Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1908)
- Date
- 1908-01-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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*) 24 euilleton. Der €itfeel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Malwine erblaßte bis auf die Lippen. „Ich I danke Ihnen für Ihre Offenheit, Herr Sanitätsrat," sagte sie mit seltsam belegter Stimme, „ich werde gewiß mein möglichstes tun, soweit es in meinen Kräften steht, jede Aufregung von meinem j Manne fern zu halten. —"Aber E Wütde mich Ihnen sehr verpstichtet fühlen, wenn Sie mir mitteilen wollten, wer denn jenes selsame Gerücht ^über mich ansgesprengt hat." „Mit Bestimmtheit könnte ich Ihnen das l wirklich nicht sagen, der Eine hört es von dem > Andern, das macht dann die Runde. Aber ich erinnere mich damals, als Sie mich rufen ließen, als Ihr Herr Gemahl die Gelbsucht hatte und l ich ihn sogar verdächtigte, er habe sich über die j Verlobung seines Vaters dermaßen geärgert, daß er seine Krankheit selbst verschuldet habe, damals erzählte Ihre Amme mir und jedem, der es hören wollte, daß Herr Gotthold - sich keineswegs über ldie Verlobung geärgert habe, sondern darüber, daß seine Frau seinen Vater beschimpft habe, das! hätte sie draußen gehört." Malwine kräuselte die Purpurlippen. „Also Dienstboten geklatsch — na jene Person ist längst über alle Berge" — „Aber Sie haben noch andere Dienstboten und ich glaube, außer Ihrer Haushälterin, der man überhaupt so leicht kein überflüssiges Wort entlocken wird, haben sich Ihre sämtlichen Leute von jeher in ähnlicher Weise geäußert." Malwine preßte die Lippen aufeinander, j während sie unablässig die Farbe wechselte. „Könnten Sie mir nicht noch mehr solche Geschichten erzählen?" „Ich könnte vielleicht, aber ich sehe nicht ein, weshalb ich es sollte. Sie zu warnen war ich verpflichtet. Das habe ich getan — Ich habe die Ehre gnädige Frau!" Für eine kurze Zeit Hütte sich Malwine die Warnung des Hausarztes allerdings zu Herzen genommen, aber die Gewohnheit und ihr maßloser Egoismus verdrängten gar bald die besten j Vorsätze, so sehr sie auch durch das krankhafte Aussehen Ihres Gatten zur Borficht hätte gemahnt werden sollen. Mit ihren Schwiegereltern kam sie nur höchst selten zusammen, obgleich Theodor und sein Sohn täglich mindestens leinmal hinüber kamen, Edwin kam sogar geöhnlich öfter, denn er war seiner jugendlichen! Tante liebster Spielgefährte. Er war ein reichbegabter schöner Knabe, nur etwas zu ernst für sein Alter, mit geradezu 'schwärmerischer Lübe und Verehrung hing er an seinem Vater, während er seiner Mutter weit kühler gegenüberstand. Pas kam vermutlich daher, daß er nicht selten! Zeuge ihrer rücksichtslosen oft verletzenden Worte gegenüber ihrem Gatten war. Theodor erkannte sehr wohl den ungünstigen Eindruck der Mutter auf ihren Sohn und verhehlte sich nicht, daß es vielleicht für Edwin besser wäre, wenn er in die Fremde käme, zu braven wackeren Leuten. Aber er fühlte sich oft so leihest-, ^o schwer leidend, -aß er sich nicht errtjschMAm könnte, seinen einzigen Sohn von sich lassen, fürchtete er doch nur allzusehr, sehr d für immer von ihm gerissen zu werden,' wie hätte er nicht geizen sollen mit jeder Minute, in der er ihn um sich haben konnte. Recht von Herzen dankbar