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Der Israelit · 1908-02-06 · Heft 6 (6.2.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 6 (6.2.1908)
Date
1908-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 3. Nr. 6. Der Israelit. 6. Februar 1908 ten, und Delitzsch selbst beweist dieS, indem er die Weiterbildung der Religion in der allmählichen Abstoßung des Christlich-dogmatischen, also in der Entwickelung zum reinen Monotheismus des Judentums sieht. — a. Kochmrm-schait. Berliner Tragikomödie. Die Verhandlungen der Berliner Repräsentantenversammlung, über die wir an anderer Stelle berichten, werfen wieder einmal ein so grelles Schlaglicht auf die Unfruchtbarkeit und innere Unmöglichkeit oes sogenannten „liberalen Judentums", daß man sich erst einige Augenblicke besinnen muß, um sich vor Augen zu halten, daß es doch immerhin ernst zu nehmende Persönlichkeiten sind, die da nach der Art bon Wunderdoktoren am liberalen Gottesdienst herumnesteln und an die Heilkraft ihrer Krkrensogaöju glauben scheinen' Daß die liberalen Synagogen am Sabbath leer sind, das wußte die Welt auch ohne die ausdrückliche Versicherung des Herrn Benas Levy, ebenso überzeugt waren wir auch von der völligen Wirkungslosigkeit der liberalen Predigten — wie ein vernünftiger Mensch aber glauben kann, daß die ohne jüdisches Wissen und ohne die Wärme Wischen Pflichtbewußtseins erzogenen neologen Massen durch eine ins Deutsche übertragene Thora- Vorlesung angeregt und gewonnen werden können, das gehört zu den Rätseln der „liberalen" Psychologie. Die Erfahrungen, die man mit der „Verdeutschung" des altjüdischen Gottesdienstes während eines Jahrhunderts gemacht hat, sollten doch wahrlich genügen, um die kindlichen Versuche, nach dieser Richtung weiterzureformieren, von vornherein zu vereiteln. Weit schlimmer steht es um die Forderung ^jüdischer Organisten", die, wie es scheint, Herr Gebeimrat Senator in seiner Eigenschaft als «Konservativer" zu stellen sich verpflichtet glaubt. Man darf erwarten, daß in Konsequenz seines Gedankenganges demnächst mit Berufung auf die religiöse Weihe der traulich erwärmten Sabbathstube die Abschaffung der nichtjüdischen „Feuerungs- Beamtinnen" verlangt und zum Feuermachen am Sabbath nur noch ältere und jüngere Damen mosaischer Konfession zugelassen werden. Oder glaubt der Herr Geheimrat vielleicht, daß die Heiligkeit einer von dem Geiste der Willkür erfüllten neologen Synagoge dem Gesetzesheiligtum auf Moria mit größerem Rechte an die Seite gestellt werden kann als ein Raum, in dem nach der Väter Weise der Sabbathgottesdienst des Hauses sich vollzieht? Man tut den Schriftgelehrten der Berliner Gemeindestube eigentlich zuviel Ehre an, wenn man ihren Gedankengängen folgt — aber wir fürchten, daß die angerufenen Rabbiner mit ein oder zwei Ausnahmen es schon verstehen werden, den Herren Repräsentanten das gewünschte theologische Rüstzeug prompt zu liefern. An Vorbildern fehlt es ihnen ja nicht, vom „Schurath Hadin" des seligen Creizenach an bis zu den badischen Religionskonferenzlern. Difficile est satiram von scribere! Sine offiziöse Erklärung des Badischen Oberrafs. In der vorige Woche zu Freiburg stattgehabten konstituierenden Versammlung des „Liberalen Vereins" in Baden hat unter anderen Rednern auch ein Mitglied des Oberrats, Geh. Rat ProftMosin, das Wott ergriffen und dabei einige Bemerkungen gemacht, die festgehalten und besprochen zu werden verdienen. Der Gedankengang der Rosinschen Rede war nach dem Berichte unseres Vertreters etwa folgender: Professor Rosrn bekannte, er sei ein Freund der Orthodoxen, stets habe er dies bewiesen, aber die Orthodoxie wolle das Judentum sozusagen monopolisieren, das ser die Gefahr; er sei bestrebt, allen Parteien gerecht zu werden. Daß man seitens des Oberrats der Orthodoxie gegenüber Connivenz bewiesen habe, gehe auch daraus hervor, daß der Oberrat immer bei auftauchenden Schächtverboten diesen aufs schärfste entgegengetreten fei. Von einer Maßregelung des Dr. Löwensteiu könne nicht gesprochen werden; der Meamte, um den es sich damals handelte, habe in der Not die Speisegesetze übertreten ,dies wurde durch die Religions-Konferenz festgestellt. Uebrigens habe er durchaus nichts dagegen, daß die Konservativen in