Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1908)
- Date
- 1908-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L «r. s. Der ^MraeUt. zu diesen glücklichen v Noch nicht! Nicht dringt oet Zweiflern? Nicht mehr! Erdduft unserer heimatlichen Schofle uns berauschend und erquickend ins Herz. Nicht grüßt uns die Palme von ihrer einsamen Höhe, und die Zeder des Libanon rauscht uns nicht ihr Lied. Nicht vernehmen wir die ferne Klage des Jordan und den donnernden Rythmus mit dem ihm die Wogen des Meeres erwidern. An den „Bächen Babels" sitzey wir noch immer und «einen, unser Land ist uns entrissen, aber daS geistige Besitztum, um dessentwillen allein Land und Bodenständigkeit uns w ard ,und die Erinnerung an unsere Geschichte und die Hoffnung auf unsere Geschichte sind uns geblieben. Noch leuchtet vom Sinai herab Äk die Sonne der Offenbarung erwärmend und beglückend in das Herz des jüdischen Volkes und noch ist unserem Volke aus seinem Erziehungsgarwe durch die Zeiten soviel Kraft und Schwung Zurückgeblieben, daß eS die einzigartige geschichtlich^ Vergangenheit ahnend begreifen kann, da das Land unserer Sehnsucht und unseres Schmer- und seine gottbegnadeten Bewohner den been Weihekuß der göttlichen Majestät auf Stirne trugen. Diesen in der Geschichte . v dastehenden unmittelbaren Einfluß des tHfofrett auf das Menschlich«teim Mischen Prophetismus von Abraham bis Maleachi am herrlichsten zum Ausdruck kommt, und der wohl im weiteren Sinne als „Offenbarung" bezeichnet werden darf, ahnend und suchend zu verfolgen, bas wird stets ein wunderbar mächtiger Trieb des jüdischen Volkes und feiner Schüler auf dem Eroenrunde bleiben. II. Es wäre verlockend, sich noch länger diesem Geisterhauche überirdischer Melodieen hinzugeben, die unbewußten Töne zu vernehmen, welche die gewaltigen Offenbarungen der Geschichte des Geistes umwehen. Etwas wie das Rauschen des Adlers schwebt auch zu unseren Häupten, wenn wir mit dem Zagen des Epigonen uns in das Reich des Geistäs und der Geister wagen. Doch es gilt, neben dem unsichtbaren Reich der geistigen Untertöne, die aus der Welt des Geistes mit verstummenden Klängen uns zum Ohr und zum Herzen dringen, auch die sichtbare Schönheit der das Weltall tragenden Ideen mit dem Auge der Seele wahrzunehmen. Und da wollen wir nicht die Schönheit der Idee in der etwaigen Poetischen Gewandung suchen, sondern lediglich in dem sittlichen Glanze, der uns aus jedem dieser urjüdischen Gedanken entgegenstrahlen wird. Die Betrachtungsweise, die dem königlichen Sänger in einem Midrafchworte zugesprochen wird, daß man sich in seinen Schriften nicht wie in den Gesängen Homers ergehen, sondern sie wie nüchterne halachische Traktate behandeln solle, sei auch für uns maßgebend. Zwei Genien sind es hier, welche die geistige Schöpfung beleben und erhalten, der Genius der Offenbarung und der Tradition.*) Sie sitzen am sausenden Webstuhl der Zeit und „schassen" die Geschichte. Das „Werde" der Schöpfung findet in dem „es ist" oder „es soll" der Offenbarung seine sich ewig erneuernde Vollendung. Offenbarung ist das Samenkorn Tradition der Mutt erb öden der Idee. Tra- »itionen find, um mit Goethe zu sprechen, die Urformen (Mütter), die, von mannigfacher Getalt und doch ewig gleichem Wesen, den Fortschritt, die Entwicklung der Idee, der Offenbarung in sich tragen. Offenbarung in ihrer Allgewalt durchdringt die Welt des Geistes und der Natur und bewirkt so gleichsam eine Projektion der göttlichen Allgegenwart auf Erden. Tradition erneuert mit dem Ämtezug eines jeden Geichlechtes die Offenbarung, Tradition ist schon auf Erden bewirkte und gelebte Unsterblichkeit der Idee und zugleich das Mittel, durch das der Mensch als Träger der Idee auch sich Unsterblichkeit erringt. Zwei philosophische Ansichten über den Werdegang der Natur und des Geistes firtd vor allem durch die jüdische „Offenbarung und Tradition" widerlegt. Die Welt mit all ihren Wundern und Geheimnissen, hem wogenden Spiel ihrer Kräfte und Wesen ist nicht das Antlitz Gottes ist nicht die Gottheit in Immanenz, wie sie der Pantheismus ftatuiren will. Wohl wogt auch im Busen der Natur göttlicher Odem, doch das Angesicht der Gottheit sah kein Irdischer. *) Welcher Mißbrauch