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Der Israelit · 1908-02-06 · Heft 6 (6.2.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 6 (6.2.1908)
Date
1908-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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6. Februar?,1S08. die sogenannte Wuppe Bender, die sich in derselben Provinz gebildet hat, setzt sich aus 24 Familien zusammen. Endlich leben in der Umgegend von Winnipeg ungefähr 300 kleine jüdische Farmer, Eigentümer oder Pächter von je 20—30 Acres. Dieselben produzieren Gemüse, Milch und Butter, die sie in die Stadt transportieren und dort verkaufen. Diese Colonien haben infolge von Frösten ihre letzte Ernte eingebüßt. Daher beschloß der Rat der Jewish Colonsiation Association in seiner letzten Sitzung, den Coloniflen die zu ihrer Erhaltung notwendigen Summen^ vorzuschieyen. Amerika. prominente ofteuropälfdie Politiker ln Amerika.! ~ (SotTunferem Korrespondenten). N^ewyork, 25. Januar. Jn^ der jüngsten Zeit hatten wir hier den Besuch zweier hervorragender osteuropäischer politischer Führer, die beide sich über die brennende osteuropäische Judenfrage ausgesprochen haben und deren Ausführungen mit dem größten Interesse vom amerikanischen Publikum entgegengenommen wurdeu,...Es. wären die Herren Pxofeffor-Miljpkow von Rußland und Dr. Nathan Birnbaum von Oesterreich, wovon der erster« bereits nach seinem Vaterlande zurückgekehrt ist, während der zweite noch in Amerika weilt. Professor Miljukow kam infolge der Einladung des Civic Forum, einer großen Bereinigung zur Erforschung sozialer und politischer Fragen, hierher, um in einer öffentlichen Versammlung einen Vortrag über das Thema „Aussichten des Konstitutionalismus in Rußland" zu halten. Sein Besuch erregte schon dadurch großes Aussehen, daß er lediglich dem Zwecke, einen Vortrag zu halten, galt, daß der Herr Profeffor ledlich deswegen eine Reise von Rußland nach Amerika machte. Außerdem ist beim amerikanischen Publikum das Interesse an den Vorgängen in Rußland und die Anteilnahme an der Befreiung des russischen Volkes sehr rege, und so erwartete man mit großer Spannung den Bericht eines Mannes, der selbst mitten in den Ereignissen steht und als ausgesprochener Liberaler und Führer der konstitutionell-demokratischen Partei sich der Sympathien aller amerikanischen Politikern erfreut. Der Besuch der Versammlung bewies den Ernst und die Tiefe dieser Gesinnungen. Obwohl der Eintritt nur gegen Bezahlnng gestattet war, versammelten sich fast 4000 Personen aus den besten Kreisen der Gesellschaft am 15. Januar in der Carnegie Hall, um den Bortrag des Professors Miljukow zu hören. Derselbe schilderte mit meisterhafter Beredsamkeit und in ausgezeichnetem Englisch den russischen Freiheitskampf in der Gegenwart. Er sprach sich mit bemerkenswerter Offenheit aus und kennzeichnet die russische Regierung als den geschworener Feind aller Freiheit, der die geringsten Konzessionen, die elementarsten Menschenrechte, nur durch äußerste Pression abgerungen werden könnten. Bezüglich der Aussichten für die Zukunft äußerte sich der Redner pessimistisch, da die Reaktion jetzt wieder fest im Sattel sitze und die revolutionäre Bewegung ihre Kraft verloren zu haben scheine. Die Lage der Juden schilderte er besonders düster. Er und seine Partei nehmen die völlige Gleichstellung der Juden als Axiom an, doch seien sie und alle anderen fortschrittlichen Parteien zusammen nur eine geringe Minderheit und die Reaktionäre, die die Majorität der Duma bilden, seien ingrimmige Antisemiten. Unter diesen Umständen sei es noch genug, wenn die Verhältnisse der Juden sich nicht noch verschlimmerten. Miljukow sprach aber die, allerdings sehr schwache, Hoffnung aus, daß der Konstitutionalismus, der doch jetzt mehr oder minder in Rußland eingeführt ist, im Laufe der Heft die allgemeine Lime und dann, weun die WWüter kühler und die Leidenschaften weniger heftig geworden sind, auch die Lage der Juden verlaffw Mrd. Während der Empfang des " ^or MHukow ein sehr enthusiastischer , sich nM ableugnen, daß seine Worte _Der Israelit._ einen sehr deprimierenden Eindruck gemacht haben. Jetzt erst begreift das amerikanifthe Publikum das russische Problem in feiner ganzen Furchtbarkeit. Es ist jedenfalls ein Verdienst Miljukows, volle Klarheit geschaffen zu haben.