der obersten Religionsbehörde vertreten seien, im Gegenteil, es nlüßten überall der Minorität ihre Rechte gewährt werden, besonders durch Stimme und Sitz. Die Orthodoxen dürsten nicht majorisiert werden, er glaube, daß diese Ansicht auch aus seinem Entwurf zur Reorganisation der preußischen Gemeinden hervorgehe. Die Orthodoxen aber seien grundsätzlich gegen jede gemeinsame Organisation der Juden, und diese sei doch so wichtig, speziell zur Wahrung der bürgerlichen Interessen. In diesen Fehler verfielen auch die Zionisten, die auf der einen Seite (in Palästina) aufbauen wollen, während ihr Verhalten hier eine Zerstörung bedingt, trotzdem stehe er nicht an, das Gute, das der Zionismus den Juden gebracht habe, anzuerkennen. Man wolle das neue Gebetbuch, das vorläufig nur ein Entwurf sei, offen und nicht auf Schleichwegen einführen, weil es geraden ein Bedürfnis geworden. Man sage wohl: die nichtbetende Majorität wolle der betenden Minorität ihre Gebete vorschrciben; er aber ftage: warum betet diese Majorität nicht? Der Grund liegt in der Untäuglichkeit des Gebetbuches und deshalb solle doch der Versuch mit dem neuen gemacht' werden. Wenn gefragt worden sei, wie man sich die Einführung. und Durchführung ohne Härten denkt, so glaube er, daß man dies ruhig der Zukunft überlassen könne. Wir erfahren auch durch den Redner, daß. die Uebersetzung des Schmone Esre und eines Nachtgebetes für Kinder von ihm geliefert sei, die Uebersetzung der Psalmen geschah durch Oberreg.-Rat Mayer Bor allem sei anerkannt, daß Herr Geh. Rat Rofin sick maßvoller auszudrücken und verletzende Wendungen besser zu vermeiden versteht als sein geheimrätlicher Kollege. Umso notwendiger ist es, seine Ausführungen nicht unwidersprochen zu lassen. Wenn Rofin der Orthodoxie vorwirft, sie wolle das Judentum „monopolisieren", so ist dieser Borwm f von seinem Standpunkt aus ganz verständlich. Gewiß — wer an eine absolut gültige religiöse Wahrheit überhaupt nicht glaubt, wem das Judentum ein so dehnbarer, Molluskenhafter Begriff ist, daß die Leugnung der Ueberlieferung und ihre Anerkennung, die Leugnung der Prophetie und ihre Anerkennung, chm nichts als Nuancen derselben „Wahrheit" bedeuten, der braucht allerdings kein Opfer der Ueberzeugung zu bringen, um auch die Orthodoxie allergnädigst neben sich zu dulden, ja ihr sogar die notwendigen Subsistenzmittel zu überlassen. Auch die antiken Griechen und Römer hatten Raum für Götter aller Art in ihrem Olymp, ohne daß Veranlassung bestände, ihre Toleranz besonders zu rühmen. Ganz anders und bei weitem schwieriger ist die Lage oes überlieferten, des sogenannten orthodoxen Judentums gegenüber oen sich fortgeschritten rühmenden Brüdern, ganz anders die Lage jeder „Partei", die von der vollen absoluten Wahrhaftigkeit der eigenen wettgeschichtlichen Mission durchdrungen ist. Der gesetzestreue Jude, der zugeben wollte, daß auch der Lehre und Gesetz leugnende Standpunkt der Neologie Wahrheit, jüdische Wahrheit in sich berge, der hätte damit aufgehört, gefetzestreuer Jude zu sein, er hätte den Boden der Ueberzeugungstreue verlassen und ein »San rviTDö im alten jüdischen Sinne sich und seinen Kindern unmöglich gemacht. Dazu kommt nun noch mit doppelter Wucht das Gefühl des jüdischen royiy, der „Verantwortung des einen für den andern," das ein unlösliches moralisches Band um den gesetzestreuen Juden und seinen neologen Bruder webt. Dieses Verantwortlichkeitsgefühl zwingt den orthodoxen Juden geradezu, durch Wort und 'euilleton. emes ein weiser Gin. Von JndänS. Unsere Erzählung führt uns fast hundert Jahre zurück nach Darmstadt, wo damals Rabbi Kalman MSnkeburg aus Bingen den Rabbinatssitz inne hatte. Er ist unter dem Namen Rabbr Kalman Bing bekannt und genoü schon damals, wo Gottesfurcht und Thorallmde verbreiteter waren als sie es heute sind, durch seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ein großes Ansichen. Er hatte hie berühmte Talmüdhochschule in Worms besucht und gehörte zu ihren hervorragendsten Hörer», die später die Rabbinate der größten Gemeinde« Deutschlands belleideten. Unter seinen Studiengenoffen, mrt welchen ihn das in der Jünglingszeit geknüpfte Band inniger Freundschaft das ganze Leben hindurch verband, zählte in erster Reihe Rabbi Abraham