Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-01-30 · Heft 5 (30.1.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 5 (30.1.1908)
Date
1908-01-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449304--64165-2506743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

die sogenannten Polen mosaischen Glaubens, an die Spitze der Gemeinde gesetzt, und diese behaupteten ihren Posten bis zum letzten Jahre, indem sie nur hin und wieder aus besonderer Toleranz und Gefälligkeit ein paar Orthodoxe in ihre Mitte aufnahmen. Es ist wahr, baß die Herren den administrativen Erforderniffen ihres Amtes wohl entsprochen haben, und die Gemeinde hat, was Wohlfahrtsinstitutionen anlangt, ihrer sachverständigen Leitung nnd opferfreudigen Hingebung an die allgemeine Sache Vieles zu verdanken. Infolge der Bemühungen des vor etwa 8 Jahren verschiedenen Präses Dr. Nathansohn, sowie des heutigen Vorsitzenden Bergsohn erfreut sich die Gemeinde des Besitzes eines neuen großen, nach allen Erfordernissen der Neuzeit eingerichteten Krankenhauses, sowie anderer gemeinnütziger Institutionen, wie das Waisen- und Altersversorgungshaus und die Handwerkerschule. Jedoch die Hauptsache, die Ordnung in den religiösen Stiftungen, in der Talmud Thora, im Rabbinat, ist ganz vernachläffigt worden. Ein gerüttelt Maß von Schusd tragen daran die Orthodoxen, die größeres Interesse für eine Sache hätten äußern müssen, die ihnen so sehr am Herzen liegt, und nicht durch innere Steitigkeiten den Neologen die Herrschaft überlassen durften. Die Ereignisse der letzten Jahre, haben aber endlich gezeigt, daß es so nicht weiter gehen konnte, haben gezeigt, daß wenn man in der seither ihrer überwiegenden Majorität dem Gesetze treuen Gemeinde noch jüdisches Denken und jüdisches Leben erhalten will, die Verwaltung wenigstens der religiösen Stiftungen Männern anvertraut werden muß, welche selbst von religiösem Gefühl beseelt sind. Dieses Bewußtsein setzte die Gesetzestreuen aller Richtungen in Bewegung. — Auch die Zionisten traten in den Kampf ein, der nun auf allen Seiten entbrannte, ein Kontrast zu den zwei Monate vorher stattgehabten Dumawahlen welche still nnd fast ohne Anteilnahme der Einwohnerschaft verliefen. Nacht um Nacht wurden stürmische Sitzungen abgehalten. Eine jede der Parteien erließ feurige Proklamationen an ihre Freunde, und da jede einzelne Partei zu schwach war, um die Herrschaft zu erlangen, so suchte man Kompromisse zu schließen.. Die Gesetzestreuen,_ die lange unschlüssig standen, ob sie sich für die eine oder die andere Partei entschließen sollten, vereinigten sich endlich mit den Zionisten, nnd der so zustande gebrachte Block hat den Sieg errungen. ££ Dem Vorstand, der, anstatt wie früher aus 7 aktiven Mitgliedern und 7 Stellvertretern,^jetzt aus 18 stimmberechtigten, und 3 Stellvertretern ohne Stimmrecht, besteht, gehören nun 9 Orthodoxe, 2 Zionisten und 10 Mitgliedern der //Fortschritts"-Partei (worunter 2 ohne Stimmrecht) an. Der.Kampf ist.nun beendet, und das beste wüs er gebracht, ist, daß er frisches Blut und Leben in die Aktion des Gemeinwesens geführt hat. Mögen nun die Männer, die im Vorstand das gesitzestreue Judentum zu vertreten haben, das in sie gesetzte Vertrauen durch eine energische Verteidigung unserer religiösen Interessen rechtfertigen. Petersburg, 24. Jan. Mehrere jüdische Blätter in Rußland veröffentlichen das nachfolgende interessante Schreiben eines im fernen Osten stationierten Soldaten: „Im Namen von 200 jüdischen Soldaten,^die nn fernen Osten im Dienste stehen., wende ich mich an die jüdischen Gemeinden mit der folgenden Bitte: Im achten Strelkowt Regiment, das in Slawjanka steht, befinden stch jetzt an 200 jüdische Soldaten. In der Stadt wohnt kein einziger Jude) die Stadtbewohner sind Japaner oder Chinesen. Selbst Rusien finden sich hier wenig. Wir fühlen uns daher recht elend. Jetzt naht das Passachfest teran. Hier in der Stadt Mazzoth zu erhalten, tit ein )ing der Unmöglichkeit. Der größte Teil der jüdischen Soldaten ist religiös und will während der Pessachtage unter keinen Umständen Chamez genießen. Lieber wollen sie die ganzen acht Tage hungern. Wir bitten daher die Juden in der „Tscherta", sie mögen Mitteid mit unS haben und. uns auf Peffach Mazzoth.schicken. Da aber Slawjanka von