Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1908)
- Date
- 1908-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israe 49. Jafirgano. Bb Eentraloria flirte ffflMße Jiflutu leßklMD» iStdBnliniiiB : m m EMni|f|lpi — m 9flll 13. Februar 1908. Sranhfurf a. m, den n nflar 56ßg M 7 Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Nbomrements: Gewöhnliche Ausgabe Ml. ILO vrerteljkhrlich, HestauSgabe auf Knnstdruckpapier Ml. 3.— vierteljähÄich. (Auslandspreise Wt di« gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., RuUand 1 Ruo., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandümgeu, sowie dirM bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserater 30 Pfennig für die sechSgeipaltene Colonel-Zeile; Rabatt «ach Tarif. Jnseratenannahme nur durch inHaasensteiu u. Bögler » Ganto bet der fl. S. Postsparkasse Wien Ro. 78808. Frankfurt a. M. und deren Filialen. «onto bei der Rigaer «onnnerzbanr st» «tza. Conto bei dem fl. Postfparkastenamt »ndapest Ro. 18484. und deren Filialen in DwiuSk, Libau, Bialhstok» RevalnnstSch vie Torderöug des träges. Bortrag, gehalten bei dem Stiftungsfeste der Bereinigung jüdischer Akademiker zu Berlin, von Dr. Eduard Biber seid in Berlin. „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche Deine Pflicht zu tun und Du weißt gleich, was an Dir ist. Was aber ist Deine Pflicht? Die Forderung des Tages!" Verehrte Gäste, liebe Commilitonen! Nicht besser als mit diesen gedankenreichen Sätzen unseres Altmeisters Goethe glaube ich die Worte einleiten zu sollen, die, Ihrer freundlichen Aufforderung folgend, ich in der Wiederkehr der Stunde, die unserer VIA §u ihrem Entstehen verhalf, an Sie jetzt richten möchte. Diese Goethe'schen Worte, sie besagen mehr als bloß unter vielen eine Weisheitssentenz, die sich bemüht, die Welt und die Dinge im Raum so zu schauen, wie sie sein sollen, und darüber das Augenmaß verliert für den Wert der Dinge, wie sie sind,- die darum Entwickelungen unterbindet, welche möglich und gut und heilsam find, und andere erträumt, die, so. wünschenswert sie erscheinen mögen, dennoch unfruchtbare Hemmungsbildungen bleiben, weil sie die Grenzen des Menschenseins zu sprengen unternehmen. — Sie ist aber auch ebensowenig oder noch weniger das Glaubensbekenntnis zum sogenannten „gesunden Menschenverstand", der sich erhaben dünkt über den Ideengehalt der Vorgänge und den Geist in den Erscheinungsformen des Lebensder lediglich der allerrohesten Empirie die Berechtigung Schlußfolgerungen zu ziehen zuerkennen mag und lediglich sein eignes, mehr als beschränktes Faffungsvermögen als modulus aller geistigen Werte gelten läßt. — In diesen kurzen Sätzen ist ein Lebensprogramm umschrieben^ das Programm eines jeden Lebens, das zu jener Kalokägathia des Geistes und Gemütes hinstrebt die ebenso unsere Thauroh hakedauschoh wie dem echten, alten Hellenentum al§ allen schönen Gleichmaßes erstrebenswerte Summe erschien, (so fasse ich jenen unsagbar schönen, nur leider allzuoft mißdeuteten, talmudifchen Satz von der tw Britta ns' bv in'L'L?); das Ort : gedrungener Kraft seinesgleichen suchende Programm eines jeden wahren Lebens ist es, w-lches vor Allen jenes Ziel zu erreichen sich bemüht, das wiederum Goethe als wahren MenschtuyrS echtestes Merkmal nur allzuwahr Hrgesprochen hat: Persönlichkeit zu werden, Persönlichkeit zu sein! — Persönlichkeit in dlen Sinne des Wortes, der Wahreit gegen sich selbst, als erste aller Tugenden Persönlichkeit mit dem Ziele, das eigene entwickeln, anstatt Höchste zu sich anzueignen zu versuchen - Können auf's fremde Vorzüge Persönlichkeit von der Art, die ihres Eigenwertes zu dem Zwecke sich bewußt wird, um daraus gehobenere, moralische Qualitäten herzuleiten, gesteigerte Pflichtbegriffe zu schaffen, die der Herdennatur verschlossen, dem Niedriggestimmten unbekannt sind. „Versuche Deine Pflicht zu thun!" Nichts Anderes ists ja, was am letzten Ende den Stempel der Persönlichkeit liefert, daß sie den Menschen in seiner Gänze mit Pflichtgefühl und Pflichtbewußtsein durchdringt,- daß jeder Gedanke, jede Regung, jeder Schritt unter der Herrschaft der Forderung des Tages stehtdaß nicht äußere Rücksichten, Vorteil oder Nachteil den Gang des Lebens bestimmen, sondern allein und lediglich der kategorische Imperativ der