Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1908)
- Date
- 1908-02-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Nr. 6 ^chopenhauerschen Pessimismus und die darauf bäfirende' Weltanschauung. Doppeltes trägt der Mensch in sich, eine erkennend ihrer selbst bewußte Vernunft und einen blinden, selbständigen nicht etwa von dieser Vernunft geleiteten oder gar geschaffenen Willen, der Wille ist das eigentliche Wesen des Menschen und die Vernunft sein von ihm zur Dienstbar- Machung geschaffenes und benütztes Werkzeug.*) Dieser Wille ist aber das Unglück des Menschen, denn durch ihn umklammert er das, Leben mit zäher Gier, wiewohl es in der Tat 'doch nicht solcher Anstrengung wert ist. Durch die Enge des Daseins wird unabänderlich der Eine gegen den Anderen gehetzt, nimmer kann es eine Befriedigung des Willens geben, ihn quält entweder das unbefriedigte Verlangen, oder -aber, wenn er das Verlangte erreicht hat, gähnt ihn leere Gleichgültigkeit an, und der unersättliche Lebensdrang will doch immer neu beschäftigt sein, sucht Neues und Anderes und verfällt dadurch neuen Schmerzen. So schwingt das Leben unablässig wie ein Pendel zwischen Schmerz und Langeweile hin. Glück ist eigentlich nur das kurz^ Uebergangsstadium zwischen einem Unglück imd veml Anderen, ja Freude giebt es keine, sondern ftmc Linderung des Leids ..... so wird 'Schopenhauer nicht müde, in immer geistreicher Variation die Nichtigkeit und Zwecklosigkeit unseres Seins zu demonstrieren. ) Unsere Vörmmft sieht das Elend unseres Seins auch wohl ein, aber gerade das giebt dem Weh erst seinen Stachel, denn es nutzt der Vernunft ihre Einsicht, die zur Daseinsverneinung auffordert, deßhalb nichts, weil stärker als sie der blinde Wille immer nnd immer wieder das Leben bejahrend rastlos fortstrebt, sich selbst zerfleischend und doch nimmer sterbend. Wenn einmal der Intellekt siegt und das Leben verneint wird, dann erst ist der Mensch frei von der Qual des Daseins, bis dcchin aber giebt es für ihn keinen allgemein beschreitbaren Ausweg, der hinausführte aus dem .ständigen Kampfe zwischen Willen und Intellekt in ein Dasein ruhigen Friedens. Für einzelne Wenige meint Schopenhauer, findet eine Ausnahme für kurze Zeit statt — so lange nämlich als der Eigenwille ausgescbaltet wird. „ . . . Wenn aber äußerer Anlatz^oder innere Stimmung uns plötzlich aus dem endlosen Strome des Wollens heraushebt, die Erkenntniß *) Bergt, zu diesem und dem folgenden Schopenhauers Hauptwerk „die Welt als Wille und Vorstellung" in der vorzüglichen Recklamschen Ausgabe. *) Wir geben ' hier selbstredend nur in gedrängtester Küitze über die für unser Thema in Betracht kommenden Resultate des Schopenhauerschen Denkens, das in seiner WÄtschichtigkeit hier auch nicht annähernd erschöpft werden kann. Schoppen Elfer und dann reitet Ihr schnell nach Offenbach und erzählt dem Rabbiner alles, was passiert ist, damit sie.dort nicht in Verlegenheit smd, wenn ihr Besuch auf Schabbos ausbleibt." (Forts, folgt. Slörrende Säulen. Zu der Notiz „Die Frage des Pithecanthropus" in voriger Nummer wird uns geschrieben: Mit dem ihn charakterisierenden Mangel an Skepsis hat Ernst Häckel (zuletzt in seinen Berliner Vorträgen 1906, S. 61, siehe Abdruck derselben) und ihm nachfolgend die Schaar feiner Getreuen — die zum Preise einer Reichsmark die Lösung der „Welträtsel" erschwingen, — sich und Anderen die apodiktische Gewißheit beigebracht, daß das sogenannte ..missing link", das Mittelglied .zwischen Mensch und Affe, bereits gefunden sei, und zwar in dem ehemaligen Inhabe.