dm jüdischen Städten sehr weit entfernt Stund es lange dauert, bis eine Sendung hierherkommt; ttten wir die Mazzoth recht stütz, zumindest sechs Wochen vor Peffach abzusenden, damit sie zur rechtm Zeit hier ankommen löitnm. Einer der dienenden Soldatm Baruch Ftnkelstein." Petersburg, 11. Jan. Der St. Petersburg Harold meldet aus Krementschug: In der Stadt gibt es mehr als 12000 notleidende jüdische Familien; der örtliche Rabbiner hat ein besonderes Komitee gebildet, welches sich zum Ziele setzt, diesen Familien im Laufe des Winters Lebensmittel nnd Heizmaterial für den halben Preis zu beschaffen. England. London, 24. Jan. Bei der jüngst stattgehabten Bersammlnng der Federation of Synagogues kam der Präsident Lord Swaithling wiederum auf den Streit um die jüdische Religionsschul-Berwaltung zurück. Er berichtete über die Korrespondenz, die er in dieser Sache mit dem Chief-Rabbi geführt habe und fügte hinzu, daß alle Mißhelligkeiten mit einem Schlage beseitigt sein würden, wenn Claude Montefiore und Israel Abrahams ihren Rücktritt erklären würden. Zu dem Aufrufe, den die Religionsschul-Berwaltung an die jüdische Bevölkerung zu erlassen im Begriffe ist, äußert sich Lord Swaithling in anerkennender Weise über die Tätigkeit dieser Körperschaft, die nur den Fehler habe, daß jene beiden Männer, die den Boden des überlieferten Judentums vollkommen verließen, ihr angehören. Er forderte die orthodoxen Juden auf, bei der Uebermittelung von Beiträgen an die Religionsschule die Bedingung auszusprechen, daß Montefiore und Abraham ausscheiden. Palästina. Jerusalem, 3. Januar. Der Fanatismus der mohamedanischen Bevölkerung von Hebron, der den Touristen wohl bekannt ist, hat wieder einmal erschreckende Folgen gezeitigt. In der vergangenen Woche haben die von grimmigen Haffe gegen die Andersgläubigen erfüllten Araber den Leichnam eines Juden während der Nacht aus dem Grabe gerissen und fürchterlich zugerichtet. Der Nnterstatthalter in Hebron, an den man sich wandte, ergriff Maßnahmen zur Entdeckung der Uebeltäter, die jedoch trotz einiger Verhaftungen, die vorgenommen wurden, bis jetzt nicht festgestellt werden konnten. Da dieses inner-! halb weniger Jahre bereits der zweite Fall der! Schändung einer jüdischen Leiche ist, so bemäch-! tigte sich der 2000 Seelen starken jüdischen Gemeinde von Hebron eine große Aufregung, die zu einer allgemeinen Panik wurde, als in derselben Woche noch ein Jude ermordet wurde. Dieser, ein Schuhmacher, hatte nicht ruhig mitansehen wollen, wie ein Räuber, der in seinen Laden eingedrungen war, sich eines Paars Stiefel bemächtigte und davon eilen wollte. Der Schuhmacher-verlangte von dem Räuber die Bezahlung, als dieser ein Messer zog und den Unglücklichen erstach. Die jüdischen Einwohner sandten eine Deputation nach Jerusalem und baten dort um Schutz. Da die Familie des Mannes, dessen Leichnam geschändet wurde, englischer Staatsanehörigkeit ist, so erhob der englische Konsul bei en türkischen Behörden wegen des Falles Vorstellungen mit dem Ergebnis, daß der Gouverneur zu energischen Maßnahmen schritt und seinem Hebroner Unterbeamten, der es inzwischen für gut gehalten hatte, die Stadt zu verlassen, den Befehl zur sofortigeil Rückkehr erteilte. Der Mörder ist nunmehr verhaftet worden. Amerika. New-Z)ork, 24. Jan. Aus dem Jahresbericht der amerikanischen Einwanderungsbehörde, der soeben erschien, ist zu ersehen,' daß vom Juni 1906 bis zum Juni 1907 1,285,349 Einwanderer in die Bereinigten Staaten gekommen sind: 184,614 mehr als im vorhergehenden Jahre. Die Zahl der jüdischen Immigranten während 1906/07 beträgt 149,182, während die der eingewanderten Italiener 294,061 und die der aus Oesterreich-Ungarn Angelangten 338,452 ausmacht. Bon den jüdischen Immigranten stammen 114,932 aus Rußland. Es ist aber bemerkenswert, daß das nur 44 pCt. der gesamten russischen Einwanderer find. Die jüdische Einwanderung aus Oesterreich-Ungarn steht mit 18,835 Seelen au zweiter Stelle. Aus Rumänien kamen 3605 Juden. Bon den jüdischen Immigranten blieben mehr als von jeder anderen Nationalität in New-Jork; fast alle siedelten sich in den östlichen Staaten an. So war der Staat New-Uork das Ziel von nicht weniger als 93,397) Pennsylvania von 15,296) Massachusetts von 9027) Illinois von 7837) und Maryland von 2888) nur 12,913 Inden wandten sich nach den westlichen Staaten. 