Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1908)
- Date
- 1908-01-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Platz am Grindel hervor. Es wurde der nachstehende. Antrag des Herrn Dr. Samson einstimmig angenommen: „Das Repräsentantenkollegium beschließt, an den Gemeindevorstand die Allfrage zu richten, ob demseben bekannt ist, daß der Friedhof am Grindel sich stellenweise in einem unwürdigen Zustande befindet, und welche Maßnahmen der Vorstand 'zur Beseitigung dieses Zustandes zu ergreifen gedenkt." Breslau, 27. Jan. Nachdem schon im vorigen Jahr der Oberbürgermeister das Recht der jüdischen Bürger auf die Unterhaltung jüdischer Volksschulen durch die Stadt anerkannt hatte, beschloß nunmehr der Magistrat, die Industrieschule für israelitische Mädchen auf den städtischen Etat zu übernehmen und der Stadtverordnetenversammlung eine entsprechende Vorlage hierüber zugehen zu lassen. Es ist gleichzeitig die Anstellung von noch zwei jüdischen Lehrerinnen in Aussicht genommen. In die städtische Schuldepudation wird gemäß dem Volksschulumei Haltungsgesetze Rabbiner Dr. Rosenthal eintreten. Oesterneirh. Wien, 20. Januar. Die jüngste öffentliche Sitzung des hiesigen Kultusgemeinde brachte eine sehr interessante Debatte über die Inschriften aus den Grabsteinen des Wiener jüdischen Friedhofes. Eingeleitet wurde die Sitzung durch eine Interpellation an den Vorstand, ob die Behauptung der neuen National zeitung richtig sei, daß von der im Voranschläge unter dem Titel „Gnadenakte" angeführte Summe 7000 Kr. an zwei Wiener jüdische Zeitungen gegeben würden Der Präsident er- Kärte diese Behauptung für falsch und bemerkte, es sei eine Summe von 6000 Kr. für Inserate, aber nicht nur in den beiden fraglichen jüdischen Blättern, sondern auch in den Tageszeitungen, ausgeworfen. Dann folgte die Wayl zweier Bicepräfidenten und der Mitglieder des Vertreter-Kollegiums. Unter den in das Letztere Wiedergewählten befindet sich auch ein Herr, deffen Tochter an einen Christen verheiratet ist. Das Vorstandsmitglied Steiner beantragt mit mehreren anderen Mitgliedern, zu beschließen, daß auf jedem Grabsteine des jüdischen Friedhofes einige hebräische Worte angebracht sein müßten. Die Friedhofs-Kommission hatte sich nur dafür ausgesprochen, daß man die Anbringuog hebräischer Worte den betreffenden Gemeindemitgliedern als Wunsch empfehlen solle. Die Herren Steiner und Genoffen wiesen daraufhin, daß man auf dem jüdischen Friedhof durch lange Alleen gehen könne, ohne auch nur eine hebräische Silbe zu lesen. Herr Doktor Spitzer hob hervor, daß, während man in orthodoxen Gemeinden den rein hebräischen Charakter der .Grabsteine verteidigt und sich gegen jedes deutsche Wort wehrt, hier gerade das umgekehrte Schauspiel zu sehen sei. Zwei Vorstandsmitglieder erklärten, fie würden gegen die obligatorische Einführung hebräischer Inschriften Recurs bei dem Verwaltungs-Gerichtshof ergreifen. Mit Recht bemerkte dem gegenüber Herr Steiner: „Ich komme mir vor wie im Rathaus, nicht wie im Kultusvorstand." Sein Antrag würge aber mit 27 gegen 9 Stimmen abgelehnt. — Und das nennt sich eine jüdische Gemeindevertretung! Wien, 27. Jan. Wie erinnerlich, hat der vor zwei Jahren verstorbene Baron Nath aniel Rothschild in seinem Testamente zwanzig Millionen Kronen für die Errichtung einer allgemeinen Heilanstalt für Nervenkranke bestimmt, in welcher Kranke ohne Unterschied der Konfession Heilung finden sollten. Das Stiftungskuratorium ist ebenfalls interkonfessionell, wobei den Juden darin nur ein äußerst geringer Einstuß gewahrt wurde. Wie recht einflußreiche Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde hatten, als sie, leider erfolglos, Baron Rothschild von einer Sttftung abzubringen versuchten, die bei der heutigen Strömung den Juden wenig Nutzen bringen und dem Hause Rothschild nicht Der JSratttt. einmal den Dank der Herren von Wien eintragen