- eines teilweise defekten Schädeldaches, eines linken Schenkelknochens und zweier Backenzähne, die der holländische Anthropologe Professor Dubois in der Mediumebene auf Java rm.Jahre 1891 gefunden hatte. Besonnene Forscher wie Birchow u. a. m. verhielten sich schon damals der Hypothese Dubois' gegenüber, man habe hier Bruchstücke eines Mittelgliedes zwischen Mensch und Affe vor sich, ablehnend und meinten, man müsse mehr Material sammeln, um sich ein Urteil zu erlauben. Vor allem aber, sei es notwendig, Sicheres über das geologischeAltcr jener Bodenschichten zu wissen, in denen das Skelett auf- Sunden worden war. Spuren menschlicher Kultur t es nämlich schon in Fülle in dem Diluvium c Eiszeit), und sollte eine Stammform der Men- Der JSraeltt._ dem Sklaven dien st des Willens entreißt, die Aufmerksamkeit nun nicht mehr ans die Motive des Wollens gerichtet wird, sondern die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffaßt, also ohne Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive sind: dann ist die auf jenem ersten Wege des Wollens immer gesuchte, aber immer entfliehende Ruhe mit einem Male von selbst eingetreten, und uns ist völlig wohl . . . wir sind für jenen Augenblick des schnöden Willensdranges entledigt, wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des Jrion steht still." Wie aber diesen Zustand erreichen? Hierauf giebt Schopenhauer zwei Antworten: Der erste Weg um sich vom Joch des Willens zu befreien ist das vollkommene Sichversenken in ein Kunstwerk (welcher Art auch immer), so daß der Mensch rein als objektiver Betrachter und nicht als ein Wollender vor einem Produkt der Kunst dasteht, allein — meint Schopenhauer — nur kui^e Momente vermag man so sich selbst zu vergessen, bald wieder ins reale Leben geschleudert, nntersteht man wieder der aufpeitschenden Wirkung des Willens. Als zweiten Weg, um die Illusionen des egoistischen Strebens nach Glückseligkeit zu überwinden nennt Schopenhauer jene Ertödung des Willens, die sich darstellt in den Werken aufopfernder Nächstenliebe. Auch hier trete durch die Verneinung des Jchs ein Glückszustand ein. Aber es sei dieses nur eine höchst selten vorkommende Ausnahme von der Regel — wer hätte auch immer Gelegenheit Liebe zu üben? Also bleibt als Facit seines Denkens: des Menschen Wille ist nicht sein Himmelreich, sondern eine Hölle und unser Leben ein unheilbares Leiden. — Die besten Köpfe unter unseren Talmuderklärern haben auf mehr oder minder treffende Weise jene Talmudstelle (3^ f'siiy) zu deuten versucht, die uns von dem Streite erzählt zwischen Hillels und Schammais Schule, ob des Menschen Dasein besser sei, als das Nichtsein 0)031 1303’) 8123V VBOjn *023Vv *033 8^V 018^ lh 31V Htpyö3 VLVLV Und das Resultat war ein negatives. Diese seltsame, mit dem ganzen Lebensfreude atmenden Geist des Talmud scheinbar kontrastirende pessimistische Aeußerung scheint uns, wenn wir sie präzise betrachten, zu zeigen, wie das Judentum die unbestreitbaren Voraussetzungen Schopenhauers wohl zugeben kann, ohne aber seine Schlußfolgerungen ziehen zu müssen. Wenn es wahr ist, daß — wie Schopenhauer 6 Februar 1908 selbst zugiebt — ein uninteressierendes Handeln uns vor dem Weltschmerz rettet, denn obgleich jeder wahre, bewußte Jude diese Rettung an sich, jemehr er die tiefe Bedeutung des D'ötr erfassend sein Tun und Lassen nicht mehr in den Dienst selbstsüchtiger Bestrebungen stellt, sondern sich immer mehr und mehr von seinem eigenen Willen emanzip irt 131p 7121b 13120 umwandelt. Dazu fehlt es dem Juden nimmer an Gelegenheit, sein Leben, das er mit ni2v durchweben soll, bietet ihnr nicht allein die Möglichkeit hierzu, vor allem ist es die theoretische — uninteressierte — Beschäftigung mit der min, die allezeit — 721 .13 p'tpyi ruTjn 713 n3'3v mm n3 pvtfy xbi .131'Z)3 (Sota 8"3. schützend und rettend ihn dem allgemeinen Menschenleid entfliehen und seine Weisen es aussprechen läßt, daß für den nun einmal geschaffenen Menschen — 018 — das damit verbundene Weh des Daseins erst seinen Stachel verliert, wenn er nunmehr durch Thoralernen und Thoraehrerfüllung sich zur Höhe eines nicht mehr vom Willen gepeitschten Daseins emporschwingt. Ist das vielleicht eine Seite des tiefen Wortes b8itr n8 niDtb 811 103 enipn 121 ni2Di min onb min irsb? (Fortsetzung folgt.) 