich habe Ihnen . noch nicht gesagt, h'aß ich auf der Reise keinerlei gekochte Speisen genreße, da ist mir Ihr Obst und Ihr Schabbosbrot doppelt willkommen." „Ter Rabbi will bei uns nicht essen?" fragte betroffen die gastliche Wirtin. „Das kann der Rabbi im Er»»st nicht meinen. Man darf doch am Schabbos nicht fasten. Mein Salme hat soeben auch einem fetten Hammel extra für den Rabbi geschachtet, nein, das tut uns per Rabbi nicht an." Bei diesen Worten trat der Hauswirt selber in das Zimmer und war ganz sprachlos, als er von der Absicht seines Gastes hörte. Aber die Festigkeit, mit welcher der letztere bei seiner Weigerung verblieb, nötigte die braven Leute sich zu fügen. „Aber ein Stück von unseren Schab bos-Fischen ißt doch der Rabbi?" fragte die Wirtin. Auch das lehnte der Gast ab, da in einem Haushalt, der so .durch und durch trepha war, auch das an und für sich Erlaubte durch das Kochgeschirr, in dem es gekocht, und die Speisegeräte, aus welchen es gegessen wird, zum Genüsse untersagt ist. Ter guten Frau traten die Tränen in die Augen, aber ihr Gast ließ.sich nicht erweichen. Er zog sich auf sein Zimmer zurück, und versprach, Abends zu Tisch sich einzufinden, die schönen Schobbosbrode, das frische Obst und einen Krug.Bier werde er dankbar annehmen. Eine Stunde vor Schabbos sah der Rabbi von seinem Zimmer aus, wie die Wagen seines Hauswirtes beladen mit Heu und Getreide vom Felde heimkamen. Mit Eintritt des Schabbos ruhte jede Tätigkeit. Einige Bauern hatten sich in der Wirtsstube eingesunden, zu seinen» freudigen Staunen merkte der Rabbi, wie am Atzend und am folgenden Tage die Gäste, ohne DerJSraeltt. samkeit kommen sie hier überraschend schnell vorwärts. Während der jetzigen Periode des Niederganges, wo Grund und Boden, wo fast alles feinen Wert verloren hat, erwerben sie rechts und links zu Spottpreisen und, wenn eines Tages Südafrika arrs seiner jetzigen Krise des Mederganges erivacht, wird es sich einer ganz neuen und ungleich furchtbarern Krisis gegenüber sehen, als sie jetzt durch die Asiaten hervorgerufen ist." Wir möchten wissen, worin in einem Lande, das seinen wirtschaftlichen Aufschwung und seine kulturelle Entwickelung doch hauptsächlich dem Zusammenwirken der verschiedensten ethnischen Elemente verdankt, die Gefahr bestehen soll, wenn dort Russische Juden „Fleiß, Nüchternheit und Sparsamkeit" betätigen und sich auf diese Weise eine Existenz gründen. Es scheint, als ob das Mommsen'sche Schlagwori von der „nationalen Dekomposition", das man in dem Zusammenhänge, in dem es gesprochen wurde, noch begreiflich fiüden kann, Schule macht und selbst dort angewandt wird, wo es geradezu eineu Unsinn bedeutet. Jedenfalls ist es sehr bedauerlich, daß die „Köln. Ztg." es »licht verschmäht, dem salonfähigen Antisemitismus Wasser auf seine Mühle zu leiten. Me«bar««g und Tradition. Eine religions-phtlosophische Betrachtung. Bon Rabbiner I. Nobel in Filehne. UI. Wir haben im vorigen die wirkenden Kräfte, die das Reich des Geistes für alle Zeiten tragen, gemäß dem Beruf des jüdischen Herzens und der mit dem Adelsbrief vom Sinai her geschmückten jüdischen Weltanschauung in der „Offenbarung und Tradition" erkannt. Beide Begriffe sind uns Bezeichnungen sowohl für den Lehrinhalt unserer Religion in schriftlicher und mündlicher Lehre, als auch für die Art und Weise, in der uns das Religionsgesetz übermittelt wurde und durch die Geschlechter hindurch sich fortpflanzt. Sie sind