Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1908)
- Date
- 1908-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Veite 2. Hy,? _■ _ _ noch gelungen, in das Innenleben eines Änderen sich so hineinzuleben, alle FLltchen seines Seelenlebens so vollständig aufzurollen, die unendliche Zahl der, schneller als jede meßbare Zeitspanne sich überstürzenden Einzelregungen und Einzelempsindungen so zu verfolgen und wieder zu einem zusammenhängenden Bilde zu vereinigenwie es nur allein derjenige vermag, in dessen Brust sich diese Ereignisse vollziehen und die Discrepanz der Einzelphasen sich zur Harmonie des Ganzen gestaltet. Nur der Mensch selbst kann aus Erden sich wirklich erkennen,- vor sich selbst giebt es keinen' Fehlschluß, weil kein Geheimnis,- nur sich selbst gegenüber kann er jene Restlosigkeit psychischen Verständnisses erzielen, die von jeher der Wissenschaft vom Menschen als höchstes, erstrebenswertestes Ziel vorschwebte, das doch nimmer erreicht werden kann. In diesem Vorzüge birgt sich aber eine furchtbare Gefahr. Je weniger die Außenstehenden dem fremden Seelenleben gerecht zu werden vermögen, je größer darum dem Betroffenen das Unrecht erscheint, das ihm durch Mißdeutung, Unterschätzung, Unverstehen angetan wird; um so mehr ist er, der sich gerechter als seine Richter zu beurteilen vermag, geneigt zu jenem Seelenkult, jener Selbstverzärtelung, jener freudvoll-leidvollen Weltschmerzlichkeit, die den besten Nährboden für die ganze Schar krankhafter Empfindungen, lebensschwacher Regungen, kraftloser Handlungen liefert, die man allzu milde als äövadovee zu bezeichnen liebt. So wird jene Stimmung erzeugte in der der Erste der Beste, der es gar nicht nötig hat, von der Menschheit ganzem Jammer sich erfaßt fühlt und wähnt,- und dabei ist es in Wahrheit doch nur ein ganz banaler Katzenjammer, der mit dem großen „Weltenleid der Menschheit" — wenn es eins gäbe! — wahrlich nicht baß Geringste zu schaffen hätte. So ersteht ein Geschlecht von „Jungen", die älter als die „Aeltesten" sind, die, so furchtbar überlegt und klug und erfahren, niemals eine rechtschaffene Dummheit machen, denen das sentiment nie mit der Logik durchgeht. Nichts Gefährlicheres aber auch für das Judentum unserer Thauroh, als diese in ihre fade Weltschmerzlichkeit sich behaglich einspinnende Selbstbetrachtung, Selbstanalyse. masor Tino iropa nra mm. Wahre Thauroh, echtes Judentum kann nicht gedeihen in der stickig-dumpfen Atmosphäre sich selbst vergötternder Wehleidigkeit und raffinierter Ueberempfindelei. Sie ist zu gesund, allzu kraftvoll und saftvoll veranlagt, um in der irrespirablen Luft hysterischer Unnatur leben und weben zu könüen. In diesem Sinne gelte darum für uns, meine Freunde, das Wort : „Wie kann man sich selbst erkennen? Durch Betrachten niemals!" 111. „Wohl aber durch Handeln! Versuche Deine Pflicht zu tun. Was aber ist Deine Pflicht? Die Forderung des Tages!" Da drängt sich eine Vorfrage auf: Wie? Gibt es für den orthodoxen Juden, wenn er dieses seines Religionsstandpunktes sich bewußt ist, überhaupt eine Forderung des Tages in dem Sinne, daß der Tag neue Pflichten, neue Forderungeu schaffen und erheben kann? Ist unsere Thauroh nicht unabänderlich, das Maß aller Dinge? Bestreiten wir nicht, müssen wir nicht den Entwickelungsgedanken in unjerer Religion bestreiten, mit Stolz, dem 1w8 2p)T pt« 2718, dem Gott gefälligen Stolz den Satz vertreten, daß mn 8713 7P2 81, daß in unserem Gottesgesetze alles mindestes angedeutet ist, was jemals früher oder später an sittlich-guten und menschlich-schönen Gedanken, Stimmungen und Handlungen in die Erscheinung treten und an das Menschenherz appellieren mag?! Statt langer theoretischer Erörterung, lassen Sie, meine Freunde, mich sogleich in medias res eintreten und auf den drei von mir genannten Gebieten, dem Denken, Empfinden und Tun Ihnen demonstrieren, daß nicht nur unbeschadet der Ewigkeit unserer Thauroh, sonder gerade um dieser ihrerEigenschaft willen jede Zeit und unsere ganz besonders neues Verlangen an uns stellt, neue