8. E. Das üerdammungsurteil des Oberrabbiners Leopold Eöw über die gewaltsamen Unirikationsversucbe der ungarischen Ideologie. Mitgeteilt von Rabbiner Ph. Fischer in Dövavünja In Anbetracht der Unlfikationsbestrebullgen der ungarischen Neologie, die wie ein mitternächtliches Gespenst immer aufs neue spuken, und die selbst vor der Zuhilfenahme eines staatlichen Zwanges nicht zurückschrecken, um »die „widerspenstigen Orthodoxen" kirre zu machen und unter das Joch einer gemeinschaftlichen Organisation zu bringen, wird es nicht überflüssig sein, die darauf bezüglichen Ansichten eines der Begründer der ungarischen Neologie dem großen Publikum zugänglich zu machen. Dieser hervorragende Kämpe der Reform war ehrlich genug, schenvorfahren gefunden werden können, s>o' müßte dieses in der der vorhergehenden (Tertiäres Periode angehörigen Schichte sein. Bon zwei völlig unabhängigen Seiten — von Dr. Elbert (Greifswald) mit Mitteln der Frau Selenka und der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin und von Prof. Dr. W. Bolz (Breslau) — wurden nun genaue Untersuchungen in Java angestellt. Beide Expeditionen kamen zu ganz demselben Ergebnis. Pferlspitzen, Feuerstellen, Walzen, Mahlsteine usw. beweisen zweifelsohne, daß in den Tagen jenes Skeletts bereits ein rühriges Menschendasein auf Java entwickelt war und daß also von nun an — wie alle wissenschaftlichen Fachzritnngen unumwunden zugeben — die Berechtigung nicht mehr vorhanden ist, von der Menschwerdung des mit Unrecht Pithecanthropus erectus genannten Wesens zu reden; wir haben es nicht mrhr mit einem Borfahren des Menschen zu tun, sondern mit einem Zeitgenossen desselben. Noch eines anderen Stoßes, den itt allerjüngster Zeit die Descendentheorie erlitten hat, möchten wir an dieser Stelle gedenken. In seiner trefflichen Broschüre: „Die Begründung der Abstammungslehre" (Ernst Reinhardt, München 1907, auch im Aprilheft der Süddeutschen Monatshefte) weist Gustav Wolf (Basel) nach, daß nach dem heutigen Stande unserer wissenschaftlichen Erkenntnis es kein anderes Argument für die Abstammungslehre gebe, als das vor den rudimentären, verkümmerten Organen d eses Argument widerspricht aber nicht nur der theologischen Raturauffaffuna nicht, sondern es setzt fie geradezu voraus Nur wenn wrr das Prinzip der orgchnschen Zweckmäßigkeit anerkennen, ist das Vorhandensein zweckloser Organe, ein erllärungsbedürftiges Problem. Wir sehen aber hier von der Tendenz der Wols'schen Darlegung, die Teleologie sei die einzige Begründung der Abstammungslehre, ab, und wollen daran erinnern, daß das Vorhandensein rudimentärer Organe keineswegs uns zur Annahme der Descendenztheorie nötigt, wir vielmehr uns eine Lehre an den Schulddrüsen, Tymusdrüsenfunktionen u. s. w. nehmen können, deren Zweckmäßigkeit sehr lange nicht erkannt war. Und da, wo nicht bloß scheinbar drr Organe zwecklos sind, kann die Degenerierung resp. Rückbildung derselben veranlaßt worden sein durch eine veränderte Lebensweise der betreffenden Organismen. Ein äußerst demonstratives Beispiel führte jüngst Geh. Hofrat Dr. v. Bälz (der Organisator des medizinischen Unterrichtswesens in Japan und Leibarzt des Mikado) im Stuttgarter Anthropologischen Verein vor. Er wies nämlich nach, daß die Ansicht, der menschliche Fuß sei nur zum Tragen und Stützen, aber nicht zum Greifen wie die Hand bestimmt, auf bloßem Vorurteil der weißen Rasse beruhe, während in Ostasien der' Gebrauch des Fußes als Greiforgan allgemein verbrettet sei. Bedingt ist diese Fähigkeit durch die Ausbildung gewisser Muskeln, die bei uns fast nur noch rudimentären Charakter haben. Diese Muskeln werden aber wieder vollkommen ausgebildet bei den zahlreichen Europakindern in Japan, die nach der dortigen Landsitte barfuß Auswachsen. Entwicklungsgeschrchttich zieht Bälz die Konsequenz daraus, daß es ein lu5U8 naturae sei > würde, wenn dt m menschlichen Fuß die Hinterhand des Affen vorausgegangen wäre, und daß daher diese Annahme ausgegeschloffen sei. 8. E.