in der Theologie aller Religionen, namentlich aber -in der modernen jüdischen „Theologie" mrt den beiden Begriffen „Offenbarung" und „Tradition" getriebrn worden ist, hat für den ersteren Begriff Steinheim in seinem großen Werke über die Offenbarung, für dm Begriff der jüdischen Tradition aber Samson Raphael Hirsch in sei er Polemik gegen Frankels N2VVN 'Ü'n treffend nachgewiesen. Im engeren Sinne vesteht das gesetzestrrue Judentum unter Offenbarung die h tstorisch ge gebene unmittelbare Mitteilung des GotteswtllmS am und auf dem inat, im weiteren Sinne (und so ist das Wort im Folgenden verstanden) die prophetische Inspiration, die durch die ganze jüdische Geschichte reicht. Ebenso heißt Tradition zunächst historisch die von Gott an MoseL bewirkte Uebergabe der gesamten mündlichen Lehre zur Weitervererbung, im wetteren Sinne dann die Weiterverwertung dieses vom «tnai empfangenen Gesetzestoffes, seine Reinerhaltung und Erweit rung durch die vom Sinai überlieferten Jnterpretattonsregrln und sein Schutz durch und rvntt- In diesem weiteren Sinne setzt die Trabi ton die demütigste paffive Hingabe nebm der höchsten geistigen Produktivität voraus. Im Verhältnis von Offenbarung und Tradition zueinander fällt jener die übergeordnete, aktive, dieser die empfangende, passive, verminende Rclle zu. Wohl lobt das Werk den Meister/ doch nicht int Werke ist der Meister. Wie der Pantheismus die hochwirkende Schöpfung des Götüichen im Universum für die Gottheit selber nimmt, so erhebt der Evoluttonismus das den Naturgewalten abgelauschte Gesetz der Entwicklung zur Gottheit selbst. Er vergißt die wichtigste Offenbarung über das Walten der Gottheit in der Geschichte, das irnt* ■Srtt rvnK, daß jede Entwicklungsepoche nur eine Willensausstrahlüng dessen ist, der in allen Zeiten nach seinem Willen und nach seiner Weisheit der sein wird, der Er sein will. Der Wille der Weisheit ist aber im Bereiche einer logisch gesetzmäßigen Welt auch Not- Wendigkeitenrwvvv^mvn nwinan Albo, Jkkarim II, 27. Mit dieser höchsten Notwendigkeit und allwissenden Weisheit verträgt sich trotzdem die Willensfreiheit, die Wurzel jeder wahren Sittlichkeit. Andrerseits schränkt die menschliche Willensfreiheit die göttliche Allmacht nicht ein. Sie ist ebenfalls ein von der Gottheit gewolltes Naturgesetz. Die Handlung des Menschen ist, soweit sie in Erscheinung tritt, empirisch bedingtaber der Wille zur Tat entspringt der Vernunft, und soweit das handelnde Subjekt intellegibler Charakter ist, handelt es frei. (Kant Kr. d. r. V. Reclam-AuSg-S. 4Z2).fDaß die Willensfreiheit ein gewolltes Naturgesetz sei und der göttlichen Allmacht nicht widerspräche, spricht bereits Matmonides H. Teschuba 5, 4 aus: „Sprich nicht deine Verwunderung darüber aus, daß der Mensch tun könne, was er wolle, und seine Taten blos ihm anheimgestellt seien, da doch in Gottes Welt nichts ohne Gottes Wiflen geschehen kann . . . . wisse, daß so wie Gott gewollt hat, daß Heuer und Licht nach oben, Wasser und Erde nach unten gehen, daß die Erde sich im Kreise drehe usw. so hat Er denn gewollt, daß der Mensch freien Willen habe,, daß seine Taten ihm anheimgestellt seien, daß ihn niemand zwinge, noch beschränke als er selbst." Wiederum hebt die göttliche Voraussicht die freie Handlung des Menschen nicht 'auf. Denn das Wissen von dein, was sein wird, ist ebenso wenig Ursache desselben, wie das Wissen von dem, was gewesen ist, Ursache von diesem war. (Kusari V, 20, Kassels Kommentar). Das realexistente Mitwirken der Gottheit im Tun des Menschen gehört nicht zum Begriff von der Allmacht hinzu. (Fortsetzung folgt.) Kleines Feuilleton. Li« Stück Lebe«. Bon Iw» Werav. (Schluß.) Mehrere Jahre gingen so im freundschaftlichen Verkehre dahin und eine innige, wenn auch unausgesprochene Neigung verband Die beiden gesinnungsgleichm jungen Leute. Da. kam das Kriegsjahr 1870 und Dr. Ofener rüstete im Aufträge des großen Wohltäters Baron H. ein Lazaret aus, mit welchem er auf de» Kriegsschauplatz eiüe und sowohl deutschen wie französischen Verwundeten und Kranken seine Hilfe angeoeiyen lie^ Er hatte eine ganz neue, eigenartige und sehr praktische Berbändsmethode erfunden, die sich seine übrigen Kollegen rasch aneigneten, die seinen