—Der Besuch des Herrn Dr. Birnbaum ist ganz anderer Art. Wie die Leser des „Israelit" wohl wissen, ist derselbe ein östereichischer Politiker und Literat, als letzterer ist er unter dem Pseudonym Mathias Acher bekannt. Birnbaum ist ein begeisterter Vertreter des jüdischen Nationalitätsprinzips. Bei den letzten Reichstagswahlen war er Kandidat in Galizien, wurde aber durch die Machinationen der politischen Gegner geschlagen. Er wurde hier von dem -Verbände der galizischen Juden empfangen und hat in einigen Versammlungen zu Gunsten der Beibehaltung alles jüdischnationalen Wesens gesprochen, wozu er auch die jüdisch-deutsche oder „jiddische" Sprache zählt. Zum Schlüße eine Nachricht, die Ihren Leserkreis gewiß interessieren wird, die Einweihung einer deutschen orthodoxen Synagoge in Amerika und zwar in der Hauptstadt des Landes. Am 5. Januar fand die Einweihung der neuerbauten Synagoge der Gemeinde Adaty Israel in Washington unter erhebenden Feierlichkeiten statt. Die Herren Rabbiner Dr. Men des von New- Aork und Dr.Schneeberger von Baltimore hielten die Einweihungsreden, und der Cantor mit Beihilfe des Synagogenchores leiteten den rituellen Teil des Gottesdienstes. Die Adath Israel ist eine der ältesten Gemeinden der Hauptstadt und hat stets treu die Sache der Orthodoxie vertreten. Sie verdankt ihr Dasein hauptsächlich der redlichen Tätigkeit und Opferfreudigkeit der Familie Oppenheimer, die auch zum Bau des neuen Gotteshauses reichlich beigefteuert hat, und die stets ein Hort des orthodoxen Judentums in Amerika gewesen ist. Die Beamten der Gemeinde sind Präsident Simon Oppenheimer, Vize-Präsident Isaak Levi, Sekretär Julius Baumgarten und Schatzmeister I. Friedmann. Die Gemeinde hat gegenwärtig keinen Rabbiner, gedenkt aber bald einen zu erloähten. Hoffentlich fällt die Wahl auf einen wirklich gesetzestreuen Führer, der die Adath Israel weiter auf dem Pfade der Gottesfurcht und jüdischen Pflichttreue leitet. N e w y o r k, 21. Jan. Die unglaubliche Zudringlichkeit und Rücksichtslosigkeit, mit welcher Newyorker Judenmissionäre die jüdischen Einwanderer aus der Landungsinsel Ellis Island in letzterer Zeit belästigten, hat den Einwanderungskommiffär, Robert Watchhorn bestimmt, die nachfolgende Verordnung zu erlassen, und am schwarzen Brett in Ellis Island anzubringen. „An die Missionäre von Ellis Island! Ich habe bereits bei verschiedenen Anlässen darauf hingewiesen, daß es der Vertreter christlicher Kirchen und Organisationen unwürdig ser, ihre Propaganda-Literatur unter den jüdischen Emigranten, die in Ellis Island ankvmmen, oder behufs Deportation zurückgehalten weroen, zu verteilen. Nun wird mir gemeldet, daß mein Wunsch unberücksichtigt blieb und daß die Missiynsliteratur nach wie vor -den jüdischen Emigranten aufgedrängt werde. Ich betrachte diese Tätigkeit als eine Propaganda zur Züchtung des Renegatentums gegenüber der angestammten Religion des Einwanderes. Ich fordere Sie daher noch einmal auf, ihre Tätigkeit hier einzustellen, da ich es unter keinen Umständen dulden werde, daß diese staatliche Stelle zu einem Felde solcher Tätigkeit benützt werde, welche unbedingt zu unliebsamen Konflikten und Auseinandersetzungen führen mutz, und geeignet erscheint, eine Störung oer Beamten in ihrer amtlichen Arbeit herbeizuführen. gez. Robert Watchhorn." New-Aork, 24. Januar. Die Newyorker jüdische Bevölkerung ist ein Sammelplatz religiöse Paradoxe, die aber diese Bevölkerung selbst als solche nicht erkennt, weil sie schon längst daran gewöhnt ist. Ein Beispiel hierfür führt ein Beobachter im Londoner Jewihs Chronicle an. In der Bibliothek der jüdischen Educational Alliance auf dem East Brodway sieht man am Sabbath junge Leute sitzen geschäftig schreiben, als wenn im. jüdischen Gesetz von einem Verbot dieser Tätigkeit nirgends die Rede wäre. Zur selben Zeit spricht in einem anderen Raum _ No. 6. Sette 9 dieser Anstalt ein Maggid oder Muffarprediger - vor einem großen Auditorium. Uno niemand findet es noch auffallend, daß ein paar Schritte weiter die gleiche Thora, die man hier preist verhöhnt wird. Diese Abgestumpftheit gegen Dinge, die auf die Nerven fallen müßten, ist das bedauerlichste und ernsteste Symptom, das dem Beobacheer des jüdischen Lebens in Amerika begegnet. vermttcdter. Molkererbrrtter. Frankfurt a. M., 20 Jan. Wir erhalten zu diesem die besondere Aufmerksamkeit der gesetzestreuen Jubenheit verdienenden Kapitel von einem Äser aus der Provinz Posen folgende Zuschrift: ..Gestatten