würde, beweist die nachfolgende Stilblüte des unter dem Protektorate des Piusvereines erscheinenden Parteiorganes der Christlichsozialen, der „Reichspost". Diese leistete sich nämlich vorige Woche folgende Notiz: „Ein Rothschildspital in Ober-St. Bert. Den Bewohnern vin Ober-St. Beit droht eine Gefahr, gegen die sie sich jedoch mit aller Energie und Ausdauer zu wehren gewillt sind. Es soll ihnen nämlich das unangenehme Geschenk eines Rothschildspitales gemacht werden. Bedeutet schon die Errichtung eines Krankenhauses sür einen Bezirksteil, der bisher zu den Sommerfrischen der Wiener zählte und sich in ein Villenviertel ausgestalten soll, an sich eine schwere Schädigung, so würde sie in diesem Falle doppelt nachträglich sein, denn die armen Bewohner von Ober-.St. Veit würden damit der Gefahr einer totalen Verjubung ihrer hübschen Gee'gnd ausgesetzt werden, die natürlich eine ganz erhebliche Verschlechterung aller Verhältnisse zur Folge hätte. Die zweifellis durchaus jüdische Aerzteschaft des geplanten Spitals würde eine Ansiedlung jüdischer Geschästsleuie im Orte zur Folge haben, die die seit Jahrzehnten ansässigen Inhaber der alten Geschäfte wenn nicht verdrängen, so doch schwer schädigen würde». Die Absicht, einen Bezirk,, der zu den besten Forts der chrrstlichfozialen Partei gehört, durch die Anlage eines Rothschildspitals 311 verjuden, muh deshalb im Interesse der Bewohnerschaft mit allen Mitteln hintangehalten werden, und deshalb sind auch die bedrohten Ober- St. Beiter der Unterstützung aller maßgebenden christlichen Kreise gegen die Aufdrängung des bedenklichen Geschenkes sicher. Es ist wohl überflüssig auf die „Moral" dieser Geschichte hinzuweisen. Sie schreit von selbst so gewaltig, daß man sie vielleicht auch in den Arbeitszimmern unserer Reichen hören und in Zukunft darnach handeln wird. Krakau, 15. Jan. Bor kurzem haben-hier die Kultuswahlen stattgefunden. Es kam zwischen der „Kahal-Partei" und den „Unabhängigen" zu einem Kompromiß, das den ketzeren von den 15 vorhandenen Mandaten 6 zuwies. Dieses Kompromiß hatte auch die Schaffung einer vierten allgemeinen Kurie mit 10 neuen Mandaten zur Folge. Danach ist jetzt Krakau die erste Stadt in Oesterreich, in der jeder Jude, ob er Kultussteuer zahlt oder nicht, ein Wahlrecht besitzt. Ungarn. einheitliche Organisation? (Bon unserem Korrespondenten) Budapest, 27. Januar. Die jüdischen Kirchenpolitiker hatten eine interessante, aber auch sehr aufgeregte Woche. Ueber die Versammlung des VI. neologen Distriktes brachte der „Israelit" bereits einen ziemlich ausführlichen telegraphischen Bericht. Die Wichtigkeit der Sache erheischt aber eine eingehende Ergänzung. In Gemäßheit der Kongreßstatuten vom Jahre 1869, die ursprünglich für ein einheitliches ungarisches Gesamtjudentum geplant waren, smd sämtliche israelitische Lokal- und Bezirks-Gemeinden in Ungarn in 18 Distrikte eingeteilt. Die Budapester Großgemeinde mit ihren Schwestern in der Umgebung bilden den VI. Distrikt. Und weil der Präsident dieses Distriktes zugleich der Präsident der Landeskanzlei ist, wurde den Beratungen dieses Plenums von jeher eine erhöhte Bedeutung zuerkannt. Die Distrikte sollten statutengemäß zumindest einmal jährlich eine Plenarsitzung abhalten, die Präsidenten der 18 Distrikte wenigstens einmal in 3 Jahren. So war es geplant. So wurde es im Kongreßstatut kodifiziert, nachdem die wahrhaft gesetzestreuen Mitglieder des Landeskongresses den Sitzungssaal bereits verlassen hatten. Aber in Wirklichkeit hatten diese Beschlüsse niemals praktische Geltung, wurden auch von den Leitern der Kongreßpartei niemals ernstlich ausgeführt. Selbst der Budapester Distrikt, von dem hier die Rede ist, hat B. seit drei Jahren kein Lebenszeichen von sich gegeben. Bon den 18 Distrikten find 9, sage neun, bis heute überhaupt nicht konstituiert, aus dem einfachen Grunde, weil auf den Territorien derselben keine einzige