bereits begründeten wissenschaftlichen Ruf noch mehr erhÄb und ihm von den beiden kriegführenden Staaten die höchsten Auszeichnungen eintrug. Gleich nach dem Feldzuge verließ er Europa, um im Austrage d«S Baron H. ein großes isvaelitisches Krankenhaus i» Jerusalem einzurichten und dasselbe als Oberarzt zu leitet!. Er machte von dott aus auch mehrere Fmschungsreisen in das Innere Mens und seine in europäischen Zeitungen veröffentlichten Berichte wurden mit Spannung gelesen. Er ging so auf rn seiner Mlbeit, daß er nicht einmal dem Wunsche der greisen Eltern, doch wieder einmal nach Europa zurückzukehren, für absehbare Zeit nachzukommen versprechen kornite. Auch die Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 vermochte ihn nicht zip veranlassen, die ihm einst so liebgewordene Kaiftrstadt zu besuchen. Da aber 'trat eine Katastrophe ern, die seine Heimkehr aufs ' äußerste beschleunigen sollte, das war der sogenannte „Wiener Krach". Durch Zeitungen, sowie durch Privatberichle erhielt er Kenntnis von dem orkanartig rasenden stnanziellen Umsturz, dem in einem Tage die gläzendfien Existenzen, die scheinbar festesten Verhältnisse zum Opfer gefallen waren. Auch die Familie Adlerstein gehörte zu denen, welche dieser Sturm vollständig entwurzelt hatte. Der ältere Sohn Adolf hatte sich, ob des Zusammenbruchs seines Bankinstituts, an welchem er durch gewagte Spekulationen nicht ganz schuldlos war, das Leben genommen, den alten Herrn hatte wenige Tage darauf ein Schlaganfall von seinem Jammer erlöst, der zweite Sohn hatte seine Stellung als Husarenleutnant bei der jetzigen Sachlage aufgeben müssen und war mit den wenigen geretteten Trümmern seiens mütterlichen Vermögens nach der neuen Welt gegangen. Bon der Tochter fehlte jede Spur, vom Grade des Vaters hinweg war sie verhhwunden, ja eS trat sogar die Ansicht auf, sie hätte durch einen Sprung in die Donau ihrem Leben ein Ende gemacht; doch fehlte jede Bestätigung. Als Dr. Ofener dies alles erfuhr, war sein Mtschluß gefaßt, so rasch als möglich in die alle Heimat zurüa^ukehren und alles aufzubieten. Has teuere Mädchen» von dem er erst jetzt chußte, wie nahe es seinem Herzen stand, amzufmden. * Er konnte es kaum erwarten, bis ein Ersatz für ihn eingetroffen war und sofort nach dessen Ankunft, als die Formalitäten der Uebergabe vollzogen waren, trat er die Rückreise nach Europa an. Nach einem ku»sn Aufenthalt bei den falten Estern, die hocherfreut ob der Rückkehr des Sohnes. waren, reifte er nach Wien und begänn ungefmrmt seine Nachforschungen anzustellen. Obwohl er weder Zeit noch Blühe und Geld sparte, war doch alles vergebens. Weder die Polizei, noch Privatdetektivs, noch frühere Bekannte konnten ihm eine Spur Nachweisen, Helene Ädlerstein war wie vom Erdboden verschwunden. Mit großen Kosten ließ er Aufrufe in den gelesensten Blättern den Konttnents erscheinen, aber auch dies hatte keinen Erfolg. Um dem Ausgangspunkt seiner Nachforschungen nahe zu sein, ließ er sich ganz in Wien nieoerund nahm seine stühere Tätigkeit wieder auf; doch war er nicht mehr recht bei der Sach;, denn der Gedanke, das so sehr verehrte Mädchen wieder zu finden. > störte ihn yst bei seinen wnsenschaftlichen Arbeiten. Wieder gingen einige Jahre dahm und der inzwischen erfolgte Tod seiner greisen Eltern hatten ihn in Besitz eines bedeutenden Vermögens gesetzt, das ihm erlaubte, ohne Privatpraxis nur seiner Wissenschask zu leben. Im Jahre 1877 brach tn Jerusalem eine sehr ansteckende choleraartige Krankheit aus, der gegenüber sich das 1873 angelegte Krankenhaus als zu Nein und die wenigen angestellten Äerzte als unzureichend erwiesen. Lum zweitenmal verließ Dr. Ofener Europa, um in Jerusalemein Barackenspital zu errichten und seine Kraft als Arzt in den Dienst der dortigen armen Kranken zu stellen. Er wurde dort, da man seine Tätigkeit von früher her noch zu schätzen wußte, mit der größten Ehrerbietung empfangen, die türkischen Regierungsbeamten leisteten ihn den größtmöglichsten Vorschub, stellten ihn ein größeres, entsprechendes Gebäude zur Verfügung, welches er mit dem von Europa mitgebvachten Material rasch ' zu einem Hospital einrichtete. (Sc hatte alle Hände voll zu tun. um die hem Krankenbause massenhaft über-