Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1908)
- Date
- 1908-01-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der ASraektt. Sette 8. Kt 5 Jannar 1908. Kochmrsv-schav. „Sorftdiritt“ vom Judentum- Von Zeit zu Zeit ereignen sich in den neoioaen Großgemeinden Vorfälle, die wie ein Blitzlicht den erschreckenden religiösen Nihilismus -unserer „Fortgeschrittenen" beleuchten. Wir berichten an anderer Stelle von einer Debatte, die sich im Wiener jüdischen Kultusvorftand über die Inschriften auf Grabsteinen entwickelte. Es war gewiß kein übertriebenes Verlangen, wenn einige Kultusvorsteher wünschten, daß wenigstens einige hebräische Worts auf den zu errichtenden Grabsteinen angebracht würden. Man müffe doch, das war das begreifliche Motiv dieses Antrages, auf dem Friedhof der Wiener Kultusgemeinde erkennen,, daß man sich auf einem jüdischen Friedhof befinde. Aber von jenen Elementen, die die konfessionellen Unterschiede wei»r tm Leben noch im Tode mögen, die, wenn es ginge, auch getaufte Juden in die höchsten Ehrenämter der Gemeinde einsetzten, wurde gegen diesen Wunsch heftig angekämpft und die Drohung ausgesprochen, daß sie sich gegen die Annahme des Antrages mit allen gesetzlichen Mitteln zur Webr setzen würden. Als ob es eine Gewissenssache wäre, so traten sie für ihr Ideal religiöser Charakterlosigkeit ein. Dieser Kampf gegen ein paar unschuldige hebräische Worte ist wirklich nichts anderes als Antisemitismus, und es war durchaus berechtigt, wenn einer der Antragsteller den charakteristischen Ausspruch tat, er wisse nicht, ob er sich im Wiener Rathause oder in dem Wiener Kultusvorstand befinde. Wer gegenüber solchen fast unglaublichen Vorgängen in einem jüdischen Gemeinwesen immer noch nicht zugeben will, daß die Reform die Vorfrucht der Taufe ist, der kann sich nicht beschweren, wenn man sagt, daß er wider besseres Wissen spreche. Die mähren Qrfadien des rumflnifdien Bauemaufffandes. Der Vizepräsident der rumänischen Agrarpartei Sava Somanisky, einer der verbissensten Judenfeinde, hielt in einer der letzten Parlamentssitzungen eine Rede, in welcher er die Ursachen der Bauernrevolte vom vorigen Jahre erörterte. Natürlich machte er hierfür die Juden und ihre Geldgier verantwortlich. Er begnügte sich jedoch nicht mit dieser historischen Feststellung, sondern stellte auch den Antrag, daß die Juden zur Gutmachung des verursachten Schadens verurteilt werden möchten. In der nächsten Sitzung kam dann die Vergeltung. Bei der zweiten Lesung der Agrarvorlage erhob sich einer der Führer der Bauernpartei und griff den Deputierten Somanisky wegen, seiner „Verdrehung der Tatsachen"heftig an. Er wies nach, daß die Bauern nirgends so viel zu leiden hätten, wie gerade auf den Besitzungen des „Bauernfreundes" Sava Somanis^. Der Bauerndeputierte erzählte haarsträubende Einzelheiten über die Mißhandlungen, welche die Bauern auf dem Gute des juoenfresserischen Agrariers zu erleiden haben. So erzählte er, daß Somanisky ein eigenes Heer von türkischen Aufsehern angestellt habe, deren Hauptarbeit darin bestehe, mit den ihnen verliehenen Stöcken die Bauern so lange zu prügeln, bis ihr Körper mit Blut überströmt ist. Notzucht an Frauen und Mädchen seitens der Herren und Auffeher seien auf dem Gute Somaninskys auf der Tagesordnung. Geradezu niederschmetternd für den edlen Bojaren-Antisemiten war der Schluß der Rede dieses Bpuernanführers. Indem er. eine Anzahl Photographien jener türkischen Aufseher mit ihren Stocken und Knuten zirkulieren ließ, rief er erbittert: „Das sind die wahren Urachen des Bauernaufstandes und nicht ie Juden!" Somanisky ist die Widerlegung dieser überwältigenden Beweisführung schuldig geblieben. Unsere Ulmen im Sonesbsuse. Man hat dem Juden von jeher ein stark ausgeprägtes Empfinden für die Forderungen des Rechtes und der Gerechtigkeit nachgesagt. Kein Wunder! Ein tausendjähriges Martyrium hat unser Inneres so empfindlich gestimmt, daß bei jeder Kränkung des geraden Rechtes die jüdische Volksseele vibriert. Dieser Umstand erklärt die Tatsache, daß in aller Herren Länder Juden in den vordersten Reihen der Kämpfer um Volksrechte. Freiheit