Pflicht, der keine Kompromisse und kein Paktieren v erst e h t! — Wem aber, meine Freunde, klänge ein solcher Gedankengang vertrauter, sympathischer, in welcher Brust fänden diese Töne begeisterteren Widerhall als im Herzen des wahren, des orthodoxen tehudi, der HXSn VL221 , mit ungeteilten! erzen und verlangender Seele sein ganzes Sein in den Dienst der Thauroh hakedauschoh zu stellen sich bemüht, und durch den n)2Cön DVp, durch das Leben in der Thauroh zu der Erkenntnis, als dem Hochziel allen Strebens, -gelangen zu können erhofft 'JK V"in ne njnK, Haben und Sollen seiner Endlichkeit, die persönliche Note in der phylogenetischen Gleichgestaltigkeit zu begreifen?: Der Jehudi, so lehren unsere Weisen, solle nicht einherschreiten nv1p2 nLipf, mit stolz aufgeworfenem, vom Ichbewußtsein getragenen Scheitel, damit er nicht nrrn nrDBtfv sei! Kann eine höhere Bewertung der Einzelpersönlichkeit gedacht und gefunden werden, als wenn jede einzige als Trägerin der n2'^V selbst zu gelten hat- und kann präziser die Identität von Persönlichkeit und Pflichtenträgerin ausgedrückt werden, als in diesem tiefsinnigen Bild?! Jehudi sein heißt darum vor allem: Persönlichkeit sein! Und darum, meine Freunde, habe ich vermeint, kein geeigneteres Leitwort für meine jetzigen Betrachtungen als das angeführte Goethesche wählen zu könnenan seiner Hand lassen Sie uns zu erkennen suchen, was für uns. die „Forderung des Tages" ist. I. „Wie kann man sich selbst kennen lernen?" Jenes yv&Si osauxöv (erkenne Dich selbst), das dem alten griechischen. Sinn als höchstes Gebot philüsophischer Weltanschauung erschien, — uns ist es mehr - uns ist es das erste Postulat unseres Seins, die ^rste Voraussetzung unserer Existenberechtigung, Anfang und Ende jeder Lebensbetätigung Dem Jehudi, dem es vergönnt ward, auch nur einen flüchtigen Blick in die Vorhalle des Heiligtums des lebenatmenden Alls zu tun, ihm ist "die Feststellung der modernsten Wissenschaft von der Tierseele, vom lebenden Protoplasma keineswegs ein Unerhörtes, Neues, das ihn aus allen seinen Himmeln stürzen und revolutionierend auf seine Gott- und Weltanschauung wirken müßte. Er weiß- -aß die Antriebe und die auslösenden Reize, welche sein nervöser Apparat empfängt und gießt,, muh in Tier und Pflanze ihr Widerspiel haben: Aber er weiß auch, daß sich darin seine Menschjehudiqualitätnicht erschöpft, weiß, daß. gerade darin die Bestimmung des Menschengeschlechts besteht, die es auszeichnet und unterscheidet von' allen Geschöpfen um ihn und unter ihm, mit Bewußtsein und lwberlegung und Absicht das zu tun und d a s zu meiden, was als unabweisbares Gebot mechanischer Kraftwirkung und causaler Gesetzmäßigkeit in gleicher Weise und dennoch anders Tier und Pflanze tun. Erkenne Dich selbst, so ruft ja in jeder niLv das Gotteswort uns zu, erkenne, daß Du'nicht durch das Was, sondern durch das Wie Deiner Handlungen die anderen Gottesgeschöpfe überragstdie gleichen sinnlichen Eindrücke wie Du empfinden, empfangen auch jeneselbst Begriffe der Ethik, der Moral, soziale Empfindungen, die gemeinhin als charakteristisches Entwickelungsprodutt der Menschheit gelten, finden ihre Aequivalente oder wenigstens Rudimente auch überall in der organischen Natur. Aber Du bist ihr Herr, Du stehst dennoch über ihnen unendlich hoch, wenn Du das Bewußtsein Deiner selbst in Dein Tun und Lassen legst, wenn Du Dich als den Diener Deines Gottes fühlst, dessen Dir übertragene Aufgabe Du mit jedem Atemzuge, jedem Schritt, jedem Gedanken, jeder Regung zu erfüllen strebst, wenn Du aus dieser Erkenntnis die ewige Lehre ziehst, daß Dir schlechter als irgend einem anderen Geschöpfe Selbstüberhebung und Selbstgefälligkeit anstehen, die durch Selbsterkenntnis gezügelt werden solltendaß nur eines Dir geziemt, eines vor Allen von Dir der Tag mit Recht fordern darf: Bescheidenhe-it desSeins, Be sch ei denheit des Denkens, Bescheidenheit des Urteils. 11. „Wie kann man sich selbst erkennen? Durch Betrachten niemals!" Es ist ein Ausspruch alkerfeinsten Menschenverstehens, jener Satz unserer Gemoroh hakedauschoh, daß 7SK 3Vip OTR*. daß der Mensch sich selbst nur allzu ruche steht! Hätte Einer auch noch so lauge und noch so viW Menschenherzen studiert, ihre Regungen zergliedert^ ihre Schläge gezählt —- noch keinem ist es Hen- 1