Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1908)
- Date
- 1908-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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SetE« Nr. 6. Der Jsraeltt. 6. Februar IN 8 kein realer, sondern ein erst vom denkenden Geist uWrWetöerund Mhuz«rW-8W|ber mir in der BorstellunH des denkenden Menschen, aber nicht aichsrhÄb rhrer eMiertt In Bezug auf die Stellung des Menschen zur Welt hat Kopernikus nicht oas geringste geändert. Die Betrachtungsweise bleibt dieselbe. Wie die geobezw. anthropozentrische (d. h. die vom Menschen als Mittelpunkt ausgehende) Betrachtungsweise die notwendige Voraussetzung der menschlichen Religion ist, so ist die judäozentrische (d. h. die vom Judentum als Mittelpunkt ausgehende) Betrachtungsweise die selbstverständliche Voraussetzung der jüdischen Religion. Die jüdische Bibel mußte judäozen- .trffch sein. Die beiden Begriffe gehören so eng 'zusammen, daß es ohne juoäozentrifchen Standpunkt keine jüdische Bibel hätte geben können. Aber judäozentrisch ist durchaus von jüdisch-partikularistisch zu unterscheiden. Diese beiden Begriffe dürfen so wenig miteinander verwechselt werden, wie egozentrisch (vgl. das folgende) mit egoistisch. . Sann doch der wahrhaft religiöse Standpmrkt. nur ein egozentrischer (d. h. ein vom Ich -als. Mittelpunkt nusgehender) sein: Der religiöse Mensch füUt sich, fühlt seine winzige, im All Me ein Wndkorn verschwindende und dort sich verlierende Persönlichkeit im Mittelpunkt göttlicher Liebe, göttlicher Fürsorge, göttlichen Jnteresses stehend. Wer persönliche Religion W denkt in Bezug auf sein Verhältnis zu Gott egozentrisch: Gott liebt mich, er sieht mich, er richtet mich,' er will etwas von mir, auf mich ' kommt es an, ich muß das Meinige leisten. Egozenttisch ist das Gegenteil von egoistisch. Den egozentrischen Gedanken haben die Weisen Js- % raels in unübertrefflicher Weise veranschaulicht. Wie sagen: „Da dem Einzelnen wie der Welt je nach dem Ueberwiegen des Guten oder des Bösen das Urteil gesprochen wird, so soll jeder Einzelne sowohl sich als auch die Welt so betrachten, als ob das Gute und das Böse sich das Gleichgewicht hielte. Erfüllt er nun seine Pflicht, so bewirkt er, daß sowohl in ihm, als auch in. der Welt das Gute überwiegt. Begeht er eine Sünde, so bewirkt er, daß sowohl in ihm als auch in der Welt das Böse überwiegt." (Toßefta Kidduschin, Abschn. 1). Wie erhaben ist diese Anschauung, die den Einzelnen zum Zünglein an der Wage der Welt machen will und das Schicksal des Mls mit ihm verknüpft. Kann es einen edleren Ansporn zur Pflichttreue geben! Derselbe Gedanke kehrt in mannigfachen Variationen wieder, z. B.: „Nur ein Mensch wurde mi Anfang von Gott geschaffen.. das will dich die Größe Gottes lehren: Wenn nämlich ein Mensch Münzen mit einem Prägstock prägt, so gleichen alle Münzen einander. Aber der König her Könige, der Heilige, gelobt sei er, prägt glle Menschen Hit dem Gepräge des ersten Menschen und keiner gleicht dem andern (d. h. jeder Hü von neuem das Menschentum selbständig in Ach zu verkörpern und das göttliche Ebenbild neu in sich darzustellen). Daher soll jeder bei sich denken: Um meinetwillen ist die Welt geschaffen. Und er soll dicht denken: Wozu soll ich mich (um der Wahrheit willen) Gefahren auSsetzen." (Sanhedrin 37 a). Wie der egozentrische, so kann auch der judäozenttische Standpunkt in rechter Weise nur im edlen Sinne eines zentralen, gesteigerten Pflichtbewußtseins aufgefaßt werden. 109. öeSünkenKeideil. Bielen ist Gedankenfreiheit nichts anderes als Freiheit von Gedanken. NO. Lehre und Leben. : Unseren Vätern war es keinen Augenblick ^Meifelhaft, daß sie für die Lehre ihr Leben opfern müßten; wir aber glauben, die Lehre dem Leben opfern zu sollen. 111. Selbiferhennfnis- Nicht jeder ist so groß, klein von seinen Leistungen zu denken. 112. Die llnverönSerlichheil der Lehre. Das historische Wort: Sint ut sunt aut non sint „Sie sollen sein, wie sie sind, oder sie sollen nicht sein", kann man in Bezug auf die Lehren des Judentums folgendermaßen modifizieren: Sint ut sunt aut non erunt „Sie sollen sein, wie sie sind, oder sie werden nicht.sein." 113. Das Echo: Ein Echo ist noch keine Zustimmung. * * * 114. Die fluffös&nö 0er Thören. Die Thoren glauben, daß dasjenige, was ihnen unverständlich ist, auch unverständig sei. 115. Das Tphillingebof. Wenn den Frauen die Pflicht des Tphillingebotes nicht obliegt, so ist das ebensowenig eine Geringschätzung der Frauen, als es eine Geringschätzung des Sabbaths ist, daß für ihn das Tphillingebot nicht gilt. Die Tphillin sind Denkzeichen, die unsere Sraft in den Versuchungen des Lebens und der Arbeit stärken sollen. Sie gelten nicht für den Tag der Ruhe, dem die Versuchungen des Lebens fern sind, und auch nicht für die Frauen, deren edelste Aufgabe im stillen Frieden häuslicher Tätigkeit liegt. 