die höchsten sittlichen allumfassendsten Güter der Menschheit und die urgewaltigsten sittlichen Kräfte, die das Weltenall durchfluten. In welchem Verhältnis steht nun die übernatürliche Offenbarung und deren Tradition zur natürlichen? Die Weltschöpfung an und für sich als Ausstuß des göttlichen Willens ist natürliche Offenbarung, und der Hauch der Schöpfung, der jeden Atemzug der Natur beseelt, ist Gotteshauch, natürliche Offenbarung. Der naive Mensch, solange er sich nach dem freien Spiel seiner Kräfte entwickelt, ist gleichfalls nur Glied in dieser unendlichen Kette. Erst in dem Augenblick, da der Wille der Gottheit ihm kund wird in irgend einem Grade der Deutlichkeit vom Traumbild an bis mp ■'.l-i-,'.-svtJ, Bette 8. «r. 7 zur Wesensgestaltung, oder richtiger Wesens- Versinnbildlichung, hebt er sich bewußt empor aus dem Dämmern und Tasten im Reiche der Wahrheit. Bergl. hierzu 4 Mos. 12, 6—8 und Maim., Moreh Nebuchim 1,3. Ohne die geistige Schöpfung., was im Grunde jede unmittelbare Offenbarung der Gotthett ist, kann kein wahrer der Ewigkeit zugewandter Fortschritt in der menschlichen Kultur erfolgen. Wohl jauchzen auch bei heidnischen Völkern verschwommene und vom Nebel der Vielgötterei noch tief umdämmerte Wahrheiten himmelwärts. Die Liebe Gottes, des Vaters der Gestirne, spiegelt sich eben in den Heiden der gesamten Menschheit wieder. Doch es ist oft nur eine Scheinspiegelung, weil das wahre Abbild des Göttlichen nur da auflebt, wo der Offenbarungsglaube und seine Tradition sich wie mit einer Art überirdischer religiöser Schwerkraft ins Herz des Menschen gesenkt hat. Wenn das Bild gestattet ist : Wohl rauscht das Meer allüberall in Schönheit dahin. Aber nur da, wo die Sonne sich in seinen Fluten spiegelt, saugen murmelnde Wellen in jubelndem Eifer ihre Strahlen auf, nur da hebt je nach der Tiefe, der Kraft und dem Pulsschlag der Woge ein andersfarbiges Lied aus der Leier an, die die Sonne mtt goldenen Strahlensaiten vom Himmel herab ins Meer taucht. Es ist wahr, der Tempel des Weltalls und der Weltgeschichte klingt wieder von den berauschenden Jubelhymnen, die auf dem Fittig des Dankes sich zu Himmelshöhen empoiHchwangen von den Altären reiner und beglückter Menschenherzen aus! Keine Sprache ist so klanglos und ungefügig, um nicht die Gefühle der Dankbarkeit und Ehrfurcht des Menschen gegenüber der himmlischen Macht in den Reim des Liedes zu kleiden. Und doch, keine Sprache ist so vollendet und herrlich, um die Gefühle und Regungen der Erd? vürger ganz harmonisch dem Allvater zu verkörpern. Alles, was der Mensch Schönes wirkt, in Rat und Tat, in Sang und Klang, hat etwas von der Schwäche des Weibgeborenen an sich. Aber hoch hinaus über menschliches Fehlen, über irdische Ohnmacht ragt unsere Gotteslehre. ntran 'n rmn, die Lehre des Ewigen ist vollkommen! Wenn die Geschichte über ein Echo verfügt, das selbst in die Brust des gewöhnlichen Sterblichen prophetische Klänge trägt, so ist es mir, als hörte ich ein Vip rp rufen: Horch auf, mein Volk, stimme freudig deine Seele! Der Tag der Freiheit, da die Sonne der Offenbarung am Horizont Deines geschichtlichen religiösen Lebens aufstieg, er leuchtet Dir auch heute in unvermindertem Glanze. Schwinge Dich auf über allen Kummer und Gram, frohlocke esu £ ihre Zeche zu zahlen, das Haus verließen. Sie wußten, daß Salme tun Schabbos kein Geld nimmt, und zahlten erst am Sonntag. Dieses wunderbare Gemisch von religiöser