Metz, der zgr Zeit unserer Erzählung Rabbiner in Offenback war. Die beiden Freunde unterhielten einen lebhaften Briefwechsel, der besonders, ja fast gusschließlick gelehrten Inhalts war. Die Ergebnisse ihres unablässigen Talmuostudiums, interessante Falle in ihrer Amtsführung, bttdeten den - eigentlichen Gegenstand ibrer Korrespondenz. Manchmal wurden auch Kragen der Politik, me damals alle Geister und Gemüter beschäftigte — es war die Glanzzeit Napoleons I. — mit eine»» Worte gestreift, «Ufte und freudige Familirnereignisse kurz erwähnt, aber die Erörterung wichtiger Fragen der Thoraforschung bildete das jnmge Band, durch welches die treue Lebensfreundschaft der beiden Freunde ihren äußeren Ausdruck fand. Dieses Band verlor mit den Jahren nicht nur nichts an Innigkeit, sondern es brachte die Freunde noch als Gverse geistig immer derart näher, daß sie darüber ganz ihre körperliche, räumliche Trennung vergaffen. Darmstadt ist von Offenbach nur 6—7 Wegestunden entfernt und dennoch waren die Freunde in fast dreißig Jahren, seitdem sie die Jeschiba zu Worms verlassen hatten, niemals auf den Gedanken gekommen, sich einmal zu besuchen. Man reiste und korrespondierte damals weniger als heutzutage. Heute reist man leichter und bequemer im Orient-Expreßzug von Paris nach Konstantinopel als man vor hundert Jahren von Darmstadt nach Offenbach fuhr. Die Rabbiner hatten damals noch keine Nerven und daher auch kein Bedürfnis alljährlich zu reisen. Wenn ein Rabbiner jener Zeit seine Amtstätigkeit oder sein Thorastudrum cmch nur durch einen viertelstündigen Spaziergang an einem gewöhnlichen Tage unterbrochen Hätte, so wäre das ein Ereignis gewesen, das der Gemeinde für die ganze Woche Gesprächsstoff geliefert hätte. Eine Reise war ohne zwingende, abweisbare Veranlassung gar nicht denkb-ar. Nun lag aber eine solche vor. Eine angesehene Hanauer Familie hatte durch den dortigen Rabbiner das Projekt einer Verschwägerung mit dem ältesten Sohn des Darmstädter Rabbiners anregen lassen. Die Verhandlungen waren bereits so weit gediehen, daß Rabbr Kalman sich zu einer Reife nach Offenbach entschloß und sich der seinem Freunde als Gast auf Schabbos Nachmu angekündigt hatte. Wenn, wie mit Sicherhett anzunehmen war, die Verhandlungen den erwünschten Verlauf nahmen, sollte der Sohn in einigen Tagen nachkommen und dort die Verlobung feiern. Rabbi Kalman mietete eine zweispännige Kutsche und da man so in 4 Stunden den Weg bequ-m, zurücklegen konnte, fuhr er erst Freitag Mittag von. zu Hause fort und hoffte sicher, noch zwei bis drei Stunden vor Sabbat in Offenback einzutreffen. Es regnete in Strömen. Die Straßen fingen anMorüstisrh und unwegsam zu werden; stellenweise sanken die Wagenräder bis an die Achsen in oen auf ge weichten Böden. Die Kutsche hatte ihre gute Mühe vorwärts zu kommen. Rach einer Stunde hatten sie glücklich die erste Statton erreicht und der Kutscher fühlte das Bedürfnis, sich nach der Anstrengung seiner Pferde durch einen Trunk zu stärken. Da es noch früh am Tage war, hatte Rabbi Kalman nichts dagegen einzuwenden, zumal er hoffte, daß während des Aufenthaltes das Wetter sich ändere. Dem Trünke , des Kutschers folgte noch ein zweiter und einige andere; aber die Energie und Begeisterung, 'die er sich angetrunken hatte, ließen ihn mit wrlder. Hast auf die Pferde einhauen, um durch ein beschleunigtes Tempo das Versäumte nachzuholen. Dank dieser geistigen Anregung des Kutschers flog der Wagen durch Pfützen wie über Steine und überwand mit der Leichtigkeit eines Rennpferdes alle Hindernisse des verschlammten, steinigen Weges. Eben bogen sie um eine Ecke, da lag ein Dörfchen, ihr nächstes Ziel, 2—300 Meter entfernt. Während die Pferde in scharfem Trab um die Krümung bogen, verhandette der Kutscher mit Rabbi Kalman über die Frage, ob sie nicht'- doch gut daran täten, im einzigen Wirtshaus des Dorfes ein halbes Stündchen zu rasten und besseres Wetter abzuwarten. Ms Rabbi Kalman verneinte, und der Kutscher üben gellend machen wollte, daß oer Wirt des Dorfes ein Jude sei, und zwar der einzige im Orte, bekam der Wagen einen fürchterlichen Ruck. Durch die Unterhaltung hatte der Kuttcher ein ück ickersehen, das mitten im Wege

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