organisierte neologe Gemeinde vorhanden ist. Die vorige Woche stattgehabte Tagung des VI. Distriktes war aber von ganz besonderem §ntereffe. Die neue resp. erweiterte orthodoxe erfaffung, das vom Kultusminister sanktionierte Organisattonsstatut der Preßburger Jeschibah und mehrere kleine und größere Errungenschaften des gesetzestreuen Judentums haben in der neologen Landeskanzlei eine wahre Panik hervorgerufen. Es ist ja auch keine Kleinigkeit: Die eingebildeten Stützen einer 40jährigen Sypphusarbeit hat ein pflichtvergessener Kultusminister und nach ihm ein irregeführter König mit einem Federstrich unbarmherzig zertrümmert. Nach 40 Jahren stellt es sich auch für den Uneingeweihten heraus, daß der ganze Kongreß mitsamt seinen Beschlüssen, ebenso wie die von den neologen Gewalthabern nach dem Kongresse inaugurierte Politik der Verleumdung und Denunzierung der gesetzestreuen Rabbiner und deren Gemeinden eine ganz verfehlte, Spekulation gewesen. Und nun erst das derzeitige orthodoxe Landespräsidium! Dieses hat die Kühnheit sür die Rechte des alten, überlebten orthodoxen Judentums, mit blanker Waffe und mit rein ungarischer Adjustierung in die Bresche zu treten! Ist es nicht eine unerhörte Anmaßung, die Orthodoxie in höchsten Kreisen salonfähig zu machen? Ist das nicht ein crimen l&esae majestatis, eine Beleidigung der Majestät der Reform? Es mußte etwas unternommen werden, um das verlorene Terrain wieder zugewinnen. Die alten Strategiker der Neologie haben es mit der alten Methode versucht: Denunzierung des gesetzestreuen Judentums im Wege der polittschen Tagespreffe. Ist geschehen, hat aber nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Die Hoschirurgen der Kanzlei empfahlen, durch Abhaltung eines Judentages eine Demonstratton gegen die Regierung zu veranstalten. Die Beschwichtigungs- Hofräte plaidierten für die Galavorstellung einer jüdischen Abordnung beim Kultusminister. Das alles sollte in dieser Versammlung beschlossen werden. Der ganze Feldzug bis in die kleinsten Detials war fix und fertig ausgearbeitet. Da erschien der Präsident Dr. Moriz Mezei auf dem Plan mit einem Ministerialerlaß in der zitternden Hand, deren Inhalt sich zu einer politischen Seeschlange ausgewachsen hat. Der Minister schreibt: „Da ich mich mit der Regelung der Angelegenheiten der vaterländischen udenschaft eingehend beschäftige, fordere ich zum wecke der Sicherung des erwünschten Erfolges die israelitische Landeskanzlei auf, die notwendigen Verfügungen in der Hinsicht zu treffen, daß die Versammlung der israelischenDistriktspräsidenten in einer mir dringlich zu erstattenden Unterbreitung ein Gutachten darüber abgebe, welche Verfügungen und welches Vorgehen sie für zweckdienlich erachtett damit ein allgemeiner israelitischer Kongreß einberufen werden könne, welcher berufen wäre, über die Schaffung einer einheitlichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln. Budapest, 16. Januar 08. Apponyi M.-P." Präsident Mezei merkte sofort die Verblüffung seiner Gemeinde und hat diesen sensationellen Moment auch weidlich ausgenutzt. „Wir stehen einer radikal geänderten Situation gegenüber", sagte der erfahrene Politiker und proponierte selbst eine gründliche Aenderung seiner Präsidialanträge. Zunächst wurde der Antrag betreffs Vorbereitung des Judentages vorläufig aä acta gelegt. Wenn der Minister selbst die Unifikation machen will, dann sind auch die jüdischen Existenzen, um derentwillen, wie dies zur Genüge bekannt, angeblich die ganze Aktion eingeleitet wurde, nicht mehr bedroht. Die Einberufung des zweiten einheitlichen Kongresses wird von der Tagesordnung nicht abgesetzt. Vielmehr wird dem Kultusminister für sein Reskript Dank und Vertrauen votiert und und die. Distriktsvorstände werden angewiesen, die Vorarbeiten für den Kongreß unverzüglich in Angriff zu nehmen, denn „der Kongreß soll tunlichst noch heuer abgehalten werden."