116. Der jüdifche Familiensinn. Der jüdische Familiensinn ist wohl durch die Geschicke Israels gefördert und gefestigt worden. Mer er ist nicht wesentlich ihr Produtt. Er erwuchs auf dem Grunde des jüdischen Hauses, und das jüdische Haus auf dem der jüdischen Lehre. Soll in allem Wechsel der Geschicke der jüdische Familiensinn sich erhalten, dann muß das jüdische Familienhaus geweiht bleiben durch die jüdische Lehre. 117. Die wünsche 0es Menschen. Unsere Weisen sagen: „Kein Mensch stirbt, der auch nur die Hälfte seiner Wünsche erreicht hätte. Wer hundert hat, der wünscht sich zweihundert, und wer zweihundert hat, der wünscht sich vierhundert. "(Midrasch Koheleth r. 1. 13). Wenn nun jemand, wie hier, sich nur das Doppelte von dem wünscht, was er besitzt, dann scheint er doch die Hälfte feiner Wünsche bereits erreicht zu haben? Nein. Die fehlende Hälfte wird ihm immer größer und wertvoller erscheinen, als die, welche er schon besitzt. 118. Die Un?nfrie9enen. Die Menschen, die mit ihrem Geschick hadern, täten oft besser, mit ihrem Ungeschick zu hadern. ^7 iWV tungsbehörde die orrespondenzen , und Nachrichten. Deutsche« Metch. E.R. Ber 1 in, 2. Febr. In der Reprase n t ä n t e n s i tz u ng der jüd. Gemeinde erfolgte nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten die Abordnung von Mitgliedern der Versammlung in Berwaltungs-Kommissionen und gemischte Deputationen. Mn Beschluß des Gemeindevorstandes betr. Antrag von Mitgliedern der Versammlung auf Aenderung der Satzungen der 'Waisenkommission wird einer gemischten Kommission zur nochmaligen Prüfung überwiesen, desgleichen der Antrag einer Aenderung der Anciennitätsverhältnisse der Religionslehrerkräfte an den Ausschuß III überwiesen. Die Zuwendung des Herrn Landgerichtsrat Victor Lion zur Errichtung einer Maximilian und Victor Lion-Stiftung für schulentlassene Voll- und Halbwaisen soll unter gewissen noch vorzuberatenden Bedingungen in Summa ca. 60,000 Mk. angenommen werden, ebenso wird die Genehmigung eines Vergleiches in einer Nachlaßsache, die der Gemeinde ca. 65,000 Mk. einbringen kann, erteilt. — Eingelaufen ist ein Antrag von Mitgliedern der Versammlung auf Einsetzung einer gemischten Deputation betreffend Beratung über die Vorlesung der Thora-Abschnitte. Es dürfte sich zunächst wohl nur um die Orgelsynagogen handeln, da der Wunsch ausgesprochen wurde, gewisse Abschnitte nach Vorlesung des hebräischen Textes auch deutsch vorzulesen, wobei der Gottesdienst eine Verlängerung von 10 Minuten erfahren soll. Bekanntlich ist in den Orgelsynagogen der dreijährige Zyklus eingeführt. Nach vielem Hin und Her ergreift Herr Benas Levy das Wort: Wer Gelegenheit habe, während der Thora-Borlesung die Unterhaltung der Beter zu beobachten, könne nur wünschen, daß. der Torah-Abschnitt auch deutsch verlesen würde. Derselbe sei ein wesentlicher Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes. Als Vorsteher der neuen Synagoge habe er die Beobachtung gemacht, daß dieselbeamSabbath leer sei, auch die Predigten könnten keinen stärkeren Besuch bewirken. Er verwahre sich gegen den Vorwurf, das Hebräische abschaffen zu wollen, erwarte aber durch Verständnis der Thora-Abschnitte ^ne Belebung des Gottesdienstes in neuer Form. Zu Punkt 17, Antrag von Mitgliedern der Versammlung auf Einholung eines Rabbinatsgutsachtens hinsichtlich der Beschäftigung jüdischer Organisten referierte Herr Geheimrat Senator: „Es sei ein ganz unwürdiger Zustand, daß Nichtjuden in einem jüdischen Gotteshause die Orgel spielen, so etwas käme weder bei Protestanten noch bei Katholiken vor, daß man einen Andersgläubigen dazu gebrauche. Früher hat kein Jude die Orgel spielen können, das habe jetzt aufgehört, die alte Anschauung, daß es verboten ist, sei ein Irrtum, im Tempel in Jerusalem habe man mit Pauken und Trompeten gespielt. Alle Einrichtungen, die zum' Gottesdienste gehören, seien zu tun erlaubt. Das Blasen des Schofar und das Tragen der Thorarollen sei eine größere „Anstrengung". Es wird beschlossen, ein-Gutachten sämtlicher acht Rabbiner einzuholen. — Eine große Erregung entsteht bei Punkt 18. Anträge von Mitgliedern der Versammlung betreffend Aenderung des Statuts für die jüdische Gemeinde in Berlin. .— Herr Geheimrat Blu^ menthal behauptet, daß "