Betätigungsformen heischen darf. (Fortsetzung folgt.) Mochenrunöschav. vis Kampfmittel der badifdien Oberrafsparfei. Der Kampf um die Wahlen zur badischen Landessynagoge ist jetzt iu vollem Gange. Er hat sich zu besonderer Schärfe ausgewachsen durch das Auftreten einer „Liberalen Vereinigung", die von der bisher immer ihre Unparteilichkeit und Objektivität betonenden obersten israelitischen Behörde, dem Oberrat, offen protegiert wird. Diese Gestaltung des Wahlkampfes hat natürlicherweise auch zur Folge gehabt, daß das Kompromiß, das für Mannheim zustande gekommen war, wieder in die Brüche ging. Draußen aus dem Lande sucht nun die Oberratspartei die Kandidaten der in dem Wahlkampfe gemeinsam vorgehenden Orthodoxie und der Zionisten auf originelle Art aus dem Sattel zu heben. Februar 1908. Sie bemüht sich nämlich, diesen Kandidaten ebenfalls orthodoxe Männer gegenüberzustellen, wohlweislich aber solche, von denen sie weiß-daß sie mangels der notwendigen Selbständigkeit und Energie den Wünschen des Oberräts niemals entgegentretkn werden. Auf diese Weise sollen die gesetzestreuen Wähler geködert werden. Wir haben indeß die Zuversicht, daß die gesetzestreue jüdische Bevölkerung Helle genug ist, um diese Wahlmanöver zu durchschauen. Und wir glauben auch, daß sie sich durch das tolerante Mäntelchen, das sich die „Liberale Bereinigung" in ihren Kundgebungen umhängt, nicht irre machen lassen wird. Die Oberratsleute triefen jetzt geradezu von Toleranz, jetzt, v o r der Wahl. Wie es damit nach der Wahl aussehen wird, das hat uns die vieljährige Geschichte des Systems Mayer genügend klar gemacht. Jetzt heißt es für unsere Gesinnungsgenossen in Baden auf der Hut sein und den schönen Versprechungen, mit denen die Gegner in der Oeffentlichfeit für sich Stimmung zu machen suchen, den Glauben zu schenken, den sie verdienen. Es müssen alle Kräfte gesammelt werden zur Abwehr der dem orthodoxen Judentum drohenden Gefahr: es gilt, einer möglichst großen Zahl von Kandidaten des gesetzestreuen Wahlbureaus zum Siege zu verhelfen und so den Interessen des überlieferten Judentums eine starke Vertretung in der Synode zu sichern. Nur dann kann auf eine Vereitelung der 'Gebetbuchpläne gerechnet werden. vie neologen €inheifsmadier in Ungarn. Der Kamps gegen die Pläne einer staatlichen Einheitsorganisation, den die preußischen Juden seit einiger Zeit führen müssen, ist innerhalb der ungarischen Judenheit schon mehrere Jahrzehnte hindurch aus der Tagesordnung. Bald spielte er sich mehr unter der Oberfläche des politischen Lebens, in den Bureaus der neologen und der orthodoxen Landeskanzlei, ab, bald trat er gelegentlich irgend einer Anzettelung der Neologen, die in der Wahl der Mittel nicht skrupulös sind und besonders gern in denunziawrischer Tätigkeit machen, vor die Augen der großen Oeffentlichkeit. Mit ungeheuerer Zähigkeit, die wahrlich einer besseren Sache würdig wäre, haben die Freunde der Vereinheitlichung des ungarischen Judentums an ihrenl Ideal festgehalten und so schien es denn auch in den letzten Tagen, als ob sie einen Erfolg errungen hätten. Der Kultusminister Apponyi war offenbar des immerwährenden Drängens der rreologen Führer müde geworden und er machte ihnen daher das Zugeständnis, Gutachten darüber einzufordern, wie ein gemeinschaftlicher Kongreß der beiden leines euilleton. kl« weiser Wirt. Bon JudSrrs. (Fortsetzung.) Die Orders waren so vernünftig und wurden mit solcher Entschiedenheit ausgesprochen, das sich ihnen alle, die es anging, sofort fügten. Der Hausherr führte seinen Gast in das schön ausgestattete Frundenzimmer, holte die Jomtoskleider herbei und iu einer Viertelstunde saß der Rabbi in einem bequemen Fauteuil und wollte eben die Sidra zweimal nn Urtext und einmal in der Uebertragung des Onkelos rezitieren, als seine Aufmerlsnmkeit durch eine Unterhaltung abgelenkt wurde, die von unten durch das offene Fenster zu ihm heraufdrang. Er merkte sofort, daß er selber 'der Gegenstand des lebhaften G.'