Sie, baß auch ich Ihnen etnm kleinen Btttrag zu diesem wichtigen Dhema gebe. AIS ich . während meiner Studienjahre in einer der größeren süddeutschen Univerfitätsstädte weilte, in der es reine Butter unter ritueller Aufstcht gab, deckte ich kurze Zeit meinen Bedarf bei der dortigen Molkerei und amg zu dieftm Zwecke Luder frühen Morgenstunde indieFabrtk, um wMrmd der Herstellung der Butter ständig zugegm zu sein. Als ich nun eines Tages beim Morgengrauen in der Molkerei anlangte, war die elbe noch geschlossen, denn man hatte dort verschlafen. Nachdem in Bälde alles mobil gemacht war und man mm zur Butteicherettung schreiten wollte, zeigte es sich, daß es hierfür zu spat war, denn schon ' warteten die Molkereikutscher auf ihre Abfertigm^. In dieser Not holte man aus einer verborgenen Ecke ein Füßchen Putter, das einen auswärtigen Bahnstempel trug, trieb diese Butter schnell nochmals durch die Knetmaschine und füllte ste dann in die Formen der Molkerei mit dem Stempelaufdruck. An diesem Morgen nahm ich natürlich keine Butter, während die täglichen Abnehmer an jenem Tage die Butter einer auswärtigen Fabrik unter der Firma der einheimischen Molkerei erhielten. Was für Butter jenes Füßchen enthielt, entzieht fich meiner Beurteilung. Auch in der Provinz Posen ist merkwürdigerweise, und sogar in Kreisen, in denen man eine bessere Kenntnis der Dinge erwarten sollte, noch vielfach die Ansicht verbreitet, daß man Butter sowichl beim Bauersmann als auch in der Mölleret ohne jegliches rituelles Bedenken kaufen dürfe." Fraufurt a. M.. 5. Februar. Die uns soeben zugehende Nummer 1 oeS Verordnungsblattes des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten vom S. Februar enthält ausnahmsweise keinerlei Ausfälle gegen den „Israelit", dafür aber eine Reihe von Verfügungen und Bekanntmachungen, die sich auf bie bevorstehenden Synodalwahlen beziehen. Die Wahl der weltlichen Abgeordneten soll im Laufe deS Monats März stattfinden. Die Wählerliste liegt am 12., 13. und 14. Februar in sämtlichen Gememden zur Einsicht der Gemeindemitglieder aus. Nicht ohne Interesse ist die Feststellung, rn welchem Tone der Badische Oberrat mit den ihm „untergebenen" — wohlgemerkt ehrenamtlich fungierenden — Synagogenraten zu verkehren für gut firwet. Es heißt da am Schlüsse der die Auflegung des Voranschlags betteffenden Verfügung wörtlich: „Gegen oiejenigen Synagogenrats- Borfteher, durch deren Verschulden die Auflage hes Voranschlags und die Bekanntmachung desselben verzögert, oder vorschriftswidrig ausgeführt sein sollte, würde wegen Vernachlässigung der Dienstpflicht eingeschritten werden müssen." Diese Sttafandrohung, die vielleicht bei einer bereits konstatierten Vernachlässigung am Platze wäre, die aber in dieser Form wohl kaum ein Vorbild in irgend welcher; staatlichen Bekanntmachungen haben durste, nimmt sich besonders gut aus im Munde einer religiösen Behörde und ist symptomatisch für den bureauttatischen Geist, der den Badischen Oberrat beherrscht. — Die zur Wahl der geistlichen Abgeordneten zur Synode stimmberechtigten Rabbiner — vierzehn an der Zahl — werdeil an der Spitze des Verordnungsblattes auf- Ärt. Demnach scheint die Wahl der geistlichen ordneten schon in der allernächsten Zeit smtt- . finden zu sollen. Wir sind begierig ob die geistlichen Herren ihre oft beteuerte WeitheiHigkeit dadurch betätigen werden, daß sie auch nur einem der gesetzestreuen Kollegen zu Sitz und Sttmme in der Synode verhelfen werden. Wenn die Herren von der sieghaften Kraft ihrer theologischen Argumente für das Gebetbuch wirklich durchdrungen sind, .könnte ihnen die Anwesenheit eines Vertreters der „beharrenden" Richtung in der Synode ja nur willkommen sein. Sobernheim, 4. Febr. Herr Behrend-Sobernheim bittet uns ausdrücklich festzustellen, daß er uns den Namrn desjenigen Rabbiners, mit dem er nur im Anfang die Get-Anaclegenheit besprochen und der denn völlig aus dem Spiel blieb, seinerzeit genannt habe. Wir bemerkten schon in voriger Nummer, daß die Vorgeschichte, die Herr Lehrend erzählte, nebensächlich und . von seinen Behauptungen nur die beachtlich sei, nicht er selbst habe als ssjn TOD fungiert, sondern ein zweiter,. ihm befreundeter Rabbiner, der stch zur Zeit zufällig in Frankfurt aushielt. Diese Angabe verliert aber Wien Wett dadurch, daß Herr Behrenb fich weigett, die Perp»"

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