und Gerechtigkeit zn finden sind. Ihr natürliches Empfinden gibt chnen das Mandat hierzu. Man sollte nun glauben, daß auch im eigensten Kreise der jüdischen Volksgemeinschaft, und in diesem zu allererst, die Postulate des Rechtes und der Gerechtigkeit" zur Geltung gelangen. Sicher aber sollte man darauf rechnen können, daß im Gotteshause jeder Rang- und Standesunterschied schwindet, dort, wo vor dem einen Gotte und dem einen Gesetze alle als gleichwertige Glieder einer großen Familie erscheinen- Bei näherem Zusehen ergibt sich die bedauerliche Feststellung, wie wenig hier der wahre Paritätsgedanke in feiner vollen Konsequenz noch Wurzel geschlagen. Vielfach trifft man noch den in herrlichster Blüte stehenden Kastengeist, der zur Zeist des zweiten Tempels sein Wesen trieb, da man das heilige Priesteramt nach äußeren Vorzügen des Glückes und der Macht verschacherte. Bewußt und unbewußt huldigt man noch in großen, mittleren und kleinen Gemeinden diesem Geiste. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß die sogenannten „Führet der Gemeinden wahrlich nicht immer die durch religiösen Lebenswandel und sonst untadelige Führung dazu Berufenen sind. Die Höchstbesteuerten und die in sozialer Stellung Hervorragendsten müssen ohne weiteres auch das Vorfteheramt der jüdischen Gemeinde versehen. Die Großgemeinden gar können ohne ihren Dr. jor. oder Justizrat an der Spitze gar nicht sein. Daß es da auch in sonstiger Hinsicht für den weniger Bemittelten oder gar ftir den Armen nicht immer nach der geraden Rechtslinie geht, läßt sich denken. Wie im täglichen Leben, so müssen sie auch im GotteShause ihre Zurücksetzung gegen andere erfahvm. Die stille Resignation auf wohlbegrüudete Rechte seitens "jener Mißachteten entschuldigt den Fehler nichtsie läßt ihn vielmehr als ein durch Verjährung festsitzendeS Erbübel erscheinen. Die Stimme der Wahrheit und Gerechtigkeit kamt demgegenüber trotzdem nicht verstummen, selbst auf die Gefahr hin, vorerst unbeachtet zu blähen. Im Laufe der Zeit ist schon manches Verkehrte erkannt und gebessert werden. Trat davor mehreren Wochen ein polnischer Schnorrer" in meine Wohnung ein und «zählte, es sei ihm heute etwas passiert, was ihm seit drei Jahren, während deren er Deutschland bereise, nicht vorgekommen war. Es regten sich in mir zunächst die Gefühle der Teilnahme an dem vermeintlichen Malheur, welches den Bruder aus dem Osten betroffen. Sein freundliches, ja schalkhaftes Lächeln deutete mir alsbald an, daß eS sich um eine heitere Sache handle. Und er deponierte, daß er das erstemal heute — eine auf deutschem Boden hatte. Er sei jro, und obwohl demnach chm oft die Ehre des „Anftufs" zugekommen wäre, habe man ihn bislang geflissentlich ignoriert. Geflissentlich, denn er verfehle nie, an zuständiger Stelle auf seinen jüdischen Geburtsadel, der sich von pnK?ron herleitet, aufmerksam zu machen, sodaß ein Nichtwissen auf jener Seite ausgeschlossen erscheint. Heute habe er die erste mmn nana bei geöffnetem ILO und versammelter Gemeinde in Deutschland sprechen dürfen, obwohl noch mehrere Q*jna anwesend waren. Den denkwürgebenen Patienten zn behandeln und auch außerhalb desselben wurde Mne Hilfe in dLr. Stadt oft erbeten und gewährt. In das früher von ihm errichtete Krankenhaus, das meist mit weiblichen Kranken belegt war und von dem Kollegen geleitet wurde, der ihn einst abgelöst, war er bis jetzt nicht gekommen. Eines Tags wurde er jedoch wegen eines schwierigen Falles dorthin berufen und nachdem er mit dem dirigierenden Arzte Beratung gepflogen, besichtigte er sogleich die Räume, die er seiner Zeit geschaffen und die er Jahre lang verwaltet hatte. Es narbe« ihm sowohl pie Aerzte, als auch das Wär» terinnenpersonal, von welchem er einige noch kannte, vorgestellt. Die Oberschwester, welche von zwei Jahren aus Europa hier angekommen war, sollte ebenfalls vorgestellt werben, war aber nicht aufzufinden. Ms jedoch die beiden Herren durch einen Nebenausgang das Gebäude verlassen wollten, um noch rasch den Garten zu besichtigen, trafen sie auf die Gesuchte, die sich rasch entfernen wollte; doch war es ihr nicht mehr möglich, da sie der