Gewissenyastigkeit ans der einen und vollendeter Gewissenlosigkeit aus der anderen Seite war dem Rabbi ein unerklärliches Rätsel. Am Abentz. fand er sich mit der festlich gekleideten Familie zur Mahlzeit ein. Diese wurde in einer besonderen Schabbos-Stube eingenommen, die während der ganzen Woche nicht benutzt und ausschließlich für Schabbos und Jomtof reserviert war. Der Hausherr sprach den Kiddusch über einen Becher Wein. Er sprach den Kiddusch auswendig, obwohl er das Gebetbuch vor sich hatte und keinen Blick aus demselben verwandte. Denn bin Blick des Rabbi belehrte ihn, daß sein Wirt Pie Jom Kippur-Schemone-Esre aufgeschlagen hatte, aus welcher er den Kiddusch abzulesen sich den Anschein gab. Dabei kam es vor, daß er hie und da eins und mehrere Worte ausließ. Er sing z. B. an: Wajc^rlu — Hoorez — Zwoom — bajom Haschwii — ascher oso u. st w. Das alles tat er aber mit solcher Würde und Selbstgefälligkeit, wre wenn jemand ein schweres Problem glücklich gelöst hat. Er erwartete augenscheinlich ein Wort der Allerkennung von seinem Gast über den glänzenden Verlauf seines Kiddusch-Debüts, und als dieser ausblieb, fragt? die Hausfrau mit selbstzufriedenem Stolze: „Nun, wre hat dem Rabbi oer Kiddusch von meinem Salme gefallen?" „Ausgezeichnet," erwiderte der Gefragte an die Hausfrau gewandt, „nur sagt man bei uns in Darmstadt noch einige Worte mehr, die Ihr ausgelassen habt. Das wird hier so Minhag (Brauch) sein." „Nein," erwiderte mil überlegenem Lächeln der Wrrt, „das bat mit dem Mink, rg nichts zu tun. Die sind schon längst gestorben." Der Sinn oder die Sinnlosigkeit der letzten Worte waren für den Rabbi ein neues Rätsel. Aber dieses H klärte sich am folgenden Tage auf, als er mit der > A Familie, verrrguter wurde. Er erfuhr dann, daß schon j die Eltern des einzigen Wirtes hrer wohnten. Der , Vater sei vor zehn Jahren gestorben und in Hanau, woher er stammte, beerdigt worden. Dieser sei ein Z frommer, gelernter Mann gewesen. Aber hier im 4 Torfe ohne allen Verkehr mit Glaubensgenossen sei j der Sohn in Unwissenheit herangewachsen. Der Vater habe zwar den Sohn in frühester Jugend dürftig .1 jüdisch lesen gelehrt, aber das habe er im Laufe der .? Jahre wieder vergessen. Die Wirtschaft, der Feld- < bau und der Handel habe die ganze Zeit des Vaters ■> von früh bis spät ausgefüllt, so daß er sich um die » Erziehung des Sohnes nicht mit der nötigen Sorgfalt kümmerte. Er sei zwar als braver, frommer Mann herangewachsen, der auch nach dem Heimgang der Eltern alles so weiter führte, wie er es bis jetzt i vor sich gesehen hatte aber die große Unwissenheit f: in allen jüdischen Dingen machte sich erst jetzt so recht geltend. Am ersten Sabbat nach, dem Tode des Vaters stellte cs sich heraus, drß er nicht einmal Kiddusch •' machen konnte. Bis jetzt hatte es der Vater getan, \; aber als er am ersten Freitag Abend ratlos mit dem Becher in per Hand dastand und nicht ein ein- V, ziges Wort hervorbringen konnte, sei ihm seine Un- . wissenheit schwer auf die Seele gefallen. Sie aßen .. am Sabbatfest das ganze Trauerjahr hindurch ohne Z Kiddufch, bis durch eine glückliche Fügung ein ge- | lernter „armer Mann aus Polen über Sabbat, rhr H Gast war. Sic versprachen ihm freie Station und -Z ein reiches Geldgeschenk, wenn «r dem Wirt die Kunst des Kidduschnrachens beibringen wolle. Dieser erklärte J sich dazu bereit und fing mit Salme das Aleph Bet } an, um ihn zunächst richtig lesen zu lehren. Aber >