37 pCr. von den Inden waren gelernte Arbeiter (gegen 11,7 pCt. bei den Italienern). Darunter figurieren 21,779 Schneider. — Die Zahl der Inden, die während des Berichts-Jahres aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen wurden, beträgt 127. Unter den 13,064 Immigranten, denen der Eintritt ins Land versagt wurde, befinden sich 1257 Juden. 808 von ihnen wurden wegen Mittellosigkeit, 362 wegen ansteckender Krankheiten zurückgewiesen. vermlrcdirr. Berlin, 24. Jan. Der Preußische Etat für daS Jahr 1908, der dem Abgeordnetenhaus vorliegt, enthält tm Kapitel Justizverwaltung einen Posten von 100,000 M. für bauliche Erneuerungen, die notwendig find, weil der bei dem Strafgefängnis zu Plötzensee zur Abha tung des jüdischen Gottesdienstes eingerichtete Raum nicht mehr ausrelcht. Es soll ein im Lazarettgebäude verfügbarer Saal für jenen Kultuszweck eingerichtet werden. — Natürlich ist daraus nicht zu schließen, daß die Zahl der jüdischen Strafgefangenen in Berlin in stärkerem Maße gewachsen wäre, als es der jüdischen Bevölkerung dort entspricht. München» 25. Januar. Zu dem in der letzten Generalversammlung der hiesigen Mt- und Jungmetzgerinnung gefaßten Beschlüsse, wonach künftig auf Ansuchen der Gehilfen die Metzgerläden am Oster¬ und Pfingstsonntag, sowie am ersten Weihnachtsseirrtag vollständig geschlossen sein sollen, hat die k. Regierung von Oberbayern an die Innung die Anftage gerichtet, ob in dieser vollständigen AroeitSruhe nur der Handelsbetrieb oder auch der Handwerksbetrieb inbegriffen sei und ob eS mit Rücksicht darauf, daß in München auch der Fronleichnamstag* zu den höchsten Feiertagen deS JahreS zählt, nicht zweckdienlich erscheine, auch diesen Tag in die Arbeitsruhe mit einzubeziehen. In einer kürzlich stattgesundenen Mitgliederversammlung wurde die Jnnungsvorstandschast beauftragt, die Frage dahin zu beantworten, es liege wohl in der Natur des Gewerdes, daß, wenn die Berkaufsläden gänzlich geschlossen sind, auch Borbereitungsarbeiten überflüssig werben, demnach der ganze Betrieb ruht. Der an die Borstandschaft gestellte Antrag, in diese vollständige Arbcitsruhe auch den Fronleichnamstag mit einzubeziehen, wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Auch gelangte ein Schreiben der Verwaltung der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde an den Magistrat zur Besprechung, worin dieselbe erklärt, daß in Fällen, wo die bezügliche» israelitischen hohen Festtage dem christlichen Oster- und Pfingstfestc, wie dies Heuer der Fall ist, knapp vorangehen, den Angehörigen dieser Konfessionen vier bezw. fünf Tage die Gelegenheit entzogen wäre, sich mit rituellem srischenk Fleische zu versorgen und den Antrag stellte, es möge den israelitischen Metzgern am Oster- und Pfingstsonntage gestattet werden, ihre Berkaufsläden von 6 bis 8 Uhr früh offen ru halten. Die Versammlung äußerte sich dahin, daß den israelitischen Metzgern in solchen Fällen, wo die Festtage beider Konfessionen aufeinanderfolgen, wie Heuer, d a S Offenhalten der Läden am Oster- und Pfingstsonntag von 6 bis 8 Uhr Früh unter der Bedingung gestattet werden könne, vaß sie an diesen Tagen nur Personal israelitischer Konfession beschäftigen und Fleisch nur an israelitische Kundschaft verabfolgen dürfen. München, 20. Jury. In den Einlauf der bayerischen Abgeordnetenkammer ift auch eine Petition der Rabbiner gelangt, welche bei dem in 14 Tagen zur Vorlage gelangenden GehaltaufbefferungSgesetz für Beamte, Geistliche und Lehrer in Beratung genommen wirb) die Majoritätspartei soll der Sache sehr sympathisch gegenüblrstehen und daher auf eine befriedigende Erledigung zu rechnen sein, was im Interestdes Standes, und, da die die verlangten Zuschüsse auS StaatSnittteln fließen würden, auch im Jntereffe der jüdischen Gemeinden zu wünschen wäre. Ung.-Vrod, 20. Jan. Herr Leopold I Schön wurde in der politischen Judengemei de Ung.- B r o d zum Viertenmale zum Bürgermeister einstimmig gewählr. London, 24 Jan. Das Jewish-College Hot den Bewerbern um den Singer-Preis folgende Ausgäbe gestellt: „Die Institution des BersöhnungstageS Mit. besonderer Berttckfichtigung von Dr. HoffmanS Widerlegung der Bibelkritik."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.