- fprächs war. Die Muter wies die Tochter an, von Den Obstbäumen alles, was an Obst reif lind schmackhaft war, als Schabbosobst für den teuern Gast zu?»stücken. Der Wirt rief seinen Meschores, er solle ofort das beste Schaf aus dem Stall holen, er wolle es noch rasch schachten, ec sei noch früh genug, bis Schabbos rönne es längst am Feuer braten. Dem Rabbi tat es wohl, die herzliche Gastlichkeit der schlichten Leute zu sehen. Er hatte zwar beim ersten Blick richtig bemerkt, daß ihnen jede tiefere Kenntnis der Thora abging, aber um so mehr befriedigte ihn die praktische Biederkeit und Frömmigkeit, die ohne jedes theoretische Wissen so herrliche Blüten trieb. Sie müssen einmal fromme, gelehrte Eltern und Großeltern gehabt haben, sagte er sich, und der Flügelschlag ihres Geistes regt sich noch so mächtig im Leben der Kinder und Enkel, daß sie wie Vater Abraham, das ganze Haus auf den Kopf stellen möchten, a^m die Thora zu ehren, die sie in mir vertreten glauben. Jsroel Kedoschim hem, Jsroel ist heilig! rief er einmal über's andere mal aus, als er, y)ns Fenster tretend, hinter den weißen Vorhängen einen Blick aus den Hof werfen konnte. Und diese Leute lebten seit wer weiß wie viel Jahren ganz allein auf einem Dorfe inmitten einer Bevölkerung von Bauern und Arbeitern, es geht ihnen jeder Verkehr mit gleichgesinnten Genossen ab. Israel ist heilig.' Eben führte der Meschores einen feisten Hammel aus dem Strlle, legte ihn auf eine nmgestürzte Waschbütte, band ihm die Füße und legte Kopf und Hals zurecht, damit der Hausherr, der daneben stand, seines Amtes als Schächter walten könne. Da griff der Hausherr in dre Hosentasche, nahm' ein zusammengelegtes großes Taschenmesser heraus, öffnete es und schnitt dem Schaf Id en Kopf mit einem so raschem kräjtigen Schnitt ab, daß er fast die Wirbelsäule durchschnitten hätte. Dann wischte er sein blutiges Messer an einigen Krautblättern ab und steckte es in die Tasche. Rabbi Kalman war starr vor Schreck über das, was er da gesehen hatte. War es doch in jener Zeit, die man jedenfalls in tdtem einen Sinne die gute, alte nennen darf, daß ein Jude ruhig bei einem andern essen und trinken durste, ohne befürchten zu müssen, die religionsgesetzlichen Bestimmungen über Speise und Trank dadurch zu übertreten. Und nun sieht er von diesem Mann ein Tier schlachten ohne besonderes Messer, ohne dasselbe vorher zu untersuchen! Hätte er das jetzt nicht mit eigenen Augen gesehen, so hätte er doch ohne jedes Bedenken hier gegessen! Eine Zeit lang war er ganz fassungslos. Er wollte nun noch von seinem Fenster aus sich zuerst einmal vergewissern, ob und wie dieser sonderbare Schächter die innere Untersuchung des Tieres vornehme. Aber er gab dieses Vorhaben bald aus, es hatte ja keinen praktischen Wert für ihn. Daß er hier keinen Bissen essen könne, das stand ihm fest. Auch war es ihm nicht zweifelhaft, daß er es nicht mit einen! schlechten, sondern nur mit einem unwissenden Menschen zu tun habe. Wie er ihm auf schonende Weise sein Unrecht zum Bewußtsein bringen könne, ohne ihn direkt zu beleidigen, war jetzt seine angelegentliche Sorge und er hoffte, seine Menschenkenntnis und Lebenserfahrung werde ihm schon den rechten Weg zeigen. Einen Augenblick dachte der Rabbi daran, seinen Wirten *oen wahren Grund seiner Weigerung mitzuteilen. Er hielt sich sogar dazu für verpflichtet. Denn so gut ihm selber die Speisen dort verboten waren, waren sie es ja auch der ganzen Familie. Aber er kannte dieselbe noch nicht genügend, um sicher zu sein, ob sie auch sein Verbot respektieren ^würden. Würden sie seiner Mahnung keine Folge leisten und doch ihre Speisen weiter essen, so würden sie ein Unrecht mit vollem Bewußtsein begehen, während sie unaufgeklärt nur in Irrtum und Unwissenheit fehlten. Diese Erwägung drängte ihm die Pflicht der mahnenden Zurechtweisung zurück und bestimmte ihn zuzuwarten. Er blieb rtocfy eine halbe Stunde ans fernen! Zimmer, dann ging er aus den Korridor und traf dort die Tochter, tote sie das frisch gepflückte Obst eben vom Garten ins Haus trug. „Was Ihr für herrliches Obst habt," sprach er