war er dem Sanitätsrat, der schon seit einigen Jahren erklärte, der Aufenthalt in dem Kurort, den er ihm verordnen müsse, wäre seiner Frau nicht zuträglich, er möge allein mit seinem Sohne dorthin reisen. Das waren Theodors glücklichste Zeiten, wenn er allein mit seinem Sohne auf den waldbewachsenen Bergen wandeln, die herrliche ozonreiche Luft einatmen, dem kindlichen Geplauder seines schönen Knaben lauschen nnd die mannigfachen Aagen desselben beantworten konnte. Er hatte auch Wort gehalten in dem, was er sich in der Stunde, da er Vater geworden war, gelobt hatte. Gleich nach der Heimkehr von seiner damaligen Reise hatte er den Unterricht bei dem Talmud-Gelehrten begonnen. Malwine hatte zwar erklärt, daß sie „einen solchen Menschen" in ihrem Hause nicht dulden werde, und da er den in Wirklichkeit hochachtbaren Mann den möglichen Beleidigungen seiner Frau nicht aussetzen wollte, so war er mit ihm überein gekommen, daß er täglich zu einer bestimmten Zeit den Gelehrten in seiner Wohnung aufsuchen und bei ihm lernen werde. Dieses war Malwine allerdings auch ein Dorn im Auge, doch davon ließ er sich nicht abbringen. Unmöglich war es ihm jedoch, ihre Zustimmung zu erlangen, auch Edwin von demselben unterrichten zu lassen. Seltsam, ja geradezu rührend war die liebevolle Rücksicht, die der alte Schröder, bekannt als der rücksichtsloseste Mensch gegen alle Welt, auf seinen kränkelnden Schwiegersohn nahm. Wenn die Witterung ungünstig war, schickte er schon ftüh morgens zu ihm, er möge doch bei solchem Wetter nicht ausgehen, wenn er etwas mit ihm besprechen wolle, werde er selbst zu ihm kommen. In den Wintermonaten hatte er ihm ein für alle mal verboten, Samstag Abend nach Ausgang des Sabbats ins Kontor zu kommen. Er aber kam regelmäßig am Sabbat gegen Abend, und ohne Ungeduld zu verraten wartete er bis nach Hawdalah nnd begann erst dann mit seinem Schwiegersohn das Fragliche zu besprechen Doch die sorgsamste Pflege, die der Reichtunr ermöglichte, war nicht imstande, dem Uebel Einhalt zu gebieten; es nahm sichtlich zu, die Kräfte des Kranken schwanden mehr und mehr. Bald war er nicht mehr fähig, das Z mmer zu verlassen. Der langjährige Bediente seines Vaters kleidete ihn des morgens an, bettete ihn auf eine Chaiselongue und trug diese mit Hilfe eines der andern Dienstboten in das schöne große Wohnzimmer, in dem der Kranke den Tag verbrachte. Es war seltsam, seit die Schwäche derart zugenommen hatte, daß er nicht mehr aufrecht sitzen konnte, sondern liegen mußte, seitdem war ein gewisser Zug aus seinem Angesicht geschwunden, der ihn so alt hatte erscheinen lassenjetzt sah er ungleich jünger aus, nicht älter als er war. War die Lage daran schuld? oder war es, weil seine Frau jetzt wieder die zärtliche liebevolle Gattin geworden war, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, jeden Wunsch chm von den Augen abzulesen vermochte und zu erfüllen suchte? Der Sanitätsrat hatte es nämlich für geraten erachtet, sie über den gefahrdrohenden Zustand ihres Gatten nicht im Zweifel zu lassen. Diese Mitteilung hatte sie mächttg erschüttert. Jetzt konnte man ihr keinen Borwurf mehr machen, als den, daß sie hin und wieder die Selbstbeherrschung nicht aufrecht zu eichalten vermochte und hinauseilte, um ihren Tränen freien Laus zu lassen. So traf sie Edwin eines Tages, als er aus der Schule kam. Betroffen blieb er n_ ft ♦ in der offenen Tür stehen, dann eilte er zu ihr und fragte angstvoll: „Um Gott, Mama, warum weiyst Du? — geht es dem Papa schlechter?" Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Es geht ihm nicht schlechter", erwiedette sie mit verhaltenem Schluchzen „aber er ist so schwach — wir müssen alles tun, was ihn erfreuen könnte. Weißt Du, wo Herr Grünfeld wohnt?" „Der Herr Grünfeld, zu dem der Papa immer geht? — ja, das weiß ich." „Gche zu ihm, mein Liebling, bestelle ihm einen Gruß von mir, ich lasse ihn bitten, sobald er Zeit hat, zu mir zu kommen." Edwin warf seine Bücher auf den Tisch und eilte fort. Malwine badete ihre vom Weinen geröteten Augen in frischem Wasser und begab sich wieder in das Krankenzimmer. Bei ihrem Eintritt erhob sich ihre Schwiegermutter, die neben dem Ruhebette gesessen. Malwine eilte auf sie zu und zog sie sanft wieder nieder in den Sessel. „Behalte doch Platz, liebe Mutter" — „Ich bin schon längere Zeit hier — habe mit dem Vater ein Rendezvous hier verabredet." „Also Ihr entschuldigt mich — auf Wiedersehn." Sie nickte den Zurückbleibenden freundlich zu und verlieb das Zimmer. „Sie kann sehr lieb sein, meine Frau", sagte der 5kranke chr nachblickend. „Malwine ist sehr lieb und gut," stimmte Irma eifrig bei. Er atmete schwer auf. „Wenn sie nur zuverlässiger wäre" — „Sie ist noch jung — die Zuverlässigkeit kommt mit den Jahren." „Glaubst Du? — wenn — Du sie stützen wolltest" — „Das will ich gern tun," versetzte sie, „aber ihre beste Stütze ist doch ihr wackerer Mann." Er atmete abermals schwer auf, seine Lippen zitterten, als wolle er sprechen, aber er schwieg. Erst nach längerer Pause begann er von Neuem: „Mutter, liebe Mutter" — „Was wünschest Du, mein lieber Junge?" fragte sie, indem sie sich zu ihm neigte. Sie sah seine Hand zucken und glaubte, er wolle sie ihr reichen, sie drückte dieselbe daher leise, erschrak jedoch vor der Glut, die chr daraus entgegenströmte. „Was kann ich für Dich tun, liebes Kind?" „Ich bin so froh, daß Du bei meinem Vater bist," sagte er leise. „Ich auch", erwiderte sie lächelnd. „Wenn Du jetzt nicht bei chm wärest — ich weiß nicht, wie er es ertragen würde — alle Tage danke ich Gott, daß Du jetzt bei meinem Vater bist." Sie wollte ihn glauben machen, daß sie ihn nicht verstanden habe und sagte iu heiterem Ton: „Wir danken Gott auch alle Tage, daß er uns zusammengeführt und fast ebenso oft danken wir in unserem Herzen, demjenigen, durch den uns Gott zusammengeführt." Ein glückliches Lächeln umspielte die Lippen des Kranken. „Daran denke ich auch sehr häufig, es ist mir ein beglückender Gedanke, daß es grave mir vergönnt war, das Glück meines BaterS zu fördern. — Zuerst, ich meine an jenem Sabbat- Nachmittag, als ich zu Dir gegangen bin, um Dich kennen zu lernen — Das war ein schwerer Weg für mich." „Das kann ich mir denken, und doch — „Aber als ich dich gesehen und nur fünf Minuten mit Dir gesprochen hatte, da war es mir gar nicht mehr schwer — da habe ich mir gleich gesagt: die ist für meinen Vater bestimmt, die wird meinen Vater glücklich machen." „Lieber, guter Junge" sagte sie, feine Hand leise streicheln-, „ich wünfchte, ich könnte Dir vergotten, was Du mir getan."