ihr Vorgesetzte Arzt bereits angerufen hatte. Er stellte sie dem Kollegen unter einem Namen vor, den derselbe bis jetzt nie gehört hatte. Als er' den Klang ihrer Stimme vernahm, da blickte er genau unter die Hülle, die ihr Gesicht beschattete und vor sreuoigem Schreck war er fast sprachlos. Die seit Jahren so eifrig Gesuchte stand vor ihm. Wortlos streckte, er ihr die Hand entgegen und zögernd legte sie die ihre hinein, beide waren momentan zu erregt, um ihren Empfindungen Worte zu verleihen. Mit kurzen Worten erklärte Dr. Ofener seinem Begleiter, daß er in der Dame eine frühere nahe Bekannte entdeckt, mit deren Familie ihn Bande der Freundschaft verbunden und die er nach jahrelangem erfolglosem Suchen hier gefunden habe. Er bat Helene, sie mrf einem kurzen Gang durch den Garten begleiten zu dürfen, um mit ihr über vie Erlebnisse der letzten sieben Jahre zu sprechen. Bon Seiten des Arztes bedurfte es weniger Worte, denn Helene Adlerstein hatte ihn nicht aus den Augen verloren, sie hatte seine Wissenschaft- und Reiseberichte mit großem Interesse gelesen und auch die Aufrufe, die ihrer eigenen Person gegolten. Als er ihr Borwürfe darüber machte, daß sie sich so vor ihm verborgen, sagte sie, daß es ihr unmöglich gewesen wäre, sein Mitleid zu ertragen, nachdem er sie so lange in ihrem Glücke gekannt^ „Glauben Sie wirklich, es wäre nur Mitleid gewesen, was Sie mich suchen ließ, so wie man nur ein Kleinod suchen kann? O! wie oft habe ich in den Tagen des Glanzes gewünscht, daß Sie ein armes Mädchen wären, um mit Erfolg um Sie werben zu können, phne in den Verdacht zu kommen, ein Mitgistjäger zu sein. Nicht Sie sind des Mitleides bedürftig, sondern ich bin es, der seit Ihrem Verschwinden kernen frohen Augenblick mehr gehabt, uno wenn von der alten Freundschaft, die uns einst beide verbunden, noch ein Rest bei Ihnen vorhanden ist, so machen Sie mich zum Glücklichsten der Menschen und werden Sie mein Weib." Wortlos und glutüberströmt stand das noch immer schöne Mädchen, dem man die schweren Prüfungsjahre nur an dem vergeistigtem Gefichtsausdrucke cmsah, vor ihm; Tränen entströmten ihren Augen, seit vielen Jahren die ersten Tränen — des Glückes. Mit fliegenden Worten erzähtte dann dieglückliche Braut, wie sie aus dem völligen Zusammenbruch ihrÄ Hauses verzweifelnd aus Wien geflohen, wie sie dann mit hem kleinen mütterlichen Erbteil, das ihr ge-, blieben, unter fremden Namen in Prag gelebt. Später sei sie mit der berühmten Wohltäterin Frau. Baronin H. bekannt geworden und habe sich ganz deren verschiedenen Aimalten gewidmet. Als sie vernommen, daß er Jerusalem für immer verlassen, sei ihr der Gedanke gekommen, sich dorthin zu geben, weil sie befürchten mutzte, ihm in der frühere» Heimat zu begegnen, um so mehr, als er den Wohttättgkeitsanstalten ihrer Gönnerin so nahe stand, und mm war gerade das eingetragen, was sie vermeiden wollte. „Siehst du nun, mein Lieb, daß Niemand feinem Schicksal entgehen kann, wie oft haben wir uns früher davon unterhalten, daß das Dasein des Menschen nur von der Vorsehung des Allmächtigen abhange, .und wie oft ist dies von der Seite mancher unserer früheren Gefährten bestritten worden. Wir aber wollen dem Allgütigen danken, daß er unser Lebensschtff so gelenkt, daß wir nach stürmischer Fahrt aut brandenden Wogen nunmehr in den ruhigen Hafen des Glücks einlaufen können." ITie Frage de» Pithecanthropusj Im Jahre 1894 fand bekanntlich derhoiländifche Forscher Dubois bei Trinil auf Java Skelettreste jenes viel besprochenen „Pithecanthropos erectna“, in dem man das „fehlende Glied" in der Entwicklung dom Affen zum Menschen entdeckt zu haben glaubte. Durch neueste Forschungen aber ist diese Annahme als unhaltbar erwiesen worden, und zwar sind es die Resultate der im Frühjahr 1907 unternommenen Selenka-Expeditio» nach Trinil, die disen "Glaüben völlig zerstören. Zw» Globus werde» auf Grund der VerösfentlichUnge» tu den javanischen Blättern die wichtigsten Ergebnisse der Expedition mitgeteW. Gleich zu Beginn Set Untersuchungen fiel es auf, daß viele Ws Aachen und Büffebt zerschlagen oder . Weise abgeschliffen waren, so daß man die Auwsse»»